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Ausgabe:

1889 Nr. 18

Spalte:

467-468

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Knipfer, J.

Titel/Untertitel:

Persönliche Frömmigkeit und kirchlicher Gemeinsinn 1889

Rezensent:

Gottschick, Johannes

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467

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 18.

468

Knipfer, Kirchenr. Superint. J., Persönliche Frömmigkeit und
kirchlicher Gemeinsinn. Vortrag, gehalten auf der
Thüringer kirchlichen Konferenz am 6. Mai 1889 in
Kahla. Gotha, Schloefsmann, 1889. (38 S. gr. 8.)
M. —.80.

Mangel an kirchlichem Gemeinfinn ift eins der haupt-
fächlichften Gebrechen, unter denen die evangelifche
Kirche heute leidet. Erweckt fo fchon der Gegenftand
diefes Vortrags Intereffe, fo wird dasfelbe noch dadurch
gefteigert, dafs er auf der Thüringer kirchlichen Konferenz
gehalten und auf Verlangen gedruckt worden ift. Man
darf alfo annehmen, dafs er die Anfchauungen eines
gröfseren kirchlichen Kreifes ausfpricht, mithin fympto-
matifche Bedeutung hat. Da ift denn freilich zunächft
zu bedauern, dafs der Verf. mit keiner Silbe den
Mangel an kirchlichem Gemeinfinn berührt, welcher fich
in der Parteifucht zeigt, die die Grenzen der Gläubigkeit
mit denen der eigenen kirchlichen Partei oder theologi-
fchen Richtung zufammenfallen läfst und auch den dring-
endften Aufgaben gegenüber fich nicht zur Arbeits- und
Kampfesgemeinfchaft mit den Anhängern anderer Parteien
und Richtungen entfchliefsen kann, fondern fich
nur auf die ,äufsere Kirchlichkeit1 befchränkt. Immerhin
ift auch diefe letztere eine wichtige Sache und eine folche,
hinfichtlich deren viel zu wünfchen und zu beffern ift.
Nur mufs man vor allem darüber klar fein, welchen Werth
fie im Vergleich mit andern Bethätigungen chriftlicher
Frömmigkeit gemäfs der evangelifchen Anfchauung von
der Kirche hat. Aber hieran fehlt es dem Verf. in geradezu
betrübender Weife. Im weiteren Verlaufe kommen ja
evangelifche Gedanken zum Durchbruch, wie der, dafs
die Kirchlickeit des gefetzlichen Zwanges erledigt den
Charakter perfönlichen, freien und verantwortungsvollen
fittlichen Handelns tragen müffe, S. 13, und dafs es das
Gemeinfchaftsbedürfnifs gefunder chriftlicher Frömmigkeit
sei, aus dem fie entfpringen müffe S. 24. 33. Aber im
Vordergrunde fleht bei ihm eine ganz andere Anfchauung,
die einfach romanifirend ift und als deren Grundlage
ein romanifirender Kirchenbegriff zu Tage tritt. ,Die
nächfte Forderung, die an jedes Glied der Kirche ge-
ffeilt werden mufs . .. geht auf ßethätigung des kirchlichen
Gemeinfinns durch ein äufserlich correctes kirchliches
Verhalten1, S. 4. ,Die Kirchlichkeit bietet ihr (der Kirche)
allein die Mittel und Möglichkeit, ihre Angehörigen auf
geordnetem Wege, ohne Zuhilfenahme fremdartiger, dem
weltlichen Lebensgebiete entlehnter Künfte und Betriebsmethoden
, nach rein kirchlichen Rückfichten regelmäfsig
und wirkfam zu verforgen, zufammenzuhalten und für den
Bau des Reiches Gottes zu gewinnen und zu befähigen1,
S. 8. ,Ehe fpecififch religiöfes d. i. chriftliches Leben gepflegt
werden kann, mufs es zuvor gepflanzt werden und
das ift ausfchliefslich Sache der Kirche1, S. 24. ,Die
organiflrte Kirche . . bildet . . den einzigen fetten und
geflcherten Halt, welchen das Chriftenthum überhaupt hat.
Sie ift das Ganze1, S. 26. ,Dazu war Luther jedenfalls
nicht phantaftifch genug, um der gefchichtlichen ftaats-
artig verfafsten römifchen Kirche nichts weiter als eine in
der abftracten Einheit des religiöfen Gedankens gehaltene
Gemeinfchaft gegenüberzuftellen und von einem derartigen
blutlofenTraumgebilde das Heil zu erwarten. Luther wollte
vielmehr eine wirkliche, nach Lehre, Bekenntnifs und
Cultus verfafste, zur Wirkfamkeit nach aufsen verfafste
kirchliche Inftitution gründen1, S. 6. .Zunächft fleht hinter
dem Kirchenbefuch ausnahmslos für jedes Gemeindeglied
der kategorifche Imperativ des dritten Gebots: Du follfV,
S. 32. ,Das Chriftenthum der meinen einfachen und ungelehrten
Chriftcnleute befteht aber hauptfächlich in ihrer
kirchlichen Sitte1, S. 35 n. Es ift unbegreiflich, wie
der Verf. diefe Sätze, in denen er die äufsere Kirchlichkeit

im Widerfpruch mit Luther als Erfüllung eines ftatutari-
fchen Gebotes, als Vorausfetzung für alle kirchliche Einwirkung
, darum als Grundlage aller Frömmigkeit, ja als
mit der letzteren identifch darftellt, mit den zuerft erwähnten
Sätzen vereinigen kann. Unfäglich traurig aber
ift es, dafs ein hochgeftellter evangelifcher Geiftlicher
unter dem Beifall einer grofsen kirchlichen Verfammlung
Luther's Anfchauung von der Kirche grundfätzlich verleugnen
und dabei noch meinen kann, mit dem Reformator
übereinzuftimmen. Luther ift nun einmal fo phantaftifch1
gewefen, er hat, deutfch gefagt, fo viel Glauben
befeffen, um die Ueberwindung der ftaatsartigen römifchen
Kirche und alles Heil nicht von einer analogen
Inftitution, fondern von dem Wort zu erwarten, das an
keine Organifation gebunden ift und weit über fie hinausgreift
, für das alle Organifation nur eins der Mittel feiner
Wirkfamkeit ift. Und wenn in der Reformationszeit
zur Erfüllung der Chriftenpflicht an dem armen Volke
und der nachwachfenden Jugend der Nothbau einer ftaat-
lich befeftigten kirchlichen Erziehungsanftalt fich auch
für Luther als ein zur Zeit unabweisbares Mittel heraus-
ftellte, fo ift es doch nichts weniger als feine urfprüng-
liche reformatorifche Abficht gewefen, eine folche Inftitution
zu gründen1 l).

Zu diefer theils unklaren, theils falfchen Anfchauung
von der Bedeutung der Kirchlichkeit kommt noch, dafs
der Verf. die Hauptfchuld der gegenwärtig verbreiteten
Unkirchlichkeit in dem ,Ihr habt nicht gewollt1 erblickt
, und für die Kirche nur eine Mitfchuld zugefteht,
fofern auch die Diener und amtlichen Organe der Kirche
von mancherlei Verfäumnifsen und Unterlaffungsfünden
nicht freizufprechen find, S. 28. Er verräth weder eine
Ahnung davon, dafs der Mangel an wirklichem Gemeindeleben
mit dem Wegfall des gefetzlichen Zwangs den Individualismus
entbinden mufste, noch zieht er in Erwägung
, ob auch die Predigt und Unterricht leitende Theologie
fo geartet gewefen ift und ift, dafs fie die freie
Ueberzeugung begründen konnte, die allein Heimaths-
gefühl in der Kirche zu geben vermag. Wer fo wenig
Verftändnifs dafür hat, wie aufrichtigen Zweiflern unter
den unkirchlichen Gebildeten unferer Tage zu Muthe ift
und was fie fern hält, wer ihren Nöthen gegenüber nichts
von dem Geilte verräth, in welchem Chriftus es verftan-
den hat, das glimmende Docht nicht auszulöfchen, der
hat kein Recht, fein Gerichtswort auf unfere Zeit anzuwenden
. Und dabei hat der Verf. zu der Kraft der
traditionellen Lehrweife fo wenig Zutrauen, dafs er davon
redet, wie viele Neuconfirmirte den Kopf mit allerhand
Begriffsbeftimmungen und Lehrfätzen angefüllt
haben, von denen fie in ihrem ganzen Leben kaum jemals
wieder ein Sterbenswörtchen zu hören bekommen,
S. 36. Aber er vermifst nun nicht, dafs ihnen das Evangelium
nicht fo gelehrt ift, wie es die Kraft und die Regel
lebendigen, ebenfo perfönlichen wie von Gemeinfinn erfüllten
Chriftenlebens ift, fondern dafs ihnen ,das AI 11er-
nächfteundNothwendigfte, die genauereBekanntfchaft
mit den kirchlichen Rechten und Pflichten, Sitten und
Gebräuchen, facramentlichen und liturgifchen Handlungen
, an denen fie fortan mit Bewufstfein theilnchmen
(ollen, ein völlig unbekanntes Land geblieben ift'. Wenn
wirklich die Anfchauungen des Verf.'s in weiteren Kreifen
getheilt werden, dann werden wir noch lange auf die
fo nöthige Hebung der Kirchlichkeit warten müffen.
Giefsen. J. Gottfchick.

Schllmme Unkenntnifs veräth es auch, dafs der Verf. die paffive
Heiligkeit, die nach Luther den Gliedern der Kirche eignet, S. 5 auf die
Nichtgläubigen und nur auf fie bezieht.

I) Die Hervorhebung einzelner Worte durch den Druck kommt auf
Rechnung des Recenfenten.