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Ausgabe:

1889 Nr. 11

Spalte:

275-280

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Steck, Rudolf

Titel/Untertitel:

Der Galaterbrief, nach seiner Echtheit untersucht 1889

Rezensent:

Weiffenbach, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 11.

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Steck, Prof. Rud., Der Galaterbrief, nach feiner Echtheit
unterfucht, nebft kritifchen Bemerkungen zu den pau-
linifchen Hauptbriefen. Berlin, G. Reimer, 1888. (XIV,
386 S. gr. 8.) M. 8.—

Es giebt Dinge, die an Schrecken verlieren, wenn
man ihnen näher tritt und fie fcharf in's Auge fafst. Zu
diefen rechnet Ref. auch das in vielen Kreifen der Kirche
gewifs mit einem Gefühl der Beklemmung genannte und
aufgenommene Steck'fche Buch, welches der Paulus-
Literatur Leben und Exiftenz abzufprechen fucht. Zwar
Steck felbft (vgl. Zur paulinifchen Frage, Prot. K.-Z.,
1889, Nr. 5. 6. 7) mufs ,bekennen, dafs feine Anficht ihm
kaum noch ftark erfchüttert werden kann', und er erblickt
fogar in der ,neuen Anficht gewiffermafsen eine neu-
teftamentliche Parallele zu der Umwandlung der An-
fchauungen, welche Vatke, Graf, Kuenen, Wellhaufen
am A.T. vollzogen haben' (a. a. O. S. Hl). Und mancher
feiner radicalen Freunde in Holland und Deutfchland mag
mit ihm fein Buch für unwiderleglich' halten. Ref. theilt
aber diefe Anficht gar nicht, fondern behauptet umgekehrt
, dafs Steck durch das in rühmlich objectiver Weife
vorgelegte Beweismaterial fort und fort die Blöfsen feiner
,neuen Anficht' felbft aufdeckt und fo fich felbft beftens
widerlegt. Ehe wir das aber an einigen Punkten kurz
nachweifen wollen, fei die Gründlichkeit und tüchtige
Gelehrfamkeit, das ruhig und rein fachlich, wenn auch
nicht immer unbefangen, abwägende Urtheil, der willen -
fchaftliche und fittliche Ernft in der Behandlung des
h. Gegenftandes an Steck's Schrift bereitwilligft und
gebührend anerkannt. Auch verdient Steck's Leiftung
fchon um defswillen eine rühmliche Hervorhebung, weil
fie durch Darlegung einer neuen ,zwar bedenklichen, aber
für den F'ortfchritt der Wiffenfchaft wie keine andere
wichtigen Anficht vom Urchriftenthum' (p. VIII) der
theologifchen Forfchung eine Fülle neuer und inter-
effanter Probleme ftellt und fornit befruchtend auf die-
felbe einwirkt, in der That alfo nicht zu den vielen
jahraus jahrein gefchriebenen Büchern gehört, die ,nichts
in der Welt von der Stelle rücken, als höchftens
etwa die Perfon ihres Verfaffers' (p. VII).

Um fo gründlicher beforgt nun freilich diefes ,von
der Stelle rücken' unfer Verfaffer. Wie durch eine zauberhafte
Verfchiebung der Seitenwände erfcheint bei ihm
das gefammte in der bisherigen Behandlung des ,Ur-
chriftenthums' erarbeitete Material total anders gruppirt,
und das fo erwachfende Landfchaftsbild muthet uns ungewohnt
und fremdartig an.

Nach Steck, über deffen Verhältnifs zu feinen deut-
fchen (Bruno Bauer) und niederländifchen (Loman u. a.)
Vorgängern der geneigte Lefer felbft das Nöthige in dem
Abfchnitt Cap. 1: Der Stand der Frage (S. I —20) und
bei E. Sülze (Zur Kritik der Paulusbriefe, Prot. K.-Z.
1888, Nr. 39. 40. 41, vgl. auch Nr. 46) nachlefen mag,
hat fich der ganze literarifche Procefs, welcher zur Ent-
ftehung des N.T.'s geführt hat, erft im zweiten Jahrhundert
, und zwar in ,acutem Verlaufe' von ca. 100
bis 150 p. Chr. abgefpielt (S. 351). Zuerft entftanden die
fynoptifehen Evangelien, dann die Apoftelgefchichte,
dann erft, nachdem einmal der Grundton mit dem Römerbrief
angefchlagen war, in verhältnifsmäfsig kurzer Zeit
nacheinander, etwa zwifchen 120—140, die paulinifchen
Briefe' (S. 351). Die Reihenfolge fpeciell der
4 paulinifchen Hauptbriefe ,ftellt fich fo, wie wir fie im
Kanon hintereinander haben: Römer, I. IL Korinther,
Galater' (S. 162). Der Galaterbrief macht davon alfo den
Schlufs. ,Die marcio nitifche Bewegung (aber) ift die
directe Fortfetzung des Galaterbriefs, der letzte Ausläufer
des confequenten Paulinismus' (S. 374). Aus dem
Gefagten ergiebt fich ganz von felbft, dafs nicht der
Apoftel Paulus der Verfaffer diefer 4 Briefe fein kann,
nicht minder aber, dafs wir keine Zeile von der
Hand des gefchichtlichen Paulus im N. T. befitzen.

Alles, was fich dort als paulinifch ausgiebt, ift vielmehr
Product verfchiedener (mafsvolleren oder radicaleren)
Pauliner aus der erften Hälfte des 2. Jahrhunderts (S. 363).
M. a. W., diefe Briefe find nicht, wie die kritifche Schule
annimmt, Zeugniffe eines (fo ftark und fo frühe gefchicht-
lich gar nicht dagewefenen) heftigen Kampfes zwifchen
Paulus und einem fanatifchen Judenchriftenthum in den
50er Jahren, lange vor der Bewegung, die zur Bildung
der altkatholifchen Kirche geführt hat, fondern fie find
anzufehen als Producte des Proceffes felbft, ,der in
dem Zufammenwachfen der heidenchriftlichen mit der
judenchriftlichen Form des Chriftenthums fich vollzog'
(S. 374), oder ,fpeciell als fymptomatifche Aeufserung
des Widerftandes zu faffen, den die freier gefinnte Partei
in der römifchen Gemeinde den Verfuchen entgegenfetzte
, fie zu judaifiren' (S. 380). Alfo zwar auchKampf-
Producte, aber Producte eines viel fpäter (von 120—140)
und viel acuter verlaufenden Kampfes, deffen lodernde
Gluthhitze das jerufalemifche Centrum im üften und das
heidenchriftliche Centrum Rom im Weften zur kirchlichen
Einheit zufammenfehweifste!

Diefe alle feitherigen Annahmen fo ziemlich auf den
Kopf Bellende und auf den erften Blick verblüffende
,neue Anficht' erweift fich bei näherem Zufehen als völlig
j unhaltbar, ja unmöglich. Sie scheitert allein schon —
wie Herrn Steck auch bereits von anderer Seite, Lit.
Centralbl. 1888, Nr. 50, entgegengehalten wurde — an
der äufseren Bezeugung der paulinifchen (Haupt-)
Briefe. Einmal kann es dem Verf. nur dadurch, dafs er
die nach-neuteftamentlichen Schriften (apoftolifche Väter
u. a.) möglichft fpät (z.B. I Clemensbrief gegen alle
Wahrfcheinlichkeit um 130, ja felbft vielleicht erft 140,
Barnabasbrief 130—138 u. a. m.) anfetzt, überhaupt gelingen
, den Entftehungsprocefs der paulinifchen (Haupt-)
Briefe innerhalb 120—140 chronologifch unterzubringen
. Sodann aber ift es doch eine ltarke Zumuthung
an den Glauben der Lcfer, es möglich und wahrfchein-
lich zu finden, dafs einerfeits zur Zeit Juftin's (1. Apologie
, 147 gefchrieben nach S. 320) ,die Paulusbriefe
intereffante literarifche Erfcheinungen — —, aber noch
keine kirchlichen Bücher find' (S. 324), und dafs
andererfeits der canon des Muratori (ca. 170), deffen
.Vertheidigung der Paulusbriefe durch keinerlei Zweifel
an der Kanonicität diefer Briefe veranlafst ift' (Bonwetfch,
Theo). Lit.-Bl., 1889, S. 73), in Zeile 39—41 (vgl. Heffe,
das Muratori'fche Fragment, 1873, S. 156) jede weitere
Flrörterung über Urfprungsort und Zweck der Paulusbriefe
— angefichts des aus diefen felbft fich fo klar
ergebenden Auffchluffes darüber — für überflüffig erachtet
. Und wie foll man nun wieder diefe Haltung des
can. Muratori (ca. 170) möglich finden, nachdem der viel-
gehafste Ketzer Marcion (feine Hauptwirkfamkeit in
Rom: ,nach 150', S. 338) kaum 2 Jahrzehnte vorher —
fich faft nur auf Paulinifches befchränkend — zehn angeblich
erft 1 oder 2 Jahrzehnte vorher entftandene
,Paulusbriefe' in feinen Kanon aufgenommen und
dadurch das kirchliche Anfehen diefer damals ja nur
erft ,intereffantefi literarifchen Erfcheinungen' (S. 324)
doch gewifs nicht verftärkt hatte! Kurz, wir ftofsen
hier auf Schritt und Tritt auf fo viele Wiöerfprüche und
Unmöglichkeiten bezüglich eines fo fpäten und zugleich
fo acuten Verlaufs des Entftehungs-Proceffes paulinifcher
Literatur, dafs wir uns für berechtigt halten, Steck's
Satz: ,Ich geftehe gern, dafs da wohl noch nicht Alles
ganz in Ordnung ift' (Prot. K.-Z., 1889, S. 108) in den
anderen umzuwandeln: Hier ift in der That Alles nicht
in Ordnung!

Steht es fomit fchon im Punkte der äufseren Bezeugung
herzlich ichlecht, ja verzweifelt mit Steck's Hy-
pothefe, fo ift es dem Verf. weiter auch nicht gelungen,
feine neue Anfchauung zu einem irgend befriedigenden
Gefammtbilde pofitiv zu geftalten. Vor Allem hat er
weder in feinem Buche (vgl. insbefondere S. 351—386,