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Ausgabe:

1889 Nr. 8

Spalte:

215-216

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grau, Rud. Friedr.

Titel/Untertitel:

Ueber J. G. Hamanns Stellung zu Religion und Christentum 1889

Rezensent:

Lindenberg, H.

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 8.

216

ligion an deffen Stelle zu fetzen?' Sämmtliche Studenten
bejahten unter der Zuftimmung ihres Lehrers die Frage,
nur der Strafsburger Candidat Haerter widerfprach mit
überzeugender Entfchiedenheit. Eine lebendige bio-
graphifche Skizze und Charakteriftik des fchwäbifchen
Patriarchen J. Chr. Blumhardt, diefes hochoriginellen
Mannes voll Glauben und Kräfte mit feiner natürlichen
Heiligkeit und geheiligten Natürlichkeit entwirft K. A.
von Hafe zum Theil auf Grund eigener Anfchauung,
fowie unter wefentlicher Benutzung der Biographie
von Zündel. Für die Charakteriftik der kerngefunden
und naturwüchfigen chriftlichen Perfönlichkeit Blum-
hardt's ift ein Ausfpruch desfelben bedeutungsvoll,
deffen Hafe nicht gedenkt. Blumhardt fagt einmal:
,Der Menfch mufs fich zweimal bekehren: einmal vom
natürlichen zum geiftlichen Menfchen und dann wieder
vom geiftlichen Menfchen zum natürlichen'. Mit Inter-
effe und Erbauung folgt man den Lebenserinnerungen
von O. Funcke, die er in feiner anfehaulichen Weife
unter der Ueberfchrift: ,Mit meiner Mutter auf Reifen'
erzählt, und den köftlichen Erinnerungen aus dem Amte
(.Allerlei Rauh'), die E. Frommel im vorigen Jahrgang
mit feinem prächtigen Humor mitzutheilen begonnen hat
und in diefem Jahrgang fortfetzt, an denen fich nur
gallenfüchtige Menfchen ärgern können, deren es aber
doch auch, wie der Eingang zu dem Artikel zeigt, unter
den Geiftlichen giebt. Den grofsen, tiefbeweglichen Erinnerungen
des .Drcikaiferjahres' 1888 find zwei Artikel
von dazu berufenften Federn, von W. Baur und R.
Kögel gewidmet. Unter den verfchiedenen Gedichten
ift das bedeutendfte das farbenreiche, feuerige Gedicht:
,Chrifttag' von Ch. Kingsley, überfetzt von Pauline
Spangenberg.

Dresden. Meier.

Grau, Rud. Friedr., Ueber J. G. Hamanns Stellung zu Religion
und Christentum. Vortrag, am 21. Juni, dem 100jährigen
Todestage Hamanns, im grofsen Saale des Landes-
haufes zu Königsberg in Pr. gehalten. [Aus: ,Der
Beweis d. Glaubens'. Gütersloh, Bertelsmann, 1888.
(24 S. gr. 8.) Mk. —.40.

Im Gegenfatz zu dem- fauftifchen Zug, der das vorige
Jahrhundert charakterifirt, bezeichnet der Verf. Hamann
als den getreuen Eckart des deutfehen Volkes, der das-
felbe vor Verfchleuderung feines Erftgeburtsrechtes warnt,
und zeigt dann an einzelnen trefflich gewählten Bei-
fpielen, wie Hamann das Chriftenthum gegen die Einwürfe
feiner Zeit vertheidigt hat. Er läfst gröfstentheils
Hamann felber reden über Natur und Offenbarung, über
die heilige Schrift, über das Wefen des Glaubens, und
weifs auf diefe Weife eine Reihe von Perlen, die in
Hamann's orakelhaften, den Meiften verfchloffenen Schriften
verborgen fchlummern, einem gröfseren Kreife zugänglich
zu machen. ,Optim?ts maximus verlangt von uns
keine Kopffchmerzen, fondern Pulsfchläge' — folche und
ähnliche für Hamann charakteriftifche Sätze werden zahlreich
angeführt, fo dafs auch der mit feinen Schriften
unbekannte Lefer einen lebendigen Eindruck von der
Kraft und Tiefe feiner Gedanken empfängt. Wenn dann
zum Schlufs die Frage aufgeworfen wird, wie denn an
Hamann's Leben und Ergchen feine Lebens- und Welt-
anfehauung fich bewähre, fo hat der Verf. ficherlich
Recht, wenn er gegen das Zerrbild, das Gervinus unter
einfeitiger Benutzung der offenherzigen Selbftbekennt-
nifsc Hamann's gezeichnet hat,polemifirt;aber die mancherlei
dunklen Punkte feines Lebens aufzuhellen, ift auch
ihm noch nicht gelungen. Der Verfuch, die Paradoxien
feines Lebens aus Paradoxien feiner Anfchauung zu erklären
, wird nicht unternommen. Wenn aber in diefer
Hinficht die Darftellung des Verf.'s vielleicht noch einer

Ergänzung bedarf, fo kann fie doch Allen, die bisher
Hamann mehr bewundert als gelefen haben, zur Orientirung
nicht warm genug empfohlen werden.

Nuffe. H. Lindenberg.

Petersen, Hauptpaft. E. F., Philemon. Der Brief des
Apoftels Paulus an diefen feinen Freund in neun Betrachtungen
. Leipzig, Hinrichs, 1889. (III, 116 S. 8.)
M. 1.20; geb. M. 1.80.

Von der vielfach betretenen .grofsen Heerftrafse' der
heiligen Schrift führt uns der Verf. diefer Schrift in ein
abgelegenes, Vielen nur vom Hörenfagen bekanntes
.Seitenthal'. Hat fchon die wiffenfehaftliche Exegefe dem
Brief an den Philemon weit weniger Beachtung gefchenkt
als den anderen paulinifchen Briefen, fo ift er von der
praktifchen Bibelauslegung faft ganz überfehen worden.
Abgefehen von einigen älteren, zum Theil völlig vergriffenen
Bearbeitungen giebt es keine zufammenhängende
praktifche Auslegung des Philemonbriefes. Aber nicht
blofs von diefem Geiichtspunkt aus verdient diefe kleine
Schrift allgemeine Beachtung, fondern noch mehr um ihres
gediegenen Inhalts willen. Die beiden für Bibelftunden
gefährlichen Klippen, entweder in den Ton belehrender
Exegefe zu fallen, oder das erbauliche Moment allein
herauszuheben auf Koften des Schriftverftändnifses hat
der Verf. in der glücklichften Weife zu vermeiden ge-
wufst. Man merkt es diefen neun Betrachtungen fofort
an, dafs fie mitten aus der Praxis eines vielfeitigen feel-
forgerlichen Berufslebens erwachfen find, und dennoch
bieten fie im Zufammenhang einen für den Laien er-
fchöpfenden Commentar diefes kleinen Briefes, der über
alle einfchlagenden Fragen Auskunft giebt. Um von
der Art der Behandlung eine Andeutung zu geben, fei
hier kurz die erfte Betrachtung über V. 1 fkizzirt. Der
Name des Schreibers an der Spitze des Briefes, Paulus,
einft Saulus, veranlafst den Verf., auf die Bedeutung der
Namen, auf die vulgäre Verwechfelung von Taufe und
Namengebung u. f. w. einzugehen. Der Zufatz ,ein Gebundener
Chrifti' giebt ihm Gelegenheit zu einer Ausführung
, wie die Gebundenheit an Chriftum die wahre
Freiheit fei. Das Verhältnifs des Paulus zu Philemon
wird benutzt zu einer Betrachtung über das Wefen der
chriftlichen Freundfchaft, die Hausgemeinde zu einem
warmen Appell an die Hausväter zur Wiederherftellung
der vielfach verfchwundenen Hausandacht. In diefer
Weife werden ungezwungen überall die Beziehungen auf
das Leben der Gemeinde herausgekehrt. Die Bedeutung
des Grufses, der Werth der Fürbitte, das Verhältnifs von
Dank und Bitte im Gebet, das Verhältnifs der göttlichen
Vorfehung zur menfehlichen Freiheit, das Verhältnifs von
Herrfchaften und Dienftboten, die kleinen Dinge, die
rechte Gewiffenhaftigkeit — folche und viele ähnliche
Gegenftände werden theils geftreift, theils eingehender
behandelt, und ftets fchliefst fich die Ausführung ungezwungen
an die Texterläuterung an. Was aber diefen
Betrachtungen befonderen Werth verleiht, ift das feine
chriftliche Zartgefühl, mit dem die befprochenen Gegenftände
behandelt werden, der warme Ton herzlicher
Liebe, von dem alle Ausführungen durchweht find und
der am Schlufs jeder Betrachtung in kurzer ungekünftelter
Paränefe oder im Gebet ausklingt. Das Buch ift der
Domgemeinde in Lübeck, in deren Vorftadtkapelle diefe
Bibelftunden urfprünglich gehalten find, gewidmet: es
wird aber nicht blofs fchriftforfchenden Laien, fondern
auch Geiftlichen, die Bibelftunden zu halten Gelegenheit
haben, reiche Anregung gewähren.

Nuffe. H Lindenberg.