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Ausgabe:

1889 Nr. 8

Spalte:

213-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kögel, Rudolf

Titel/Untertitel:

Neue Christoterpe. Ein Jahrbuch. 10. Jahrg. 1889 1889

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 8.

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unfauberen Schrift zu nehmen, die ein ordinäres Pamphlet
aus römifcher Gefchichtsfälfchungsfabrik ift, ordinär nach
Gefinnung und Haltung, wenn auch nicht ohne ein ge-
wiffes Gefchick einer vielfchreibenden, malitiöfen Feder
abgefafst, die felbft Männer, wie Herder und Schleiermacher
, welche bezeichnend genug mit fo ganz heterogenen
Geiftern, wie einem Paulus und einem Straufs,
zufammengeftellt werden, nicht entfernt gefchichtlich zu
begreifen fucht, ihre Lichtfeiten verdunkelt, ihre Schattenfeiten
gefliffentlich unter Schmähreden hervorkehrt, Alles
aus dem Zufammenhang herausreifst und auch einzelne
mit unbefangener Objectivität gethane, wohlwollende
Aeufserungen hervorragender Proteftanten über den Ka-
tholicismus zu hohen Ehrenzeugnifsen für die römifche
Kirche ftempelt. Namentlich Kahnis, der ,edle, ehrenhafte
und die Zeitlage vergehende Proteftant', Perthes,
Herbft u. A. müffen fich einen folchen Mifsbrauch einzelner
Ausfprüche gefallen laffen.

Dafs Herder's Schwächen, fein fchwankender
Charakter, feine Differenz mit Goethe u. f. w. weidlich
ausgenutzt werden, ift felbftverftändlich. Mit Paulus
wird Vofs zufammengenommen; ihre Haltung gegenüber
dem Grafen Stollberg und ihr Urtheil über feine Con-
verfion erregt den befonderen Zorn des Pamphletiften.
Wie verfchiedene andere Männer, fo wird auch Fr.
Rückert mit hereingezogen und fein angeblicher religiöfer
Liberalismus aus feiner Zugehörigkeit zum Freimaurerthum
erklärt, den der Verf. bei jeder Gelegenheit kräftig
anathematiiirt. Erftaunt ift er, dafs Rückert's Adventslied
fogar im ,Kgl. Würtemb.' Gefangbuch aufgenommen fei;
wir freuen uns, dafs diefes köftliche Lied, mit dem der
edle tiefchriftliche Dichter den kirchlichen Ton fo glücklich
zu treffen gewufst hat, in den meinten neueren Gefangbüchern
Eingang gefunden hat. Den Gipfel der
Schmähfucht erfteigt der Verf. in den Auslaffungen über
Schleier mach er, deffen Charakter er auf alle Weife
zu verunglimpfen fucht, wobei er mit hämifcher Freude
die Verirrungen feiner früheren Periode, fein Verhältnifs
zu der Frau Grunow und feine Briefe über die ,Lucinde'
benutzt, Verirrungen, die man proteftantifcher Seits nicht
zuzudecken braucht, um die Ehre des grofsen Mannes
zu retten. Gegen Schleiermacher wird namentlich der
Tubinger Baur mit feiner verbitterten Oppofition gegen
die Alles ,verfchleiernde, fophiftifch-dialektifche Kunft'
der Schleiermacher'fchen Theologie ins Feld geführt. An
Straufs ärgert den Verf. ganz befonders deffen Verehrung
für Ulrich von Hutten, wie ihm denn überhaupt
das ,feuchenartige Umfichgreifen der Huttenverehrung'
ebenfo ein Greuel ift, als der evangelifche Bund, der angeblich
die katholifche Kirche zu .vernichten' fuche,
und gegen den er wiederholte Ausfälle macht.

Dresden. Meier.

Christoterpe, neue. Ein Jahrbuch, hrsg. von Rud. Kögel,
Wilh. Baur und Emil Frommel. Bremen, Müller,
1889. (V, 363 S. 8.) M. 4 -

In diefem neuen Jahrgang des beliebten chriftlichen
Jahrbuchs überwiegen die Artikel belehrenden und ge-
fchichtlichen Inhalts. L. Witte befpricht ein grofses
Problem, die Thatfache ,der dreifsigjährigen Stille Jefu'
vom Standpunkte einer Chriftologie aus, .welche weder
die Menfchheit in die Gottheit untergehen läfst und der
Gefahr des Doketismus verfällt, noch für die Menfchheit
Jefu den göttlichen Lebens- und Perfonenkern als
das Subject der gottmenfchlichen Entwickelung verliert
'. Ueber Andeutungen zur Löfung des Problems
kommt die mit zarter Scheu abgefafste, von finnigen
Gedanken durchzogene Abhandlung nicht hinaus. Im
Ganzen ift uns der Artikel, wie fchon in früheren Jahrgängen
andere belehrende Artikel der .Chriftoterpe', für
das grofse chriftliche Publicum, namentlich für den weiblichen
Leferkreis zu theologifch gehalten. Unfere heutigen
Frauen, auch unfere chriftlichen Frauen, haben
ohnedem eine ftarke Neigung, zu reflectiren und zu vernünfteln
; auch die weibliche Frömmigkeit ift in unferen
Tagen vielfach von des Gedankens Bläffe angekränkelt.
Hüten wir uns, unfere Frauen in diefer Neigung zu be-
ftärken und fie etwa theologifch zu fchulen! Es liegt
überaus viel an der Bewahrung der lebendigen, frifchen
Unmittelbarkeit des weiblichen Gemüths, die in unferen
Tagen durch die verfchiedenften Einflüffe bedroht ift.
Unter dem Titel: .Blinde Sänger' bietet W. Faber eia
Brillantfeuerwerk, das in allen Farben fpielt und eine
folche Fülle von geiftreichen Funken fprühen läfst, dafs
darunter die Klarheit und Durchfichtigkeit entfchieden
leidet. Die ganze Gefchichte der äfthetifchen Literatur
alter und neuer Zeit, mit welcher der Verf. eine ungewöhnliche
Vertrautheit bekundet, und aus der er eine
grofse, unferes Erachtens zu grofse Anzahl von Citaten
beibringt, fpiegelt fich in dem Thema wieder, das der
Verf. bedeutend erweitert, indem er zu den blinden
Sängern nicht blofs die blinden Seher hinzufügt, fondern
auch Alles, was in allegorifchem Sinne in den Begriff:
.blinde Sänger' hineingedeutet werden kann, und die
lebhafte Phantafie des geiftreichen Verf.'s ift ftark im
Allegorifiren. In feiner kunftlofen edlen Schlichtheit,
die doch die wahre Kunft der Darftellung ift, entwickelt
Max Frommel eine Fülle feiner und tiefer ,Gedanken
über den Umgang'.

Unter den gefchichtlichen und biographischen Artikeln
heben wir zunächft einen miffionsgefchichtlichen
Artikel hervor aus der Feder eines Mannes, der zu den
erften Autoritäten auf diefem Gebiete zählt: ,Der Antheil
des Mittelalters an der Ausbreitung des Chriftenthums'
von F. M. Zahn. Ein intereffanter und lehrreicher Artikel,
der ein weniger bekanntes Gebiet beleuchtet und neben
einzelnen Lichtgeftalten und Lichtfeiten der mittelalterlichen
Miffionihre Schattenfeiten zeigt. Ein anderes Stück
mittelalterlicher Gefchichte begegnet uns in der anfchau-
lichen und lebendigen Schilderung, die G. Rietfehel
von den fchweren Heimfuchungen und dunkeln Erfchei-
nungen im Leben unferes Volkes in der erften Hälfte
des 14. Jahrhunderts zum Theil auf Grund von Detailquellen
unter dem Titel: ,Aus fchweren Tagen unferes
Volkes' entwirft. Sehr dankenswerth ift der Artikel
von Th. Schott über Antoine Court, den Wieder-
herfteller der evangelifchen Kirche in Frankreich, der
menfehlicherfeits den Proteftantismus in Frankreich
unter den furchtbaren Verfolgungen, die ihn trafen,
durch Sammlung der zerftreuten Elemente in wahrhaft
ftaunenswerther Weife vor dem Untergange gerettet hat
und der erft in der neueren Zeit in der Kirchengefchichte
feine gebührende Anerkennung gefunden hat. Nur mit
tiefer Bewegung kann man diefes ergreifende und zugleich
grofsartige Stück Gefchichte lefen. Das Lebensbild
eines hervorragenden evangelifchen Pfarrers in der
Gottlob nunmehr deutfehen Provinz Elfafs, des Pfarrers
an der neuen Kirche zu Strafsburg Franz Haerter
zeichnet M. Reichard mit grofser Wärme und Liebe.
Haerter, durch fchwere innere Kämpfe zum lebendigen
Glauben gekommen, hat auf weite Kreife des Elfafs erweckend
und belebend gewirkt und auch der inneren
Miffion dort Bahn gebrochen, infonderheit gleichzeitig
mit Fliedner, aber ganz unbeeinflufst von diefem, in
feiner Vaterftadt die weibliche Diakonie eingeführt.
Wahrhaft erfchreckend und bezeichnend für den Zuftand
auf einzelnen deutfehen Univerfitäten in der Blüthezeit
des rationalismus vulgaris ift eine beiläufige Notiz über ein
Vorkommnifsauf der Univerfität Halle, in welcher Haerter
fich während des Winters 1821—22 zu feiner theolo-
gifchen Weiterbildung aufhielt. Unter Anderem befuchte
er mit zehn älteren Studirenden Profeffor Wegfcheider's
dogmatifches Seminar. Eines Tags brachte der Profeffor
die Frage zur Discuffion: ,ob es nicht zeitgemäfs
fei, das Chriftenthum abzufchaffen und eine beffere Re-