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Ausgabe:

1889 Nr. 7

Spalte:

180-181

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baur, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Prinzess Wilhelm von Preussen, geborene Prinzess Marianne von Hessen-Homburg. Ein Lebensbild aus den Tagebüchern und Briefen der Prinzess. 2., verm. u. verb. Aufl 1889

Rezensent:

Hartung, Bruno

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IJ9 Theologifche Literaturzeitung. 1889. Nr. 7. 180

Den breiteften Raum nehmen aber in dem Brief-
wechfel dogmatifche und ethifche Erörterungen ein.
Ethifche Probleme werden im Einzelnen weniger be-
fprochen, dagegen kommt der Aufbau der theologifchen
Ethik im Ganzen wiederholt zur Verhandlung. Beide
Theologen verzichteten mit Recht auf die wiffenfehaft-
lich ganz unhaltbare Dreitheilung in Güter-, Tugend-
undPflichtenlehre. Aber was von ihnen an fyftematifchem
Aufbau hier geboten wird, fleht doch mehr nach einem
mühevollen Gruppiren der vorhandenen ethifchen Themata
aus, als dafs ein einleuchtender Organismus aus
einer einheitlichen Wurzel gefunden würde; wir fehen
beide Theologen in diefer Hinficht noch im Suchen.
Obgleich Dorner eine ethifche Perfönlichkeit von feltener
Durchbildung war, lag doch feine theologifche Originalität
auf dem Gebiet der Ethik nicht; ich entfinne mich
auch nicht, dafs feine ethifchen Vorlefungen, die ja jetzt
Jedermann zugänglich find, den packenden Eindruck
einer wiffenfehaftlichen That gemacht hätten, wie feine
dogmatifchen. Martenfen's Ethik aber, über deren Bedeutung
es keines Wortes bedarf, hat ihre Kraft weniger
im organifchen Aufbau des Ganzen und in der wiffenfehaftlichen
Terminologie — beides Dinge, für die in
der Ethik noch fehr viel zu thun ift, — als in der Ausbreitung
der Pulle des ethifchen Stoffs und in der feinen
Durchführung des Einzelnen. Wie Dorner nun unermüdlich
auf Vollendung diefer Plthik drängte, fo Martenfen
auf Herausgabe u. Vollendung der Dorner'fchenDogmatik.
Angefichts des Heranwachfenden Gefchlechts von Theologen
, deren Mehrzahl jede fpeculative Ader fehlte, war
Dorner bedenklich, ob ,das Buch nicht wie ein Fremd-
ling im jetzigen Gefchlecht daftehen' würde. Er fchrieb
II, S. 390: ,Die ftreng Confeffion eilen und die Bibliften
werden beide nicht befriedigt fein, obwohl ich meine, die
h. Schrift nicht wider, fondern für mich zu haben, zumal
fie nicht blofs Didaskalia, fondern auch Gnofis verlangt,
und obwohl ich von lutherifchem Geift fo viel oder
mehr zu haben vermeine als viele, die fich laut als
Lutheraner geriren. Dafs ich bei Männern wie Lipfius
und Ritfehl keine Gnade finden werde, ift mir gewifs'.
Aber Martenfen ermuthigte II, S. 248: ,Ihre Schriften
find nicht für den Augenblick geboren und werden
ftudirt werden, wenn das jetzige junge Deutfchland längft
verwelkt ift und verfchollen', und urtheilte über das
fertige Werk II, S. 466: .Es wird feinen Gang gehen
durch den Wechfel der Zeiten und Meinungen, wird Wider-
fpruch, Ignoriren und Ignoranz des Zeitgeiftes lange
überleben zur Erbauung und Erleuchtung der evange-
lifchen Kirche.' Da beide Theologen fich in demfelben
fpeculativen Intereffe begegneten, fo konnte es natürlich
nicht fehlen, dafs die Befprechung des trinitarifchen und
chriftologifchen Dogma's im Briefwechfel immer wiederkehrte
. Bietet diefelbe auch gegenüber den Dogmatiken
von Martenfen und Dorner dem Lefer nicht wefentlich
Neues, fo empfängt doch Verfchiedenes eine werthvolle
Beleuchtung, wie z. B. Jefu Sündlofigkeit, die Bedeutung
feiner Gefchichtlichkeit, die Begründung der Ethik feiner
Perfon auf ihre Metaphyfik, die Einigung der Naturen
der gottmenfehlichen Perfon u. f. w. Die Grunddimmung
beider Theologen in all diefen Problemen fpricht Martenfen
II, S. 216 dahin aus: ,Mit blofser hiftorifcher
Kritik ohne Idee kommt man nicht weit in der Theologie
. Mit einer ethifchen Idee ohne Hiftorie kommt man
in der Hauptfache nicht weiter als Kant. Summa: ohne
Identität des idealen und hiftorifchen Chriftus, ohne In-
carnation und Trinität keine wahre Theologie, höchftens
Uebergangsformen wie Schleiermacher oder wunderlich
fchwebende Zwittergeffalten wie Hafes Dogmatik'. Es
ift des Weiteren kaum eine Frage von hervorragender
dogmatifcher Wichtigkeit, die nicht irgendwie in den
Kreis der Befprechungen gezogen würde.

Man macht übrigens die Beobachtung, dafs, während
beide Theologen fich im erften Bande in ebenbürtiger

Kraft gegenüberflehen, im zweiten Bande die Ausführungen
Martenfen's—offenbar in F"olge feiner vorwiegend
praktifchen Aufgaben — ganz erheblich nachlaffen. Mit
zunehmendem Alter liebte er es, fich in die theofophifchen
Speculationen Jakob Böhme's zu verfenken, und in dem
Mafse, wie feine theofophifchen Liebhabereien in den Vordergrund
dringen, werden die Erörterungen der Freunde
über die Gotteslehre unfruchtbarer.

Nicht unerwähnt foll bleiben, dafs das Freundfchafts-
band die nationalen Kämpfe zwifchen Deutfchland und
Dänemark überdauerte, trotzdem beide diefe Kämpfe in
innerlichfter Betheiligung mit durchlebten. Die Befprechungen
der Gegenftände des Streits in den Briefen
find mufterhaft für ein chriftliches aXrj&eveiv iv ayanrj.
Und Dorners Briefe in Beziehung auf diefen Punkt geben
der edlen und mafsvollen Mannhaftigkeit nationalen
Empfindens einen geradezu vollendeten Ausdruck.

Das Durchlefen beider Bände hat mir einen wirklichen
Genufs bereitet; ich bin aber auch überzeugt,
dafs diefe mehr plaudernde Art der Behandlung' theolo-
gifcher Gegenftände denjenigen zufagen wird, welchen
beide Theologen nicht fo fympathifch find wie dem Unterzeichneten
. Dem Pierausgeber gebührt darum der
Dank nicht nur der Schüler und Freunde derfelben,
fondern aller, die irgendwie an der Theologie mitarbeiten.
Aber ein Mangel des Buches in der vorliegenden Form
darf darum nicht unerwähnt bleiben. Bei der zerriffenen
und zufälligen Art, in der theologifche Probleme im
Briefwechfel auftauchen und verfchwinden, ift es fehr
fchwer, etwas, was man vom Lefen her in der Erinnerung
hat, wieder aufzufinden; und es ift nicht das Ge-
ringfte gefchehen, das Buch für den dauernden Gebrauch
fruchtbar zu machen. Es fehlt zweierlei: 1) ein Ver-
zeichnifs fämmtlicher Briefe mit kurzer Angabe des
Hauptinhalts jedes Briefes, 2) ein Sach- und Namen-
Regifter. Es wäre zu wünfehen, dafs der Verleger beides
noch anfügte, beziehungsweife den Befitzern des Buchs
auf ihren Wunfeh nachlieferte.

Bonn. L. Lemme.

Baur, Wilh., Prinzess Wilhelm von Preussen, geborene
Prinzefs Marianne von Pleffen-Homburg. Ein Lebensbild
aus den Tagebüchern und Briefen der Prinzefs.
2. verm. u. verb. Aufl. Hamburg, Agentur des Rauhen
Haufes, 1889. (XI, 391 S. gr. 8.) M. 5.— ; geb. M. 6.50.

Das Leben, welches von berufender Hand hier ge-
fchildert wird, hat, abgefehen von der edlen Perfönlich-

j keit der Prinzefs Wilhelm, ein befonderes Intereffe dadurch
, dafs es uns in drei wichtige Epochen des deutfehen
Lebens einführt. Ihre Kindheit und Jugend hat fie an
dem kinderreichen Hof zu Homburg verlebt, über dem
der Geid ihrer Grofsmutter leuchtete ,der grofsen
Landgräfin', welche in Darmdadt einen Friedrich II zum
Freunde gehabt hatte, und welche durch das grofse Regen
der Geider in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts
fympathifch bewegt war, der aber in den trefflichen
Filtern, dem Landgrafen Friedrich und der Land-
gräfin Karoline, mehr als andere dem pofitiven Chriden-
thum Raum gab und das in einer Zeit, in der das nicht
ferne Frankreich von den Wellen der Revolution bewegt
wurde. — Die junge Frau hat als die Gattin des
Bruders Friedrich Wilhelm's III die Jahre 1806 u. 1807,
während deren fie auf der Flucht zwei liebe Kinder ver-

1 loren hat, fclbd dem Tode nahe, in unmittelbarder Ge-
meinfehaft mit der ihr innig nahe dehenden Königin

j Luife durchlebt, hat dann im Briefwechfel mit Stein das
Heranreifen der neuen Zeit gefehen und befördert; id in
der Schule derfelben immer mehr eine deutfehe, eine chrid-
liche Frau geworden. Als das Jahr 1813 kam, hatte
Preufsen keine Königin. Prinzefs Wilhelm, die erde der
preufsifchen Frauen, die ihren Gemahl, ihre Brüder unter