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Ausgabe:

1889

Spalte:

217-218

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Johnsen, W.

Titel/Untertitel:

Pro Ara. Streiflichter zur kirchlichen Bewegung der Gegenwart 1889

Rezensent:

Stamm, Wilhelm

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2i;

218

Johnsen, Pafft. Willi., Pro Ära. Streiflichter zur kirchlichen
Bewegung der Gegenwart. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht's Verl., 1888. (VII, 86 S. gr. 8.)
Vi. 1. 20.

Es ift ungemein fchwer, diefer Schrift bei einer Be-
fprechung wirklich gerecht zu werden. Der VerfalTer
hat zugestandener Mafsen nur in ganz zwanglofer Form
auf das Wirrfal unferes kirchlichen Lebens einige Streiflichter
werfen wollen. Das ift ihm auch nur allzu gut
gelungen. Von den unendlich vielgeftaltigen Erfchei-
nungen der kirchlichen Gegenwart wird bald dies, bald
das flüchtig beleuchtet. Alle möglichen Dinge kommen
gelegentlich zur Befprechung in lofem Zufammenhang.
Wenn man aber mit dem Lefen zu Ende ift, dann fragt
man fleh doch, was denn die Erörterungen allefammt
eigentlich bezwecken. ,Der Verf. hielt es für feine Aufgabe
, für fpeeififeh kirchliche Dinge auch fpeeififeh kirchliche
Gefichtspunkte zur Geltung zu bringen'. Wohl,
aber was foll denn nun nach feiner Anficht unter den
gegenwärtigen Verhältnifsen gefchehen? Wie ein rother
Faden zieht fleh durch die Ausführungen der Nachweis,
dafs das officielle Staatskirchenthum den Aufgaben, welche
der Kirche in der heutigen Zeit geftellt werden, nicht
gewachfen fei. Ja es wird dürren Worten ausgefprochen:
TGegen die Auflöfung des officiellen Staatskirchenthums
kämpfen wir vergebens, es hat fleh überlebt'. Man follte
darnach denken, das Ideal Johnfen's fei die freie Kirche.
Aber das trifft doch nur zum Theil zu. Allerdings fleht
ihm ja feft, dafs die evangelifche Kirche, wenn üe ihre
hohe Aufgabe erfüllen foll, gröfserer Freiheiten unbedingt
bedarf. Indeffen verwirft er die Parole: ,los vom Staat',
weil diefelbe eine Trennung auch vom landeskirchlichen
Regiment bedinge, ganz entfehieden. Der Ruf: Jos vom
Parlament' wird für principiell richtig, aber für zur Zeit
ausflchtslos erklärt. Wären die Wünfche, wie fie in den
Hammerftein'fchen Anträgen eine concrete Faffung bekommen
haben, erfüllt worden, fo wären fie nach Johnfen
's Meinung Anlafs geworden zu weiteren fegensreichen
Errungenfchaften ; was aber vor Allem der Kirche Noth
thue, das gehe über den Antrag hinaus, ja liege zum
Theil auch auf einem ganz andern Gebiet.

Als befonders charakteriftifch für die Lage der evan-
gelifchen Kirche erfcheint es dem Verfaffer, dafs fo viel
echt kirchliche Arbeit gethan wird aufserhalb der officiellen
Kirche. Insbefondere gilt das von den Arbeiten
der theologifchen Wiffenfchaft und den Arbeiten der
Miffion, der äufseren wie der inneren. Es erfcheint ihm
als ein Widerfpruch in fleh felbft, dafs Arbeit für die
Kirche gethan werde aufserhalb der Kirche. Er behauptet
, dafs entweder der Kirchenkörper fleh dem neuen
Geiilesleben, das fchon feit Jahrzehnten nach Geftaltung
ringt, anpaffen mufs oder dafs er darauf verzichten mufs,
in feiner jetzigen Geftalt der nach aufsen hin funetioni-
rende Apparat der Kirche zu fein.

Uebrigens erfcheint ihm die Kirche innerlich nicht
weniger gefeffelt, als das in ihrem Verhältnifs zu Parlament
und Staatsregierung der Fall ift; und die Löfung
der äufseren Feffeln kann nur bewirkt werden auf dem
Wege der Löfung der inneren. Die Kirche mufs fleh
beflnnen auf die Wurzeln ihrer Kraft, und diefe ruhen
im Glauben. Der Glaube an die Realitäten der über-
linnlichen Welt, wie er die apoflolifche Kirche erfüllte,
ill unferer Zeit faft ganz abhanden gekommen, und gerade
in diefem Umftand liegt die tieffte und fchwerfte Gebundenheit
unterer Kirche. In diefem Zufammenhang erfahren
wir denn auch, dafs in der evangelifchen Kirche mehr
als ein Kind mit dem Bad ausgefchüttet worden ift, und
dafs die Rettung diefer ausgefchütteten Kinder vielleicht
das ganze künftige Jahrhundert in Anfpruch nehmen wird.
Sollte man diefer Behauptung gegenüber annehmen, dafs
der Verf. eine ausgefprochene Hinneigung zu Rom zeige,
fo irrt man. Er äufsert fleh fehr antipäpfllich und anti-

romifch. Aber zweierlei vermifst er auf evangelifcher
Seite. Er beklagt es, dafs im weiteren Fortgang der
Reformation keine Fühlung mit der griechifchen Kirche,
der Kirche des Morgenlands erzielt worden fei. Sodann
bedauert er es, dafs die lutherifche Kirche, die einen
Altar hat, fleh fcheut, die volle Confequenz des Priefter-
thums zu ziehen. ,Wie denkt man fleh Priefterthum ohne
Priefterweihe, wie eine Weihe ohne Salbung, wie eine
Salbung ohne charismatifche Begabung, und wie eine
charismatifche Begabung ohne apoflolifche Succeffion?'
Jahrhunderte lang fei man in der evangelifchen Kirche
an allen Fragen, die mit dem Priefterthum zufammen-
hängen, vorübergegangen. Johnfen fleht es als eine

j Folge davon an, dafs die officielle Kirche keine Verwendung
für die berufenften Kräfte habe, für organi-
fatorifche Kräfte, für apologetifche Begabung, für volks-
thümliche Beredfamkcit u. f. w. ,1m Lehramt der Kirche
geht alles auf, es geht aber in ihm auch alles unter. Vor
dreihundert Jahren predigte man das Volk in die Kirche
hinein, heute predigt man das Volk aus der Kirche

1 heraus'.

Was foll alfo gefchehen? ,Wir wünfehen eine fefte,
I klare, einheitliche, centrale, alle berufenen Kräfte auf ihren

Polten Hellende, paflorale Organifation der Kirche'
| ,Heute heifst die Parole „Carree bilden", aber kirchliches

Arbeitscarree: theologifche Wiffenfchaft, Pfarramt, äufsere

Miffion, innere Miffion — aus diefen vier Seiten bildet
I fich das Carree, deffen Kern die kirchliche Arbeit ift' . . .

,Im Mittelpunkt der feft gegliederten kirchlichen Arbeit
' flehe der Altar des Herrn, gegründet auf ökumenifchem

Boden, gekrönt vom Crucifixus'.

Wie dunkel, wie unbeftimmt, wie vieldeutig lautet

das! Wer die Schrift aufmerkfam lieft, wird Anregungen

der verfchiedenflen Art empfangen, fo oft er auch zum
| Widerfpruch gereizt wird. Aber ficherlich wird ihm der
! oben von mir bemerkte Mangel am meiden auffallen, dafs
I nämlich der Verfaffer unterlaffen hat, feine Forderungen

und Wünfche beftimmt zu formuliren. Die Erörterungen
j laufen nicht auf ein feiles Ziel hinaus.

Giefsen. W. Stamm.

Vaihinger, Prof. Dr. H., Naturforschung und Schule. Eine
Zurückweifung der Angriffe Preyers auf das Gym-
nafium vom Standpunkte der Entwicklungslehre. Ein
Vortrag, in der dritten allgemeinen Sitzung der 61.
Verfammlung deutfeher Naturforfcher und Aerzte zu
Köln am 22. September 1888 gehalten. Köln, Alb.
Ahn, 1889. (XII, 54 S. 8.) M. —. 80.

Der von Vaihinger in Köln am 22. September v. J.
gehaltene Vortrag ift fchon am 26. September in einem
Leitartikel der ,Norddeutfchen Allgemeinen Zeitung' in
der Hauptfache zuftimmend befprochen worden, wodurch
die öffentliche Aufmerkfamkeit früh auf ihn gelenkt
worden ift.

Dem unverändert gelaffenen Vortrage ift ein ausführliches
Vorwort vorausgefchickt, auch find ihm zahlreiche
Anmerkungen hinten angefügt worden. Im Vorwort
betont Vaihinger, dafs die Grundgedanken feines Vortrages
keineswegs neu find, fondern ein ,Gemeingut der
bellen und bedeutendften Geifter Deutfchlands' bilden,
was nur darum nicht gleich in die Augen fpringe, weil
es an der genügenden ,Bekanntfchaft mit den pädago-
gifchen Claffikern unferer Literatur' fehle. Auch fei er
i nicht etwa Materialift, weil er Darwin's Entwicklungslehre
billige. Er fei in feiner 1876 erfchienenen Schrift ,Hartmann
, Dühring und Lange, zur Gefchichte der
deutfehen Philofophie im 19. Jahrhundert' entfehieden
für F. A. Lange eingetreten, der in feiner ,Gefchichte
des Materialismus' den Materialismus ,vom Kant'fchen
Standpunkte aus definitiv widerlegt' habe. V. beruft fich