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Ausgabe:

1889 Nr. 8

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brunner, Sebastian

Titel/Untertitel:

Die vier Grossmeister der Aufklärungstheologie 1889

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 8.

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den fihus hominis, der nach wunderbarer Zeugung mit
dem Geift gefalbt fei, unterfcheiden müffe. Nur einen
von Gott von Ewigkeit her auserwählten, wunderbar gezeugten
, mit dem Geifte ausgerüfteten, zur göttlichen
Herrfchaft erhöhten filius hominis zu lehren, galt als
häretifch. Mit diefer kurzen Skizze einer mehr als
200jährigen Entwickelung in der Kirche vergleiche man,
was Ufener S. 69 zufammenfaffend ausgeführt hat: ,Ur-
fprünglich hatte Johannes der Täufer nur prophetifches
Zeugnifs von Jefus abzulegen [was alfo im 4. Evangelium
bereits Vertufchung des fynoptifchen Berichts ift, betrachtet
Ufener als Ausgangspunkt, nachdem er, wie
oben gezeigt, willkürlich die johanneifche Erzählung in
zwei gefpalten hat]. Das genügte weder denen, welche
Jefum als Gott auf Erden wandeln liefsen, noch denen,
welchen Jefus als Menfch geboren war. Jene fchufen
das Bild der göttlichen Taube, die fich auf Jefum herab-
läfst und ruht, diefe verbanden mit der Taube die Herabkunft
des im Lichtglanz erfcheinenden göttlichen Geiftes,
durch welche der Menfch Jefus zum Sohne Gottes um-
gefchaffen wird'. Das Uebrige mag man a. a. O. nach-
lefen. Die theologifchen Entwickelungen in der Kirche,
welche den Taufbericht vorausfetzen und fich über zwei
Jahrhunderte erftreckt haben, comprimirt der Verf. auf c.
60 Jahre, läfst in ihnen aber den Bericht felbft erft entftehen.

Man mag es für eine hiftorifche Aufgabe erklären,
zu unterfuchen, wie der ältefte Taufbericht entftanden
ift. Allein ich fürchte, dafs auch die eindringendfte
Kritik hier wenig ermitteln wird, weil er an den Grenzen
deffen liegt, was die Forfchung zu entziffern vermag.
Dafs Jefus von Johannes getauft worden ift, fcheint mir
nicht minder ficher zu fein wie die Thatfache feiner
Kreuzigung unter Pontius Pilatus. Wenn nun Marcus
hinzufügt, Jefus (nur von ihm ift die Rede) habe, als er
aus dem Waffer flieg, den Himmel fich öffnen und den
Geift wie eine Taube auf (in) ihn herabfahren fehen, zugleich
fei eine Stimme vom Himmel ausgegangen ab ei
ö c'iög (.iov 6 ayajiiqihg, iv aol tvöö/.wa', fo giebt diefe
Erzählung die Gewifsheit, dafs der Erzähler das Ruhen
des Geiftes Gottes auf Jefus von hier abgeleitet hat (f.
den gleichfolgenden Vers: xai evd-vg xb rtPGVfta avvbv
ixßdhlFi eig xr]v e'ormov). Ob das eine Conftruction ift
oder ob Jefus felbft diefes fubjective Erlebnifs feinen
Jüngern im Zufammenhang mit feiner Meffiaswürde angedeutet
hat, darüber kann man {breiten: für jeden Juden-
chriften verftand es fich übrigens von felbft, dafs der
Meffias in dem Moment, in welchem er aus der Ver- j
borgenheit in die Öffentlichkeit trat, auch feine Weih''
und Ausrüftung erhalten hat. Der Geift, in deffen Kraft !
er handelte, mufs beim Beginn feines öffentlichen Auftretens
auf ihn gekommen fein. Damit war die Combi- I
nation der Taufe Jefu durch Johannes mit der Herab- I
kunft des Geiftes auf ihn — ohne theologifche ^Erwägung ]
— von felbft gegeben. Dafs der ältefte Bericht diefe
Herabkunft von Jefus gefchaut fein läfst und ferner
von einer hörbaren Himmelsftimme berichtet, find Züge,
die eine befondere Erklärung m. E. nicht verlangen.
Jedenfalls aber find Speculationen über ,Tauben', wo
es fich um ein Bild handelt (Mrc. o>g neoioxegüv, Mtth.
(bau nsgiaxegäv) und um einen Vorgang, den der Evange-
lift felbft noch als Schauen Chrifti (nicht als objectiven
Vorgang) erzählt, ebenfowenig angebracht wie die Fülle I
mythologifcher Gelehrfamkeit.

Die Frage, um die es fich in den Ufener'fchen Unter- I
fuchungen handelt, wie ift der 6. Januar in der Kirche !
zum Doppelfeft der Taufe und Geburt geworden, ilt im
Grunde vom Verf. nicht beantwortet worden, auch wenn
man alle feine Ausführungen gelten läfst; denn es fehlen |
die Mittelglieder zwifchen der bafilidianifchen Feier und i
dem allgemein kirchlichen Fefte; es fehlt ein plaufibler I
Nachweis, woher es gekommen, dafs die Geburtsfeier j
nicht die Tauffeier verdrängt hat; denn Letzteres j
müfste man erwarten. Ich erlaube mir — als blofse ,

Hypothefe, denn Zeugnifse giebt es nicht — folgende
| Erwägung der Prüfung vorzulegen: Die Kirche des 2.

und 3. Jahrh. hatte, wie ihre Glaubensregeln beweifen,
i keine Veranlaffung, die Taufe Chrifti feftlich zu begehen.
! Nach der dogmatifchen Haltung, in der fie fich in jenen
j Jahrhunderten immer mehr beftärkt hat, kann man nur
ein Feft der Menfchwerdung erwarten, wenn neben
Oftern ein neues Feft eingeführt werden follte. Wenn
nun doch um 300 ein Doppelfeft der Geburt und der
Taufe auftaucht, refp. beide Ereignifse im Begriff der
j Epiphanie verknüpft erfcheinen, fo kann das zwei Ur-
fachen haben. Entweder verknüpfte man fie, weil man,
ähnlich wie beim jährlichen Ofterfeft, nicht die Erinne-
| rung an einen einzelnen Vorgang feierte, fondern die
Erfcheinung (zu Oftern feierte man nicht den Kreuzestod
, auch nicht die Auferftehung, auch nicht die Ein-
fetzung des Abendmahls, fondern die Erlöfung; fo mag
auch hier nicht fowohl ein einzelnes Ereignifs, als vielmehr
die fich in mehreren Acten auseinanderlegende Erfcheinung
des Erlöfers, Empfängnifs, Geburt, erftes
j Kundwerden, Taufe, gefeiert worden fein): die dogma-
i tifche Entwickelung im 3. Jahrh. verlangte ein Feft der
I Erfcheinung. Oder aber — und diefe Hypothefe ift
wahrscheinlicher, weil an dem Fefte nachweislich
[ die Beziehung auf die Taufe ftärker gehaftet hat
j als auf die Geburt — der 6. Januar ift urfprünglich
gefeiert worden nicht um die Taufe Chrifti als Hauptfeft
neben Oftern zu begehen, fondern als kirchlicher Jahres-
1 tauftag. In diefe Richtung weift fchon Ignat. ad Ephes. 18:
j 'lxaovg . . . Eßanxloirx] iva toi nä&ei xb vdioo -/.airaolaij.
Verknüpfte man einmal Jefu Taufe mit der kirchlichen
Taufe — und diefe Verknüpfung war fachgemäfs und
! gab der Taufe Jefu' durch Johannes einen willkommenen
Sinn —, fo mufste es naheliegen, den Tauftag Chrifti
als kirchlichen Tauftag auszuzeichnen. Er mag fchon
j lange als folcher in Aegypten beftanden haben, als man
! fand, dafs es angemeffen fei, an diefem Tage das Feft
zu begehen, welches die Erfcheinung Chrifti wirklich begründete
und nicht nur declarirte. Den alten Charakter
! aber konnte man dabei dem Feft nicht ganz nehmen, da
es durch die kirchliche Taufpraxis als Tauffeft fixirt war.

Doch das find Hypothefen. Vor folchen können wir
das Gebiet der älteften Gefchichte der chriftlichen Kirche
nicht bewahren. Aber dasfelbe ift leider auch ein Tummelplatz
der Unwiffenheit, der Voreingenommenheit., der
Tendenzkritik und der Einfälle. Ufener hat den metho-
difch arbeitenden Kirchenhiftorikern die Situation nicht
erleichtert, indem er in dem erften Theile feines Werkes
mit dem Schwergewicht feines Namens, dem Ernft feiner
Forfchung und der Fülle feiner Gelehrfamkeit für eine
Methode der Unterfuchung eingetreten ift, die unfer Gebiet
mit der Anarchie bedroht, welche in der „Wiffen-
fchaft" der allgemeinen Religionsgefchichte und Mythologie
herrfchend ift. Lernen kann man freilich überall
von ihm; aber er irrt, wenn er meint, dafs, weil es
Gnoftiker gegeben hat, die Bildung der älteften kirchlichen
Gefchichts- und Lehrtradition diefelben Unter-
(uchungsmethoden fordere und diefelbe Analyfe ergeben
müffe, wie der zum Heiligencult führende Synkretismus
des 3. bis 6. Jahrhunderts.

Berlin. Adolf Harnack.

Brunner, Sebaftian, Die vier Grossmeister der Aufklärungs-
Theologie (Herder, Paulus, Schleiermacher, Straufs), in
ihrem Schreiben und Treiben verftändlich und nach
Möglichkeit erheiternd dargeftellt. Paderborn, F.
Schöningh, 1888. (XVI, 634 S. gr. 8.) M. 5. 40.

Ex ungue leonem. Was von dem Buche zu erwarten
ift, das fleht ihm an der Stirn gefchrieben. Dasfelbe
charakterifirt fich fchon durch feinen Titel, was jedoch
den Ref. nicht verhindert hat, genauere Einficht von der