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Ausgabe:

1888

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ohly, Emil

Titel/Untertitel:

‚Sei wacker und stärke das andere, das sterben will‘ 1888

Rezensent:

Diegel, J. Gustav

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Seite 1

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gewifs werden, erfahren wir in der weltüberwindenden
Kraft diefes Vertrauens zu Chrifto an uns felbft die
Gottesmacht feines Wirkens. Wenn durch folche Erfahrung
das Vertrauen felbft immer fefter wird, fo bleibt
es darum doch beftändig das Grundlegende für jene Erfahrung
. Ift es aber das Grundlegende und das bei dem
ganzen inneren Vorgang das Bewufstfein direct Be-
herrfchende, fo wird damit auch das testimonium Spiritus
sancti internum der Selbständigkeit gegenüber von Chrifto
entkleidet und wird zu einem testimonium Spiritus Clinsti,
die künstlich zum felbftändigen Prüfstein der chriftlichen
Religion gestempelte innere Offenbarung Gottes zu einer
Offenbarung Christi.

Könnte fich der Verf. entfchliefsen, unfere Auffaffung
von der Bedeutung der Offenbarung als richtig anzuerkennen
, fo müfste in feinem Capitel über die Offenbarung
die entfcheidende Ausführung fich damit beschäftigen
, wodurch denn der gefchichtliche Christus das Vertrauen
uns abgewinnt, dafs fein Werk Gottes Werk;
durch Hervorkehrung des Gesichtspunkts, dafs Christus
für die Wirklichkeit Gottes d. h. die Wahrheit unferes
Glaubens durch fich felbft die bleibende Gewähr ift,
müfste der Eindruck verdrängt werden, dafs Chriftus nur
als die erklärende Urfache für das religiöfe Erleben des
Christen in Betracht kommt. So wie des Verf.'s Oaiftel-
lung jetzt verläuft, mufs ich die Kritik anwenden, welche
Calvin einmal [Comm. zu Col. i, 15) in anderer Richtung,
nämlich gegen die homoufiaftifchen Erklärungen der
veteres, übt: interea tacent, quod est praecipuum, quomodo
Pater in Christo se nobis cognoscendum exhibeat. Würde
in diefem Stück vom Verf. gebeffert, dann würde auch
die Bestimmung der Erkenntnifsquellen der christlichen
Glaubenslehre eine beffere Begründung bekommen; es
müfste dann auch in dem Abfchnitt von der Erlöfung
die an Schleiermacher'fche Kategorien erinnernde, von
fchwankenden Ausdrücken nicht freie Faffung durch eine
bestimmtere erfetzt werden, welche insbefondere aus den
Evangelien zu entnehmen hätte, wie denn Chriftus den
Glauben der Zöllner und Sünder auf fich und damit auf
Gott hingelenkt hat.

Nach diefer längeren Auseinanderfetzung nur noch
einzelne der Bemerkungen, die ich beim Lefen mir machte!
Wäre es nicht richtig, den Stoff des § 9 auf die beiden

8 und 11 zu vertheilen? $ 17 follten die Güter des
Gottesreichs (auf Grund der Sündenvergebung die väterliche
Fürforge Gottes, die Erhörung der Gebete) bestimmter
hervorgehoben fein. Einzelne Sätze des im
ganzen mit trefflicher Klarheit und Präcifion gefchrie-
benen Büchleins find für das Verftändnifs der Schüler
zu fchwierig (z. B. der letzte Satz des § 16), einzelne
nicht gefchickt angeknüpft (z. B. der vorletzte Satz § 39
ift zu äufserlich angefügt). Die Lehre von der Heilsordnung
hat Verbefferungen erfahren, dürfte aber immer
noch mehr die herkömmliche Auffaffung des ordo salutis
in Vergeffenheit bringen; trefflich ift jetzt in § 47 die
Gegenüberstellung der römifch-katholi fchen und evan-
gelifch-proteftantifchen Kirche. — Den vieldeutigen
Terminus ,Henotheismusi 7) würde man in einem Buche
für Schüler beffer weglaffen.— Bis § 9 citirt Verf. I. Mof.,
2. Mof., von da an Gen., Ex. etc.

Tübingen. Max Reifchle.

Ohly, Pfr. Emil, ,Sei wacker und stärke das andere, das

sterben will'. (Offb. Joh. 3, 2.) Eine Sammlung von
Predigten, Reden und Anfprachen vom Gebiete der
inneren Miffion. In Verbindung mit Freunden hrsg.
Leipzig, Strübig, 1886. (VII, 290 S. 8.) M. 3.—

Diefe 39 Predigten und Reden von 26 meist wohlbekannten
Verfaffern wurden mit wenigen Ausnahmen
bei fehr verfchiedenartigen Festen und sonstigen Veran-
laffungen der inneren Miffion gehalten, fo dafs fie einen

recht erfreulichen Ueberblick auf die mannigfaltigen
Arbeiten derfelben und auf deren Auffaffung durch die
| Theologen gewähren. Selbftverftändlich hat nicht alles
Gebotene gleichen Werth. Manches Fremdwort konnte
vermieden werden und ebenfo hier und da eine etwas
künftliche Textesauffaffung und Gedankenwendung. Doch
I das find Ausnahmen und gerade vielwirkende Geistliche
! haben nicht immer Zeit zu ganz genauer Ausarbeitung
! ihrer Reden. Diefer übrigens nur feiten in unferer
! Sammlung wahrnehmbare Mangel kann zum grofsen
Theile durch andere Vorzüge erfetzt werden. So namentlich
durch den Ernst der Gerinnung und durch genaue
Sachkenntnifs. Beides, fo wie eine feste Stellung im
evangelifchen Glauben verbunden mit warmem Eifer für
Befestigung kirchlicher und sonstiger Uebelftände leuchtet
aus der ganzen Sammlung hervor. Da die Redner fehr
verschiedenartige Zuhörer, namentlich bald ganze Feft-
gemeinden, bald kleinere Verfammlungen vor fich hatten,
fo wird man eine verfchiedene Haltung der Predigten und
Anfprachen,z.B.festlich gehobeneoder einfach darlegende,
] als Vorzug betrachten. Die vielen genauen Mittheilungen
und Beifpiele aus den Gebieten der inneren Miffion bewirken
in der grofsen Mehrzahl diefer Predigten und Reden eine
Anfchaulichkeit und ein Eingehen in bestimmte Lebensver-
j hältnifse, wie fie unferen fonftigen, fich leicht zu allgemein
und abftract haltenden Predigten häufig mangeln. Ganz
befonders müffen wir den durchaus gefunden, von der
früher bei folchen Bestrebungen öfter wahrnehmbaren
pietiftifchenEngherzigkeit freienSinn rühmen, mitweichem
die Ziele und Wege der inneren Miffion durchgängig dargestellt
werden. So fagt z. B. Quandt S. 223: ,Gott bewahre
diefe theure, fehr theure Lazarusanftalt, desgleichen
unfere Berliner Jungfrauenvereine vor Kopfhängerinnen',
und S. 221: ,Die Gläubigkeit in Berlin ift vielfach von
lautem Wefen oder Unwefen angekränkelt'. —■ Die Text-
1 wähl ift meist eine glückliche. Machen auch einige An-
j fprachen von dem Rechte der Cafualrede Gebrauch,
keinen Text zu Grunde zu legen oder dem Texte nur
Thema und Hauptgedanken zu entnehmen, fo ift doch
genaue Textbehandlung die Regel. Oefter erfcheint
letztere ebenfo wie die Partition fehr finnreich. Ueber-
haupt, der Gefammteindruck ift ein recht günstiger.

Friedberg. Diegel.

Knuth, Paft. G., Kasual-Reden. Halle, Buchhandlung des
Waifenhaufes, 1886. (VII, 109 S. 8.) M. 1.40.

Diefes kleine, auch äufserlich recht fchön ausgestattete
Buch enthält 3 Reden zu befonderen Flesten, 2 Taufreden
, 4 Confirmationsreden, 5 Traureden, 9 Begräbnifs-
reden. Unterzeichneter hat das alles mit wachfender
Freude und Etrbauung gelefen, will aber feinem fehr günstigen
Urtheile, damit es um fo mehr Glauben findet,
einige kleinen Anstände vorausfchicken. Nebenbei fei auch
der Flüchtigkeitsfehler erwähnt, dafs in der Anrede an
die zuconfirmirendenMädchen S. 54 Z.9—13 v.u.mancher,
er, fein, für ihn steht. — Welcher Unterfchied ift
zwifchen Gedächtnifs-Rede S.89, 92 und Begräbnifs-Rede
S. 79, 103? Das, übrigens wahrscheinlich ortsübliche, ,Herr'
in der Anrede des Bräutigams, z. B. S. 62, und das Wort
,Töchterchen' dafelbft wird nicht jedem gefallen. Gerade
am Anfange befriedigen einige Reden nicht ganz fo fehr
als die fpäteren. So fcheint z. B. die erste Confirmations-
rede etwas zu abftract und die Faffung der Liebe darin
I S. 39 als vor allem von der Liebe Gottes zu uns ent-
; fpricht fchwerlich dem Texte 1 Kor. 13, 13. Ueber-
haupt ilt die ganze Haltung der Reden weniger eine
volksthümlich-kräftige als eine fein-gebildete. Der Verf.
fteht durchaus auf pofitiv-chriftlichem Standpunkte; er
bringt biblifche Gedanken mit Wärme und Schwung in
einer edlen, formfchönen und doch natürlichen Sprache,
welche Gebildete und überhaupt Empfängliche um fo
mehr anfprechen mufs, da fehr gefchickt an die Em-