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Ausgabe:

1889 Nr. 11

Spalte:

288-290

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schwalb, Mor.

Titel/Untertitel:

Gebrechen oder Leistungen des kirchlichen Protestantismus 1889

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 11.

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Kritik in ihrem Namen, infofern fie von aufsen ihre
Evolutionstheorie herbeigebracht hat. Verfaffer ent-
fcheidet fich für die erftere. Es find Tagebuchaufzeichnungen
des Mofes, welche uns in den fpäteren
Büchern des Pentateuchs gegeben und fpäter überarbeitet
find. Dagegen ift das Gefetz bis in feine Einzelheiten
unmittelbar göttlichen Urfprungs, was befonders aus
der Erfüllung im neuen Teftament hervorgeht. Es läfst
fich erwarten, dafs die Propheten von diefer Gefammt-
anfchauung aus, unter Zurückweifung aller kritifchen
Ergebnifse und in allen ihren Theilen für echt erklärt
werden; doch hat Verfaffer für fie verhältnifsmäfsig
wenig Raum übrig.

Aus den gewonnenen Vorausfetzungen wird nun eine
vierfache Form der Infpiration im alten Teftament abgeleitet
: the hagiographic, das Einwohnen des Geiftes
Gottes vermöge religiöfer Begeifterung, the prophetzc,
durch Träume, Vifionen u. a., wodurch die Propheten zu
Mittlern der Offenbarung werden, the transcriptive, wefen-
lich die Infpiration im altdogmatifchen Sinn, befonders
der impulsus ad scribenduvi, the canonic, die Einwirkung
auf die Sammler des Kanon. Weitaus das Ausführlichfte
giebt Verfaffer zu der erften Claffe, der hagiographifchen,
obfchon diefe ja Infpiration im vollen dogmatifchen Sinn
nicht heifsen kann, und giebt damit felbft ein Zeugnifs
dafür, wo die Infpiration der altteftamentlichen Schrift-
fteller ihre eigentliche Heimath hat.

Man kann nicht fagen, dafs Verfaffer irgendwie
feine Gegner ungerecht behandelt. Man foll nicht fagen,
dafs die der feinen entgegengefetzte Anficht die allein
wiffenfchaftliche fei. Und doch wäre ein Buch, wie das
vorliegende, in Deutfchland nicht möglich, felbft bei
Solchen nicht, die etwa fachlich ganz damit überein-
ftimmten. Denn das ift die Ueberzeugung, welche die
Arbeiten der Theologen, auch der fogenannten kritifchen,
zeitlich mit dem Auffchwung kirchlichen Lebens zu-
fammenfallend, zum Gemeingut unferer theologifchen An-
fchauung gemacht haben, dafs die chriftliche Wahrheit
auf fetterem Grunde ruht, dafs fie auch durchaus nicht
unmittelbar der Gegenftand des Kampfes ift, der fich
um die altteftamentliche Literatur jetzt entfponnen hat.

Leipzig. Härtung.

Schäfer, Thdr., Diakoniffenanft.-Vorft. Palt., Leitfaden
der inneren Mission zunächft für den Berufsunterricht
in Brüder-, Diakonen- und Diakoniffen-Anftalten. 2.
verm. u. verb. Aufl. Hamburg, Agentur des Rauhen
Haufes, 1889. (XVI, 252 S. gr. 8.) M. 3. 60.

Schäfer's Leitfaden hat den grofsen Vorzug, dafs
er aus der Praxis für die Praxis ausgearbeitet ift. Im
Winter von 1885/86 war der Verfaffer genöthigt, wegen
Erkrankung vieler Diakoniffen den Unterricht derfelben
ausfallen zu laffen; in der dadurch gewonnenen Zeit er-
theilte er den Brüdern im Rauhen Haufe Berufsunterricht
; aus feinen fchriftlichen Vorbereitungen gaberein
Dictat. So entftand diefer Leitfaden zunächft für die
Liebesthätigkeit der Diakoniffen und Diakonen. Der
Nothftand und die Gefchichte der Abhülfe wird in kurzen
Zügen vorgeführt. Damit wird den Schülern und Hörern
die Nöthigung auferlegt, fich der Hauptfachen zu ver-
gewiffern und darauf das Auge zu richten.

Gefchildert werden die Gefchichte der einzelnen
Thätigkeiten, die Arbeit felbft und die Arbeitskräfte.
In der i. M. laufen die drei Strömungen der Barmherzigkeit
, der freien Verkündigung des Evangeliums und kirchliche
Reformverfuche in einander. ,Sie ift diejenige kirchliche
Reformbewegung des 19. Jahrhunderts, welcheden inneren
Zuftand der Kirche dadurch zu beffern unternimmt,
dafs fie fowohl die Werke der Barmherzigkeit als auch
die freie Verkündigung des Evangeliums dem Leben
der Kirche gliedlich und dauernd einfügen und in ihr

wirkfam machen will'. In 56 ,^ unter 9 Capiteln werden
nach der Einleitung über das Wefen der i. M. behandelt
im 1. Capitel eine Gefchichte der Liebesthätigkeit von der
apoftl. Zeit bis zur Gegenwart (2—8), fodann Erziehung
und Unterricht von Kindern, Erziehung und Bewahrung

j der Jugend, Rettung der Verlornen, Bewahrung der Ge-

1 fährdeten, Pflege der Gebrechlichen und Kranken, Verbreitung
chriftlicher Literatur, Kampf gegen fociale
Nothftände, Arbeitskräfte d. i. M. Den Anhang bildet

ein fchätzenswerther Literaturnachweis.

Der Leitfaden hat bereits vielfach Eingang in An-

t Raiten gefunden und bildet die Grundlage des Berufsunterrichts
; bei den im Rauhen Haufe, in Dresden, Hahnover
, Berlin und .Frankfurt abgehaltenen theoretifch-prak-
tifchen Kurfen über i. M. wurde er von Rednern und

i Hörern benutzt. Innerhalb Jahresfrift wurde die 2. Aufl.
erforderlich; diefe zweite ift vermehrt durch ein Lebensbild
von G. Werner, erweitert find die Bemerkungen
über die Verkrüppelten-Fürforge, h inzugefügt ift ein
Paragraph über das Sparkaffenwefen. — Allen Freunden
der i. M. ift mit dem Leitfaden ein Buch in die Hand
gegeben, in dem das Nothwendigfte zufammengeftellt ift
über die einzelnen Gebiete der Liebesthätigkeit; für den
Unterricht in Anftalten ift die Darftellung klar und über-

j fichtlich und hebt fie das Wiffenwerthefte heraus; es hält

1 fich mit Nüchternheit innerhalb der Grenzen des Gebietes,
worauf vom Glauben aus gebaut und gearbeitet werden
kann; es ift ein Wegweifer zu eingehender Kenntnifs

! der i. M.

Zwingenberg bei Darmftadt. Stromberger.

Schwalb, Pred. Dr. Mor., Gebrechen und Leistungen des
kirchlichen Protestantismus. Kanzelreden. Leipzig, O.
Wigand, 1888. (XI, 150 S. gr. 8). M. 2.—

Von diefen ,Kanzelreden' fagt der Verf. im Vorwort
fie gleichen .ihrer Form fowohl als ihrem Inhalte nach
den landläufigen, als Predigten erfcheinenden, Geiftes-
producten möglichft wenig'. Das ift richtig, mifslich
jedoch, dafs es immerhin Predigten find bezw. waren
oder doch fein füllten, von chriftlicher Kanzel durch
einen chriftlichen Prediger gehalten. Der daraus er-
wachfende Anftofs ift auch in den Augen freier denkender
Menfchen durchaus berechtigt. Wir ftellen uns dabei
nicht auf den Standpunkt eines Bekenntnifses oder einer

1 Dogmatik, fondern auf den der Homiletik. Gottesdienft
und Predigt find zur Erbauung da, zur Erbauung der

1 chriftlichen Gemeinde. Das Gefchäft Schwalb's aber
befteht ganz vorzugsweife im Niederreifsen — von den
Gebrechen der evangelifchen Kirche redet er weit mehr
als von ihren Leiftungen —■, im Niederreifsen auch der
chriftlichen Gemeinde, trotzdem, dafs er gelegentlich von
feiner ,lieben proteftantifchen Kirche' fpricht und öfter
nachdrücklich erklärt, wenigftens freiwillig nicht aus ihr
fcheiden zu wollen, da er fleh mit feinen Anhängern als
den echten Nachkommen Luther's fühle, als den Sohn
feiner kräftigen Jugend, während die Orthodoxen die Er-
zeugnifse feines kränklichen Alters feien.

Was ift ihm Erbauung? — Wahrheitserkenntnifs, auch
die rein-negative; von dem bisherigen dogmatifchen Irrthum
als von einer Krankheit geheilt zu werden, ift fchon

I an und für fich ein fo grofses Gut, dafs nach einem Erhitze
für das Negirte zu fragen keinen Sinn habe. Aber
— fo mufs man fragen — werden wir vielleicht noch

| gefünder, wenn wir auch das von Schwalb noch Feft-
gehaltene, den Gottesglauben, die Sittlichkeit, die Kraft

j grofser Vorbilder negiren? Und wo bleibt die Gemein-
fchaftr Schwalb fcheint gar kein Gefühl für dasjenige
zu befitzen, deffen diefe bedarf und was fie von dem
Individuum zu fordern berechtigt ift: während er, was an
dem Proteftantismus getadelt werden kann, auf's Schärffte
hervorhebt, hat er gelegentlich für Eigenthümlichkeiten
des Katholicismus ein auffallendes Verftändnifs und bringt