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Ausgabe:

1889 Nr. 19

Spalte:

476-477

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Heinr. Aug. Wilh.

Titel/Untertitel:

Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament. 15. Abth.: Ber Brief des Jacobus. 5. Aufl 1889

Rezensent:

Schnapp, F.

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 19.

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neben Ueberfetzungen Anderer in einer Randfpalte
rechts berückfichtigt, während die linke revidirte Pa-
rallelftellen und die Abweichungen der älteren Ueberfetzungen
Luthers und im N. T. der Hallefchen Revifion
von dem Text von 1545 enthält. Unächte Stellen fowie
Abweichungen des zu Grunde gelegten Textes von
Luthers Vorlage find durch Zeichen kenntlich gemacht,
durch Perlfchrift Wörter, die in der Ueberfetzung nöthig
waren, ohne im Grundtext ein eignes Aequivalent zu
haben. Die Ueberfetzung verzichtet auf Gefälligkeit
und will nur treu und in 2. Linie auch lesbar fein. Der
Luthertext wird nur fachlich nach der Ausgabe von
1545 geboten, fprachlich in der Modernifirung, die er
allmählich in den Ausgaben der Bibelanftalten erhalten
hat. Dabei find ftarke Archaismen flehen geblieben.
Doch fchadet dies hier weniger, da fie in der Parallel-
columne ihre Erklärung finden. Der Luthertext ift dadurch
hergeftellt worden, dafs man einen Druck einer
heutigen Bibelgefellfchaft nach Bindfeil's und Niemeyer's
Neudruck der Ausgabe letzter Hand durchcorrigirt hat,
und zwar anfangs etwas forglos, fodafs nach Ver-
fchärfung der Grundfätze während des Drucks eine
lange Lifte von Verbefferungen zum i. Bande nöthig
wurde. Auch fonft find die Druckfehlerverzeichnifse
zum 1. und 3. Band ziemlich umfänglich, während zum
2. Band gar keins vorliegt. Die Apokryphen find weg-
gelaffen, weil bei ihnen eine doppelte Ueberfetzung
,denn doch ein Luxus' gewefen wäre.

Bei Beurtheilung der eigentlichen Arbeit des Herausgebers
, Dekan Schmoller in Derendingen, der von
einigen andern württembergifchen Theologen unterftützt
worden ift, haben wir im Grofsen und Ganzen die neue
Ueberfetzung als werthvoll und zuverläffig anzuerkennen.
Freilich können wir nicht verhehlen, dafs wir unfre
obige rückhaltlofe Empfehlung des Werkes doch nur
in Ermangelung eines Befferen ausgefprochen haben;
denn im Einzelnen giebt es ziemlich viel auszufetzen.
Wir fprechen dabei gar nicht von der Auswahl unter
den vorhandenen Deutungen jeder Stelle, fondern nur
von Dingen, über die es Meinungsverfchiedenheiten kaum
geben kann, insbefondere von Mangel an Genauigkeit,
die doch die ganze Anlage des Werks in fo hohem
Mafse verfpricht. Eine lange Lifte, die fich Niemand
merken kann, zählt die Zeichen auf, durch welche die
hebräifche Schreibung der Eigennamen an ihrer deut-
fchen Form kenntlich gemacht wird. Ein e fleht für
hebr. a, wenn es einen Strich, für i, wenn es einen
Punkt unter fich hat, ein fettes e, z. B. das letzte in
Jerufalem', das übrigens Niemand von einem gewöhnlichen
unterfcheiden wird, bezeichnet hebr. ai. Jehova wird
ftets mit einem Strich unter dem e, 2 Punkten unter dem
a und einem o in Perlfchrift gedruckt. Dafs uns dies
gefchmacklos fcheint, ift Nebenfache. Aber warum
fleht dann Gen. 4,18 Mahujael mit a und ohne den
Strich über h, der das Cheth bezeichnet und den doch
Methufalah hat? Warum ift hier das Schin durch einen
Strich über dem f bezeichnet, während Methufchael und
Enofch gefchrieben wird? Ebenfo willkürlich fleht Jered,
aber Lamech und Habel mit 2 Punkten unter dem a,
während doch Luther wie LXX auch Jared mit a fchrieb.
Diefelben 2 Punkte vertreten dann in Kanaan das Schwa
wie in Lamech das Segol. Und eine gleiche Halbheit
wie Habel ift Heva (mit unterftrichenem e). Dafs man in
Jisreel die beiden e getrennt fprechen foll, ift durch nichts
angedeutet, und in Mahalaleel müfste das erfte in Perlfchrift
gedruckt fein. Aber nachdem dies nun mit dem
2. in Rebeka gefchehen ift, wie wird der arme Bibellefer
diefen Namen betonen, da Tonzeichen nur für wenige
Namen daftehen, darunter im Abkürzungsverzeichnifs das
falfche in Jechesqel? Oder was denkt er fich Gen. 12, 6
bei der Terebinthe Mores (ohne Apoftroph)?^ Ebenda-
felbft ift die genaue Wiedergabe von Sichern Schek-hem
abgetheilt. Doch kommen wir zu mehr inhaltlichen

Dingen. Wer foll fich merken, dafs ,n(ach) a. L.' eine
andere Lesart bedeutet, die in Handfchriften bezeugt ift,
,m(it) a. L.' dagegen eine, die nur vermuthet wird ?
So gut wie Num. 24,4 war auch 24,16 ,enthüllter Augen'
und nicht der Sing, zu fetzen; wenn einmal Gen. 3,14,
dann auch 3,11 ,bift' in Perlfchrift, desgl. ,ift' I Kor.
j 8, 4, 11, 12 nicht blofs je 1, fondern je 2 Mal. Während
1 wegen übertriebenen Strebens nach Wörtlichkeit Rom. 3,25
j Gott Chriftum vorftellt und Eph. 4,17 notirt wird, dafs
E&vnj eigentlich Nationen bedeute, ift das fchwierige y«p
I Kor. 11,9 einfach übergangen; während Gen. 12,1 als
genauere Ueberfetzung ,gehe du für dich' am Rande angegeben
ift, fleht 12,2 nachläffig: ,und du wirft ein
Segen fein'. Ganz irrige Vorftellungen erweckt die
wörtliche Erklärung zu Hof. 9,1: ,von über deinem Gott
weg'. Arnos 8,8 ift zwar das zweimalige ,wie der Nil'
und 5,26 die Form ,Kaivan' abgefehen von v ftatt w
fehr zu billigen, aber nicht ohne die Bemerkung, dafs
fie auf veränderter Punctation beruhen. Das Deut. 18, 15
fehr mit Recht eingefchaltete ,immer wieder' mufste auch
I 18, 18 flehen; ebendafelbft ,ihnen' ftatt ,ihm'. Einen
| ruhenden Löwen hütet man fich wohl eher aufzureizen
wie Num. 24, 9 als aufzutreiben wie Gen. 49,9. Zur
Abgefchmacktheit führt die wörtliche Ueberfetzung in
Jehova Gott' Gen. 2 f.; und ,ein Männlein und ein
Weiblein' hätten wir 7, 16 bei den Thieren der Arche
ebenfowenig erwartet wie ,ihnen felbft' Rom. 2, 14 ftatt
,fich felbft' oder Joh. 14, 18: ,ich werde euch nicht
Waifen laffen'. Man frage nur einmal nach, wie Schulkinder
dies verliehen.

Einiges fachlich Befremdliche müffen wir doch noch
anführen. ,Gerechtfprechen' erfcheint regelmäfsig als
andere Ueberfetzung neben rechtfertigen', und für
anokvTQvxsis Rom. 3, 24 ,Loskaufung' nur am Rand, im
Text ,Erlöfung'. Eine Reihe anfprechender Conjecturen
von Wellhaufen, Kuenen und anderen Neueren, nach
welchen wir fuchten, haben wir nicht berückfichtigt
gefunden, aber auch nicht die von Knobel und Aelteren
zu Num. 24, 19 und zu ni» 24, 17. Höchft erfreulich
ift es, dafs Sach. 6, 13 im Text fleht: ,es', und nur am
Rande: ,er wird ein Priefter fein auf feinem Thron'.
Allein dies ift doch nur eine Halbheit ohne die Lesart
der LXX: ,zu feiner Rechten'. Je mehr wir uns
freuen, dafs berühmte altteftamentliche AVeisfagungen' mit
ihren Anführungen im N.T. nicht conformirt find und
z. B. Hebr. 1, 9 vor ,Gott' ein Komma fleht, Pf. 45, 8
nicht, defto lebhafter bedauern wir es, dafs eine übel
angebrachte Wörtlichkeit Hebr. 2, 6 die Deutung des
8. Pfalms auf Chriftus fernhält: ,was ift .. ein Sohn des
Menfchen, dafs du auf ihn hinblickft?' Geradezu betroffen
aber waren wir, Jef. 7, 14 ohne jede Bemerkung
zu lefen: ,Die Jungfrau wird fchwanger werden'. Das
Bedenklichfte jedoch ift, dafs wir alle diefe Anftöfse
nicht etwa nach langem Suchen, fondern binnen kurzer
Zeit beim blofsen Blättern gefunden haben.

Jena. Paul Wilh. Schmiedel.

Meyer, Dr. Heinr. Aug. Wilh., Kritisch exegetischer Kommentar
über das Neue Testament. 15. Abth. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht's Verl., 1888. (gr. 8.) M. 3.40.

Inhalt: Kritifch exegetifches Handbuch über den Brief des Jaco-
bus. 5- Aufl., neu bearb. von Prof. Willib. Beyfchlag. (VIII,
240 S.)

Wie die erfte von Beyfchlag unternommene Neubearbeitung
des Huther'fchen Commentars über den Jakobusbrief
allerfeits mit Freuden begrüfst worden ift, fo
kann auch diefe neue Auflage der günftigften Aufnahme
gewifs fein. Beyfchlag hat es meifterhaft verftanden,
unter rückfichtsvoller Schonung der Arbeit Huther's die
oft trockenen Ausführungen lebensvoller zu geftalten
und dadurch die Leetüre des Buches um vieles geniefs-