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Ausgabe:

1889

Spalte:

409-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die christlichen Feste. Gespräche aus der Gegenwart. 2. Aufl 1889

Rezensent:

Köstlin, Heinrich Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 16.

vom Reiche Gottes und vom höchften Gut ift es unmöglich
, die Gedanken des Verf.'s richtig und vollftändig zu
erfaffen. Hieraus erwachfen zuweilen momentane Schwierigkeiten
, allein die enge Wechfelbeziehung beider Werke
legt doch ein beredtes Zeugnifs dafür ab, dafs wir es
mit einer Gedankenarbeit ,aus einem Gufs' zu thun haben.
— Wenn ein Recenfent, zur Beruhigung der Lefer, ver-
fichert hat, dafs ,die Beweisführung des Verf.'s keineswegs
mit der eigentlichen Ritfchl'fchen Theologie zu identifi-
ciren' ift, fo wird in der That jeder Kundige zugeben
müffen, dafs Kaftan, wie in feinem früheren, fo auch im
vorliegenden Werke eigene Wege geht und die Probleme
in lelbftändiger Weife in Angriff nimmt und zur
Darftellung bringt. Indeffen ift doch die von Ritfehl ausgegangene
Anregung fo unverkennbar, die Stellung der
Frage und die Durchführung des Grundgedankens ent-
fprechen fo fehr den Intentionen des Meifters, dafs es
unmöglich ift, jene Rechtfertigung und Abwehr vollftändig
aufrecht zu erhalten. Mit der Erklärung, dafs Kaftan vornehmlich
die fruchtbare theologifche Werthfehätzung und
Verwendung der Grundgedanken Kant's und Luther's von
Ritfehl gelernt hat, foll wahrlich das Verdienft und die
Originalität der Kaftan'fchen Arbeit nicht gefchmälert
werden. Die Ausführungen über den Primat der prak-
tifchen Vernunft berühren fich auch in mancher Beziehung
mit Grundfätzen, welche gegenwärtig in den Kreifen der
franzöfifch redenden Philofophie und Theologie durch
Renouvier, Secretan, Aftie, zum Theil Bois mit Ge-
fchick und Erfolg vertreten find; haben aber jene Verfaffer
den Ertrag folcher Gedanken für die Aufgaben der Apologetik
nur gelegentlich zur Geltung gebracht, fo liegt
in dem Kaftan'fchen Werke eine fyftematifche Durchführung
des Princips vor, welche zweifellos darnach angethan
und dazu beftimmt ift, die bezüglichen Fragen aufs neue
in Flufs zu bringen. Nach den zahllofen verunglückten
Verfuchen wodurch die hier fo reichlich geförderte Dis-
ciplin fich nachgerade unter Theologen und Nichttheo-
logen discreditirt hatte, begrüfsen wir mit dankbarer Freude
ein Werk, welches mit der kleinlichen und unfruchtbaren
Scheinapologetik gründlich gebrochen hat, und es verfteht
den religiöfen Befitz, den wir auf dem uns von K. ange-
wiefenen Weg gewonnen, fowohl theologifch zu begründen
als vor der Weltwiffenfchaft zu verantworten. War doch
durch den blinden Eifer mancher unferer Zionswächter
die Lage allmählich fo böfe geworden, dafs man es als ein
günftiges Vorurtheil für ,die Wahrheit der chriftlichen
Religion' bezeichnen wird, wenn man dank dem Kaftan'fchen
Werke aufhören darf, die Apologetik als diejenige
theologifche Disciplin zu betrachten, die felber am drin-
gendllen der Apologie bedarf.

Strafsburg i./E. P- Lobftein.

Die christlichen Feste. Gefpräche aus der Gegenwart, hrsg.

von Irenaus. 2., unveränd. Abdr. Berlin, Reuther, 1889.

(VI, 120 S. 8.) M. 2. —
So klein an Umfang das vorliegende Büchlein ift, fo
reich ift es an Anregung, fo dafs es nicht leicht ift, kurz
darüber zu berichten, in der Form von Gefprächen aus
der Gegenwart, d. h. folchen Gefprächen, wie fie in unferer
Zeit in gebildeten Kreifen geführt werden, wenn
auf die Grundthatfachen und Grundwahrheiten der chriftlichen
Religion die Rede kommt und die Anwefenden
einer folchen Wendung des Gefpräches nicht von vornherein
abhold find, fondern mit gewiffem Intereffe folgen,
obfehon fie für ihre Perfon über den Glauben der Kindheit
hinaus find, kommen die Grundwahrheiten und
Grundthatfachen unferes Glaubens zur Verhandlung:
Weihnachten, Oftern. Pfingften. Obfehon nun in Aufbau
und Ordnung diefer Gefpräche ,aus der Gegenwart'
die künftlerifch fchaffende Hand fich nicht verbirgt, die-
felben alfo keineswegs als nachgefchriebene wirkliche

Gefpräche erfcheinen, fo wollen fie doch nicht in dem
Sinne als Dichtung genommen werden, als ob die Ge-
fprächsform dem Verfaffer nur dazu dienen follte, feine
eigene, zum voraus abgefchloffene theologifche Anficht
dialektifch zu entwickeln und als Siegerin aus dem
Kampfe der verfchiedenen Anflehten hervorgehen zu
laffen, wobei dem Lefer nichts übrig bliebe, als ftaunend
zuzuftimmen. Vielmehr wollen die Gefpräche in dem
Sinne als freie Reproduction wirklich gehaltener Gefpräche
gefafst werden, als darin in freier Aeufserung
die Anflehten und Auffaffungen, Fragen und Zweifel zum
Worte kommen, auf welche wir alsbald ftofsen, wenn in
gebildeter Gefellfchaft auf die Grundthatfachen unferes
Glaubens eingegangen wird. Sie laffen den Theologen
vernehmen, was man in folchen Kreifen über ihn und
über die Lehren, die er vertritt, denkt, wie man fich, auch
auf wohlwollender Seite, feine Stellung zurecht legt, fie
wollen infofern der Wirklichkeit nicht im buchftäblichen
Sinne, aber der Sache nach abgelaufcht, ,gleichfam der hörbare
Pulsfchlag der Zeit' fein. Infofern wird der Theologe
das Büchlein von vornherein mit regem Intereffe in die
Hand nehmen, auch wenn er nicht erwarten darf, jedes
der Gefpräche in eine klar formulirte Löfung des Problems
ausmünden, mit einer theologifchen Anficht ab-
fchliefsen zu fehen, vielmehr fich öfter damit begnügen
mufs, zu hören, wie die ernflen Männer fich mit dem
Problem zurecht zu finden fuchen, ohne dafs immer
deutlich hervortritt, welches nun des Verfaffers perfön-
liche, abfchliefsende Anficht ift. ,Gebildete in und aufser
der chriftlichen Gemeinde zu gleichem Nachdenken anzuregen
', nicht, eine beftimmte Theologie zu entwickeln
, war des Verfaffers Abficht. Indem aber der
Verlauf des Gefprächs jedes Mal den Feft-Thatfachen und
den durch fie vertretenen Heilsgedanken neue Seiten abgewinnt
, welche fie auch denen neu, werth, wichtig erfcheinen
laffen, welche anfänglich glaubten, nichts mehr
damit anfangen zu können, gewinnen die Gefpräche von
felbft apologetifche Bedeutung, und wenn fie dann da
abbrechen, wo gewöhnlich in der Wirklichkeit abgebrochen
zu werden pflegt, ehe das letzte Wort zur Sache
gefprochen, diefe klar auf den Begriff gebracht ift, fo
gefchieht es nicht, weil der Verfaffer nicht Wülste oder
fagen wollte, wie er felbft zur Sache fleht, fondern um
den Lefer nicht in feine Gedankenreihe einzuzwängen,
vielmehr in die Tiefe des eigenen Herzens und Gewiffens
zu weifen, damit er weiter forfche und felbft die
Folgerungen aus dem Neugewonnenen ziehe. Es würde
defshalb dem Büchlein Unrecht gefchehen, wollte man
es fofort auf feine theologifchen ETgebnifse prüfen, um
es in eine beftimmte Schule einreihen zu können. Dafs
der Verfaffer von einer folchen herkommt, das verräth
fich dem in die heutige Theologie Eingeweihten in mannigfaltigen
Spuren; dafs es aber die Schule des Lebens,
der fchweren Erfahrung vor allem gewefen ift, durch
welche der Verfaffer zur Auseinanderfetzung mit den zur
Verhandlung kommenden Fragen getrieben worden ift,
das lehrt jeden Lefer, der zwifchen den Zeilen zu lefen
vermag, das ,Tagebuch des Orientaliften', in welchem
wir die Perle des Ganzen, weil die Frucht religiöfen Erlebens
erken nen. Ob der Verfaffer Theologe von Fach
ift, fagt der Titel nicht; dafs er die theologifchen Prob
lerne kennt, beweift das Buch felbft. ebenfo aber auch,
dafs er fich als praktischer Apologet in den Kreifen der
fogenannten gebildeten Gefellfchaft vielfach bewegt, ihre
Anflehten kennen gelernt, ihre Bedürfnifse belaufcht hat.
Für fie ift offenbar das Büchlein in erfter Linie beftimmt; es
dürfte fich vorzüglich zum Gefchenk für denkende Laien
eignen. Gelingt es, in fo manchem Gebildeten neues
Intereffe für Dinge zu wecken, die er als längft ab
gethane zu betrachten fich gewöhnt hat, fo ift damit
fchon etwas geleiftet. Denn wo Pliner nur wieder zu
fragen und zu fuchen anfängt, wird er auch, wenn
anders er eine redliche Seele ift — und nur an folche