Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1889 Nr. 11

Spalte:

290-291

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoerschelmann, F.

Titel/Untertitel:

Halte, was du hast. Ein Jahrgang Predigten 1889

Rezensent:

Wächtler, August

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

2S9

Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 11.

290

dem Judenthum öfter zarte Rückficht entgegen. Wahr- 1
heit und Freiheit follen die Gemeinfchaft zufammenhalten,
beide rein fubjectiv gefafst — hat fich das Schwalb wohl
ernftlich überlegt? An einer Stelle findet er -felbft das
Grundgebrechen der evangelifchen Kirche in der Iden-
tificirung von Religion und Erkenntnifs oder Lehre; und
doch treibt er felbft nichts als Erkenntnifspflege oder
-Reinigung! Mitunter empfindet er diefen Widerfpruch
felbft. Dann verwendet er (S. 31 ff.) 2% Seiten auf die
Beruhigung feiner Zuhörer, nachdem er fie 6% Seiten
hindurch aufgeregt und irre gemacht hat. Auch entgeht |
ihm nicht (S. 98), dafs ein beruhigendes und erquicken- 1
des' Wort manchen vielleicht nützlicher fein wird', als
alles, was er vorher gegen die Dreieinigkeitslehre ge-
fagt habe.

Wie follen wir uns eine fo widerfpruchsvolle Pofition
erklären? Schwalb felbft legt uns eine Vermuthung nahe:
er fpricht öfter davon, dafs er krank fei. So heifst es
S. 31: ,Nun, meine lieben Brüder, ich habe mit mehr
Aufregung gefprochen, als recht war. Aus Schwäche
habe ich, Kranker, fo gefprochen'. S. 52: .Verzeiht mir

— einem kranken Prediger, der feine Predigten nicht
fchriftlich vorbereiten kann, mufs man einiges verzeihen j

— eine alte Erinnerung drängt fich mir auf (nun wird
eine wirklich dumme Gefchichte von einem Judenjungen
erzählt). Es ift zu bedauern, dafs Schwalb keinen guten
Freund befafs, der ihm gefagt hätte: was du in krankhafter
Aufregung etwa Verkehrtes gefprochen halt,
wird man dir verzeihen; wenn du das aber dann drucken
läffeft, fo ift dies unverzeihlich, und wenn du deine Krankheit
noch dazu erwähnft, fo fieht das faft aus, als wollteft
du mit derfelben kokettiren. — Allerdings liebt Schwalb
das Pikante, das Auffallende, Scharfe, Herbe — Para-
doxien gelingen ihm oft nicht fchlecht —•, auch das
eigene Ich tritt, mehr als wohl nöthig gewefen wäre,
hervor. Einmal (S. 143) heifst es: ,in diefer Predigtreihe
habe ich unferer proteltantifchen Kirche Bufse gepredigt':
welch ftolze Bezeichnung für diefe vor einer einzelnen
kleinen Gemeinde gehaltenen Vorträge, die zudem von
wirklichem Bufston fo wenig an fich tragen! Schäden
aufdecken heifst doch noch nicht Bufse predigen. Aber
vielleicht lölt fich hier das Räthfel; der Prediger, der ,mit
gutem Gewiffen, aus dem vollen Drange feines Herzens' j
zu feinen Zuhörern lagen kann: ,kommt her zu mir, zu J
mir, (S. 73), weil er überzeugt ift, nichts Anderes gelehrt
zu haben, als was Jefus auch gelehrt hat, diefer
Prediger ift fich bewufst, die ganze, die eigentliche und
richtige proteftantifche Kirche zu repräfentiren, auch wenn
er der ganzen Kirche entgegentritt. Nur fo kann ich mir
die Stellung, welche Schwalb einnimmt, einigermafsen erklären
; dafs er nicht wie Andere feine Aufgabe darin
findet, fich mit feiner fubjectiven Perfönlichkeit an die
objective Gröfse der Gemeinfchaft, fchon im Gefühl der
Dankbarkeit, aber auch in Erkenntnifs feiner amtlichen
Verpflichtung, hinzugeben, ihre Befitzthümer forgfältig
zu hüten, zu erhalten, zu mehren, vielleicht zu reinigen,
jedenfalls fie als dasjenige zu betrachten, was ihm zur
Norm dienen, nicht fich nach ihm richten mufs. Mit
einem Worte: es ift der Standpunkt des Kirchenreformators
, den Schwalb einnimmt. Die Berechtigung dazu
wird in feiner Befähigung dafür gefucht werden müffen.
Zweifel an letzterer dürfte doch fchon das vorhin Ge-
fagte erwecken. Und ein gewiffes Mafs von Geift und
Originalität (z. B. in der Auslegung von Schriftftellen),
Willen und Scharffinn (womit allerdings die in Betreff
des Dreieinigkeitsglaubens S. 53 aufgetifchte erfchreckende
Trivialität feltfam contraftirt; reicht doch für fo hohen
Beruf noch lange nicht aus. Das erfte Erfordernifs eines
religiöfen Reformators ift doch wohl religiöfe Kraft
und Tiefe, dadurch mufs er hinreifsen, dann wird ihm
auch die Zerftörung des Alten gerne nachgefehen. Ganz
läfst Schwalb folche religiöfe Kraft nicht vermiffen; die
Capitel ,Bufse und Verhöhnung' z. B., namentlich Nr. XII

.Prädeffinationslehre', und manches Einzelne fonft weifen
recht erfreuliche Anfätze nach diefer Seite hin auf. Aber
was ift diefes wenige Erfreuliche gegenüber der Maffe
des blofs Zerfetzenden und Verletzenden, der reinen Ver-
ftandesarbeit, die nur vom Verftandesmenfchen ausgeht
und nur Verftandesmenfchen befriedigen — nicht etwa
nähren und ftärken kann!

Hier liegt, foviel ich fehe, der Hauptfehler des Buches
(um von andern, wie etwa der hiftorifchen Pofition des
Verf.'s gar nicht zu reden) und der Hauptgrund für den
unangenehmen, peinlichen Eindruck, den es auch bei demjenigen
hinterläfst, welcher viele von den hier aufgedeckten
Gebrechen des kirchlichen Proteftantismus als
folche anerkennt und den diefelben frei ausfprechenden
Wahrheitsfinn gar wohl zu fchätzen weifs.

Heidelberg. Baffermann.

Hoerschelmann, Confift.-Affeff. Prof. Univ.-Pred. Dr. F.,
Halte, was du hast. Ein Jahrgang Predigten. Dorpat,
Karow, 1888. (X, 620 S. gr. 8.) M. 6.—

Eine Predigtfammlung aus der lutherifchen Kirche
der ruffifchen üftfeeprovinzen nimmt unfer Intereffe in
zwiefacher Beziehung in Anfpruch. Die homiletifche Gabe,
welche uns in diefem Jahrgang von 69 Predigten geboten
wird, verdient volle Anerkennung. Die Predigten des
Dorpater Univerfitätspredigers ,follen und wollen Gemeindepredigten
fein'. Auch die Univerfitätsgemeinde
ift ihm vor allem eine Gemeinde Gottes; ,die Seelennahrung
, welche fie im Gotteshaufe begehrt, und die
Herzensopfer, die fie bringt', weifs er in Gefäfse zu fallen,
welche dem Gotteshaufe und dem heiligen Dienft ent-
fprechen. Die beiden Predigten, welche auf befondere
akademifche Anläffe fich beziehen, — beim Stiftungstag
der Univerlität und beim Beginn des Semefters — bezeugen
dies nicht weniger, als die fämmtlichen übrigen,
welche bei den verfchiedenften Anläffen des Gemeindelebens
gehalten find. Mit der Kraft tiefer perfönlicher
Ueberzeugung und reicher Erfahrung werden die ewigen
Wahrheiten in fchlichter, oft fchmucklofer Rede bezeugt,
und was ein Univerfitätsprediger vor andern voraushaben
mag, macht fich nie um feiner felbft willen geltend; die
tief eindringende Auslegung und die biblifch-theologifche
Tüchtigkeit werden einfältig und ungekünftelt in den
Dienft der Gemeinde geftellt. Und wenn der kirchlich
lutherifche Standpunkt des Verfaffers in feinen Ausführungen
überall deutlich hervortritt, fo engt derfelbe doch
niemals die freie und volle Heilsverkündigung ein, dafs
Nebendinge und Zufälligkeiten dem Evangelium gleich-
geftellt erfchienen, fondern der Prediger verfteht es meifter-
haft, den Geift des Worts an das Herz der Zuhörer zu
bringen. Wir freuen uns diefer Vorzüge um fo mehr,
als durch H.s Predigten für die evangelifche Kirche in
den ruffifchen Oftfeeprovinzen ein erquickliches Zeugnis
abgelegt wird. Von dem livländifchen evangelifch-luthe-
rifchen Confiftorium ift gegen den Druck der Predigten
nichts einzuwenden gewefen. Für den vaterländifchen
Sinn des Predigers ift die Predigt vom 15. März 1881 be-
fonders bemerkenswerth, über Plalm 85, bei der Trauerfeier
für Kaifer Alexander II., .welcher die herrlichfte
Freiheit feinen Unterthanen zu bereiten, die erften ver-
heifsungsvollen Schritte gethan, der die Morgenröthe der
Glaubens- und Gewiffensfreiheit über uns hatte
aufgehen laffen'. Die Predigt nach dem Tode Kaifer
Wilhelm's I. am 11. März 1888, über Pfalm 84. 12, 13,
bezeugt auf's fchönfte die Geiftesgemeinfchaft mit der
evangelifchen Kirche Deutfchlands. Aber auch die Klage
unferer Glaubensgenoffen wird in den Predigten laut; an
dem 25jährigen Gedenktage der Stadtgemeinde Fellin
erinnert der Prediger daran, dafs in unfern Ta«en die
Bahnen verbaut und die Wege verlegt find für das Licht
und die Kraft des evangelifchen Zeugnifses. .Aber fo
fchmerzlich wir folche Gebundenheit empfinden, wir