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Ausgabe:

1889

Spalte:

262-263

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Warneck, G.

Titel/Untertitel:

Der evangleische Bund und seine Gegner 1889

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 10.

262

Literatur zu lebendigem Bewufstfein gebracht, indem
nach einander die infallibiliftifche Gefchichtfchreibung,
Philofophie. Naturforfchung und Jurisprudenz vorgenommen
, dann die jefuitifchen Claffiker, fowie die Flugfchriften-
cyklen der ,ecc/esia militans1 gekennzeichnet und höchft
lehrreiche Beobachtungen über die ,Linfchmuggelung neu-
jefuitifcher Weltanfchauung in belletriltifchem und jour-
naliltifchem Gewände' mitgetheilt werden. Es finden (ich
folche eingefchmuggelte Artikel in ,Pierer's Converfations-
lexikon', in der .deutfchen Encyklopädie', in ,Schorer's
Familienblatf (1887, Nr. 18 ,Die Verfemten' d. h. die
Jefuiten — fehr fchlau verfafst!), in der .Gegenwart,' im
.Globus'. Auch ,Nord und Süd', .Unfere Zeit' und die
.Deutfche Rundfchau' haben ihnen ihre Spalten geöffnet.
Mögen lieh die Herren Redacteure und Verleger in Zukunft
doch etwas vorfehen und fich nicht Schriftftücke
in die Hände fpielen laffen, die mit der fonftigen, fehr
ehrenwerthen Richtung ihrer Zeitfchriften oder Nach-
fchlagwerke in fchneidendem Widerfpruche flehen, wenn
deren kluge Verfaffer auch diefen Gegenfatz in der bekannten
, fchon von Pascal gegeifselten Manier fein zu
verdecken willen, indem fie fich der jdoctrine des equi-
voques' bedienen, ,par laquclle il estpermis, d'user des tennes
amhigus, cn /es faisant entendre en autre sens qu'on ne /es
entend soi-viesme, comme dit Sanc/iea' {Lctlres provinciales
/Vö. 9). — Nachdem ,die Fortdauer des vaticanifchen Eroberungskrieges
' durch eine Fülle der betreffenden umfangreichen
Literatur entnommener Beifpiele feftgeftellt
ift, wird ,das Martyrium des Altkatholicismus' ebenfalls
auf Grund der auf diefe Zeiterfcheinung bezüglichen
Schriften mit aufrichtiger und warmer Theilnahme, in
welcher wir uns mit dem Verf. eins wiffen, dargeftellt
(S. 107—122). Hiermit fchliefst die erfte zeitgefchicht-
liche Unterfuchung, die volle Zuftimmung und Anerkennung
verdient.

Die zweite lenkt unfere Aufmerkfamkeit auf ,das
katholifche Vereinswefen der Gegenwart und
dasjefuitifche „Princip'' desfelben'. Sie möge auch
nicht umfonft gefchrieben fein und manchen Lefer aus
feiner Vertrauensfeligkeit aufwecken, denn in dem hoch-
auffchiefsenden Gräfe diefer katholifchen Vereine lauert
mehr, denn eine Schlange. Die mit hinlänglichen Belegen
verfehenen Ausführungen unferes Autors beweifen das,
hätten aber etwas kürzer gefafst werden dürfen. Auch
möchten wir überhaupt der Centrumspreffe gegenüber
zu vornehmer Zurückhaltung rathen. Es verdient wirklich
nicht alles Berückfichtigung, was da gefchrieben
wird, zumal es manchmal gar nicht fo ernfl gemeint ift,
fondern nur dazu dienen foll, ihre Gegner auf das Glatteis
zu führen und zum Ergötzen des clericalen Publicums
zum Ausgleiten zu bringen.

Die dritte zeitgefchichtliche Unterfuchung behandelt
,die Zukunftsaufgabe der interconfeffi onellen
Forfchung als vergleichender Confeffionsge-
fchichte' in der Form eines Sendfehreibens an Döl-
linger, in welchem Nippold im Gegenfatze zu dem —
wie er mit Recht behauptet — vollftändifch jefuitifch
gewordenen römifchen Katholicismus den Vertreter des
wahren Katholicismus, des Jdealkatholicismus' (S. 181)
erblickt. Als folcher, als Vertreter des .Idealkatholi-
cismus' erfcheint ihm Döllinger als ,ein praeeeptor Gcr-
maniae, wie unfer confeffionell getrenntes Volk feit
Melanchthon keinen zweiten gefchaut' (S. 170) und zwar
auch fchon vor dem Jahre 1870, fogar zur Zeit des
Kniebeugungsftreites (S. 181 —184)! Unfer liebenswürdiger,
von .kindlicher Verehrung' (S. 213) gegen Döllinger
erfüllter Verfaffer /kann nun einmal doch auch in diefen
Dingen keinerlei Unterfchied zwifchen dem früheren und
fpäteren Döllinger finden, als dafs das von Ihnen gleich
anfangs vertretene Ideal in fich felber die Triebkraft der
Weiterentwicklung trug '(S. 184).

,Est modus in rebus, sunt certi denique fines'

fagt der alte Horaz (Sat. 1, 106) und das gute alte
Sprüchlein gilt gewifs auch für die Werthfehätzung eines
[ fo trefflichen Mannes, wie der nunmehr neunzigjährige
Döllinger es ift. Das Ideal, das er im Kniebeugungs-
ftreit gegen Harlefs und den Grafen Giech vertrat, war
gewifs ein anderes, als das, was ihn bei feinem Widerfpruche
gegen die päpftliche Unfehlbarkeit befeelte. Es
! war in jenem Falle das echt römifche, in diefem das echt
chriftliche, in jenem das Ideal der Herrfchaft über die
Gewiffen, in diefem das Ideal der Freiheit und damit
auch der Schonung der Gewiffen. Dafs aber fein kirchliches
Ideal ein anderes geworden ift, gereicht dem greifen
| Stiftspropfte in unferen Augen ebenfowenig zur Unehre,
I als es dem hochbetagten Reichskanzler zur Unehre ge-
| reicht, dafs er dem Junkerthum feiner jüngeren Jahre
i entfagt und voll ganz fich dem nationalen Gedanken,
deffen Verwirklichung ihm fo glänzend gelungen ift, hingegeben
hat. Weiterhin glauben wir dem Verdienfte
Döllinger's und anderer auch von uns hochgefchätzter
| altkatholifcher Gelehrter nicht im minderten zu nahe zu
I treten, wenn wir mit Harnack, dem ficherlich ,ein mit
denjenigen Leo's XIII. wetteiferndes Kathedralvotum'
I (S. 190) fern gelegen hat, es für .gefchichtlich unrichtig'
halten, ,zu behaupten, dafs fie der proteftantifchen For-
I fchung Bahn gebrochen hatten' (S. 190), wie jetzt wieder
von Nippold (S. 170. 171. 173) behauptet wird. Oder
verräth — um nur ein Werk, aber ein folches, das wirklich
ein Standard ivork auf interconfeffionellem Gebiet
ift, anzuführen — verräth ein Werk, wie die Polemik
j Hafe's, des Neftors unferer evangelifchen Theologen,
i nicht die genauefte Kenntnifs des gefammten Katholicismus
und nicht nur des jefuitifchen Romanismus'? (S. 150).»
Ift nicht gerade diefe Polemik zugleich eine vorzügliche
j Irenik, eine .Confeffionsvergleichung' im edelften und
heften Sinne, Licht und Schatten gleichmäfsig vertheilend,
'< fcharf gegen den jefuitifchen Romanismus', den jüngfthin
I auch Ei feie fo meifterhaft gefchildert hat, aber voll An-
1 erkennung für alles, was unfer verehrter Verf. als ,Ideal-
katholicismus' bezeichnet und im Altkatholicismus verwirklicht
fieht? Wir fchliefsen in der Hoffnung, dafs
Nippold diefe Fragen uns um fo weniger übel deuten
wird, als wir die fchöne Begeilterung, die er für den Altkatholicismus
hegt, bis zu einem gewiffen Grade mit ihm
theilen und uns jedes Mal herzlich darüber freuen, wenn
Sonntag für Sonntag die hiefige altkatholifche Gemeinde
in unferer zur Erinnerung an eine grofse Zeit erbauten
Friedenskirche, welche unfere Gemeinde ihr fchon feit
Jahren bereitwillig»; zur Mitbenutzung eingeräumt hat,
ihren Gottesdienft hält.

Krefeld. F. R. Fay.

Warneck, Dr. G., Der evangelische Bund und seine Gegner

Gütersloh, Bertelsmann, 1889. (43 S. 8.) M. —.50.

Wer find diefe Gegner? In erfter Linie natürlich die
Ultramontanen, die den Proteftantismus im allgemeinen
der .Intoleranz', den evangelifchen Bund insbefondere
der /F'riedensftörung' zeihen. Lupus in fabula! Doch es
giebt auch Gegner genug ,unter unferen eigenen Kirchen-
genoffen' (S. 11). ,Da ift zuerft die grofse Claffe der
Indifferenten' (S. II.) .Sehr nahe den Indifferenten
flehen die Kampfesmüden' (S. 13). ,An die Kampfesmüden
reihen fich diejenigen, welche aus politifchen
Gründen es mit den Ultramontanen nicht verderben
1 wollen' (S. 16). ,Ich gebrauche', fügt der Verf. hinzu,
J ,den Begriff Politik hier im weiteften Sinne des Worts
' als Staatspolitik, Parteipolitik, Prefspolitik und Ge-
fchäftspolitik'. Die Ausführung gerade diefes Abfchnittes
ift vorzüglich gelungen. An diefelbe reiht fich gleich-
werthig die Auseinanderfetzung mit ,den grundfätz-
j liehen Gegnern des Evangelifchen Bundes- an (S. 24
bis 43). ,Obenan flehen diejenigen, welche mit der römi-
1 fchen Kirche gewiffe Sympathien haben' — eine hier am