Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888 Nr. 24

Spalte:

600-601

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stosch, Georg

Titel/Untertitel:

Die heiligen Sakramente der Kirche Christi 1888

Rezensent:

Lindenberg, H.

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

599 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 24. 600

durch die Erinnerung daran, wie wir evangelifche Chriften
zu demjenigen ftehen, was uns im Glauben gewifs wird.
Das behält für uns allezeit den Charakter der göttlichen
Offenbarung, alfo des unergründlich Wunderbaren. Will
die Theologie diefem Eindruck des Glaubens von feinen
Gegenftänden gerecht werden, fo mufs fie an der Hand
der h. Schrift zeigen, wie die Gedanken von folchen
Dingen in dem von Chriftus gefchaffenen Glauben ent-
ftehen. Aber fie darf nicht zeigen wollen, wie fich diefe
Dinge erklären laffen, wenn fie nicht unvermerkt das, was
der Glaube felbft vor Augen hat, verlieren will. Es kann
demnach nicht unfere Aufgabe fein, zu erklären, wie die
Wiedergeburt möglich fei. Diefer Verfuch ift bei den
Scholaftikern langweilig und unfruchtbar gewefen und
er ift es auch bei Frank. Wohl aber können wir zeigen,
wie in lebendigem Glauben der Gedanke entflieht, dafs
der Menfch, den Gott alfo ergriffen hat, eine neue Crea-
tur geworden ift. Und wir follen dann weiter zeigen,
wie der fo entftandene Gedanke von der Wiedergeburt
die tägliche Erneuerung des Chriften ermöglicht und begleitet
. Wer aus der im Glauben begründeten Gewifsheit,
dafs Gott ihn zu einem neuen Wefen gemacht habe, die
Kraft und den Antrieb zu einem neuen Leben fchöpft,
gewinnt dabei in immer reicherem Mafse eine Erfahrung
von der lebenfchaffenden Kraft Gottes und von dem
Gegenfatze des alten und neuen Menfchen. Da liegen
die fruchtbaren Aufgaben der theologifchen Ethik. Sie
foll zeigen, wie aus der im Glauben entgehenden Gewifsheit
von der Wiedergeburt Kraft und Antrieb zu der
täglichen Erneuerung des Chriften hervorgehen. Frank
hat von diefen Aufgaben nicht feiten mit voller Gaubensklarheit
und mit achtungswerther Kraft des Denkens ge-
fprochen. Um fo mehr ift es zu bedauern, dafs er fo
viel Kraft an fcholaftifche Erörterungen verfchwendet
hat. Die Dürftigkeit diefer Erörterungen zeigt fich vor
Allem darin, dafs dabei die Freiheit unferes Willens als
etwas erfahrungsmäfsig Wirkliches behandelt wird, während
fie vielmehr der Inhalt eines Glaubensgedankens ift,
der über alle mögliche Erfahrung hinausgeht. — Auch
in diefem Bande werden wir bisweilen auf den öden Weg
der Scholaftik geführt. Aber es ift zunächft hocherfreulich
, zu fehen, wie Frank fich einer Gefahr, die an der
fcholaftifchen Behandlung der Glaubensobjecte haftet,
erwehrt. Wenn man nämlich erft Werth darauf legt, die
Gegenftände des Glaubens fcholaftifch zu erklären, fo
begünftigt man bei fich und bei Anderen den Gefchmack
an dem Verbuche, fie rationaliftifch zu erklären. In diefe
Richtung hat fich Frank nicht treiben laffen. Er hält den
Gegenfatz zwifchen dem natürlichen Leben des Menfchen
und dem neuen Leben, welches aus der Kraft des h.
Geiftes ftammt, in voller Schärfe feft und findet oft die
glücklichften Worte um diefen Gegenfatz in's Licht zu
ftellen. Sodann aber erkennen wir dankbar an, dafs
diefer Band des Frank'fchen Werkes die befte Befprechung
ethifcher Zeitfragen bietet, welche die neuere theologifche
Literatur aufzuweifen hat. Durch Anmuth der Darfteilung
wird diefes Buch gewifs von den bezüglichen Werken
von Luthardt und Martenfen übertroffen; aber durch
die tiefeindringende Ueberlegung und durch die furcht-
lofe Klarheit evangelifchen Glaubens überragt es alle
Rivalen. Es verfteht fich freilich von felbft, dafs die Ent-
fcheidungen, welche Frank für die von ihm behandelten
Fragen findet, vielfachem Widerfpruch begegnen werden.
Seine Befprechung des ,chriftlichen Socialismus' erinnert
an Oettingens fcharfe Kritik desfelben Gegenftandes.
Erfreulich war mir die Ausführung über den Beruf der
theologifchen Facultäten und die über die Stellung des
Chriften zur Wiffenfchaft. ,Die Welt ift gröfser, als ihr
nach euren theologifchen Compendien euch träumen laffet,
und der Einklang der Werke Gottes liegt nicht fo auf
platter Hand, wie die es wähnen, welche von ihrer Ecke
aus die Weltharmonie zu conftruiren fich anfehicken.
Warum wollen wir nicht auch in diefem Stücke einmal

j glauben, nämlich fo, dafs wir des Einklangs gewärtig

I find, ohne ihn einftweilen zu fehen? Wenn wir nur unfere
Seelen erhalten in der Gemeinfchaft Gottes, fo dürfen
wir getroft vorwärts gehen auf Wegen der Forfchung,
deren Ende wir nicht abfehen und deren Zufammentreffen
mit der Wahrheit, von der wir leben, fich uns entzieht'.

I ,Gewifs wird dereinft das grofse Weltexempel aufgehen
ohne Brüche: aber Das fagt uns der Glaube, die Wiffenfchaft
kann es noch nicht aufzeigen'. Das ift ein herrlicher
Ausdruck deffen, was die kirchliche Preffe an uns

j als ,Dualismus' zu fchelten pflegt. Wenn doch jene Worte
Frank's bei denjenigen Eingang fänden, welche wie Krei-
big und Wilh. Schmidt das Walten der göttlichen

I Vorfehung einfehränken zu müffen meinen, damit fie fich
dasfelbe als möglich vorftellen können, oder welche gar,
wie Beyfchlag, von einer ,apriorifchen Vernünftigkeit'
des chriftlichen Vorfehungsglaubens reden. — Ich hätte
wohl im Einzelnen mancherlei gegen Frank's Entfchei-
dungen einzuwenden. Es will mir z. B. nicht ganz einleuchten
, es fei chriftlich, dafür zu forgen, .dafs alle ftaat-
lichcn Inftitutionen den Charakter desjenigen Ethos an
fich tragen, welches als das durch fchnittliche des Ge-
meinwefens erfcheint'. Ich möchte demgegenüber die

1 Ueberzeugung nicht aufgeben, es fei gerade der Segen
einer kraftvollen Monarchie, dafs fie Inftitutionen ermög-

J licht, welche zwar auf die durchfehnittliche Sittlichkeit
Rückficht nehmen, aber auch diefelbe überragen. Es ift
doch beffer, dafs das Volk weiter kommt, als dafs es
auf feiner Durchfchnittsleiftung fitzen bleibt. Aber ich

j dränge meine Einwendungen lieber zurück, weil ich vor
Allem meine Dankbarkeit dafür kund geben möchte,

! dafs hier eine reiche Lebenserfahrung, wie fie mir nicht
zu Gebote fleht, für die Löfung theologifcher Aufgaben

! verwendet wird, die mir fehr am Herzen liegen. Nur
einen Einfpruch kann ich nicht unterdrücken. Ich verliehe
die Haupteintheilung des Bandes nicht. Sie wäre
mir verftändlich, wenn Frank unter dem Titel ,das Werden

| des Menfchen Gottes in feiner Beziehung auf die natür-

i liehe Welt' das Verhältnifs des Chriften zu der Sittlichkeit
darftellte, welche überall in der menfehlichen Cultur
waltet. Auf diefes Verhältnifs des Chriften würde der
Gegenfatz von ,geiftlich' und ,natürlich' anzuwenden fein.
Denn die Art, wie der nicht von Chriftus ergriffene und
erlöfte Menfch fich in die menfehliche Gemeinfchaft einfügt
und die Aufgaben der Cultur betreibt, fleht in jenem

j unausgleichbaren Gegenfatz zu der Art, wie der Chrift
dasfelbe thut. Aber Frank ftellt vielmehr unter jenem
Titel dar, wie der Chrift in den Anfprüchen der Gcfell-
fchaft und in den Aufgaben der Cultur die an ihn ge-

1 richtete fittliche Forderung wahrnimmt und befolgt. Die
natürlichen Güter aber, welche in chriftlicher Gefinnung
aufgenommen und gehaltet werden, find doch damit Be-

[ ftandtheil der geiftlichen Welt geworden. Denn fie ge-

| hören nun als von Gott gegebene Elemente zu dem

j Lebensprocefs des Wiedergeborenen. Auf der anderen
Seite kann die Kirchenverfaffung und was damit zu-
fammenhängt, was Frank unter dem Titel der ,geiftlichen
Welt' abhandelt, unter Umftänden etwas fehr .natürliches'
fein. Es würde nicht fchwer fein, zu zeigen, dafs nach

j Frank's eigenen Grundfätzen die Art, wie er jene Ein-

I theilung handhabt, nicht ftatthaft ift.

Marburg. W. Herrmann.

Stosch, Paft. Georg, Die heiligen Sakramente der Kirche
Christi. Heilshungrigen Seelen gewidmet. Gütersloh,
Bertelsmann, 1888. (VIII, 285 S. 8.) M. 3.— ; geb.
M. 3.6b; m. Goldfehn. M. 4.—

In 29 einzelnen, nur lofe aneinander gereihten Betrachtungen
behandelt der Verf. vom Standpunkt des
j lutherifchen Bekenntnifses aus die Lehre von den heil.
Sacramenten. Er erklärt in einer der einleitenden Be-