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Ausgabe:

1888 Nr. 4

Spalte:

86-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Die evangelische Gemeindepredigt eine Grossmacht. Vortrag 1888

Rezensent:

Wetzel, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 4.

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fchärfer abgegrenzt worden (z. B. wären aus dem Ab-
fchnitt über das Wort Gottes einzelne Erörterungen über
die Schrift weggefallen, die mir weniger in den Zufammen-
hang der vorliegenden Abhandlung als in die Einleitung in
die "Glaubenslehre zu gehören fcheinen) und es wäre
von vornherein klar geworden, dafs es bei den befproche-
nen Stücken des chriftlichen Gottesdienftes ebenfofehr
um Thätigkeiten der Gemeinde als um Gnadengaben
aus der Hand Gottes fich handelt.

Dafs in unferem ganzen Lehrftück diefe Doppelfei-
tigkeit hereinfpielen mufsundfoll, wird uns noch deutlicher
durch einen Blick auf die A n o r dn ung der behandelten fünf
Stucke: Wort Gottes, Sündenvergebung, Gebet, Taufe,
Abendmahl. In diefer Anordnung tritt das Gebet ftörend
zwifchen hinein: die Sacramente fcheinen mit Wort
Gottes und Sündenvergebung zufammenzugehören. Sollen
wir alfo ordnen: Wort Gottes, Beichte, Taufe, Abendmahl
. Gebet? Nach katholifcher Auffaffung könnte man
fich damit befriedigen: voran die objectiven anftaltlichen
Factoren (ftatt Wort Gottes müfste hier nur das kirchliche
Amt eintreten), dann erft die Rückficht auf eine
Thätigkeit der Gemeinde! Dagegen nach evangelifcher
Auffaffung find jene objectiven Factoren felbfl Lebens-
äufserungen der gläubigen betenden Gemeinde. Soll
alfo das "Gebet, genauer die gemeinfame Gottesverehrung
an die Spitze? Aber die Eigenart des chriftlichen Gebets
ift es ja, dafs es fich gebunden und geborgen weifs
durch eine objective Offenbarung Gottes, ein Verkehren
Gottes mit uns. — Diefe Schwierigkeiten, welche in der
Anordnung der Lehre vom kirchlichen Gottesdienft fich
vordrängen, hängen zufammen mit den Schwierigkeiten,
welche überhaupt die evangelifche Anfchauung von der
Kirche für die dogmatifche Darfteilung mit fich führt: es
mufs inderfelben zur Geltung kommen, dafs die Gläubigen
ebenfo Producenten wie Product (genauer: Zweck)
der Kirche find. Für eine monographifche Behandlung
des kirchlichen Gottesdienftes der Chriftenheit könnte
man es nun vielleicht mit folgender Anordnung probiren :
als Bafis des Ganzen ein vorbereitender Theil, der aus
dem Zufammenhang der Dogmatik die Vorausfetzung
alles kirchlichen Gottesdienftes herausftellt: Chriftus das
Offenbarungswort Gottes und der Herr einer Gemeinde
der Sündenvergebung; dann im allgemeinen Theil: der
kirchliche Gottesdienft der Gemeinde und das Gemeindeamt
(hier wäre die fpecielle Aufgabe des kirchlichen
Gottesdienftes zu der umfaffenden Aufgabe chriftlichen
Gottesdienftes in Verhältnifs zu fetzen und der Gefichts-
punkt einzuführen, dafs aller kirchliche Gottesdienft
ebenfo als Thun der Gemeinde wie als Heilsthat Gottes
in Betracht kommt); dann in fpecieller Ausführung: die
einzelnen kirchlichen Functionen der Gemeinde als Gnadengaben
Gottes, nämlich die gemeinfame Gottesanbetung
und die Verwaltung des Evangeliums im Wort
Schrift, fortdauernde Gemeindepredigt, Abfolution) und
in der feierlichen Handlung (Sacramente).

Nach diefen Bemerkungen über die dogmatifche
Leiftung des Verf.'s noch ein Wort über die literarilche
Geftalt der Schrift! Der Verf. widmet diefelbe der chriftlichen
Gefellfchaft: zu diefem Zwecke wendet er an manchen
Orten kräftige Paränefe an und citirt Schriftfteller
wie O. Funcke und E. Frommel; zugleich redet er als
wiffenfchafthcher Theologe: als folcher nimmt er Bezug
auf Theologen wie Hofmann, auf Frank's ,grofsartiges
Werk': Syftem der ehr. Gewifsheit, auf Volck u. a.; endlich
redet er als Religionslehrer an einem Gymnafium:
als folcher hat er. wenn ich mich nicht täufche, zum
Theil ein Dictat aus dem Religionsunterricht, an einer
Stelle (im Eingang) fogar ein Dictat in aphoriftifcher
Form aufgenommen. Solch aphoriftifche Redeweife wider-
fpricht dem erftgenannten Zweck der Schrift durchaus;
ebenfo fchadet demfelben, dafs die fchwerfällige Waffen-
rüftung des Theologen bisweilen die freie Bewegung des
Verf.'s hemmt (einzelne zu fcholaftifche Eintheilungen,

Ausdrücke wie ,organifch-genetifch',,grundleglich',Schwerfälligkeiten
im Stil). Verf. hat alfo nicht Ünrecht, wenn
er in einer Selbftkritik über einen Theil der Schrift fagt,
fie habe eine zu vielfeitige Geftalt. Die Einheitlichkeit
wäre zu gewinnen gewefen durch ftrenge Fefthaltung der
Adreffe an die chriftliche Gefellfchaft: der gymnafiale
Unterricht durfte dann nur die Vorlage, die willenfchaft-
liche Form der Entwickelung nur die Vorarbeit für die
Schrift abgeben. Möglichft viel wiffenfehaftliche Arbeit foll
in einer folchen Schrift ftecken, aber den Augen des
Laien foll fie möglichft verhüllt, nur den Blicken des
theologifchen Lefers erkennbar fein.

Der Verf. hat namentlich dadurch, dafs in dem erften
Theil unferer Schrift die dritte Auflage einer früher fe-
parat erfchienenen Schrift vorliegt, fich verleiten laffen,
das Buch mit Vorreden und Vorbemerkungen zu über-
laften: das erfchwert nur den Eindruck von der Einheitlichkeit
der Schrift und das Uebermafs fchriftftellerifcher
Reflexion ftört den Lefer, den der Verf. dann erft wieder
durch die Einführung in die Sache felbft gewinnen mufs
und in der That auch gewinnen kann.

Tübingen. Max Reifchic.

Achelis, Prof. Dr. E. Chr., Die evangelische Gemeindepredigt
eine Grossmacht. Vortrag, auf der Paftoral-
Konferenz der Wupperthaler Feftwoche in Barmen am
12. Aug. 1887 gehalten. Marburg, Elwert's Verl., 1887.
(30 S. gr. 8.) M. —.60.

Der Vortrag ift ein kräftiger Appell an das Gewiffen
evangelifcher Prediger und als folcher hoch willkommen
zu heifsen, wenn auch der Inhalt desfelben kaum den Erwartungen
entfpricht, welche der Titel rege machen
mufs. Der Verf. bemüht fich nicht damit, der evange-
lifchen Predigt den Charakter als Grofsmacht zu vindi-
ciren, am wenigften etwa in dem Sinne einer weltbewegenden
Gewalt, die mit der Preffe zu rivalifiren habe.
Dafs fie eine Grofsmacht fei, ift ihm Glaubensfache und
als folche nicht weiter zu beweifen für den, der an Chriftum
als an die Grofsmacht im Himmel glaubt. Er will vielmehr
zeigen, was die evangelifche Predigt ihrem Wefen
nach fei, was daher auch ihren Charakter als Grofsmacht
bedinge. Ihr Wefen aber fetzt er darein, dafs fie zuerft
evangelifche Predigt und fodann dafs fie evangelifche
Predigt d. h. Predigt für die Gemeinde fei. Im erften
Theile nun geht er davon aus, dafs die paulinifche Predigt
nur Chriftum den Gekreuzigten zum Inhalt gehabt,
zeigt dann, wie Luther, der wie Paulus keinen andern
Inhalt der evangelifchen Predigt gekannt als nur diefen
einen, dabei doch in den Fragen der biblifchen Kritik
die freiefte Stellung eingenommen habe, und führt fchliefs-
ltch aus, dafs der Stand der biblifchen Kritik in der
Gegenwart es dem wahrheitsliebenden Theologen unmöglich
mache, feinen Glauben an Chriftus auf die Annahme
der Infpiration der heiligen Schrift zu ftützen.
Aus allem dem leitet er die Forderung ab, dafs der
evangelifche Prediger, um Chriftum predigen zu können,
zuerft felbft von ihm erkannt und überwunden fei, dafs
er folchen Glauben fich erkämpfe und erbete, aber nicht
durch ein sacrifieuun intellectus ihn zu erwerben fuche, und
verfichert, dafs es bei folchem Glauben uns ganz gleich-
giltig fein könne, ob z. B. das 4. Evangelium von dem
Apoftel Johannes oder von irgend einem andern gefchrie-
ben fei. Im zweiten Theil wendet er fich gegen die
Verwirrungen des evangelifchen Kirchenbegriffs, die theils
aus dem Romanismus, theils aus dem Pietismus flammen,
fordert von den Predigern, dafs fie nicht nur in der
Theorie, fondern auch in der Praxis einen durchgreifenden
Ernft mit dem evangelifchen Kirchenbegriff machen,
warnt vor der Neigung, die Gemeinde in ihre einzelnen
Individuen aufzulöfen, und behauptet, dafs in der Predigt
die Vorausfetzung feftzuhalten fei, dafs wir eine in allen