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Ausgabe:

1889 Nr. 8

Spalte:

220-221

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Delitzsch, Franz

Titel/Untertitel:

Ernste Fragen an die Gebildeten jüdischer Religion 1889

Rezensent:

Schlosser, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 8.

220

u. A. auf ,den grofsen Hallefchen Theologen W. Bey-
fchlag', der in feiner Schrift: ,Ein antiker Spiegel für
den neuen Glauben von D. Fr. Straufs' einen Unterfchied
mache zwifchen ,dem nat urwi ffe n f chaft 1 ic hen Gehalt
der Darw i n'fclien Theorie' und ,dem materia-
liftifchen Humbug, der mit ihr getrieben' werde. Das
von ihm für Erziehung und Unterricht von Neuem geltend
gemachte ,culturhiftonfche Princip' könne natürlich
nicht einfeitig ausgeführt werden, vielmehr müfsten
,mehrere Principien zufammenwirken, welche fich gegen-
feitig durchkreuzen und modificiren'. Zuletzt ergänzt
V. feinen Vortrag, in dem auch er einer ,Reform' des
Gymnafiums das Wort geredet hatte, ohne doch ,ein
pofitives Programm für diefe Reform aufgeftellt zu haben',
durch Aufhellung eines folchen. Es befteht aus 7 For- [
derungen. Ihre Beurtheilung mufs natürlich Blättern !
über'.affen bleiben, die fich mit Erziehung und Unterricht j
ausfchliefslich befchäftigen. Die erfte geht auf den Weg- 1
fall des lateinifchen Auffatzes, die letzte verlangt
von den Gymnafiallehrern eine gründlichere päda- j
gogifche Vorbildung undDurchbildung' und da- j
her für die künftigen Directoren ein ,eigenes Directorexa-
men'. V. fährt dann fort: ,Wenn diefe heben Bedingungen j
erfüllt werden, fo kann das Gymnafium jedem Angriff '
trotzen, ja es wird dann überhaupt keinen Angriffspunkt |
mehr darbieten'.

,Die Zulaffung der Realfchulabiturienten', fagt er '
weiter, ,zum Univerfitätsftudium und zu den betreffenden !
Staatsprüfungen hat die nothwendige zeitgemäfse Reform ]
der Gymnafien nur verzögert; man hat damit gleichkam :
ein falfches Ventil geöffnet'. Er hofft, dafs die ,ver-
hängnifsvolle Verordnung vom 7. December 1870' wieder !
aufser Kraft werde gefetzt werden. Habe man doch in j
Preufsen ,auch mit andern verunglückten Experimenten j
wieder aufgeräumt, z. B. mit den Simultanfchulen'.
Uebrigens fei fogar .das fchlechtefte Gymnafium
immer noch viel befferalsdiebefteRealfchule'.

In diefem Vorwort hat alfo Vaihinger mit einer
Deutlichkeit, die nichts zu wünfehen übrig läfst, zu er- |
kennen gegeben, wie er zum Gymnafium fteht. Sein I
Grundfatz ift: Verbefferung, nicht Vernichtung. Den !
hohen Werth der Gymnafialbildung hat er in Köln den
Natur f or fchern einleuchtend machen wollen, indem
fer fich auf ihren eigenen Standpunkt hellte. Die
Bekanntfchaft mit dem claffifchen Alterthum wollte er
als eine ,Confequenz der entwicklungsgcfchichtlichen Be- 1
trachtungsweife felbft' darthun, denn ,die geifiige Entwicklung
des einzelnen menfehlichen Individuums mufs
die culturhiftorifchen Stufen der Menfchheit recapituliren'; |
das klaffifchc Alterthum ift ihm aber eine hochwichtige ,
culturhiftorifche Stufe der Menfchheit.

Es kann hier nicht unterfucht werden, ob Vaihinger's
Beweisführung wirklich dazu angethan ift, ,die Gegner
im naturwiffenfehaftlichen Lager zu überzeugen', dafs !
nur eine ,Reform' des Gymnafiums anzuftreben, nicht
aber eine ,Revolution' gegen dasfelbe ins Werk zu fetzen
fei. Es mufs auch ununterfucht bleiben, ob Vaihinger
mit dem, was er im Vortrage ausführt, auch das allent-
fcheidende letzte Wort in der Frage in Betreff der Be-
fchäftigung mit Latein und Griechifchgefagt haben will, und
ob diefe Frage allein durch Berufung darauf erledigt
werden kann, dafs die Culturgefchichte, die von der
Menfchheit durchgemacht worden ift, auch von dem
Einzelnen durchlaufen werden müffe. Eine Unterfuchung
hierüber würde zu weit führen. Denn da Griechen und
Römer einen Culturzufammenhang mit den alten Ariern
gehabt haben, fo würde, fo follte man denken, eine
Wiederholung der Culturgefchichte im Einzelnen eine
Erlernung auch des Sanskrit und der Zendfprache zur
Folge haben, und die deutfehe Jugend müfste auch die
Culturentwicklung der Germanen in fich durchmachen,
indem fie Gothifch, Althochdeutfch undMittelhochdeutfch
erlernte. Die Befchränku ng alfo, die doch darin liegt,

1 dafs gerade Griechifch und Lateinifch herausgegriffen wer-
j den, müfste doch befonders gerechtfertigt werden, ebenfo
[ dafs die Befchränkung nicht fo weit gehen darf, dafs
I man die Jugend zwar mit den Griechen und Römern
bekannt macht, aber ihr erläfst, fich mit der Erlernung
ihrer Sprachen abzumühen. Diefe Frage ift mit der
blofsen Lehre von den .Culturftufen' durchaus nicht zu
erledigen. Zu dem Zwecke müfste doch auf die Bedeutung
der Sprache und auf die Wichtigkeit der
Erlernung fremder Sprachen eingegangen werden unter
Beifeitelaffung der Lehre von den ,Culturftufen'.

In Bezug auf diefe Lehre giebt Vaihinger in den
Anmerkungen ein aufserordentlich reichhaltiges Material,
das von weitreichender Bekanntfchaft mit der pädago-
gifchen Literatur zeugt.

Halle a. d. Saale. Dr. Karl Schulz.

Delitzsch, Franz, Ernste Fragen an die Gebildeten jüdischer

Religion, jSchriften des Inftitutum Judaicum zu Leipzig
, Nr. 18 u. 19.] Leipzig, Centraibureau der Inftituta
Judaica, 1888. (72 S. gr. 8.) M. t. —

Der ehrwürdige Altmcifter altteftamentlicher For-
fchung, der treue Freund Ifraels, der fo unermüdlich
bemüht ift, das Volk der Verheifsung zur Erkenntnifs
und Anerkennung des in Jefu erfülltenRathfchluffesGottes
zu führen und ihm die Decke vom Angefleht zu nehmen,
die ihm die Herrlichkeit Gottes in Chrifto verhüllt, wendet
fich hier noch einmal an die ,Gebildeten jüdifcher Religion
' — wobeier wefentlich, wenn auch nicht ausfchliefslich
an die edleren Reformjuden denkt —, und fordert fie
zu einer erneuten Prüfung der krage auf, ob nicht doch
die Religion Ifraels nach ihren Urkunden, nach ihrem
Wefen, nach ihrer Entwicklung, nach ihren Gefchickcn
auf das Chriftenthum als auf feine Erfüllung und Vollendung
hinweife. Als Beweismittel verwendet er lediglich
die von den Juden felbft anerkannten Schriften des
A. T.'s u. altfynagogaler Theologie, vor allem die Haggada.
Durch feine daraus entnommenen Nachweifungen fucht
er in elf Abfchnitten die Frage fpruchreif zu machen:
Ift Jefus der Meffias oder follen wir eines andern warten?
Ob fein Bemühen mit Erfolg gekrönt fein wird? Was
der Beweis aus Schrift und Ueberliefcrung vermag, ift
hier geleiftet. Wem ftünde Kenntnifs und Verftändnifs
Altteft. u. rabbinifchen Schriftthums unter chriftlichen Gelehrten
in höherem Mafs zu Gebote, als dem verehrten
Verf.? Wer hätte fich Zeitlebens mit fo liebevollem
Spürfinn und mit fo eindringendem Scharffinn in die
Gedankenwelt des A. T.'s vertieft, und das N.T. im Alten,
das A.T. im Neuen aufgewiefen? Ausdiefer tiefbegründeten
Ueberzeugung des Zufammenhanges des A. u. N. T.'s ift
ihm die Zuverficht erwachfen, dafs Ifrael auch jetzt noch
einen Beruf für das Reich Gottes habe, und darin hat
er den Muth und die Freudigkeit gefunden, immer und
immer wieder um die Seelen diefes Volkes zu werben.
Aber ob unfere heutigen Juden wirklich noch in gröfse-
rem Mafse für den Schriftbeweis zugänglich find ? Ref.
wagt diefe Frage nicht zu entfeheiden. Seine Erfahrungen
ermuthigen ihn aber nicht, fie zu bejahen. Wie viele,
gerade unter den gebildeten Juden, kennen ihre heiligen
Schriften und leben in ihren Gedanken? Es ift ja auch
nur zu begreiflich; die Altteft. Schriften weifen den nach
dem Grunde feines Glaubens und feiner Hoffnungen
fuchenden Juden entweder in eine graue Vergangenheit
oder in die Zukunft. Ift es ein Wunder, wenn unter
den gegenwärtigen Veihältnifsen diefes Volkes jener die
Beweiskraft, diefer die Kraft, die Hoffnung zu erhalten,
ftark eingebüfst hat ? Was wir an der Perfon Jefu Chrifti
haben, was uns immer wieder heilsbegierig zum Evangelium
zurückführt: eine in allgemein menfehlich ver-
ftkndlichcn, weil in den erhabenften fittlichen und religi-
öfen Lebensäufserungen verlaufende Vergegenwärtigung