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Ausgabe:

1889

Spalte:

6-8

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wigand, Paul

Titel/Untertitel:

Heinrich W. J. Thierschs Leben 1889

Rezensent:

Kaftan, Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. I.

G

des carthaginienfifchen Concils, Crescens von Cirta, fagt
in feinem Votum ,scripturae dcificac' {Scntent. c. 8). In
der Schrift de duobus montibus, deren Urfprung vor der
Zeit Cyprian's erwiefen werden kann, heifst es nicht nur
c. 1 u. II ,scripturae deißcae', fondern auch c. 15: ,popu-
lus deßciis' {— plebs dominkd) und c. 8: ,virtutes mira-
biles et deßcae Cyprian felbft fchreibt ep. 67, 9 und de
zelo 15 ,dafica disciplma', ep. 52, 2 ,deßca et ecclesiastica
diseiplina1 etc. Hiernach kann kein Zweifel darüber fein,
dafs das Wort um 250 ein höchft geläufiges in der Kir-
chenfprache gewefen ift und dafs es nicht aus der einen
Stelle bei Tertull. Apolog. II, wo es in einem ganz anderen
Sinn fteht, abzuleiten ift. Vielmehr ift es, wie die
oben zuerft genannten Stellen beweifen, in feiner abge-
fchwächten Bedeutung ein dem Vulgärlatein angehöriges
Wort gewefen, welches Tertullian noch nicht hat
brauchen wollen, welches aber 50 Jahre fpäter in die of-
ficiclle Sprache gedrungen ift, wie Cyprian's Schreibweife
zeigt.

Damit haben wir alle von Wölfflin angeführten
fprachlichen Argumente beleuchtet. Ich mufs geftehen,
dafs angefichts der ifolirten Stellung, welche unftre Schrift
einnimmt, wenn fie aus dem letzten Decennium des 2.
Jahrh. flammt, ich mich nur darüber zu wundern vermag,
dafs die Argumente, die man aus fprachlichen Betrachtungen
gegen ihr Alter anführen könnte, fo unbedeutend
find. Man mufste auf ganz andere Räthfel gefafst fein;
denn die angeführten fcheinen mir keine folchen zu fein.
In den Fällen, wo fich Wölfflin an das bedeutende fprach-
bildende Talent des Tertullian, Cyprian und Arnobius
erinnert, liegen nicht fprachgefchichtliche Thaten jener
Männer vor, fondern es handelt fich um ganz inferiore
Erfcheinungen. Um fo entfeheidender fällt es ins Gewicht
, dafs, wie ich in meiner Abhandlung betont habe,
die hunderte von wirklichen fprachbildenden Thaten
Tertullian's, die Schöpfung von termini technici etc. in
unferer Schrift keine Aufnahme gefunden haben. Das-
felbe ift der Fall in Bezug auf die termini techniciCyprian's.

Am Schlufs, um fein Ergebnifs zu veritärken, führt
Wölfflin mehrere Bibelcitate-Gruppen an, die bei Cyprian
und unferem Verfaffer identifch find und fchliefst
daraus auf Abhängigkeit des Letzteren vom Erfteren. Er
hätte feinen Lefern wohl verrathen können, dafs ich felbft
diefe Gruppen aufgewiefen und erwogen hatte. Warum
diefen Beobachtungen kein Gewicht beizulegen ift, ift
leicht zu fagen. Cyprian hat die Spruchgruppen in den
Schriften ad Quirininm und ad Fortunatum nicht fämmt-
lich zuerft gebildet, fondern längft gab es für den Unterricht
Zufammenftellungen folcher Stellen, Spruchbücher,
wie wir fie auch haben. Cyprian mag Einiges hinzugefügt
haben; aber fo wenig wie er die Rubriken, unter
denen fie ftehen, zuerft gebildet hat, fo wenig die Gruppen.
Das ift vielmehr eine Arbeit von langer Hand. Läfst
fich daher bei dem Verfaffer der Schrift de aleatoribus
fonft keine Abhängigkeit von Cyprian nachweifen, fo
darf daraus, dafs er in drei Spruchgruppen — eigentlich
nur in einer frappant — mit ihm zufammenftimmt, kein
Argument dafür erfchloffen werden, dafs er den Cyprian
gelefen hat.

Habe ich in diefen Zeilen dem Verfaffer wider-
fprechen zu müffen geglaubt, fo fage ich ihm um fo
lieber meinen Dank für das beffere Verftändnifs der
Schrift, welches er in feinen textkritifchen und exegeti-
fchen Bemerkungen ermöglicht hat, und bitte ihn, auch
in Zukunft mit feinen Bedenken nicht zurückzuhalten.
Es ift ohne Zweifel eine kirchenhiftorifche Frage erften
Ranges, um die es fich hier handelt, die ältefte Schrift
eines römifchen Bifchofs, und jede Möglichkeit einer
Täufchung foll aufs forgfältigfte vermieden werden.

Berlin. A. Harnack.

Keil, Ernst, Das Priesterjubiläum des Papstes. Erinnerungen
und Mahnungen. Wittenberg, Herrofe Verl., 1888.
(52 S. gr. 8.) M. -.60.

Das .Prielterjubiläum des Papftes', das in den erften
Tagen des Jahres 1888 mit grofsartigfter Ausftattung in
Scene gefetzt wurde, hat den Herrn Verfaffer, der ,kein
Theologe' (S. 35) ift, veranlafst, ,Erinnerungen und Mahnungen
' zu fchreiben, die durch jene glänzende Feier in
ihm geweckt wurden. Die ,Erinnerungen' beziehen fich
vornehmlich auf den Culturkampf, der mit dramatifcher
Lebendigkeit in feinem Auf- und Niedergänge gefchildert
wird. Leider ift alles wahr, was der Verf. über die Niederlage
des Staates fagt, und auch das ift wahr, wenn
es auf S. 20 heifst: ,Aber der erwartete Erfolg, der Frieden
und die Ausföhnung mit der ultramontanen Partei
bleibt noch aus. Unerfättlich zeigt fich das Centrum
und der „friedliebende" Papft. Viel nehmen und wenig
geben und immer dreifter verlangen, das ift die Devife
der kurialen Politik'.

Die ,Mahnungen' gehen im wefentlichen dahin, unter
Führung des Proteftantenvereins (S. 40 ff.) den Kampf
gegen Rom aufzunehmen. Die Mitarbeit der .evangeli-
Iche Orthodoxie' wird (S. 32) von vornherein abgelehnt.
Der ,Evangelifche Bund' ift wegen des an die Spitze
feines Programms geftellten ,Bekenntnifsparagraphen' zur
Führerfchaft auch nicht recht geeignet. Der Verf. ift
deffen gewifs, ,dafs er (der Ev. Bund) ohne die Bekennt-
nifsformel ein gröfseres Feld für feine Thätigkeit erworben
hätte' (S. 35). Wir wollen darüber nicht Breiten,
meinen aber, dafs, wie der glänzende Verlauf der jedem
Theilnehmer unvergefslichen Duisburger Verfammlung
gezeigt hat, der Evangelifche Bund das Richtige getroffen
hat. Hier fühlte man den Geift der Einigkeit, welcher
Männer aller kirchlichen Richtungen mit feinem Lebenshauche
erfüllte, und folcher Geift thut uns noth, wenn
wir Proteftanten allzumal das Feld behaupten wollen
im Kampfe gegen die gewaltige, durch ihren irdifchen
Glanz den weltlichen Mächten imponirende Papftkirche
Roms.

Crefeld. F. R. Fay.

Wigand, Dr. Paul, HeinrichW. J. Thierschs Leben (zum Theil
von ihm felbft erzählt). Bafel, Schneider, 1888. (XX,
464 S. gr. 8. Mit Stahlft.-Portr.) M. 6.4O; geb. M. 7.50.

Zur Erläuterung des Titels ift zu bemerken, dafs die
eigenen Aufzeichnungen von Thierfch, aufweiche derfelbe
hinweift, nur einen kleinen Theil des Ganzen bilden. Sie
flammen aus dem Jahr 1866 und erzählen in 3 Capiteln
auf kaum 40 Seiten (S. 28 — 66) von der Jugend, der
Studienzeit und dem Anfang der Lehrthätigkeit, endlich
von der Marburger Zeit des Verfaffers: einige Worte
über die im Jahr 1864 erfolgte Ueberfiedelung nach München
bilden den Schlufs. Diefe Aufzeichnungen hat der
Biograph in der Weife ergänzt, dafs er in einem erften
Capitel(S. 1—27) über das väterliche Haus berichtet, wozu
ihm das bekannte .Leben Friedrich Thierfch's' von feinem
Sohn den Stoff geboten, und in einem fünften Ca-
pitel (S. 67 — 120) die Lehrthätigkeit, in einem fechsten
(S. 121 —139) das Familienleben von Thierfch fchildert.
Letzteres reicht fchon über die Zeit hinaus, von welcher
die eigenen Aufzeichnungen erzählen. Die folgenden
Capitel handeln nach einander von den beiden letzten
Jahrzehnten (S. 140—177), von der literarifchen Thätigkeit
(S. 178—268), von der Wirkfamkeit in der irvingia-
nifchen Gemeinde (S. 269 — 351) und vom Leiden und
Heimgang des Verewigten (S. 352—364). In einem Nachtrag
(S. 365—464) ift eine Reihe von Briefen, Predigten
und fonftigen Actenftücken, welche bedeutfame Momente
feines Lebens und feiner Anflehten zu beleuchten
dienen, abgedruckt.

Die Art des Buches wird dadurch beltimmt, dafs der