Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1889 Nr. 1

Spalte:

400-409

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaftan, Julius

Titel/Untertitel:

Die Wahrheit der christlichen Religion 1889

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4, Seite 5, Seite 6

Download Scan:

PDF

399

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 16.

/

400

Petri auf die hannoverfche Landeskirche ausgeübt hat;
feine Arbeit an der Hebung des geiftlichen Standes ift
fo erfolgreich gewefen, dafs er lange Zeit der Geiftlich-
keit der hannoverfchen Landeskirche fein Gepräge aufgedrückt
hat. Auch im übrigen hat er auf die Entwicklung
und Geftaltung der Landeskirche einen tiefgehenden
und nachhaltigen Einflufs ausgeübt, obwohl er
niemals ein kirchenregimentliches Amt bekleidete, wozu
er ganz befonders befähigt erfcheinen mufste; das
Kirchenregiment beachtete feine Aeufserungen und erbat
fich fein Örtheil; Alle, denen das Wohl und Wehe der
Kirche am Heizen lag, fuchten ihn auf. Nicht erft im
Laufe der Jahre hat Petri fich eine folche Stellung errungen
, fondern diefelbe faft von Anfang an eingenommen
und fortdauernd behauptet. Schon im Jahre 1832
veröffentlichte der 28jährige Collaborator, auf Anlafs des
den Ständen vorgelegten Staatsgrundgefetzes für das
Königreich Hannover: ,Bedürfnifse und Wünfche der pro-
teftantifchen Kirche im Vaterlande', und die Bedürfnifse
wurden anerkannt, die meiften Wünfche nach und nach
erfüllt, und Petri durfte felbft zu ihrer Verwirklichung
wefentlich mit beitragen. Es ift eine überaus charaktervolle
Perfönlichkeit, voll tiefer Einficht und kräftiger
Energie, dabei von grofser Wahrheitsliebe, welche fich
namentlich in der fcharfen und offenen Selbftbeurtheilung
zeigt, die er auch von Anfang an an fich übt. Diefe
Züge machen das Buch in vielen Stücken anziehend und
lehrreich. Der confeffionelle Standpunkt Petri's als eines
lutherifchen Kirchenmannes ift ebenfalls, feitdem fein
Glaubensleben erwacht war, derfelbe geblieben, und mit
Erfolg hat er ftets darauf gedrungen, die kirchliche Ver-
fchiedenheit zu refpectiren und in allem kirchlichen
Thun zu bewahren. Intereffant war es uns, zu lefen, dafs
man auch von Bremen aus Petri zu einer Probepredigt
aufgefordert und ihn in Marburg zum Nachfolger Julius
Müiler's hat berufen wollen.

Die Biographie ift breit angelegt. Der erfte Band
geht bis zum Ende des erften Jahrzehnts der Amtswirk-
famkeit, aber über diefe Grenze doch theilweife hinaus,
indem die amtliche Wirkfamkeit Petri's in fachlich geordneten
Abfchnitten gefchildert wird. Wiederholungen
find jetzt fchon zu bemerken und werden fpäter noch
weniger zu vermeiden fein. Die reichliche Mittheilung
von actenmäfsigem Material ftört die Durchfichtigkeit
des Lebensbildes, namentlich für Nichttheologen, denen
zuliebe der Verfaffer an manchen Stellen weiter ausholt,
als für die Würdigung Petri's nothwendig ift.

Halle a. S. A. Wächtler.

Lichtenberger, Dean F., History of German theology in
the nineteenth Century. Translated and edited by W.
Hastie, B. D. Edinburgh, T. & T. Clark, 1889.
(XXXIX, 629 S. gr. 8.) geb. 14 s.

Diefe Ueberfetzung des Werkes des Parifer Theologen
ins Englifche durch einen begeifterten Verehrer
der deutfchen Theologie ift in der Abficht unternommen,
das in England noch vielfach herrfchende Vorurtheil zu
zerftreuen, als fei die deutfche Theologie ,rationaliftifch'
und ,neologifch'. Der Ueberfetzer (f. die ausführliche
Vorrede) will feine Landsleute davon überzeugen, dafs
Deutfchland an der Spitze der Theologie fteht, und dafs
die englifche Theologie nicht befferes thun kann, als von
der deutfchen zu lernen, weil man zur Zeit überhaupt
kein Theologe fein könne ohne Kenntnifs der deutfchen
Arbeiten. Die deutfche Theologie wird in der Vorrede
den Engländern als Spiegel vorgehalten, und es wird uns
foviel Gutes nachgefagt, dafs man fich an Tacitus' Germania
erinnert fleht. Der Ueberfetzer verfolgt aber auch
ganz deutlich den Zweck, feine Landsleute zur wiffen-
(chaftlichen Freiheit und zu energifcher theologifcher Arbeit
aufzurufen, und dabei follen wir als Licht- und Vorbild
dienen. Dafs unfere Theologie fich im Ausland fo
prächtig ausnimmt, wird fchwerlich die Ernfthaften unter
uns über unfere bedenklichen und keineswegs rühmens-
werthen Zuftände täufchen.

Für den Zweck des Ueberfetzers eignete fich das
ftoffreiche und lichtvolle Werk Lichtenberger's in be-
fonderer Weife, da hier ein Ausländer — freilich ein
ellafiifcher — über die Gefchichte der deutfchen Theologie
von Kant ab Bericht erftattet. Auch die wichtigeren
Erfcheinungen der Gegenwart find ausführlich be-
fprochen. Doch verläuft zuletzt die Darfteilung in bio-
graphifche und bibliographifche Skizzen, die z. Th. wunderlich
geordnet find. Warum z. B. Stöcker den ,new
hberals schools' angefchloffen ift, alfo unmittelbar auf
Schenkel, Holtzmann, Plitzig, Hausrath, Schweizer, Biedermann
, Lang folgt, ift nicht abzufehen. Die beifsende
Charakteriftik rechtfertigt die Zufammenftellung nicht,
fondern hebt fie auf (,a convinced but fanatical Christian,
Stoecker attempts to combat the antisocialistic theories, and
011 the basis of a monarchical loyalism whicli almost goes
the length of deifying the sovereign, he would rear the
chimerical edifice of a new Society a?iimated by a so-called
Cliristian hfe'). Der ,neukantifchen Schule' ift ein eigenes
Capitel gewidmet. Lichtenberger ift kein Freund der-
felben, obgleich er gewiffe Verdienfte Ritfchl's {,the moral
element') hochfehätzt. Von der Anziehungskraft der Theologie
Ritfchl's heifst es (p. 577): Jf it is right to add that
the prcdilection of some for the ideas put in circulation by
Ritsehl Springs partly from what constitutes at least their
novelty in form and partly from the facilities whicli they
afford to those who from weakness of thinking or diplo-
matic prudence do not wish to be ranked among the orthodox
or among the hberals, it is not less true that Rilschl's
views have been hailed by many with that joyous relief
which ts afforded by Solutions of current questions whicli
have been long expected and impatiently desired". Das find
freilich fehr verfchiedene Motive, und man mufs dankbar
fein, dafs der Verf. die ,Schule Ritfchl's' nicht nach
ihnen claffificirt hat.

Berlin. A. Harnack.

Kaftan, Prof. Dr. Jul. Die Wahrheit der christlichen Religion.

Bafel, Detloff, 1888. (X, 586 S. gr. 8.) M. 9. —

,Es erfcheint als ein Attentat auf die Grundlagen des
Glaubens, wenn die überlieferten Methoden angefochten
werden. Denn es fteht nun einmal fo, dafs wir auf reli-
giöfem und kirchlichem Gebiet die Ueberlieferung noch
zäher fefthalten als irgendwo fonft. Das ift auch ganz
begreiflich, da die eingewurzelten Denkgewohnheiten hier
durch die enge Verbindung mit den heiligen Wahrheiten
des Glaubens felber an deren Weihe und Unantaftbar-
keit Theil zu gewinnen fcheinen. Und doch ift es im
Intereffe des Chriftenthums dringend geboten, gerade in
der Theologie mit ihnen aufzuräumen. Nicht blofs aus
apologetifchen Gründen, weil es uns fonft nicht gelingen
kann, von der Wahrheit unferes Glaubens in der Gegenwart
Rechenfchaft abzulegen, fondern vor allem defs-
halb, weil die chriftliche Wahrheit in der Verbindung
mit diefer überlieferten Philofophie felbft directen Schaden
leidet' (S. 454). Aus diefen und ähnlichen Aeufserungen
des Verfaffers ergiebt fich, dafs K. fich über die Tragweite
feines theologifchen Unternehmens und über die
Aufnahme feines Werks feitens der Vertreter der alten
Schulen keine Illufion gemacht hat. Fragelos erhöht
diefe Einficht den Werth des Kaftan'fchen Buches fehr
bedeutend, denn wenn der Vorwurf des frevelhaften
Niederreifsens einen Verfaffer nicht abfehrecken konnte,
welchem das Aufbauen und Verföhnen fo fehr am Herzen
liegt, fo ift der Muth, mit welchem er vorgeht, die befte
Bürgfchaft für die dringende Nothwendigkeit der in Angriff
genommenen Aufgabe. Ueber die hohe Bedeutung
des zur Löfung folcher Aufgabe hier dargebotenen