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Ausgabe:

1888 Nr. 4

Spalte:

87-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schleiermacher, Friedrich

Titel/Untertitel:

Predigtentwürfe aus dem Jahre 1800, hrsg. von Friedrich Zimmer 1888

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 4.

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ihren Gliedern von Chrifto erlöfte Gemeinde vor uns
haben. So i(l der Vortrag ein entfchiedenes überzeugungsfreudiges
Zeugnifs für die Berechtigung bei der
theologifchen Richtung, die der Verf. vertritt, auch dem
praktifchen Kirchendienft fich zu widmen. Zeigt er auf
der einen Seite, dafs die Befähigung zum evangelifchen
Prediger nicht durch die Zuftimmung zu einem beftimmten
theologifch formulirten Glaubensbekenntnis oder zu einer
überlieferten Dogmatik der Schule bedingt fei, fo bewein;
er auf der andern Seite, dafs bei den theologifchen Vor-
ausfetzungen, die der Verf. geltend macht, nicht nur die
freudigfte Hingebung an die Pflichten des evangelifchen
Predigtamts möglich ift, fondern auch der Hoffnung Raum
gegeben werden darf, Fehler und Irrwege zu vermeiden,
durch welche bisher die Wirkung der evangelifchen Predigt
befchränkt worden ift, und auf die echt evangelifchen
Wege bei derfelben zurückzulenken, auf denen Luther
und vor ihm Paulus uns vorausgegangen find. Jüngeren
Theologen, die darüber mit fich noch nicht ins Reine
gekommen find, ob ihnen, bei mancherlei kritifchen Bedenken
gegen die Echtheit biblifcher Bücher und einer
theologifchen Vorbildung, die es ihnen unmöglich er-
fcheinen läfst, fich der kirchlich-confeffionellen Richtung
anzufchliefsen, noch die innere Berechtigung zum Predigtamt
zuftehe, ift darum der Vortrag auf das Wärmfte zu empfehlen
. Nicht minder aber verdient derfelbe auch wohlwollende
Beachtung bei praktifchen Geiftlichen. Nicht als
ob aus demfelben viel für die Predigt zu lernen wäre.
Der Verf. geht zu wenig darauf ein, welche Umgeftal-
tung der Predigtweife fich, fobald den von ihm aufge-
ftellten Forderungen genügt werde, vollziehen müffe. Und
felbft bei wefentlicher Zuftimmung zu feinen theologifchen
Anfchauungen kann es dem Einzelnen noch zweifelhaft
bleiben, ob der Fehler, durch welche die evangelifche
Predigt in ihrer Wirkfamkeit gehemmt wird, da zu fuchen
ift, wo der Verf. ihn findet. Vorläufig ift doch wohl
nicht zu leugnen, dafs die auch im Sinne des Verf.'s
tüchtigften Prediger, d. h. die, die nichts Anderes predigen
als Jefum Chriftum den Gekreuzigten und zwar als
folche, die von Chrifto überwunden den Geilt Chrifti haben,
ihrer grofsen Mehrzahl nach und nicht etwa nur die theologifch
weniger gebildeten unter ihnen, zu der von dem
Verf. hoch gepriefenen und gefegneten Kritik lieh ablehnend
verhalten, ja gar nicht verftehen können, wie eine
andere Stellung zu derfelben mit dem Glauben an Chriftum
verträglich fei, und dafs diefelben auch dem von dem
Verf. gerügten pietiftifchen Kirchenbegriff mehr oder weniger
huldigen. Vielleicht hätte der Verf., der dies anerkennt
, die Uebereinftimmung neben dem, was ihn von
denfelben trennt, in noch wärmerer Weife bezeugen können
. Aber eins ift in feinem Vortrag unverkennbar. Die
Aufgabe der evangelifchen Predigt ift von ihm ihrem
Kern nach richtig erfafst, das Eine, was noth thut, wird
von ihm auf das allerentfchiedenfte betont. Dafs davon
Kenntnifs genommen werde, zumal auch von folchen,
denen die Stellung des Verf.'s zu Schrift und Bekennt-
nifs unverftändlich bleiben mag, ift eine Forderung der
Gerechtigkeit. Dem evangelifchen Gemeinbewufstfein
aber kann es nur ftärkend und fördernd fein, zu bemerken
, wie in Betreff der Aufgabe der ev. Predigt fich die
Anfchauungen derer begegnen, die in Theologie und
kirchlicher Parteiftellung fonlt weit auseinander gehen
mögen.

Dornreichenbach. Wetzel.

Schleiermacher, Friedr., Predigtentwürfe aus dem J. 1800,
hrsg. von Prof. Paft. Lic. Dr. Friedr. Zimmer. Gotha,
F. A. Perthes, 1887. (IV, 75 S. gr. 8.) M. 1.40.

Aus mehreren Heften ungedruckter Predigtentwürfe
Schleiermacher's, die fich in den Händen des Profeffor
Dr. Lommatzfch befinden, hat der Herr Herausgeber

! vorliegende 51 ausgewählt. Referent verlieht den Reiz,
j die Manufcripte grofser Männer, die dem Lefer fo lebhaftes
Intereffe gewähren, ganz oder theilweife zu veröffentlichen
. Aber das Intereffe ift meift nur biographifcher
' Natur und kann daher allein die Veröffentlichung nicht
rechtfertigen. Jedoch auch hiervon abgefehen wird ein
doppeltes Bedenken dem vorliegenden Buch gegenüber
erweckt. Es find Entwürfe, die Schleiermacher lediglich
zu eigenem Gebrauch niedergefchrieben hat. Wird es
ihm nicht gegangen fein, wie es uns Allen geht, dafs die
Notizen, die wir uns zu mündlicher oder fchriftlicher
Ausführung machen, oft nur ErinnerungenanGedanken
find, die wir damit verknüpfen, daher nur uns felbft
verftändlich, nicht aber klarer Ausdruck diefer Gedanken
felbft? Lägen die ausgeführten Predigten vor, fo würde
wohl kaum jemand einen Auszug daraus machen, der
diefen Entwürfen gleichartig wäre; und fuchte jemand
diefe Entwürfe auszuführen, fo würden die daraus ent-
ftandenen Predigten den von Schleiermacher wirklich gehaltenen
fehr unähnlich fein. Dazu kommt, dafs diefe
Entwürfe aus dem Jahre 1800 flammen. Es ift das Ent-
ftehungsjahr der Monologen und der vertrauten Briefe
über Schlegel's Lucinde. Das ift jedenfalls nicht eine
Periode in Schleiermacher's Leben, in welcher der grofse
Theologe als Mufterbild eines evangelifchen Predigers
fich zeigt; er fleht vielmehr in gährender Romantik und
hat von evangelifcher Art nur wenig an fich. So wird
die Vermuthung nahe liegen, dafs das Wort, welches
Schleiermacher Entwurf 4 über die Heil. Schrift fagt,
mutatis mutandis auch von diefen Entwürfen gelte: ,nicht
alles in der Schrift ift Multer, vieles auch Warnung'.
Und diefe Vermuthung wird allerdings durchweg be-
ftätigt. Kaum ein religiöfer Gedanke, welcher aus der
äufserften Peripherie des Chriftlichen herausträte und
fich über vage Allgemeinheiten erhöbe; daneben auf
Schritt und Tritt methodifche F"ehler, wie fie in folcher
Ungenirtheit heute wohl kaum mehr möglich find.

Jener 4. Entwurf ift nicht Mufter, nur Warnung,
wenn derfelbe aus Pfalrn 6, 7 ohne Beachtung des Charakters
des Pfalms oder des Zufammenhanges das Thema
zieht: ,Unverftändigkeit eines übermäfsigen Schmerzes'.
Der 5. Entwurf mifsverfteht die Ueberfetzung Luther's
in 2Petri 1, 5für7^cÜGfc = Befcheidenheit(vgl.Freidank's
.Befcheidenheit' und unfer heutiges ,Befcheidwiffen') dahin
, dafs er das Wort in feiner jetzigen Bedeutung,
fynonym mit Demuth, fafst und es fo ausfchliefslich ver-
werthet. Der 6. Entwurf befchränkt die .Gerechtigkeit'
in Pfalm 7, 18 auf den Begriff der Vergeltung^ und bemüht
fich vergeblich, nachzuweifen, dafs ,die Gerechtigkeit
Gottes fchon jetzt überall thätig fei'. Der 10. Entwurf
verfteigt fich in Anknüpfung an I Petri3, 15 zu der
in ihrer Allgemeinheit ungeheuerlichen Behauptung, dafs
wir der Welt nichts fchuldig find, als dafs wir immer
bereit feien, ihr Rechenfchaft zu geben. In dem 9. Entwurf
über Pf. 10, 17 wird das Thema behandelt: ,wie
mufs man beten, um daran denken zu können, dafs
Gott hört?' Die Frage empfängt eine zweifache Antwort:
1) die richtige: der Gegenftand mufs Gott wohlgefällig
fein; 2) die unverftändliche: das Herz mufs überein-
ltimmen. Aber auch die erfte richtige Antwort wird
durch ihre Untertheile unbrauchbar; fie lauten: 1) Gott
kann nichts Unvernünftiges gern hören; 2) Gott kann
nichts Sinnliches gern hören (auch nicht die 4. Bitte im
Vaterunfer?). In diefer Weife geht es fort durch faft
alle Entwürfe. Nach Plebr. 5, 8. 9 hat der 28. Entwurf
das Thema: Chriftus ein Vorbild unferes Gehorfams,
und die Partition lautet unlogifch genug: 1) der Gehorfam
im Leiden; 2) Er ift uns worden Urfach zur Seligkeit.
Der 32. Entwurf knüpft an Joh. 21, 15 das Thema: ,dafs
man bei der Selbftprüfung nicht von der Vergleichung
mit anderen ausgehen müffe'. und rein negativ ift das
Gefammtergebnifs. Der 35. Entwurf verbreitet fich nach
Pf. 10, 10 — 12 über das Thema: ,Wie follen wir es