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Ausgabe:

1889 Nr. 15

Spalte:

373-375

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sarda y Salvani, Felix

Titel/Untertitel:

Der Liberalismus ist Sünde 1889

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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373

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 15.

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titel — bei weitem nicht aller hervorragenden — kann
eine folche Fortführung nicht erfetzen. Die Richtung,
für welche der Verf. am Schlufs ,nach den . . . Erörterungen
der letzten Jahre' die Zukunft erhofft, -— er
findet fie vertreten in Aloys Schmid — ift feither gründlich
überwunden und zerftoben, ihre Vertreter find bei
dem heutigen Gefchlecht fo gut wie vergeffen. Andere
Mächte, von denen man in diefem Werk kaum etwas
hört, beherrfchen überall das Feld. — Unter diefen Um-
itänden wäre es weniger irreführend gewefen, das Buch
ganz unverändert zu laffen und als .zweiten Abdruck'
zu bezeichnen.

Giefsen. Karl Müller.

Sarda y Salvany, Monfignor Dr. Felix, Der Liberalismus

ist Sünde. Brennende Fragen. Nach der 7. Aufl. des
fpanifchen Originales mit Erlaubnis des Verfaffers
ins Deutfche übertragen von Ulr. Lampert. Mit
einer Einbegleitung von Monfignor Prof. Dr. Jof.
Scheicher. Salzburg, Mittermüller, 1889. (XVI, 152 S.
gr. 8.) M. 2. —
Die Gefchichte diefes Buches ift intereflanter, als der
Inhalt. Der Verfaffer, ein Priefter zu Barcelona und
Herausgeber einer ,Revista populär1, gilt als ein Hauptvertreter
der fchärfften Tonart des Ultramontanismus,
die man in Spanien yIntegrismol nennt. Die Schrift ,El
Liberalismo especadd follte zuerft zu Madrid erfcheinen;
von den zwei Theologen, welche der dortige Bifchof,
Cardinal Moreno, mit der Prüfung des Manufcriptes beauftragte
, erklärte aber der eine die Veröffentlichung
für inopportun und darum verweigerte der Cardinal die
Druckerlaubnifs. Der Bifchof von Tortofa erlaubte, die
Schrift capitelweife in feinem Diöcefan-Wochenblatte zu
veröffentlichen, nahm aber, als einige Capitel gedruckt
waren und mehrfachen Widerfpruch fanden, diefe Er-
laubnifs zurück. Mit Erlaubnifs des Bifchofs von Barcelona
wurde zuerft die Fortfetzung in dem dortigen
Wochenblatte, dann Ende 1884 die ganze Schrift als Buch
gedruckt. Diefes wurde von fünf fpanifchen Bifchöfen
belobt. Im Juli 1885 erfchien eine .Widerlegung' unter
dem Titel ,El prOCCSO dcl Integrismo1 von einem Domherrn
zu Vieh, Celeftino de Pazos, ,mit kirchlicher Approbation
' zu Madrid. Ein anderer Geiftlicher, Miguel Sanchez,
erklärte, er habe zwar nicht, wie man behauptet, einen
Theil diefer Widerlegung gefchrieben, diefelbe ftimme
aber mit dem überein, was er felbft in gröfseren und
kleineren Schriften über die fchweren Irrthümer der
Integriften gefagt habe. Beide Bücher wurden bei der
Römifchen Index-Congregation denuncirt. Der Secretär
derfelben, P. Saccheri, theilte unter dem 10. Jan. 1887
dem Bifchof von Barcelona mit: beide Bücher feien
unterfucht worden; das von Sardä enthalte nicht nur
nichts, was gegen die gefunde Lehre verftofse, fondern
eine gründliche und klare Erörterung feines Thema's;
das von Pazos bedürfe dagegen einiger Berichtigung und
fei wegen des injuriöfen Tones, in welchem darin von
Sardä gefprochen werde, zu tadeln; dem Verf. werde
alfo aufgegeben, die Schrift aus dem Buchhandel zurückzuziehen
und in etwaigen weiteren Schriften Ach aller
Injurien zu enthalten. Diefes amtliche Schreiben wurde
von faft allen fpanifchen Bifchöfen publicirt. Pazos erklärte
feine Unterwerfung: er fei zwar nicht, wie Benedict XIV.
verordnet habe, bei der Unterfuchung feiner Schrift gehört
, es fei ihm auch nicht angegeben worden, welche
Ausdrücke in feiner Schrift injuriös und welche Stellen
zu berichtigen feien; er werde aber die fernere Verbreitung
feiner Schrift zu hindern fuchen und keine neue
Auflage veranftalten. Sein Freund Sanchez erklärte, er
werde fich unterwerfen, wenn der heilige Stuhl die Lehre
von Pazos verwerfe; vorerft halte er fich für berechtigt,
Sardä auch ferner zu bekämpfen, wie ja auch die Jefuiten

ihren Kampf gegen Rosmini fortgefetzt hätten, auch
nachdem deffen Werke von der Index-Congregation frei
gegeben worden feien; er finde in Sardä's Buch drei
materielle Ketzereien u. f. w. Es erfchien noch anonym
,Exposkion ä S. S. Leon XIII acerca de la actual crisis
religiosa, por varios catblicos espaholes', worin von der
Entfcheidung der Index-Congregation an den Papft ap-
pellirt und behauptet wird, Sardä's Lehre widerfpreche
den Encykliken des Papftes vom 8. Dec. 1882 (über die
fpanifchen Verhältnifse) und vom 1. Nov. 1885 (über die
Staatsverfaffungen). Der Secretär der Index-Congregation
belobte Pazos für feine Unterwerfung und erklärte,
damit fei die Sache abgethan; eine Mittheilung der be-
anftandeten Sätze fei nicht Sitte der Congregation. Die
Index-Congregation felbft fchrieb dann noch unter dem
29. Aug. 1887 dem Bifchof von Barcelona: das (erfte)
Schreiben ihres Secretärs fei von einigen auf die poli-
tifchen Streitigkeiten unter den fpanifchen Katholiken
bezogen und zum Gegenftande ärgerlicher Discuffionen
in den Zeitungen gemacht worden; das dem Buche von
Sardä gefpendete Lob beziehe fich aber nur auf ,die
abftracte Thefis und die allgemeinen Grundfätze' desfelben,
nicht auf die darin etwa enthaltenen Bemerkungen über
fpecielle fpanifche Verhältnifse; es dürfe darum nicht
von einer politifchen Partei gegen die andere ausgebeutet
werden; die Norm für die katholifchen Spanier
bildeten vielmehr lediglich die päpftlichen Erlaffe, namentlich
die beiden oben genannten.

Die Index-Congregation pflegt fonft ein ihr denuncirtes
Buch entweder zu verbieten oder zu .dimittiren', d.h. einfach
frei zu geben. Dafs fie das Buch von Sardä ausdrucklich
belobt hat, ift gegen das Herkommen und alfo eine
befondere Auszeichnung. Das Buch ift, wohl in Folge
davon, nicht nur in Spanien in einer Reihe von Auflagen
erfchienen, fondern auch zweimal in das Italienifche
(einmal von dem Jefuiten Zocchi), dann ins Franzöfifche,
ins Ungarifche (von Cfäpori Gyula, ,unter welchem Namen
fich ein hoher geiftlicher Würdenträger verbirgt' S. XII)
und jetzt alfo auch ins Deutfche überfetzt worden.

Den Titel feines Buches erklärt Sardä in folgender
Weife: Der Liberalismus ift eine von der Kirche, namentlich
im Syllabus (S. 29) ausdrücklich verworfene, ketze-
rifche und unfittliche Lehre, ja ,in der Ordnung der
Ideen der abfolute Irrthum und in der Ordnung der
Handlungen die abfolute Unordnung' (S. 10); .folglich ift
liberal zu fein, mit Ausnahme der Fälle, in denen Un-
wiffenheit und Unüberlegtheit eine Entfchuldigung bilden,
fündhafter als ein Gottesläfterer, Betrüger, Ehebrecher
oder Mörder zu fein' (S. 12). Liberale Principien find
aber ,die Souveränetät des Individuums mit völliger Unabhängigkeit
von Gott und feiner Autorität; Unbe-
fchränktheit der Gefellfchaft mit unbedingter Unabhängigkeit
von allem, was nicht von ihr feinen Urfprung herleitet;
nationale Souveränetät, d. h. das Recht des Volkes, Gefetze
zu geben und zu regieren mit unbefchränkter Unabhängigkeit
von jeder anderen Richtfchnur als der des
eigenen Willens, kundgegeben durch das allgemeine
Stimmrecht und die Kammermehrheit; unbefchränkte
Denk-, Prefs-, Vereins- und Cultusfreiheit' (S. 7), auch
der Grundfatz der bürgerlichen Gleichberechtigung aller
Bürger ohne Wahrung der kirchlichen Immunität (S. 33).
Confequenzen des Liberalismus find die Amortifations-
gefetze, die Vertreibung der religiöfen Orden, die Zer-
ftörung der weltlichen Herrfchaft des Papftes (S. 8), die
Leugnung der Unfehlbarkeit des Papftes, die Weigerung,
deffen authentifche Befehle und Lehren als Gefetz anzunehmen
(S. 10). .Liberal find alle Perfonen, Vereine,
Bücher und Regierungen, denen die katholifche Kirche
nicht die einzige und ausfchliefsliche Richtfchnur
in Sachen des Glaubens und der Sitten ift' (S. 41). ,Man
ift nicht ganz katholifch, aufser infofern man ganz antiliberal
ift. Sagt man alfo: jene liberale Partei oder
jene offenbar liberale Perfon ift nicht katholifch, fo ift