Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888 Nr. 21

Spalte:

524-526

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Broglie, Emanuel de

Titel/Untertitel:

Mabillon et la societé de l‘abbaye de Saint-Germain des Prés 1888

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

523

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 21.

524

untüchtig und fcharffinnig; freilich verfteht es fich von
felbft, dafs eine Gefchichte aus Schlüffen im heften Falle
ein wahrfcheinliches Bild der wirklichen Vorgänge geben
kann. Auch liegt die Gefahr nahe, dafs das Mögliche
zu rafch als wahrfcheinlich angenommen wird. Diefe
Gefahr hat der Verfaffer, wie mich dünkt, nicht überall
vermieden.

Sehen wir zu, wie fich die Chriftianifirung des heutigen
Württemberg nach ihm vollzog. Er beginnt feine Un-
terfuchung mit der Frage: Gab es in Württemberg
Chriftengemeinden vor 506? und beantwortet fie mit Ja:
innerhalb des Augsburger Gebietes werde es zur Bildung
chriftlicher Gemeinden gekommen fein, während im Zehntland
höchftens vereinzelte Chriften fich finden mochten.
Die Möglichkeit diefer Annahme ift nicht zu beftreiten,
da es keinem Zweifel unterliegt, dafs in Augsburg das
Chriftenthum ununterbrochen von der römifchen in die
fränkifche Zeit hinüberreichte. Aber mehr als eine
Möglichkeit möchte ich nicht behaupten; wenn Boffert
von einem hohen Grade von Wahrfcheinlichkeit fpricht,
fo fcheint mir das zu viel getagt: Maria als Kirchenheilige
kommt ja auch in der fränkifchen Zeit vor. Der
nächfte Abfchnitt führt die Ueberfchrift: Die königliche
Miffion der Merowinger in Oftfranken nach 506. In ihm
und in dem folgenden, das Chriftenthum unter den Ala-
mannen von 536 an, liegt die bedeutendfte Abweichung
Boffert's von- den bisherigen Annahmen. Dafs mit der
fränkifchen Hcrrfchaft das Chriftenthum in die Land-
ltriche am Main und am Neckar vordrang, dafs fein
Vordringen von den Königen begünftigt und gefördert
wurde, dies war die bisherige Annahme. Boffert fpitzt
fie dahin zu, dafs wir einem planmäfsigcn Handeln Chlodwigs
und feiner Nachfolger gegenüberftehen, das fich
in Parallele mit Karl's d. Gr. Vorgehen gegen dieSachfen
Bellen läfst (S. 16). In den Martins-, Michaels- und
Remigiuskirchen ficht er die Denkmäler diefer königlichen
Miffionsthätigkeit des 6. Jahrhunderts, diefer,hoch-
officiellen königlichen Kirchengründung'; er ftatuirt eine
Ausdehnung des Wormfer Bisthums bis gegen den Main
hin; erft durch die Gründung von Würzburg fei es zurückgedrängt
worden. Nun wiffen wir zwar, dafs Karlmann
zahlreiche königliche Kirchen in Oftfranken an
Würzburg fchenkte. Aber von diefer Thatfache des
8. Jahrhunderts ift ein fehr weiter Schritt bis zu der Annahme
, dafs diefe Kirchen, fämmtlich oder zum Theil,
im 6. Jahrhundert gegründet wurden. Diefe Annahme
aber ift die Vorausfetzung für die königliche Million der
Merowinger. Zieht man nun in Betracht, dafs, fo viel
wir wiffen, von den erften fränkifchen Königen nirgends
ein Druck auf die Bevölkerung ausgeübt wurde,
um fie zur Annahme des Chriftenthums zu bewegen, und
dafs die Ausbreitung der Kirche in den neuftrifchen
Grenzbezirken freiwilliger Thätigkeit überlaffen blieb, fo
wird eine königliche Miffion in Oftfranken nicht gerade
als wahrfcheinlich gelten können. Nicht anders fteht es
in Bezug auf Alamannien. Daran ift ja kein Zweifel,
dafs auch hier die fränkifche Eroberung dem Vordringen
des Chriftenthums den Weg bahnte. Aber von diefer
Thatfache führt, wie mich dünkt, keine Brücke zu der
Annahme einer von den Königen planmäfsig geförderten
Miffionsthätigkeit. Wenn vollends Boffert in der Niederlage
, welche Narfes i. J. 553 den Alamannen beibrachte,
die Kataftrophe fieht, welche den durchfchlagenden Erfolg
der von den Königskirchen aus betriebenen Miffions-
predigt herbeiführte, fo fehlt hierfür jeder Anhaltspunkt.
Was aus der vita Columbani über das Chriftenthum am
Südrande des Bodenfees im Beginn des 7. Jahrhunderts
zu entnehmen ift, fchliefst aus, dafs fchon um die Mitte
des 6. Jahrhunderts ein erklecklicher Theil des alaman-
nifchen Volkes zum Chriftenthum übergegangen war. Ich
wenigftens gewinne aus der vita Columbani nicht den
Eindruck, dafs fich die Maffe des Volkes äufserlich zum
Chriftenthum bekehrt hatte, fchon ehe Columba nach

Alamannien kam (S. 29). Was aber für das Land in der
Nähe von Windifch nicht gilt, kann noch weniger von
dem heutigen Württemberg angenommen werden.

Wenn Boffert fchliefslich ausfpricht, man habe die
Kirche in Württemberg als das Werk einer ftetigen Ent-
wickelung, planmäfsig wirkender Kräfte zu erkennen, fo
wird man der erften Hälfte diefes Satzes zuftimmen.
Die Entwickelung verlief ftetig, d. h. langfam. Aber follte
nicht diefe Langfamkeit ihren Hauptgrund eben darin
gehabt haben, dafs es an planmäfsiger Arbeit fehlte?

Erlangen. Hauck.

Broglie, Emanuel de, Mabillon et la societe de l'abbaye de
Saint-Germain des Pres ä la fin du dixseptiöme siecle.
1646—1707. 2 vols. Paris, Plön, 1888. (XI, 429 u. 390
S. 8.)

Das Werk ift eine in ihrer Art vortreffliche Darftcl-
lung des Lebens und der literarifchen Thätigkeit des
berühmten Joh. Mabillon mit Notizen über die anderen
Mauriner feiner Zeit und über die vielen Zeitgenoffen,
mit denen er in perfönlichem oder brieflichem Verkehr
ftand. Die Darfteilung beruht auf umfaffenden Studien,
ift im wefentlichen vollftändig und getreu, gut geordnet
und fehr gut gefchrieben und auch für einen weiteren
Leferkreis verftändlich und anziehend. Dem Fachmann
bietet Br. allerdings nicht viel Neues von Bedeutung,
auch nicht in den zahlreichen Auszügen aus dem ungedruckten
umfangreichen Briefwechfcl Mabillon's und der
anderen Mauriner.

Mab. wurde bekanntlich in eine Reihe von Streitigkeiten
verwickelt. Recht gut befpricht Br. feinen Streit
mit dem Abbe de Rance, dem Stifter der Trappiften,
über die Mönchsftudien, mehr als genügend ausführlich
die Unannehmlichkeiten,1 in welche Mab. und Baluze bei
dem Streite über die P'amiliengefchichte des Cardinais
von Bouillon verwickelt wurden. Dagegen find andere
Streitigkeiten zwar für einen weiteren Leferkreis genügend,
j aber nicht fo vollftändig und genau dargeftellt, wie das
nach den vorliegenden Materialien möglich und, vom
wiffenfehaftlichen Standpunkte angefehen, wünfehens-
werth gewefen wäre. So der Streit mit dem Jefuiten
Germon über die Diplomatik und die beiden allerdings
weniger wichtigen Controverfen, die Mab. am wenigften
Ehre machen, über den Verfaffer der Bücher von der Nachfolge
Chrifti (I, ICH) und über die heilige Thräne von
Vendome (2, 307). Dafs er in dem Berichte über den
fehr intereffanten Streit, den Mab.'s Schrift De cultu
Sanctorum incognitorum hervorrief, — fie wäre beinahe
I in den Index gekommen, — nicht näher auf die Sache
j eingeht, entfchuldigt Br. etwas naiv mit dem Gcftänd-
nifse, diefelbe echappe absolument a notre portee (2, 219).
Dafs er die ebenfo intereffante Controverfe, welche die
Mauriner-Ausgabe des Auguftinus hervorrief und welche
Mab. nicht ganz erfolgreich durch die Praefatio des 11.
Bandes zu befchwichtigen fuchtc, nur flüchtig berührt,
hängt wohl mit dem Benreben zufammen, Mab. als einen,
auch mit dem modernen Mafsftabe der römifch-katho-
lifchen Orthodoxie gemeffen, correcten Theologen darzu-
1 Bellen und ihn und feine Ordensgenoffen und Freunde
gegen die Anklage zu vertheidigen, fie feien Janfeniftcn
gewefen *)•

,Die Congrcgation des h. Maurus, fagt Br. (1, 37),
hatte ohne Bedenken alle Decrete der Päpfte gegen den
Janfenismus angenommen; das Lefe.n des Buches des
Janfenius war in ihr verboten, und die Novizen unterzeichneten
bei der Aufnahme das famofe Formular
[Alexander's VII.]; einer, der fich deffen weigerte, wurde
fofort entlaffen'. So waren alfo die Mauriner, und fpe-

*) Ausfuhrlicher find heide Controverfen in meinem Index 2, 591.
685 behandelt.