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Ausgabe:

1889

Spalte:

225-228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cheyne, Thomas Kelly

Titel/Untertitel:

The book of Psalms or the praises of Israel 1889

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°; 9. 4- Mai 1889. 14. Jahrgang.

Cheyne, The book of Psalms (Budde).

Forbes. Studies 011 the book of Psalms (Budde).

Die Pfalmen, hebr. Text mit einer kurzen Auslegung
, nach Heiligftedt's Tode fortgef. von
Budie (Budde).

Fifcher, Hebräifche Unterrichtsbriefe (Schwally).

Ibbeken, Die Bergpredigt Jefu (O. Holtzmann).

Hagenbach's Lehrbuch der Dogmengefchichte,
6. Aufl., bearb. von Benrath (Harnack).

Annales du Musee Guimet, t. XIV: Essai sur le
Gnosticisme egyptien par Amelineau (Harnack
.)

Dal ton, Beiträge zur Gefchichte der evangeli-

Döllinger, Ueber die Wiedervereinigung der
chriftlichen Kirchen (Fay).

Nitzfeh, Neue Predigten, aus feinem Nach-

lafs gefammelt (Meier).
Müllenfiefen, Tägliche Andachten zur häus-
ISliS^S^SSvC/'C"S""""'' i üchen Erbauung, 14. Aufl. (Lindenberg).
La scienza del Vaticano nella condanna del Ros- Zauleck, Das häusliche Gluck (Lindenberg).

fchen Kirche in Rufsland. II (Harnack.)
Nixö 6r] 110 c, Svßßovf.evuxov iyytirttöwv,
£xö. vno 2u)ipQOvlov (Meyer).
1 scienza del Vaticano nella condanna del Rosmini
e nella enciclica Libertas (Reufch) Behm, Das chriftliche Haus (Derf.)

Cheyne, Prof. T. K.. M. A. D.D., The book of Psalms or

the praises of Israel. A new translation, with commen-
tary. London, Kegan Paul, Trench, & Co., 1888. (XVII
413 S. gr. 8.).

Einem neuen Buche von T. K. Cheyne fieht ifian
auch bei uns mit Spannung und grofsen Erwartungen
entgegen: trügt nicht alles, fo ift das vorliegende berufen
, felbft feinem Jefaja-Commentar den Rang abzulaufen
. — Nach einer ganz kurzen Einleitung im Gewände
einer Vorrede folgt Ueberfetzung und Auslegung der
einzelnen Pfalmen. Das Nothwendigfte zum Verftändnifs
des ganzen Liedes wird, meifl in ganz kurzen Zügen,
vorausgefchickt; im Vordergrund fleht Inhalt und Eigenart
, dichterifcher Bau, Verwandtfchaft oder Abhängigkeit
in Bezug auf andere Lieder oder Bücher des A. T.'s. Dann
folgt die Ueberfetzung mit Ausfchlufs aller Bcifchriften
(Ueber-, Zwifchen- und Nachfchriften); nur die Zufätzc
am Buchfchlufs werden als folche überfetzt, das übrige
weder im Urtext noch in Ueberfetzung mitgetheilt. Hinter
jedem Pfalm, nicht fortlaufend unter dem Text, folgt in
2 Spalten der Commentar, ein Verfahren, das eine Ueber-
ficht des Liedganzen ermöglicht und doch, bei der Kürze
der Stucke, die Auslegung nicht zu weit fortrückt. Für die
Textkritik verweift der Commentar jedesmal auf die Critical
Notes am Ende des Buches (S. 36g—406). Ein kurzes
dreifaches Regifter macht den Schlufs. — Schon die erften
Sätze der Einleitung verrathen uns, dafs das Buch kein
vollftändiges Handbuch zu den Pfalmen fein will,
fondern virtuell nur der erfte Band eines folchen (S. XI);
die höhere Kritik und die Darfteilung der Theologie
der Pfalmen wird einer anderen Stelle vorbehalten
*). Auf diefen .zweiten Band' werden wir nun ftets
verwiefen, vertröftet, ja gelegentlich auf die P'olter ge-
fpannt, wenn der Verf. eine fchöne Auseinanderfetzung
plötzlich abbricht, weil das nicht hieher gehöre, oder von
allen Seiten den Stoff herbeifchafft und das Urtheil ausfetzt
. Das ift nicht jedem angenehm und hat fchon bei
dem Buche über Jefaja Tadel gefunden, aber es ift darum
nicht minder klug gehandelt. Es hat zunächfl eine päda-
gogifche Bedeutung, denn Cheyne ift fich der Aufgabe
voll bewufst, fein Volk zu freiem evangelifchem Schrift-
verftändnifs zu erziehen, und weifs, dafs dies nicht auf
einmal möglich ift. So fucht er zuerft nur ein von der
kirchlichen Ueberlieferung unabhängiges, dem urfprüng-
lichen möglichft angenähertes Verftändnifs des Wortlautes
zu vermitteln. Der Kundige fieht fofort, von welcher

*) Der fehr eingehenden Anzeige von C. G. Montefiore {The Jewish
Quarttrly Review I, i) entnehme ich, dafs das Uebrige als Jhe Bamfton
lectures for 1889', alfo fchon binnen kurzem, zu erwarten ift.

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Grundanfchauung dies Beftreben felbft wieder getragen
ift, der in Vorurtheilen Befangene aber wird nicht auf der
Schwelle fchon durch Schreckbilder geängftigt. Mit diefer
pädagogifchen Taktik, welche durch einfaches Ausfeheiden
gewiffer Gebiete jede Zweideutigkeit vermeidet, hat Ch.
zweifellos fchon grofse Erfolge erzielt; man merkt es
diefem Buche an, dafs er feinen Lefern fchon viel mehr
zumuthen darf. Daneben aber geht Cheyne als fehr gewandter
Schriftfteller der Gefahr aus dem Wege, durch

i die liebe Vollftändigkeit zu ermüden und die Ueberficht-
lichkeit zu gefährden. Selbft die gleichmäfsige Behandlung
desjenigen Stoffes, der diefem Werke zugewiefen

| ift, opfert er häufig jenem höheren Intereffe. Dafür ift
fein Buch gewifs eine der lesbarften, ja fpannendften Auslegungen
eines biblifchen Buches geworden, felbft bei
der gröfseften Kürze voll von anregenden und fördernden
Bemerkungen; und der Leferkreis, den es befriedigen
kann, ift ein fehr grofser. Ch. weifs im bellen Sinne,

! wie man es macht, dafs Jeder zufrieden aus dem Haus
geht'. —

Der Pfalter ift ihm ,eine Sammlung der liturgifchen
Formulare, in welchen „in Leid und Freud" die jüdifche
Kirche ihre lobpreifenden Gebete und betenden Lob-
preifungen niederlegte' (S. XIII). Folgerichtig bekennt
er fich zu der Olshaufen-Reufs'fchen Auffaffung, die kürz
lieh von R. Smend wieder nachdrücklich geltend gemacht
ift: dafs nämlich das ,Ich der Pfalmen' die Nation oder

| der typifche Israelit fei. Sehr häufig betont er das ausdrücklich
, und faft überall, auch wo er es nicht ausdrück-

j lieh fagt, fcheint dies feine Meinung zu fein. In zweifelhaften
Fällen pflegt er hierzu zu neigen: fo ift es ihm bei

| Pf. 9. IO lediglich eine Möglichkeit, dafs der Pfalmift
als Individuum fpricht, bei Pf. 11 die Individualifirung eine
rein poetifche. Die Verfafferfchaft der Pfalmen ift ihm
von fehr untergeordnetem Intereffe: ,in früheren Tagen
hat man viel Arbeit recht unve-rtheilhaft aufgewandt, um

( die davidifche Autorfchaft augenfeheinlich nicht-davidi-
fcher Pfalmen zu vertheidigen'. Ihm ift ,davidifch' viel
mehr eine Eigenfchaft, als eine Ausfage über den Ver-
faffer (vgl. Einl. zu Pf. 16 u. 18). Viel wichtiger aber ift
ihm die Darlegung des inneren Zufammenhangs der
Pfalmen unter einander, und es ift zweifellos, auch wenn
man bei einer anderen Auffaffung bleiben will, vom
höchften Werthe, dafs einmal auf Grund diefer Anfchauung
alle individualifirenden Schranken zwifchen den einzelnen
Liedern niedergelegt werden, und das Liederbuch darauf
angewiefen wird, fich als folches auszulegen. Die Ueber-

i fetzung, eine forgfältige Ueberarbeitung der fchon 1884

| von ihm herausgegebenen, giebt alle kritifche Arbeit wieder,

S die Ch. an dem Texte für nöthig hält. Und das ift nicht

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