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Ausgabe:

1889

Spalte:

479-483

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schauenburg, L.

Titel/Untertitel:

Die Täuferbewegung in der Grafschaft Oldenburg-Delmenhorst und der Herrschaft Jever zur Zeit der Reformation 1524-1534 1889

Rezensent:

Kawerau, Gustav

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Theologifche Literaturzeitur.g. 188g. Nr. 19.

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Kinzler hat eine Chreftomathie gegeben, d. h. eine
Auswahl von Stellen aus Schriften Tertullian's und .Au-
guftins, dazu den üctavius des Minucius Felix. Aufser-
dem hat er den Brief des Plinius abgedruckt, was von
guter Einficht zeugt. So dankenswerth dies Unternehmen
an fich ift — den Verfaffer hat dabei hauptfächlich die
Rückficht auf das Bedürfnifs der Zöglinge des Miffions-
haufes in Bafel, überhaupt das Miffionsintereffe geleitet
— fo glaube ich doch nicht, dafs dadurch dem oben
ausgefprochenen Mangel abgeholfen wird, und möchte
bei diefer Gelegenheit nachdrücklich darauf hinweifen.
Mit dem Abdruck einzelner Stellen ift, wenigftens wenn
ich die Zwecke unferer akademifchen Uebungen im Auge
behalte, die freilich nicht die einzigen, aber doch fehr
wichtige find, nichts gethan. Wir brauchen Einzelabdrücke
der hervorragendften Schriften. Ich halte es für
eine fehr nützliche Aufgabe, die fich etwa ein jüngerer,
nicht zu viel befchäftigter und dabei wiffenfchaftlich
intereffirter Pfarrer ftellen könnte, Juftin's Apologien,
Tertullian's Apologetkum, de Praescriptione haereticorum
und manche der praktifchen Tractate, Cyprian's de Imitate
ecclesiae, Athanafius' Schrift von der Menfchwerdung
und manches Andere herauszugeben. Kleine Einleitungen
und Anmerkungen wären nützlich. Der Preis möglichft
niedrig. Eine derartige Bibliothek in einzelnen Heften
würde viel gebraucht werden. Für Tertiillian wäre das
Erfcheinen der Ausgabe des Wiener Corpus, die ja
leider für den Studenten wieder unerfchwinglich fein
wird, abzuwarten.

So lange diefer Wunfeh nicht in irgend einer, meinetwegen
ganz anderen Form erfüllt wird, wünfehe ich dem
Buche von Kinzler Lefer. Die Auswahl ift gefchickt,
und gelegentliche Bemerkungen laffen darauf fchliefsen,
dafs der Herausgeber auch die neuere theologifche Literatur
nicht ignorirt und fich einen freien Blick bewahrt.
Deutfche Erklärungen fchwieriger Stellen find ftets willkommen
. Die Einleitungen knapp und überfichtlich. Ein
Appendix bringt (warum, ift nicht ganz deutlich!) Testi-
tnonia de articulo mstificaiionis und zwar von Anfelm,
Melanchthon und Brenz.

Giefsen. Guftav Krüger.

1. Schauenburg, Paft. L., Die Täuferbewegung in der Grafschaft
Oldenburg-Delmenhorst und der Herrschaft Jever

zur Zeit der Reformation, eine kirchengeschichtliche
Studie. Oldenburg, Stalling's Verl., 1888. (60 S. gr. 8.).
M. 1. —

2. Gerbert, Pfr. Dr. Camill, Geschichte der Strassburger
Sectenbewegung zur Zeit der Reformation 1524—1534.
Strafsburg, Heitz, 1889. (XV, 200 S. gr. 8.) M. 3.—

Die beiden hier zur Anzeige gelangenden Schriften
treffen darin überein, dafs fie die monographifche local-
gefchichtliche Erforfchung der Sectenbewegung im Reformationszeitalter
fich zur Aufgabe ftellen. Sicherlich
bedarf zur Zeit diefes Gebiet der Reformationsgefchichte
noch in befonderem Mafse der Herbeibringung des ftati-
ftifchen Materiales über das Auftauchen, die Verbreitung,
den Rückgang namentlich der Täuferbewegung in den
verfchiedenen Gegenden Deutfchlands. Diefe nothwen-
dige Unterlage für eine zu erhoffende zufammenfaffende
Gefchichte des Täuferthums mufs die localgefchichtliche
Forfchung herbeibringen. Es bleibt das Verdienft von
L. Keller, durch fein kühnes Emporheben der Täufer-
gefchichte, durch feinen vorzeitigen Verfuch; über die
Bedeutung des Täuferthumes das gefchichtliche Urtheil
feftftellen zu wollen, doch das Intereffe der Gefchichts-
forfchung auf die Secten der Reformationszeit kräftig
zurück geführt zu haben. Es find alfo von vornherein
beide Arbeiten willkommen zu heifsen.

Freilich ift der Werth und das Intereffe, das beide

erregen, fehr verfchiedenartig. Der Verfuch von Schauenburg
mufs mit dem Geftändnifs beginnen, dafs die Bemühungen
des Verfaffers auf verfchiedenen Archiven fo gut als
erfolglos geblieben find. Ueber bereits gedrucktes Mate-
rial hinaus hat er nur weniges verarbeiten können. Das
Bedeutendfte darunter find die handfehriftlich in der
Gymnafialbibliothek zu Jever aufbewahrten Erklärungen
der Jever'fchen Geifüichkeit zum Interim. Hier beweifen
die eingehenden Erklärungen, mit welchen die einzelnen
das Recht der Kindertaufe in Schutz nehmen, in welchem
Mafse der Anabaptismus die Gemeinden beunruhigte,
und was für ein Nachdruck auf die lutherfche Lehre vom
Recht der Kindertaufe gelegt werden mufste. Aus dem
fchon gedruckten Material, welches für die Darfteilung
verwerthet ift, ift befonders auf die acta colloquii Jevcren-
sis zu verweifen, von denen er einen deutfehen Druck
von 1578 benutzt hat, und aus denen anziehende Mittheilungen
gemacht werden. Es handelt fich in diefen Gegenden
wefentlich um Anhänger des Menno Simons, nachdem
zuvor eine kurze Zeit hindurch Melchior Hofmann

i auch hier feinen Einflufs geltend gemacht hatte. Der
Verfaffer, der von den Arbeiten von Cornelius und
1,. Keller fleifsig Gebrauch macht, hat doch fein Urtheil

j über die Täufer nicht durch die Darftellungen des letzteren
beeinfluffen laffen, fondern bekennt fich in der
Hauptfache zu der Beurtheilung, für welche Ritfchl's Gefchichte
des Pietismus Propaganda gemacht hat. Leider
wird die Freude an der fleifsigen Arbeit des Verfaffers
getrübt durch die Wahrnehmung, dafs er entweder im
Handfchriftenlefen noch unerfahren ift, oder die Correc-
tur nicht forgfam genug vorgenommen haben mufs.
,occeatil S. 21 mufs heifsen ,occoecati', prificantur* S. 25,
,vivificantur', auf S. 28 u. 29 lefen wir dreimal die Form
papticare1 ftatt paptizare', auf S. 28 wird in dem lateinischen
Citat ,ad quoscunque etc.' das ,ut' in der 2. Zeile
in ^t', das ,adco' in der 3. Zeile in ,a deo' verwandelt
werden müffen, damit ein Sinn in den Satz kommt.
Ueberrafchend fehlerhaft find die Bibelcitate: S. 25 Joh. 9
ftatt Joh. 3, S. 29 Marc. 1, 16 ftatt 16, 16 und nun gar
auf derfelben Seite Jac. 9. 17; in der Handfchrift hat
jedenfalls nicht Jac. fondern Luc. geftanden. Man wird
auch fohwer glauben, dafs in feiner Handfchrift ftehen
folle: ,de gelouet unde predigt wert, de fchalfalich werden',
wo doch jedenfalls ,gedopt' zu lefen feinlwird. Zweifel
hegen wir auch, wenn er uns zweimal aus feiner Handfchrift
einen Ketzer Maricon vorführt (S. 38 u. 42). Sollte
wirklich nicht Marcion daftehen? Ein bedauerliches Verfehlen
läuft auf S. 12 unter, wo er aurigae mit ,Gold-
fchmiede' überfetzt, und nun, da folches Gewerbe doch
nur in einer Stadt betrieben werde, fich berechtigt hält,
die Notiz in der Quelle direct auf die Stadt Jever zu
beziehen. Noch befremdlicher aber ift es mir, dafs der

; fonft in der Specialgefchichte fo wohl bewanderte Verfaffer
die Jever'fche Kirchenordnung 1563 gedruckt, aber leider
verloren gegangen fein läfst, während fie 1562 erfchienen

i und zum guten Theile in Richter's bekannter Ausgabe der
Kirchenordnungen II, 225 ff. gedruckt zu finden ift.

Ueber weit bedeutenderes Material verfügt Gerbert
in feiner Gefchichte der Strafsburger Sectenbewegung.
Neben einer grofsen gedruckten Literatur ltanden ihm
die ergiebigen Strafsburger Archivalicn, aus denen Rührich
doch nur einen Theil in feiner fchönen Publication
in Zeitfchr. f. hift. Theol. 1860 veröffentlicht hatte, und
der fchier unerfchöpfliche thesaurus Baumianus zur Verfügung
. Und welch ein Intereffe erwecken bei uns die
Männer, welche als Sectenhäupter oder als Sonderlinge
und unruhige Köpfe in Strafsburg auftauchen und hier
Fufs zu faffen fuchen! Es genügt, die Namen Karlftadt,
Hetzer, Denck, Melchior Hofmann, Schwenkfeld, Server,
Sebaftian Frank zu nennen. Eine Reihe der anzieriendften
Bilder wird hier vor uns aufgerollt, jede diefer Perfön-
lichkeiten ein Mann von eigener Art, einzelne unter ihnen
geradezu Charakterköpfe. Dann die Beziehungen, in die