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Ausgabe:

1889

Spalte:

369-371

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Everling, Otto

Titel/Untertitel:

Die paulinische Angelologie und Dämonologie 1889

Rezensent:

Gunkel, Hermann

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 15. 27- Juli l889- 14. Jahrgang.

Everling, Die paulinifche Angelologie und

Dämonologie (Gunkel).
Baumgärtner, Die Einheit des Hermas-Buches

(Krüger).

Werner, Gefchichte der katholifchen Theologie,

2. Aufl. (K. Müller).
Sardä y Salvany, Der Liberalismus ift Sünde

(Reufch).

Beyfchlag, Zur Verftändigung über den chrift-
lichen Vorfehungsglauben (Kaftan).

Kahler, Berechtigung und Zuverfichtlichkeit
des Bittgebetes (Kaftan).

Strong, Systematic Theology (Härtung).

Strong, Philosophy and Religion (Härtung).

Bedenken, chriftliche, über modern chriftliches
Wefen (Köftlin).

Caffel, Üeber Stadt- und VolksmilTion (Stamm).

Hermann, Sozialdemokratie und Chriftentum
(Derf.).

Hickmann, Innere Million und Familie (Derf.).
Hilbert, Was will und wirkt innere Million'
(Derf.).

Assemblee generale de la Societe evangelique

de Geneve (Derf.).
Swoboda, Ein Weltbild unferer kirchlichen

Kunfl (Köftlin).

Everling, Lic. Otto, Die paulinische Angelologie und Dämonologie
. Ein biblifch-theologifcher Verfuch. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht's Verl., 1888. (IV, 126 S.
gr. 80 M. 2. 80.
Eine höchft verdienftvolle Monographie, welche jenen
bisher fehr vernachläffigten, fcheinbar entlegenen, in Wirklichkeit
aber höchft intereffanten und durchaus nicht unwichtigen
Theil der paulinifchen Anfchauungswelt mit richtiger
Methode und in guter Darflellung behandelt. Der
Verf. unterwirft in Abfchn. L u. II. alle einzelnen, für
feinen Zweck wichtigen Aeufserungen einer kurzen exe-
getifchen Erörterung, — Abfchn. I. behandelt die 4 Hauptbriefe
, Abfchn. IL die übrigen, mehr oder minder angezweifelten
Schreiben — um dann in Abfchn. III. die
Refultate kurz zufammenzuflellen, — eine Dispofition,
welche zwar manche Hin- und Herverweifungen noth-
wendig macht, die aber doch auf einer folchen terra
incognita und bei dem gegenwärtigen Stande der Kritik,
namentlich des Colofferbriefes, nicht unpraktifch ift.

Als Methode der Unterfuchung wird in der Einleitung
feftgeftellt, ,aus den Anfchauungen des apofto-
lifchen Zeitalters heraus die paulinifchen Aeufserungen
zu begreifen'; die Durchführung diefer Methode für das
genannte Thema ift das Verdienft des Verfaffers, welches
dadurch nicht geringer wird, dafs fchon vor ihm Klöpper
und Spitta denfelben Weg befchritten hatten; leben wir
doch in einer Zeit, in der es noch vielen als Aufgabe der
biblifchen Wiffenfchaft gilt, für neuteftamentliche Vor-
ftellungen .Anknüpfungspunkte' im Alten Teftament zu
fuchen und die .Pfützen' des Judenthums zu ignoriren.
Ref. ftimmt dem Verf. völlig zu, wenn er p. 57 als Aufgabe
des neuteftamentlichen Exegeten hinftellt, .nachzu-
forfchen, in welcher Form die Ideen des Alten Teftaments
im apoftolifchen Zeitalter lebendig und gangbar waren',
in der Ueberzeugung, dafs .diefelben auch nur in diefer
Geftalt im Bewufstfein der neuteftamentlichen Schrift-
fteller lebten'. Diefe Methode wird durch die Refultate
infofern glänzend beitätigt, als fich überall zu den paulinifchen
Engelsvorftellungen die jüdifchen Parallelen beibringen
laffen, und Paulus fich alfo in diefen Dingen
durchaus als Kind feiner Zeit bewährt.

Der Verf. ift beftrebt, eine wirklich hiftorifche Er-
kenntnifs feines Stoffes zu gewinnen und kämpft daher
mit Entfchiedenheit gegen eine vergeiftigende und
modernifirende Exegefe, welche fich gerade auf diefem
Gebiete gegen die feltfamen, das moderne Bewufstfein befremdenden
Anfchauungen mit allerlei Umbiegungen und
Abblaffungen zu wehren fucht. Verf. fchreckt dabei
nicht davor zurück, ,Ungeheuerlichkeiten' zu conftatiren,

Tradition Rückficht nehme, dafs ,Eva ihre jungfräuliche
Reinheit in Unzucht mit dem fatanifchen Verführer einge-
büfst habe', eine Behauptung, die freilich kaum als ficher er-
wiefen gelten kann. —Ein anderer Hauptgegner des Verf.'s
ift die bisher allgemein getheilte Meinung, dafs die Engel
im Neuen Teftament in gute und böfe Engel zerfallen,
eine Meinung, die den noch immer beftehenden Einflufs
der orthodoxen Tradition auf die Exegefe zeigt, und
gegen die bisher allein Ritfehl Einfprache erhoben hatte.
Verf. zeigt, dafs die doyai, s^oioiat, drvduetc, welche er
mit den als Elementargeifter gefafsten arniytla tov
xoOfiov identificirt, ebenfowenig wie die Menfchen ohne
weiteres als gut oder als böfe bezeichnet werden können.

Verfaffer conftatirt in der Zufammenfaffung der Refultate
eine in fich wohlzufammenltimmende, reich ausgebildete
angelologifche Gedankenwelt des Apoflels,
welche er der Mittheilung an die Gemeinden in feiner
Predigt für werth gefunden hat, die an einigen Stellen
mit feinen werthvollften dogmatifchen Gedanken aufs
innigfte verknüpft ift, die fogar zum Theil auf fein prak-
tifchesVerhalten eingewirkt hat, und daher zum Verftändnifs
wie zur Würdigung des Apoftels nicht unbedeutend beiträgt.
An diefer Stelle wie hie und da in den Einzelausführungen
vermifst man den Hinweis darauf, dafs wir unfere
Kenntnifs der paulinifchen Engellehre aus gelegentlichen
Andeutungen fchöpfen müffen, und dafs diefelben den
Blitzen gleichen, die eine fremde Landfchaft mehr ahnen
laffen als fie erhellen. Wir fehen aus diefen Anfpielungen
deutlich, dafs hier noch eine grofse Fülle von Erzählungen
und Anfchauungen im Hintergrunde fteht, die
fich in der Form von den gnoftifchen Speculationen
kaum unterfcheiden, vgl. z. B. I Kor. 2, 8. Col. 2, 15.
Aber wir vermögen es nicht, die Engellehre bis ins
Einzelne zu beftimmen.

Während Everling im Allgemeinen feine klar erfafste
Aufgabe, ,die Dinge in der concreten Vorftellungsmäfsig-
keit zu erfaffen, in welcher fie urfprünglich gedacht find',
feft im Auge behält, fällt es auf, dafs er fich vor dem
fo weit verbreiteten Fehler des vorfchneilen Harmoni-
firens nicht beffer gehütet hat. Gerade bei feinem Thema,
in welchem fich die heterogenften Einflüffe und Motive
begegnen, und welches im Wefentlichen freie Schöpfungen
der Phantafie wiedergiebt, war es befonders
nöthig, mit der gröfsten Vorficht bei eventuellen Ungleichheiten
zu verfahren, und nicht Dinge zu einander
in Beziehung zu fetzen, welche im Geilte des Paulus
überhaupt gar keine Beziehung gehabt haben. Man lernt
diefe Vorficht dann, wenn man einfieht, dafs wir von
Paulus nicht ein Syftem, fondern nur durch grofse Grundgedanken
verbundene Fragmente haben. So ift bei Ever-

wie z. B. dafs II Kor. Ii, 2 f. Paulus auf die jüdifche | ling die vermuthungsweife ausgefprochene Gleichfetzun

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