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Ausgabe:

1889 Nr. 16

Spalte:

398-399

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Petri, E.

Titel/Untertitel:

D. Ludwig Adolf Petri 1889

Rezensent:

Wächtler, August

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Theologifche Literaturzeitung. 1889 Nr. 16.

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die Kirche nur, weil diefe gegenwärtig im Argen liege,
bereit, in diefelbe zurückzukehren, fobald deren Leitung
und Pflege ihnen, ,den Heiligen', anvertraut werden würde.
Aus dem fomit zwifchen Sectirern und Separatiften eruirten
Unterfchied ergiebt fleh das Eintheilungsprincip für die
vorliegende Arbeit. Der erfte, gröfsere Hauptabfchnitt
befchäftigt fleh von p. 4—123 mit den Secten; der zweite,
kleinere von p. 134—140 mit den Separatiften in Elfafs-
Lothringen. Dem Ganzen ift dann ein die Seiten 140 —171
umfallender Schlufstheil angefügt. Die einleitenden Bemerkungen
' auf p. 1—4 bringen eine Orientirung über
Umfang, Inhalt und Gliederung des Thema's.

Im erften Hauptabfchnitt, der fleh mit den in Elfafs-
Lothringen vorkommenden Secten befafst, geht der Verf.
in der Regel fo vor, dafs er uns bei der Behandlung
jeder Sectenart zunächft mit deren Gründung, Entwicklung
, befonderen Lehren und Tendenzen in lichtvoller,
kurzer, das Wiffenswerthefte bringender Darfteilung bekannt
macht. Hieran knüpft fleh dann naturgemäfs eine
eingehende, höchft gewiffenhafte Unterfuchung und Be-
fprechung des Treibens, der Beftrebungen, des Einfluffes,
der Verbreitung, der Geld- und Lehrmittel, der Organifa-
tion der verfchiedenen hierorts etablirten ,Heiligenge-
meinfehaften'. —

Wir beginnen mit den im Elfafs fleh findenden Täufer-
fecten, deren gemeinfames Merkmal in ihrer eigenthüm-
lichen Taufpraxis befteht, die jedoch auch aufserdem in
manchen Stücken der Lehre und der äufseren Ordnung
fleh von dem gemeinhin Ueblichen unterfcheiden (vgl. das
p. 8—11 abgedruckte Bekenntnifs eines mülhaufer Bap-
tiften). Aus dem völligen Mangel an Verftändnifs für
das hiftorifch Mögliche und Nöthige erklärt fleh uns der
den meiften thuferifchen Gemeinfchaften eignende Hafs
gegen die beftehende Kirche und deren Ihener. Die
Baptiften, die befonders im Oberelfafs ihr Wefen treiben
(p. 5—13); die Fröhlichianer, Anhänger eines abgefetzten
aargauischen Candidaten, der in Strafsburg feine erften
Getreuen aus der Zahl der dortigen Pietiften recrutirte
(p. 23—35); die Hausknechtianer, die Frucht lediglich
elfäffifchen Sondergeiftes (p. 36—39), wetteifern mit einander
in fanatifcher Verdammung aller ,Nichtheiligen'
und machen fleh mit ihrer hochmüthigen Ueberfpanntheit
zum Gegenftand des Gefpötts und der Mifsachtung aller
Vernünftigen. Einen wohlthuenden Gegenfatz zu diefen
Stürmern und Wühlern bilden die im Elfafs ziemlich
zahlreichen Mennoniten (p. 14—22), ,die friedlichen Nachkommen
der einft wild und roh auftretenden wieder-
täuferifchen Rotten der Reformationszeit'.

Am fchwerften fchädigt die elfäfflfche Kirche der
Methodismus, eine ,englifche Erfindung', wie unfer Buch
ihn treffend bezeichnet, ,der fein Miffioniren in chrift-
lichen Ländern ,den heiligen Krieg' nennt'. Von den
c. 20 Denominationen, in die fleh die Methodiften theilen,
treffen wir im Elfafs nur die rührigen und rückflchtslofen
Albrechtsbrüder (p. 53—91), die in Strafsburg ihren
Hauptfitz und von da aus ihre Netze übers ganze Land
gefponnen haben. Als diefelben kurz vor 1870 bei uns
auftauchten, fanden fie in den pietiftifchen Sonderge-
luften und dem erwecklichen Conventikelwefen einen
höchft fruchtbaren Boden für ihre Wühlereien. — Neben
den Albrechtsbrüdern finden fleh noch die ruhigeren und
ftilleren bifchöflichen Methodiften (p. 91—94), die, feit 1854
im Lande, erft feit 1871 eine regelmäfsige Thätigkeit
entfalten.

Von geringerer Bedeutung find die katholifirenden,
höchft kirchenfeindlichen Irvingianer (p. 99—109), die
es in Strafsburg zu einer kleinen Gemeinde gebracht
haben, ohne jedoch der Landeskirche fchaden zu können.
— Die älteften unter den elfäffifchen Sectirern find die
Herrnhuter (p. 109—117). Schon 1745 hatten diefelben
in Strafsburg folche Fortfehritte gemacht, dafs fie fich
dafelbft im October jenes Jahres häuslich niederlaften
konnten. Die Zahl ihrer Anhänger hat fich indefs feither

nicht vermehrt. — Die enthufiaftifchen Svvedenborgianer
(p. 117—123) find im Elfafs ganz ohne Bedeutung; die
fanatischen Darbyften (p. 123—133) verdanken ihre Einführung
ins Oberelfafs einer dortigen reichen Fabrikantenfamilie
. —

Ueber den zweiten mit den Separatiften fich be-
fchäftigenden Haupttheil (p. 134—140) können wir uns
kurz faffen, da derfelbe uns die Gefchichte von 5 von
der Landeskirche getrennten ultra-lutherifchen elfäffifchen
Gemeinden giebt, die nur für den Einheimifchen, mit
den hiefigen Verhältnifsen Vertrauten Intereffe haben kann.

Zum Schlufs bringt uns der Verf. auf den Seiren
140—171 höchft werth- und einfichtsvolle Erörterungen
über die Gründe, die zur Sectenbildung führen, über die
fo verderblichen Folgen feparatiftifchen Treibens und
Wühlens, über die für die Kirche unabweisliche Pflicht
energifcher Selbftvertheidigung, fowie über die nach feiner
Anficht wirkfamften Mittel hiezu. Es bildet das über
diefe Punkte Gefagte, nach unferem Urtheil, mit eine der
beften und nützlichften Partien des Buches. —

Damit foll fich diefe unvollkommene Skizzirung
des an intereffanten Mittheilungen fo reichen Froelich'-
fchen Werkes begnügen. Der Verf. hat mit lobens-
werthem Fleifs das vorhandene Material zufammenge-
tragen, gelichtet und lichtvoll gruppirt. Den gröfsten
Theil der von ihm zum erften Mal über das elfäfflfche
Sectenwefen gegebenen Nachrichten hat er jedoch aus
dem Schatze eigener Beobachtung und Erfahrung ge-
fchöpft oder durch die Vermittlung befreundeter Geiftlichen
erhalten; was wohl auch erklären mag, warum in dem
Buch auf Quellenangaben faft durchaus verzichtet ift. —
Wenn es nun auch im Gange der Darfteilung nicht ohne
verfchiedene Unebenheiten und mannigfache Wiederholungen
abgeht, was mit der Art der Eintheilung des
Stoffes zufammenhängen mag, fo vergifst man doch folche
Kleinigkeiten gern über der Freude an des Verfaffers
klarer, fchlichter, fachlicher Schreib weife, die zwar die
Schäden und Verkehrtheiten des Sectenthums mit verdienter
Schärfe und Strenge blofslegt und rügt, darüber
aber das Anerkennenswerthe nie zu erwähnen vergifst.

Fragen wir noch, welches der praktifche Nutzen des
befprochenen Buches fein wird, fo giebt uns des Verfaffers
eigene Würdigung der Mittel zur Bekämpfung der
Secten die befte Antwort. ,Wir wiffen', fchreibt er p.
151, ,bei jeder Discuffion mit den Secten von vornherein,
dafs diefelben fich niemals durch Worte und logifche
Beweisführungen', — auch nicht durch die PToelichTche
Schrift, — ,werden belehren laffen. Der Geiftliche ift
aber feinen Gemeindegliedern Aufklärung und Belehrung
über diefe Dinge fchuldig, damit auch der fchlichte,
ungelehrte Chrift wiffe, fich gegen böfe Verlockungen
zu wahren, und damit Jeglicher gewarnt fei vor liftiger
Verführung'. Diefen Zweck wird der Verf. auch ficher
mit feiner Arbeit bei manchem noch unentfehieden zwifchen
Kirchen- und Sectenthum hin und her Schwankenden
erreichen! —

Strafsburg iElf. Carl Conrad.

Petri, Paft. E., D. Ludwig Adolf Petri, weiland Paftor zu
St. Crucis in Hannover. Ein Lebensbild, auf Grund
feines fchriftlichen Nachlaffes und nach den Mittheilungen
feiner Freunde dargeftellt. 1. Bd., mit dem
Bildnifse Petri's u. 1 Fkfm. feiner Handfchrift. Hannover,
Feefche, 1888. (IX, 348 S. 8.) M. 4.50; geb. M. 5.50.

Der im Jahre 1873 verdorbene Paftor an der Kreuzkirche
zu Hannover hat erft jetzt in feinem Grofsneffen
einen Biographen erhalten. Petri's Bedeutung als Prediger
hat fchon bei feinen Lebzeiten in weiteften Kreifen
Anerkennung gefunden, wenn auch ,noch immer homi-
letifche Lehrbücher an Petri vorübergehen'. Die gröfsere
Bedeutung liegt augenfeheinlich in dem Einfluffe, welchen