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Ausgabe:

1889

Spalte:

193-196

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baethgen, Friedrich

Titel/Untertitel:

Beiträge zur semitischen Religionsgeschichte 1889

Rezensent:

Siegfried, Carl

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. zu Berlin, und D. E. Schürer, Prof. zu Giefsen.

Erfcheint Preis
alle 14 Tage. Leipzig. J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung. jährlich 16 Mark.

N°- 8. 2°- April 1889. 14. Jahrgang.

Baethgen, Beiträge zur femiiifchen Religions- j Usener, Religionsgefchichtliche Unterfuch- Peterfen, Phiiemon (Lindenberg).

gefchichte (Siegfried). • , ungen, I. Thl. (Harnack) Johnfen, Pro Ära (Stamm).

Menzel, Der.griechifche Einflufs auf Prediger Brunner, Die vier Grofsmeilter der Auf- , ' ' '

und Weisheit Salomos (Siegfried). klärungstheologie (Meier). Vaihinger, Naturforfchung und Schule (K.

Meyer, Krilifch-exegetifcher Commenlar über ; Neue Chriftoterpe (Meier). Schulz).

das Neue Teftament, Abth. Die Apollelge- Grau, Ueber J. G. Hamann's Stellung zu Reli- Delitzfch, Emfte Kragen an die Gebildeten

fchichte, 6. Aufl. von Wendt (Holtzmann). gion und Chriftentum (Lindenberg). jüdifcher Religion (Schlofler).

Baethgen. Prof. Lic. Dr. PViedr. Beiträge zur semitischen
Religionsgeschichte. Der Gott Israel's und die Götter
der Heiden. Berlin. Reuther, 188S. (316 S. gr. 8.)
M. 10. —

Die Abhandlung über die Göttervvelt der heidnifchen

bedenken, wie fehr die prophetifche und priefterliche
Ueberarbeitung der Urkunden bedaclit gewefen ift, alle
derartige Anklänge zu tilgen. Ja, wenn felbft weiter
keine mythologifchen Spuren im A. T. fich fänden,
als diejenigen, welche der Verfaffer zuläfst oder wenigftens
als für derartige Auffaffung nicht unzuläffig bezeichnet

Semiten, welche den erften Abfchnitt des vorliegenden ! (HenochS. iS2f.,Simfon'sFüchfeS. i70ff.,Rahab,Livjathan,
Werkes bildet, ift eine felbftändige Arbeit (S. 9—130), Tannin, Keftl S. 177 etc.) [während es bei den anderen

welche auch abgefehen von ihrer Beziehung auf die Hauptfrage
diefer Unterfuchungcn ihren Werth behält. Mit

Fällen immer heifst: ,es braucht kein Gott zu fein', ,es
ift nicht nöthig, ihn als Gott aufzufaffen' S. I50f. 152.

grofsem Fleifs find aus den Infchriften und fonftigen : 159f u. ähnl., als ob es ein Unglück wäre oder eine
Urkunden die altfemitifchen Götternamen gefammelt. Sache, zu deren Anerkennung man fich erft müfste mit
Mit Scharffinn und aus gründlicher Sprachkenntnifs heraus ! Gewalt zwingen laffen] — ja felbft jene fpärlichen Spuren
ift ihre Deutung gegeben, und es bietet diefes Namenbuch ' würden doch einen ausreichenden Beweis von einer
fowohl dem lexikalifchen Fbrfcher ein unfchätzbares, | polytheiftifchen Periode der Urzeit Israel's enthalten. —
wohlgeordnetes Material, als auch der Bearbeiter alt- ; Ebenfo, wenn aus dem Umftande, dafs die Moabiter
femitifcher Religionsgefchichte in dem Bilderfaal diefes einen Berg Nebo bcfafsen. gefchloffen wird, dafs diefelben
Götterpantheons einen grofsen Theil feiner Arbeit durch den gleichnamigen babylonifchen Gott verehrten (S. 15),
den Verfaffer gethan oder wenigftens vorbereitet finden , fo haben wir gar nichts dagegen einzuwenden. Wenn
wird. Ueber die Trefflichkeit diefer Prolegomena, aber die Israeliten auf eben diefem Berge den Mofe
welche der Verfaffer viel weiter ausgedehnt hat, als für j fterben laffen, dann ,ift es wohl noch nicht nöthig' daraus
fein Vorhaben nöthig gewefen wäre, kann namentlich i zu fchliefsen, dafs diefer Berg feine Heiligkeit auch bei
hinfichtlich der philologifchen Seite derfelben kein Streit ihnen einem Götterculte verdankte, bei welchem fie befein
und wir würden überhaupt nichts an denfelbcn auszu- j theiligt gewefen waren: — Wenn die Moabiter neben
fetzen finden, wenn nicht der Verfaffer das doppelte Mafs 1 ihrem Kamos auch den Baal peor verehrten, fo ift es
und Gewicht, welches er bei der religionsgefchichtlichen , klar, dafs fie Polytheiften waren (S. iaf.), wenn aber die
Beurtheilung Israel's und der andern Semiten führt, hier j Israeliten trotz ihres Jahve das Gleiche thaten, (Num. 25)

bereits einigermafsen vorbereitet hätte. Seine Anfchauung
von der religiöfen Entwickclung diefes Völkerzweigcs ift
nämlich in der Kürze folgende. Der Ausgangspunkt aller
Semiten ift in religiöfer Beziehung der Monismus. In
der Urzeit verehren alle das allgemein Göttliche (//).
Bei den heidnifchen Semiten aber fpaltet fich dasfelbe

fo .braucht man nach dem Verfaffer noch nicht' den
gleichen Schlufs zu ziehen, denn fie fielen in diefem
F'alle nur von dem allein bei ihnen legitimen Gotte ab.
Woher weifs denn aber der Verfaffer, dafs Kamos kein
Legitimitätsdiplom befafs? War diefer doch ebenfo gut
der Landesgott der Moabiter, wie Jahve der der Israeliten.

in eine Vielheit göttlicher Wefen, es entwickelt fich | — Wenn aus Malikram hervorgeht, dafs die Edomiter
Polytheismus. Bei Israel dagegen erhält es fich und ent- 1 diefen mit dem phönikifchen Moloch verwandten Gott
wickelt (ich zum einigen fittlichen Gotteswefen. Es ent- j kannten (S. 11), warum wird dann nicht aus Abrain
fleht Monotheismus. — Nun ift es natürlich fehr leicht, I (S. 155f.) ein ähnlicher Schlufs für Israel gezogen? —-
den Polytheismus fämmtlicher heidnifcher Semiten nach- Warum ift denn Adoniräm (I. Kön. 4,6) kein Beweis für einen
zuweilen1 und Niemand wird etwas dagegen haben, wenn altisraelitifchen Himmelsgott? Wenn bei heidnifchen
der Verfaller aus oft fehr fchwachen Anzeichen folgen- j Semiten der Name Gad vorkommt, fo ift es kein Zweifel,
fchwere bchlüffe zieht, weil die Analogien der mytho- I dafs wir es hier mit einer ,eifrig verehrten Gottheit' zu
logilchen Wiftenfchaft dafür fprechen, und wenn er felbft, | thun haben (S. 76—80), wenn aber derfelbe Name fich
wo Beweife fehlen, wie das bei der Dürftigkeit der j in Israel findet als Stammesname und in echtjudäifchen
Quellen ganz erklärlich ift, den Polytheismus des be- I Familiennamen Esr. 2,12 u. a., dann ift es nach dem
treffenden Volkes als ein Poftulat vorausfetzt. Wir möchten Verfaffer zu empfehlen, dafs wir uns daran erinnern, dafs
nur bitten, dies bcncficuim auch der altifraelitifchen ; diefer Name ,fachlich genau dem arab. Sa d = Glück ent-
Religionsforfchung zu Theil werden zu laffen. Wenn bei fpricht' und wir müffen ihn dann als aus Gadcl u. ähnl.
den Edomitern und Ammonitern trotz der Dürftigkeit j verkürzt denken (S. 161). Dies einige Proben von dem
der Nachrichten (S. 12 u. 16) auf ihren Polytheismus j doppelten Mafs und Gewicht, welches bereits in der
gefchloffen wird, fo dürfte es fich empfehlen, auch die 1 Einleitung vorbereitet und hernach in der Ausführung
Dürftigkeit der Nachrichten über altisraelitifchen Poly- noch weiter verwendet wird, foweit es fich für den
theismus nicht allzu hoch anzufchlagen, zumal wenn wir Verfaffer darum handelt, nachzuweifen, dafs die Argumente
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