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Ausgabe:

1889 Nr. 15

Spalte:

385-387

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cassel, Paulus

Titel/Untertitel:

Ueber Stadt- und Volksmission 1889

Rezensent:

Stamm, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 15.

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das Object, an welchem wir das Evangelium als die
dvvctftiS zu erweifen haben, welche die Sünde überwindet.
Unfer Warten foll nicht thatlofes Sehnen fein, fondern
arbeitsfreudiges Wirken im Auftrag und Geifte des Herrn.
Wenn bei Vielen diefe auf das uns zunächft angewiefene
Arbeitsfeld gerichtete Weltfreudigkeit (Welt nicht =
Sünde, fondern = irdifches Schöpfungsgebiet) zur Welt-
förmigkeit führt, fo ift das nicht eine logifche Folge,
fondern es ift eine Verfuchung. der fie erliegen, die aber
die Forderung Matth. 5,13. 14 nicht aufhebt (vergl.
Luc. 19, 11 ff.).

Friedberg. H. A. KöftHn.

1. Cassel, D. Paulus, Ueber Stadt- und Volksmission. Soziale

Betrachtungen. 1 — 3. Heft. Berlin, R. Schaeffer, 1888.
(43, 27 u. 22 S. gr. 8) M. 1. 40.

2. Hermann, Kirchehr. Ghelf., Sozialdemokratie und Christentum
. Vortrag, gehalten auf der Thüringer kirchlichen
Konferenz am 3. Mai 1888 zu Eifenach. Gotha, Schloefs-
mann, 1888. (42 S. gr. 8.) M. —. 80.

3. Hickmann, Paftor LI. W., Innere Mission und Familie.
Vortrag, gehalten am 13. Juni 1888 zur Jahresfeier der
Thüringer Konferenz für innere Miffion in Mühlhaufen.
Gotha, Schloefsmann, 1888. (20 S. gr. 8.) M. —. 40.

4. Hilbert, Oberpfr. fubft. Ernft, Was will und wirkt innere
Mission? Ein Wort zum Wehren und Klären an die
Gemeinden. Vortrag, gehalten auf der 1. Wander-
verfammlung des Vereins für innere Miffion der Diözes
Weida S. W. Gera, Bauch, 1888. (15 S. gr. 8.)
M. —. 30.

5. Assemblee generale de la Societe evangelique de Geneve,

tenue le 28. juin 1888, ä l'Oratoire. 57. anniversaire.
Geneve, Imprimerie Wyfs & Duchene, 1888. (115 u.
33 S. 8.)

1. .Mich felbft halte ich trotz aller Sonderbarkeiten,
die mir begegnet find, als den Boten der Liebe, in welcher
Jefus feine Kirche fchuf . . . .Meine Schriften haben das
Loos ihres Autors felbft. Keine Partei, aber viele Freunde.
Keine Protection und viele Herzen fympathifch in Nähe
und Ferne. Keine Gönner, um zeitliche Wirkung bald
zu erreichen, aber doch gütige Kenner eines treuen Strebens
' .... ,Ich bin doch nocli lieber als ein Schüler des
Demolthenes ein Nachfolger Pauli geworden. Demofthenes
fand lofe Ankläger, Paulus wurde gefteinigt — ich hoffe
in diefem Sendfehreiben neben manchem Gegengebrüll
auch Stimmen der Liebe zu begegnen . . .' .Nazarener,
du haft gehegt! fchreien zuletzt die Hamane aller Zeit . . .'
Jefu Kreuz hat die Arme, welche fich um die Herzen
der Menfchen als Brüder und an die Bruft Gottes als
Kinder legen . . .' ,Der (römifche) Kaifer mochte von
feinem Palatium Brot fpenden fo viel er wollte, die
fociale Kluft wurde nicht ausgefüllt — bis das Samenkorn
von Golgatha Fufs fafste und eine neue Gcfellfchaft
fchuf. ..' ,Den Alten war Ceres eine tugendhafte Göttin,
für die moderne Zeit ift fie die Meifterin von Venus vulgi-
vaga, die Hetzerin der böfen Kunfte Merkurs geworden .. .'
,Vom Tiber kam die Macht, von der Seine die Luft,
vom Jordan die Freiheit. Daran follte man nicht ver-
geffen . . .'

In wunderlichem Deutfch gefchriebene Hefte. Eigen-
thümlich altteftamentlich-christlicher Standpunkt. Das
Perfönliche tritt ftark hervor; der Verfaffer berichtet viel
über fich felbft und fpricht Zuneigung und Abneigung
kräftig aus. Befonders fchlimm ift er auf die Antifemiten
aller Schattirungen zu fprechen, am allerfchlimmften aber, 1
wie es fcheint, auf den Hofprediger Stöcker. Wie das
dritte Heft .Aphorismen' über den ,Sabbath' enthält, fo

die zwei erften Aphorismen über die bekannten Erfchei-
nungen des focialen und kirchlichen Lebens in Berlin.
In allen dreien offenbart Caffel eine merkwürdige Be-
lefenheit; wirklich lernen läfst fich daraus aber nicht
viel, auch beim betten Willen nicht.

2. Socialdemokratie und Chriftenthum ift der
Vortrag betitelt, der auf der Thüringer kirchlichen Con-
ferenz am 3. Mai des vorigen Jahres gehalten wurde.
Die Gefahren, welche der Gcfellfchaft von Seiten der
Socialdemokratie drohen, werden hier mit kräftigen Farben
gefchildert. Nach des Redners, jedenfalls fehr berechtigter
, Auffaffung, ift es eitel Täufchung, wenn die
Socialdemokratie erklärt, dafs die Religion von ihr jedem
Einzelnen als Privatfache uberlaffen bleibe. Aus dem
Verhalten ihrer Führer, aus der focialdemokratifchen
Preffe, aus der Poefie der Socialdemokraten leuchtet vielmehr
ein wilder Hafs gegen Chriftenthum und Kirche
hervor. ,Und doch ift die Socialdemokratie keineswegs
eine heidnifche Erfcheinung. Sie ift gewachfen auf chrift-
lichem Boden, nährt fich an den Früchten chriftlicher
Cultur und nimmt ihre Waffen aus der chriftlichen Rüft-
kammer'. Wenn man die Kritik anfleht, welche fie gegen
Beflehendes richtet, gegen das Nebeneinander des über-
mäfsigften und unnützeften Reichthums und der aller-
jammervolltten Armuth, gegen die Betrachtung und Behandlung
der menfchlichen Arbeit als einer Waare, gegen
die Herrfchaft des ehernen Lohngefetzes, gegen das
Manchefterfyftem, fo wird man vom chriftlichen Standpunkt
gegen die Berechtigung diefer Anklagen überhaupt
nichts fagen können. Die letzten Ziele der Socialdemokratie
: Verftaatlichung des Befitzes und Gemeinfchaft im
Arbeitsbetrieb, liegen in einer phantaltifchen Zukunftswelt
. Aber die Hauptzüge diefes Zukunftsbildes, wie es
in den Köpfen der Socialdemokraten lebt, find dem
Chriftenthum entnommene Ideen: die Idee der Gemeinfchaft
und die Verherrlichung der Arbeit. Was die näch-
ften Forderungen der Socialdemokratie angeht, welche
das Leben des Arbeiters auch unter dem gegenwärtigen
Wirthfchaftsfyftem erträglich machen folien, als Sonntagsruhe
, Minimalarbeitslohn, Maximalarbeitszeit, Krank-
I heits-, Unfalls-, Invaliditäts- und Altersverforgung, Be-
fchränkung oder Verbot der Frauen- und Kinderarbeit
u. dgl. m., fo wohnt jedem diefer Verlangen ein Kern von
Berechtigung inne, die den Verlangen zu Grunde liegenden
Ideen fallen mit den chriftlichen zufammen. Die
Socialdemokratie alfo ,geht von chriftlichen Poftulaten,
Gedanken und Zielen aus', während fie ,doch ganz be-
wufst darauf ausgeht, Chriftus felbft und den Glauben
an ihn, fein Wort, Geilt, Reich, Kraft und Herrlichkeit
gänzlich zu ertödten und zu zerftören'. Darin fieht der
Verfaffer das Antichriftliche der Socialdemokratie. So
gefährlich die focialdemokratifche Lehre ift, der die
revolutionäre und kirchenfeindliche Neigung der Zeit-
genoffen entgegenkommt, fo erwächtt doch die volle
Gefahr erft aus der Verbindung der focialdemokratifchen
Lehre mit dem focialdemokratifchen Heere. Diefes wird
gebildet von den gedrückten Arbeitermalfen, welche ihren
angeblichen Befreiern das gläubigfte Vertrauen entgegen
bringen. Trotzdem fteht der Verfaffer der Zukunft nicht
hoffnungslos gegenüber. Er erwartet viel von dem latenten
Chriftenthum, es ift ihm, als ob dasfelbe jetzt langfam
erwache, fich rege und bewege, während früher Kirche
und Staat der gefährlichen focialdemokratifchen Bewegung
allzu lange thatlos zugefehen haben. Die durch das berühmte
Wort Kaifer Wilhelm's inaugurirte Socialgefetz-
gebung, die veränderte Haltung der Socialwiffenfehaft,
das arbeiterfreundliche Vorgehen fo mancher Arbeitgeber
, das gefunde Wachsthum der evangelifchen Arbeitervereine
, die Arbeiten der inneren Miffion _ das

alles find ihm hoffnungerweckende Zeichen der Zeit.
Es gilt jetzt, die chriftliche Welt, insbefondere aber die
Träger des geiftlichen Amtes zu lebendiger Theilnahme
anzuregen. Dctaillirte Rathfchläge giebt der Redner