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Ausgabe:

1889 Nr. 7

Spalte:

181-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bitzius, Alb.

Titel/Untertitel:

Predigten. 2. u. 3. Bd 1889

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 7.

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preufsifcher oder öfterreichifcher Fahne mit in den Krieg
ziehen fah, die ihren Lieblingsbruder, den von Max von
Schenkendorf befungenen, fchon bei Lützen verloren hat,
trat an ihre Stelle, indem fie den Ausziehenden Fahnenbänder
darreichte, die Verwundeten pflegte, noch als
die Franzofen in Berlin Banden, in edelfter Würde das
Königshaus ihnen gegenüber vertrat, — eine majeflä-
tifche Frau auch nach ihrer äufsern Erfcheinung, durch
die Eigenfchaften ihres Geiftes und Herzens der Liebling
des Volkes. — Nach dem Kriege ward es wieder niller
für fie, zumal feitdem Kronprinz Friedrich Wilhelm fich
verheirathet hatte und deffen Gemahlin Elifabeth die erfte
Stelle am Hofe einnahm. Nun beginnen die Jahre, in
denen fie den Sommer und Herbit bis tief in den Winter
hinein zu Fifchbach in Schienen verlebte. Es war ein
wunderbar reiches, chriltliches Leben, wie es damals in
den Ritterfitzen am Fufse des Riefengebirges, in Buchwald
bei dem gräflichen Haufe Reden, welches erft jüngft
von der Prinzefs Reufs-Jänkendorf eingehend gefchildert
worden ifl, in Jannowitz bei den Stolbergs und nicht zum
minderten in Fifchbach fich entfaltete, an welchem Friedrich
Wilhelm III. und IV., diefer fchon als Kronprinz,
Antheil hatte. Zeugen desfelben find noch heute die
Niederlaffungen der vertriebenen Zillerthaler bei Erdmannsdorf
, wie die liebliche Kirche Wang auf dem
Brückenberg, und wie viele Einflüffe find von da aus
nach der Hauptftadt zurückgefirömt? Dort hat auch Prinzefs
Wilhelm, fo viel fie vermochte, die Werke des Glaubens
und der Liebe gefördert. Am 14. April 1846,
während ihr Sohn Waldemar noch auf feiner grofsen Reife
war, ift fie verfchieden.

Seitdem find auch ihre Söhne Adalbert und Waldemar
, ihre Tochter, die Prinzefs Carl in Darmftadt, die
von der Mutter nicht nur die Holbein'fche Madonna,
ein Gefchenk des Gemahls, geerbt hatte, und deren
Papieren der Verf. das Meifte für fein Werk verdankt,
geftorben. Nur die fchwergeprüfte Königin Marie von
Bayern lebt noch. Aber auch manches lebt, was von
ihr gefäet worden ift, und in diefem Jahr der Erinnerung
an die franzöfifche Revolution, diefer Geburtsftätte einer
neuen Zeit, geziemt es fich auch, das Gedächtnifs an die
aufzufrifchen, welche in anderm Sinne ein Neues angebahnt
und gefchaffen haben, wie an Neander, deffen
hundertjähriger Geburtstag eben gefeiert wird, auch an
diefe edle Zeugin chriftlich-deutfchen Wefens, deren neu
erfchienenes Lebensbild auch durch ihren 100jährigen
Geburtstag, den 15. October 1888, veranlafst worden ift.

Leipzig. Härtung.

Bitzius, Pfr. Alb. Predigten. [Aus dem Nachlafs hrsg.]
2. u. 3. Bd. Bern, Schmid, Francke & Co., 1887 u. 88.
{VW, 380 u. VIII, 395 S. gr. 8.) ä M. 3. 50.
Gelegentlich des erflen Bandes diefer Predigtfamm-
lung hat Ref. im 9. Jahrgang diefer Zeitung eine eingehende
Charakteriftik der Predigtweife des frühzeitig verftorbenen
hochbegabten Verf.'s gegeben, auf welche er fich hiermit
bezieht. Auch in den vorliegenden Predigten, die aus
der erften Zeit feiner geiftlichen Thätigkeit, einzelne aus
dem Jahre 1869, die andern aus den Jahren 1870 und 1871
flammen, charakterifirt fich Bitzius als der echte Sohn
und Erbe des Lützelflüher Pfarrers, der unter dem Namen
Jer. Gotthelf nicht blofs einen Ehrenplatz in der neueren
Literaturgefchichte behauptet, fondern auch einen folchen
in jeder praktifchen Theologie haben follte; feine Schriften
mit der Fülle ihrer Lebensweisheit und mit ihrer
tiefen Pfychologie find für jeden angehenden Geiftlichen
eine wahre Hodegetik. Wenn auch nicht in gleichem
Grade, wie von den Schriften des Vaters, fo doch annähernd
kann man dies auch von den Predigten des Sohnes
lagen, die wir nicht anflehen, zu den originellften und
hervorragendften Erfcheinungen der neueren Homiletik
zu zählen, und wir können nur dem Herausgeber, Gym-

naliallehrer Hegg in Bern, danken, dafs er die Predigt-
fammlung fortgefetzt hat.

Wer lediglich den dogmatifchen Mafsftab an die
Predigten legt, wird ihnen freilich nicht gerecht werden.
Der theologifche Standpunkt des Verf.'s ilt in der Hauptfache
derjenige der Reformer. Die chriftlichen Heils-
thatfachen werden mehr oder weniger in religiöfe Ideen
umgefetzt, der Begriff der Offenbarung wird verallgemeinert
, die Perfon Chrifti wird über die menfchlich-
natürliche Sphäre nicht hinausgehoben, die verföhnende
Bedeutung des Todes Chrifti tritt in den Hintergrund,
die Auferftehung des Herrn wird zur Vifion (vgl. die 4.,
die ii., die 17., die 24. Predigt des erften, und die 15.
Predigt des zweiten Bandes). Aber wenn auch B. nach
feinem dogmatifchen Standpunkte Reformer ift, fo erheben
fich doch feine Predigten nach Inhalt und Form
weit über das Niveau derjenigen diefer Richtung. Statt
der in jenen Predigten üblichen Polemik gegen die Ortho-
! doxie findet man hier, foweit es von diefem Standpunkte
möglich ift, eine liebevolle Würdigung des religiöfen Gehaltes
der überlieferten Anfchauung, wenn auch namentlich
, wie in den Abendmahlspredigten, die tiefe Bedeutung
der Verformung mit Gott für das ganze chriftliche
Leben nicht genug erkannt und dabei die kirchliche Anfchauung
in ihrer Carricatur bekämpft wird (vgl. Band III,
105, womit jedoch Band III, 242 zu vergleichen ift, wo
der Gedanke der Verföhnung tiefer gefafst wird). Die
Perfon Chrifti wird, wenn auch nicht bis in ihre tiefften
Wurzeln hinein, doch in ihrer einzigartigen fittlichen Dig-
| nität mit warmen Zügen in lebendigfter Anfchaulichkeit
j dargeftellt, nicht feiten mit überrafhcend geiftvollen
Blicken in die Seelenftimmung des Herrn, und vor Allem
werden die ethifchen Wirkungen des Chriftenthums für das
Leben des Volkes, für das ganze fociale Leben mit feinen
verfchiedenften Verhältnifsen mit wahrer Meifterfchaft
herausgeftellt. Nach diefer Seite erinnern die Predigten
an die leider vergeffenen Predigten der Winter- und
Sommer-Poftille von Claus Harms, wenn auch diefer fchon
in jener erften noch unabgeklärten Periode feiner Entwicklung
ungleich tiefer in der Anfchauung der Kirche wurzelt.
B. fieht mit dem finnigen Auge des Dichters die Welt
und das Leben an; auch das fcheinbar Geringfügige hat
ihm einen idealen Hintergrund; Alles, auch die Statiftik
am Neujahrstage, weifs er zu beleben, und er kennt den
Menfchen, er kennt das Volk, er fühlt warm mit ihm und
Bellt das Evangelium mitten hinein ins Leben des Volkes.
Seine Predigten find geniale Griffe ins Menfchenherz und
in das Herz des Volkes; die Sauerteigskraft, mit der das
Reich Gottes Alles, auch das öffentliche politifche Leben
durchdringt, kommt zu ihrer vollen Würdigung in einer
zugleich für den Republikaner charakteriBifchen Weife.
Seine Bufs- und Bettagspredigten, feine Peidpredigten
die er im Jahre 1870 gehalten, wo er mehrere Wochen zu
Felde lag, feine Predigten vor den politifchen Wahltagen,
von denen eine Probe in der vorliegenden Sammlung
gegeben iB, fowie feine HausBandspredigten haben eine
befonders packende und zündende Kraft; Bellenweife erhebt
fich in ihnen die Rede zu einer wahrhaft propheti-
fchen Sprache. So weit der Blick des Verf.'s für das
grofse Ganze ifl, fo tief fchaut er auch in die einzelnen
befchränkten Verhältnifse des alltäglichen Lebens hinein
und verfleht, allen die rechte Weihe zu geben, alle in ein
höheres Licht zu Bellen. Es ifl ein grofser fittlicher
Ernfl in den Predigten; B. verfleht es trefflich, das Ge-
wiffen des Volkes, wie des Einzelnen zu fchärfen mit
feiner männlichen Beredfamkeit, mit feiner charaktervollen
freimütigen Rede und dazu auch die Gabe feiner Ironie,
die er in ungewöhnlichem Grade befitzt, zu benutzen;
eine höchft intereffante Probe davon bietet der 2. Band
S. 320 ff. Eigentümlich berühren uns die vom Standpunkt
des Schweizers aus gehaltenen Predigten über den
Krieg 1870 (Band II, S. 290. Band III, S. 21), in welchen
die Neutralität der Schweiz verteidigt und in ziemlich