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Ausgabe:

1889 Nr. 1

Spalte:

18-20

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Palmié, Friedrich

Titel/Untertitel:

Evangelische Schul-Agende. 2., unveränd. Aufl 1889

Rezensent:

Grünberg, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 1.

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fei auf noch einiges hingewiefen, was die Schrift allgemeiner
Beachtung empfiehlt und möglichen Vorurtheilen
entgegentritt. Sehr wohlthuend berührt die entfchiedene
Betonung wahrhafter chriftlicher Frömmigkeit, z. B. des
Werthes der Seelforge, einerfeits und tüchtiger VViffen-
fchaitlichkeit andererfeits. S. 6—8 wird als fehr bekla-
genswerth bezeichnet, ,wenn in den Predigerfeminaren
eine einfeitige Richtung herrfchend würde, indem die
freie geiftige Entwickelung des Einzelnen dadurch gehindert
erfchiene'. Dafs der Verf. einen grofsen Werth auf
die Philofophie legt, zeigt z. B. die Aeufserung S. 72:
,Es giebt nichts, was den im Glauben an die Offenbarung
flehenden Geiftlichen mehr feftigen könnte als eine po-
fitive Philofophie'. Dafs er letztere nicht etwa engherzig
auffafst, beweift die gewifs fehr richtige Behauptung
S. 73: ,Nur eine Philofophie, welche allen Refultatcn
der heutigen Naturwiffenfchaft Rechnung trägt, kann
hoffen, dem Materialismus Stand zu halten'.

Vieles andere wird nur dann richtig erfcheinen,
wenn man gerade folche Predigerfeminare in das Auge
fafst, wie fie der Verf. herflellen will. Eben in diefer
Beziehung vermifst man die deutliche Beantwortung einiger
wichtigen Fragen, namentlich: follen alle Candida-
ten das Predigerfeminar bcfuchen? und wie lange foll
der Seminarcurfus dauern? Dem Unterzeichneten fchei-
nen die Vorfchläge des Verf.'s nur durchführbar, wenn
blofs eine Auswahl befonders hervorragender und reifer
Candidaten ein Seminar 2 Jahre lang befucht. Auf 2
Jahre fcheint auch S. 80 zu weifen, dafs die Probelectio-
nen im 2. Semefter beginnen follen (vgl. den vorgefchlag-
nen Stundenplan). Dafs der Verf. wirklich derartige Anwälten
im Plane hat, geht auch wohl aus dem Anfchluffe
feiner ganzen Darftellung an die Predigerfeminare von
Loccum, Wittenberg und das Domicandidatenftift in Berlin
hervor. Unter der Vorausfetzung, dafs neue Anftalten
diefer Art gegründet werden follen, wird man den Vor-
fchlägen des Verf.'s meiflens beiftimmen können, auch
der Empfehlung grofser Städte als Seminarfitze fowie
des Zufammenlebens in einem Convicte und den fehr
beherzigenswerthen Bemerkungen über die Behandlung
der Lehrfächer. Ueber Einzelnes wird man natürlich
verfchiedener Meinung fein. Doch fei hier nur erwähnt,
dafs S. 58 und auf dem ,vorgefchlagenen Stundenplane'
zwar einerfeits der Fächer faft allzuviele Rheinen, andererfeits
aber Kirchenmufik und Kirchengefang vermifst
werden. — Zum Hausvater nach S. 56, ,welcher im In-
ftitut zu wohnen, die ökonomifche Seite zu vertreten, die
Hausordnung zu wahren, zunächft die Hausandachten zu
leiten und zu beauffichtigen hat, foweit diefelben nicht
mit Beginn oder Schlufs der Studien zu verbinden find',
einen ,emeritirten Geldlichen' zu nehmen, dürfte bedenklich
fein, weil die Alterfchwäche leicht zu fehr zunehmen
und dadurch allzurafcher Wechfel oder fonftiger Schaden
herbeigeführt würde. — Noch bedenklicher aber mufs
ich den Vorfchlag S. 92 finden, die eigentliche Seelforge
an den Candidaten felbft ,einem unabhängigen aufser-
halb der Anftalt flehenden Geiftlichen' zu übertragen, mit
dem nach dem Stundenplane jeder Candidat monatlich
eine feelforgerifche Befprechung haben foll. Abgefehen
davon, dafs dadurch, was Sache freien Bedürfnifses und
Vertrauens fein follte, zu fehr unter beftimmte Regel
gebracht wird, halte ich die betreffende Trennung zwi-
fchen den eigentlichen Anftaltslehrern und einem aufser-
halb Stehenden für unnatürlich und nachtheilig. Erfteren
wird eine der fchönften Seiten ihres Amtes, die unmittelbare
perfönliche Einwirkung, zum grofsen Theile entzogen
und die Gefahr nahe gelegt, blofse Fachlehrer zu werden.
Was letzerem, dem viele fonftige erfteren zu Gebot flehenden
Zugänge zu den Seelen der Candidaten fehlen,
droht, das deute die Vergleichung mit einem Religionslehrer
an einem Gymnafium an, welcher dafelbft, fonft
aufserhalb der Anftalt ftehend, nur als Hilfslehrer in
feinem Fache unterrichtet.

Nun fei auch noch geftattet, als beklagenswerth zu
1 bezeichnen, wenn man nur für hervorragend tüchtige
Candidaten neue Predigerfeminare gründen wollte. Obwohl
ich Anftalten wie die in Loccum, Wittenberg und
i das Domcandidatenftift fehr hoch fchätze, mich über
I jede Berührung mit denfelben herzlich freue und auch
; neue Anftalten diefer Art als eine Segensquelle für die
evang. Kirche begrüfsen würde; fo fehe ich doch als das
überhaupt Nöthiglte folche Predigerfeminare an, in welchen
alle Candidaten Aufnahme finden. Denn nicht die
Stärkeren, fondern die Schwächeren bedürfen am meiften
befonderer Anleitung für die Praxis*). Auch halte
ich in kleineren Landeskirchen eine Scheidung zwifchen,
fo zu fagen, Geiftlichen erfler und zweiter Claffc für recht
bedenklich. Da die preufsifche Provinz Heffen-Naffau,
an welche der Verf. als an feine Heimath doch wohl bei
feiner Arbeit befonders gedacht hat, in Herborn fchon
ein wohlbewährtes Predigerfeminar befitzt, fo wird in ihr
fich wohl nicht fchwer eine zweite folche Anftalt einrichten
laffen, welche mit jener zufammen allen Candidaten
die Seminarbildung vermittelt.

Sollte der Verf., meinem vorhin dargelegten Ver-
fländnifse entgegen, wirklich eine folche im Auge haben,
dann müfsten feine Vorfchläge nach meiner Anficht und
Erfahrung bedeutend verändert werden. Erwähnt fei
nur, dafs alsdann die Behandlung der meiften Fächer
durch Referate der Candidaten (vergl. z. B. S. 63, 84, 86)
durch die Rückficht fowohl auf die Schwächeren als auf
die Stärkeren, für welche das Anhören vieler mangelhaften
Arbeiten kaum zu ertragen wäre, fehr befchränkt
werden müfste. Auch würde Rückficht auf die Köllen
wie vieles Andere, fo namentlich den zweijährigen Cur-
fus unmöglich machen.

Doch der Verf. entgegnet vielleicht, dafs er in dem
Gedanken, die wirklichen Verhältnifse würden fchon für
die nöthigen Abzüge forgen, ein Ideal habe hinftellen
wollen. Jedenfalls hat er das in recht ernfter, beachtens-
werther Weife gethan und dadurch einer fehr wichtigen
Sache einen guten Dienft geleiftet. Zur Förderung der-
felben gereicht aber hoffentlich auch, dafs hier eine Erinnerung
an das Nöthigfte und Erreichbare beigefügt wurde.

Friedberg. Diegel.

Palmie, Pred. Religionslehrer Friedr., Evangelische Schul-

Agende, enthaltend liturgifche Morgenandachten für
alle Tage des Schuljahres, nebft einem Anhange, enthaltend
Andachten für befondere Fälle. I. Bd.: Morgenandachten
, geordnet nach den Evangelien des
Kirchenjahres. 2. unveränderte Aufl. Halle, Strien,
1888. (VIII, 360 S. Lex.-8.) M. 6.— ; geb. M. 7.50.

In dem vom Auguft 1887 datirten Vorwort zur
erften Auflage (S. III — VII) des hier in zweiter unveränderter
Auflage vorliegenden Werkes giebt der Verf.
Rechenfchaft über die Veranlaffung, den leitenden Gedanken
und die für die Ausführung gewählte Form feiner
Arbeit; diefe ift beftimmt, der deutfeh-evangelifchen

*) Wenn der Verf. S. 23 fagt: ,Wir fehen dabei von folchen Anftalten
ab, die mehr zur Ergänzung des Univerlitätsftudiums beftimmt find,
daneben aber auch die Vermittlung der Wiffenfchaft mit der Praxis und
mit dem Leben nicht aufser Acht raffen, wie Herborn im Naffauifchen,
Friedberg in 1 Iefien-Darmftadt und Heidelberg', — fo fordert diefe Bemerkung
zu Widerfpruch auf. Als Beweis, foweit fie Friedberg betrifft,
fei nur Art. 1 unferer Gründungs-Urkunde angeführt: .Das ev. Prediger-
feminarium hat die Beftimmung, den angehenden ev. Geiftlichen des Grofs-
herzogthums, nach Vollendung der theologifchen Univerfitätsfludien, zur
weiteren Ausbildung und zur unmittelbaren Einführung in das praktifche
Berufsleben zu dienen', und Art 2 der Ausführungs-Verordnung: .Während
die Univerfität nach wie vor die Anleitung zum Studium fowohl der reinen
als der angewandten Theologie in ihrem ganzen Umfang — die Bildung
des Theologen — zur Aufgabe hat, befchäftigt fich das Seminarium
ausfchliefslich mit der lebendigen Anwendung der gefammten theologifchen
Disciplinen — der Bildung des angehenden Geiftlichen'.