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Ausgabe:

1888 Nr. 7

Spalte:

172-175

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aurbach, O.

Titel/Untertitel:

Die evangelische Kirche am Wendepunkte ihres äusseren Geschickes 1888

Rezensent:

Köhler, Karl

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i7i

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 7.

172

S. 39: Verf. verfpricht den Nachweis zu liefern, ,dafs
unfer gefammtes Erkenntnifsvermögen in all feinen
Theilen fo angelegt fei, dafs es nur zu begreifen ift,
wenn es Objecte giebt, welche ihm entfprechen, dafs es
überall über fich hinausweift'.

Es folgen und nehmen den gröfsten Theil des Buches
ein (bis S. 352) ,erkenntnifstheoretifche Unterfuchungen',
denen fich dann ,metaphyfifche Unterfuchungen' an-
fchliefsen. In der Erkenntnifstheorie fucht Verf. an den
Kantifchen Lehren ähnliche Veränderungen anzubringen,
wie fie S chleierm acher und Lotze für nöthig erachtet !
haben; doch hält Verf, es im allgemeinen für überflüfüg,
zu conftatiren, was er den beiden letztgenannten Den- ,
kern entlehnt hat, während er fonft, nämlich beim Citiren I
zeitgenöffifcher Schriftfteller, nicht eben unfleifsig ift. I
So fchreibt Verf. S. 134: ,Kant unterfcheidet Urtheile der
Quantität, Qualität, Relation und Modalität. Die erfte
Form der Urtheile mufs zugegeben werden. In Bezug
auf die drei anderen Formen fcheint mir indefs eine
Modification nothwendig. Diejenigen Urtheile, welche
Kant der Qualität unterordnet, bewegen fich, für fich betrachtet
, im Gebiet des Möglichen'. Indefs, was der Verf.
hier und im Folgenden recht verworren ausfpricht, hat
Herbart und Lotze'n bereits früher gefchienen. In
feiner Logik (1843) wendet fich letzterer mit Berufung
auf Herbart gegen den felbftändigen Geltungswerth des
negativen Urtheils (des eigentlichen Qualitätsurtheils,
da man die Bejahung überall unterbringen kann) und
fährt dann fort: ,An und für fich ift alfo jedes Urtheil
pofitiv; die Negativität desfelben hätte nicht zu der Be-
llimmung einer eigenthümlichen Qualität dienen follen;
fie wäre vielmehr weit beffer mit jenen fogenannten
modalen Beftimmungen der Urtheile zufammengeftellt
worden, welche auch nur dazu beftimmt find, dem fchon
fertigen Urtheile feine Geltung in dem Kreife wirklicher
Erkenntnifse anzuweifen'.

Auch die Theorie von Raum und Zeit*, welche Dorner
vorbringt, ift Lotzifch, was indeffen Verf. fchon eher ver-
fchweigen durfte, da feit Kant's ,Kritik' über diefe beiden
,Formen der Anfchauung' fo viel hin und her geftritten
worden ift, dafs es fchwer ift, die Väter der fpeciellen
Anflehten herauszufinden und es gilt das befonders für
jene Anficht, welche dem Raum aufser feiner ,fubjec-
tiven' noch ,objective' Geltung verfchaffen will. Dagegen
wäre es wieder hübfeh vom Verf. gewefen, wenn er
feine Gedanken über die Beziehung von Urtheil und
Begriff als Schleiermacherifch kenntlich gemacht hätte.
Auf S. 127 fchreibt A. Dorner: ,Man wird einerfeits
fagen können, dafs in den Begriffen die Refultate der
Urtheile zufammengefafst werden. Andererfeits freilich
fetzen die Urtheile wieder Begriffe voraus . . . .' ,Wir
fcheinen uns alfo im Kreife zu drehen' . . . u. f. w. In
der von Jonas herausgegebenen Dialektik Schleier-
macher's lautet aber § 140: ,Das Urtheil fetzt feinem
Wefen nach den Begriff voraus'. § 142: ,Der Begriff fetzt
überall das Urtheil voraus'. Und zufammenfaffend § 172:
Begriff und Urtheil find ihrer Natur nach durch einander
bedingt. —

In der 3. Abtheilung diefes Theiles treten ,die mit
Werthurtheilen verbundenen Begriffe' auf. Dafs Erkennt-
nifs durch Kategorien nicht zur abfchliefsenden Einheit
führt, hat fchon Kant gelehrt und die Ideen, als regulative
Principien, die Function des Abfchliefsens vollziehen
laffen. Auch hier glaubt A. Dorner über Kant
hinausgehen zu müffen. Der Verf. ftatuirt drei Ideale:
Das äfthetifche, ethifche und religiöfe; diefe bedienen
fich, um fich im Einzelnen zu realifiren, der ,intellectu-
ellen Anfchauung', durch welche wir eine Harmonie er-
fchauen, da, wo die gemeine Anfchauung nur mühfam
an der Hand der Kategorien zur Einheit fortfehreitet.
,An dem concreten Fall wird uns' (durch intellectuelle
Anfchauung) ,klar, dafs die Welt dem Ideal zugänglich
ift, dafs das Soll der Ideale fich zum Sein nicht feindlich

j verhält, dafs die Ideale in der Vewirklichung begriffen
find, das um fo mehr, als eben der concrete Fall als
Spiegel der Welt fich anfehen läfst, weil in ihm das uni-
verfale Princip des Ideales zur Geltung gekommen ift'
(S. 302). Um der intellectuellen Anfchauung Boden zu
gewinnen, fucht Verf. dann noch (S. 304 ff.) nachzuweifen,
dafs auch die induetive Forfchung derfelben nicht entbehren
kann.

Ueber die Metaphyfik des Verf.'s will ich lieber
fchweigen; ich glaube ihm dadurch am betten zu dienen.

Giefsen. Ferd. Aug. Müller.

1. Aurbach, Pfr. O., Die evangelische Kirche im neuen deutschen
Reiche. 2. billige Ausg. Prenzlau, Biller, 1888.
(VIII, 194 S. gr. 8.) M. 2.—

2. Aurbach, Pfr. O., Die evangelische Kirche am Wendepunkte

ihres äusseren Geschickes. Ein Weckruf an das evan-
gelifche Preufsen und Deutfchland. Ebd., 1887.
(50 S. 8.) M. —.60.

Die Schrift Nr. 1 ift zum erftenmal vor heben Jahren
erfchienen und damals von dem Ref. in Nr. 4, 1881 der
Th. Lit.-Ztg. befprochen worden. Da die jetzt hervortretende
neue Ausgabe (nicht Auflage) mit der erften
identifch ift, fo kann ich mich auf die frühere Anzeige
beziehen. Das Buch ift nicht arm an guten und wahren
Gedanken. Ziel des Verf.'s ift die deutfeh-evangelifche
Nationalkirche, ruhend ohne innere Unfreiheit auf dem
Grunde des nicht dogmatifch, fondern religiös gemeinten
Glaubens an Jefus den Gottesfohn, ausgeftattet mit einer
Vcrfaffung, welche ihr freie und felbftftändige Bethätigung
innerhalb des Volksganzen zum Heile des Ganzen ermöglicht
. Freilich mufs ich auch, was dort über die
Mängel und Schwächen in dem Programm des Verf.'s getagt
wurde, jetzt noch aufrecht erhalten. Den Anlafs,
mit dem Buche neu hervorzutreten, gaben die kirchen-
politifchen Ereignifse der letzten Jahre, der Freundfchafts-
bund mit Rom, die fortfehreitende Loslöfung des Staates
von der evangelifchen Kirche und die angebahnte Selbft-
ftändigmachung der letzteren durch die Presbyterial-
Synodalverfaffung. Darauf weift die Brochüre Nr. 2,
welche der Verf. feiner Schrift als Begleiter und Wegbereiter
bei ihrem zweiten Gang mitgegeben hat. Sie ift
ein Aufruf zur That, aus warmem Herzen und vielfach richtiger
Beobachtung entfprungen. Die evangelifche Kirche
Deutfchlands fleht an einem Wendepunkt ihrer Gefchickc.
Jetzt oder nie gilt es für fie, fich als eine Geiftesmacht
im Leben der Nation zu erweifen, oder es droht ihr
die Gefahr der Auflöfung, dem kaum begründeten Reiche
der rafche Zerfall. In dem evangelifchen Chriftenthum,
deffen Träger die evangelifche Kirche ift, hat diefes feine
Stärke, der Romanismus ift fein Todfeind. Es mufs
darum in der Anlehnung an die evangelifche Kirche feine
Stütze finden. Das Paritätsprincip im Sinne des Idem
adque anftatt Suum cuique ift ein Widerfinn. Es ift ein
Verdienft Beyfchlag's, das mit Klarheit und Schärfe aus-
gefprochen zu haben, unfer Verf. ftimmt ihm darin nach
Gebühr herzhaft bei. In der That wird die kirchenpoli-
tifche Frage niemals eine befriedigende Löfung finden,
fo lang die Fiction beliehen bleibt, dafs es möglich oder
fogar Pflicht für den deutfehen Staat fei, zu zwei Con-
feffionen, welche in fich fo grundverfchieden find und
ihm felbft in fo grundverfchiedener Weife gegenüber
treten, feinerfeits die nämliche Stellung einzunehmen,
weil fie beide den Namen von Kirchen haben. Es ift
ein Stück jenes leblofen Formalismus und Doctrinaris-
mus, mit welchem der realiftifche Geilt der Neuzeit zu
brechen angefangen hat. Freilich wird es noch lange
dauern, bis die fich ankündigende beffere Einficht durchgedrungen
fein wird. Um aber an der evangelifchen
Kirche eine Stütze haben zu können, fährt der Verf.