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Ausgabe:

1889 Nr. 11

Spalte:

280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lemm, O. v.

Titel/Untertitel:

Koptische Fragmente zur Patriarchengeschichte Alexandriens 1889

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Seite 1

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279 Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 11. 280

,Die hiftorifche Perfönlichkeit des Apostels Paulus behält
auch dann Realität genug, wenn die ihm beigelegten
Briefe fämmtlich fpäteren Datums find' (Prot. K.-Z.,
1889, S. 109)? Wie dem aber auch fei, fchwerlich wird
Steck die theologifche Welt davon überzeugen, dafs in
der ,paulinifchen Legende des Gal.-Br.' (S. 120) nur
die in der Erinnerung eines fpäteren ,radicalen' Pauliners
,verklärte Ideal-Gestalt des Heidenapoftels', in der
Apoftelgefchichte dagegen das ältere, gefchichtlichere
und innerlich wahrfcheinlichere Paulus-Bild vorliege.
Noch weniger Ueberzeugungskraft hat der exegetifche
Theil der gegen die Echtheit und Priorität des Galater-
briefes gerichteten Kritik. Man braucht wahrlich nicht |
zur Weifse-Sulze'fchen Interpolationshypothefe — die J
Steck (Prot. K.-Z., 1889, Nr. 6 und 7) mit Recht ab- !
lehnt — feine Zuflucht zu nehmen, oder des durch
van Manen (bei Steck S. 21) reconftruirten kürzeren und
angeblichzufammenhängenderenMarcionstextesdesGal.-
Br. fich zu getrosten, um die exegetifchen Einwendungen
Steck's gegen deffen Echtheit ungerecht, willkürlich und
fchwach zu finden. Man kann zugeben, dafs an manchen
Stellen der Text nicht in Ordnung, der Zufammenhang
kein fonderlich guter, der Ausdruck ein unklarer ifh Bei i
welchem Schriftstück des Alterthums wäre das aber nicht
der Fall? Und wie Vieles, was Steck anführt, beruht
nur auf Schein oder rein fubjectivem Urtheil (z. B. zu
I, 6, S. 123 ff; zu 4, 13 f., S. 130 f.; zu 6, 17, S. 145 f.)!
In einzelnen Fällen (wie z. B. 3, 6 und 3, 11 f.) ift durch |
die vom Texte felbft mehr als nahegelegte An- I
nähme eines den Zufammenhang ftörend durchbrechenden !
Gloffems unfchwer Heilung zu erzielen; in anderen wird
es bei einem non liquet bleiben müffen. Zu völlig fubjec-
tiviftifcher Willkür aber artet Steck's Verfahren aus, wenn
er die in Stellen wie 3, 15 ff. 21.26—28; 4, 1 — 6; 2, 15—21; 1
4, 21—25; 5, 13 ff. (vgl. S. 50—73) wirklich oder angeblich
entdeckten Unebenheiten, Context-Störungen, Sprünge,
,klaffenden Fugen' u. dgl. als aus einer anderen Mauer herausgebrochene
und in das Gefüge des Gal.-Br. nicht recht
hineinpaffende Steine anfleht (S. 147) und nur aus dem
Römerbrief (und den Kor.-Brr.) als dem ,Mutterboden'
oder der ,in gefchloffener Darflellung' bereits vorhandenen
Vorlage erklären zu können behauptet. ,Willkür' nannten
wir dies, oder was foll z. B. ein unbefangener Lefer dazu
fagen, wenn Steck (S. 59 f.) die Phrafe: ö vofiog xCjVTtaqa-
ßaoeiov ytccQ iv 7TQ0Otxtitr (Gal. 3, 19) als ohne denRömer-
brief unverständlich und nur durch Rom. 4, 15 (,wo kein
Gefetz — da auch keine Uebertretung'; und 5, 20 (,das
Gefetz follte die Verfehlung vermehren') erklärbar
findet, obgleich doch in der Galaterftelle felbft, v. 22,
deutlich zu lefen fleht: ,Zufammengefchloffen hat
die Schrift (d. i. Gott nach dem Zeugnifs der Schrift)
Sämmtliches unter die Sünde, damit die Verheifsung
auf Grund des Glaubens — — ertheilt würde — —'?
Oder, wer wird es Steck glauben, wenn er (S. 144— 146)
aus den natürlich nur fingirten ,Malzeichen Jefu an Pauli
Leib' (Gal. 6, 17) die ,von der Kette und anderen Mifs-
handlungen an den Gliedern des zu Rom gefangenen
Apoftels hinterlaffenen Eindrücke' herauslieft und in
dem ganzen Verfe ein ,Abfchiedswort' des der Noth des
Erdenlebens Valet tagenden ,Apoftels' (S. 146. 152 f.)
erblickt; oder wenn er endlich (S. 130 f. 152—154) gar
in dem unfchuldigen 10 g nqotinov (Gal. 5, 21) — dem
a ngoltyto zum Trotz — nicht etwa eine Rückbeziehung
auf früher von P. mündlich Geäufsertes, fondern eine
.ausdrückliche Rückverweifung' auf die Stelle 1 Kor.
6, 9 f. fleht? Da dies — nämlich den Apoftel den Gala-
tern etwas wiederholen zu laffen, was er den Korinthern
gefchrieben hat — nun unter gewöhnlichen Umftänden
die denkbar gröfste Dummheit wäre, fo werden wir belehrt
, dafs die Adreffen der einzelnen Briefe nur Einkleidung
' find, und dafs der Autor des Gal.-Br. den
Paulus der Hauptbriefe an die .ganze Kirche' fchreiben
läfst (S. 154)!

Wir müffen, fo Vieles und fo Wichtiges auch noch
zu fagen wäre, zum Schluffe eilen: denn censor spatii
imminet! Untere Befprechung konnte nur die Rieht- und
Zielpunkte einer Widerlegung des Steck'fchen Buches
andeuten, nicht diefe felbft liefern. Diefe kann nur durch
eine neue ebenfo eingehende und umfaffende, aber unbefangenere
Unterfuchung der von dem Schweizer Theologen
angeregten Fragen und Probleme feitens berufener
Forfcher bewirkt werden; und die kleinen Steck'fchen
Scharmützel in der .Prot. K.-Z.', welche Rückzugsgefechten
zum Verwechfeln ähnlich fehen, können und
werden diefe Widerlegung nicht aufhalten. Wir fcheiden.
von dem Steck'fchen Buch zwar mit der rückhaltslofen
Anerkennung, dafs in demfelben ein tüchtiges Stück
theologifcher Gelehrfamkeit und gründlicher wiffenfehaft-
lichen Arbeit vorliegt, aber auch mit dem unzerstörbaren
Eindruck, Steck fei unbewufst fein eigener Prophet
gewefen, wenn er (S. 356) von einem ,Hypothefenbau'
redet, ,der einem auf ein paar Ziegelsteine gestellten
Thurme gleicht, die unter feiner Wucht zufammenbrechen
und ihn mit zu Falle bringen müffen'.

Friedberg in Heffen. Wilhelm Weiffenbach.

Lemm, Conferv. Privatdoc. Dr. O. v., Koptische Fragmente
zur Patriarchengeschichte Alexandriens. (Memoires
de l'acad. imp. des sciences de St.-Petetsbourg, VIF
Serie. Tome XXXVI, No. 11.) St.-Petersbourg, 1888.
[Leipzig, Vofs Sort.]. (46 S. gr. 4.) M. 1. 80.

Die hier mitgetheilten Fragmente aus einem Enko-
mium auf Athanafius find einem Petersburger Codex
unter Hinzuziehung eines von Roffi edirten Turiner
Cod. und des Cod. Borgianus CLXII entnommen. Leider
find fie zum gröfsten Theil zufammenhanglos. Auch ift,
was fie bieten, meift ohne Belang. Von Werth ift die
kaum anzuzweifelnde Notiz, dafs Athanafius bei der Wahl
zum Bifchof 33 Jahre alt, alfo 295 (nicht 297, wie gewöhnlich
angenommen wird) geboren war. Ferner erfahren
wir von einer längeren, auch mit Predigtthätigkeit
verbundenen Reife des Athanafius nachlfaurien(Seleucia),
von der fönst Nichts bekannt ift. Ift fie hiftorifch, fo
gehört fie in eine der Verbannungsperioden. Der Ver-
faffer des Enkomiums war wohl ZeitgenoffedesTheophilus,.
den er erwähnt.

Lemm vergleicht aufserdem Stücke der im Cod.
Borg. CLX (Zoega, S. 260—268) enthaltenen, koptifch
gefchriebenen Gefchichte mehrerer Patriarchen von
Alexandrien mit den entfprechenden Abfchnitten in
Renaudot's Historia Patriarcliarum und kommt zu dem
Refultat, dafs jene die Hauptquelle für den arabifch
fchreibenden Bifchof Anba Severos von Afchmoneim gewefen
ift, den Renaudot excerpirt hat, und deffen Ge-
' fchichte leider noch unveröffentlicht in der Bibliotheque
Nationale zu Paris liegt.

Giefsen. G. Krüger.

Oriental text series. I. The Martyrdom and Miracles of
Saint George of Cappadocia. The Coptic texts edited
with an English translation by Ernest A. Wallis
Budge, M. A. London, Nutt, 1888. (XL, 331 S.
gr. 8.) M. 21. —

Trotz der glänzenden Ausstattung und der grofsen
darauf verwendeten Sorgfalt wird fich an diefe Publica-
tion kaum ein lebhafteres Intereffe heften können. Acten
des heiligen Georg in griechifchem und lateinifchem Gewände
befafsen wir bereits zur Genüge (vgl. befonders
Acta Sanctorum unter dem 23. April, fowie den Appendix
). Die koptifchen Texte vermehren den legendarifchen
Wust, ohne wefentlich neue Anhaltepunkte für die Entstehung
und Entwickelung desfelben an die Hand zu
geben. Von allgemeinerem culturhiftorifchem Intereffe find