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Ausgabe:

1888

Spalte:

519-520

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Landau, E.

Titel/Untertitel:

Die dem Raume entnommenen Synonyma für Gott in der neu-hebräischen Litteratur 1888

Rezensent:

Schürer, Emil

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Seite 1

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519 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 2t. 520

Landau, Dr. E., Die dem Räume entnommenen Synonyma
für Gott in der neu-hebräifchen Litteratur. Zürich,
C. Schmidt, 1888. (66 S. gr. 8.) M. 2. 50.

Die Scheu vor Entweihung des Namens Gottes hat
bekanntlich das nachexilifche Judenthum dahin geführt,
nicht nur die Ausfprache des Gottesnamens Jahve'
fchlechthin zu verpönen, fondern auch die directe Bezeichnung
Gottes als ,Gott' [elohim) in der Regel zu
vermeiden, und ftatt deffen mehr indirecte Bezeichnungen,
wie namentlich ,der Herr' {adonai, 6 xvQiog) zu bevorzugen
oder geradezu metonymifche Bezeichnungen zu
wählen. Unter den letzteren bilden eine befondere
Claffe ,die dem Räume entnommenen', nämlich ,der
Himmel' (B^BIS). ,der Ort' (BlpttSl) und ,die Wohnung'
(rß^BO). Referent hat in feiner Abhandlung: ,Der Begriff
des Himmelreiches aus jüdifchen Quellen erläutert'
(Jahrbücher für prot. Theol. 1876, S. 166—187) einiges
Material hierüber zufammengeftellt. Viel vollftändiger
ift die Behandlung diefes Gegenftandes in der vorliegenden
, von gründlichfter Sachkenntnifs zeugenden Abhandlung
von Landau. Der Verf. will nach S. 13 zeigen:
,wie die rabbinifche Litteratur auf folche Bezeichnungen
für Gott gekommen ift, wo und wie diefelben zuerft gebraucht
, wie fie entftanden und zu Gottesnamen geworden
find.'

Er behandelt die drei fraglichen metonymifchen
Bezeichnungen in der obengenannten Reihenfolge: I),

="a© (S. 14—30), II) nipan (S. 30-47)* m) fßiB» (S. 47

—66). Bei jeder wird zunächft das Material vorgeführt:
die Stellen, wo fie vorkommen, und die Formeln und
Verbindungen, in welchen fie gebraucht werden. Während
in meiner Abhandlung nur das Material aus der
Mifchna zufammengeftellt war, berückfichtigt der Ver-
faffer auch die gefammte übrige rabbinifche Literatur.
Andererfeits verzichtet er freilich darauf, die Stellen aus
der Mifchna vollftändig anzuführen, was mir bei einer
folchen Monographie doch wünfehenswerth gefchienen
hätte. — Nach der Vorführung des Materiales unter-
fucht er bei jedem Begriff, in welchem Sinne er urfprüng-
lich als metonymifche Bezeichnung für Gott gebraucht
wurde, und wie es zu diefem Gebrauche gekommen ift.
Auch diefe Unterfuchungen zeugen zwar von guten
Kenntnifsen, find aber in wefentlichen Punkten nicht
fehr glücklich. Der Verf. hebt S. 21 felbft mit Nachdruck
hervor, dafs es eine Eigenthümlichkeit der femi-
tifchen Sprachen fei ,den Raum für deffen Inhalt,
den Ort für deffen Befitzer zu gebrauchen'. Aus
diefem Gefichtspunkte allein find ohne Zweifel jene drei
metonymifchen Bezeichnungen zu erklären. Der Verf.
erkennt ihn auch als berechtigt an; er fcheint ihm
aber doch nicht genügend. Nur bei nS^DTÖ läfst er ihn
rundweg gelten, bei B^ÜBJ ergänzt er ihn durch Annahme
fremder Einflüffe, und bei BIpBP! geht er überhaupt von
anderen Gefichtspunkten aus.

Dafs WOB urfprünglich die ,Wohnung' Gottes bedeutet
, und von da aus zur Beeichnung Gottes felbft
wird, erkennt der Verf. beftimmt an. Die nähere Erklärung
ift jedoch auch hier nicht ganz correct. Er fagt
S. 56: ,es bezeichnet die Wohnftätte Gottes, fei es im
Himmel oder auf Erden', und er verfteht unter letzterer
die Stiftshütte oder den Tempel. Schechina ift aber urfprünglich
ein viel engerer Begriff, nämlich die Lichtwolke
, in welcher Gott erfcheint. Dies erhellt namentlich
daraus, dafs fie auf der Bundeslade ruhend (Landau,
S. 57) und mit ihrem Glänze das Innere der Stiftshütte
erfüllend (Landau S. 58) gedacht ift. Eben diefe Lichtwolke
ift alfo die .Behaufung', in welcher Gott wohnt.
Wo fie ift, da ift Gott. Sie wird daher fpäter mit Vorliebe
zur Bezeichnung der Gegenwart Gottes gebraucht.
,Wenn zwei beifammen fitzen, und fich vom Gefetz unterhalten
, fo ift die Schechina unter ihnen gegenwärtig'
(Aboth III, 2).

Wenn B^aO metonymifch für Gott gebraucht wird,
fo ift auch hierbei einfach die Wohnung Gottes für Gott
felbft gefetzt. Der Verf. erkennt dies natürlich an. meint
aber, dafs doch erft infolge fremder, babylonifch-perfi-
fcher Einflüffe der Gebrauch diefer Metonymie fo häufig
geworden fei. Das wäre nur dann wahrfcheinlich, wenn
der Gebrauch ein analoger wäre. Die Babylonier und
Perfer haben aber nach Landau S. 24 f. den Himmel
felbft als Gott verehrt. Bei den Juden ilt dagegen der
Ausdruck von vornherein nur in ftreng metonymifcher
Weife gebraucht worden, zur Vertretung des Begriffes
,Gott', aber nicht als eigentliche Bezeichnung Gottes.
Da es fich alfo in beiden Fällen um etwas ganz verfchic-
denes handelt, fo fcheint es mir fehr unwahrfcheinlich,
dafs für das Aufkommen des jüdifchen Sprachgebrauches
fremde Einflüffe irgendwie von Belang waren.

Nach Analogie von Schechina und Schamajim ilt
ohne Zweifel auch BipTSfi zu erklären. Es ift ,der Ort',
wo Gott fich befindet, fei es nun der Himmel oder der
Tempel. Landau will dies nicht gelten laffen, verwirft
aber auch die philofophifche Erklärung, wonach Gott fo
heifse, weil er der Ort aller Dinge fei. Er meint, dafs
in erfter Linie perfifche Einflüffe zur Bildung des Begriffes
geführt hätten. Bei den Parfen fei ,der Raum' als
Gottheit verehrt worden. Wefentlich unter Einwirkung
diefer Anfchauung fei auch bei den Juden ,der Raum'
zu einem Gottesnamen geworden, indem fich damit die
prophetifche Anfchauung von der Allgegcnwart Gottes
verbunden habe. Ich begnüge mich, dies hier mitzu-
theilen, da ich nicht glaube, dafs diefe künftliche und
dabei unklare Herleitung viel Beifall finden wird.

Gicfsen. E. Schürer.

Oxe, Dr. Aug., Prolegomena de carmine adversus Marcio-
nitas. Leipzig, P"ock, 1888. (51 S. gr. 8.) M. 1.—

Im J. 1875 hat E. Hückftädt auf meine Anregung
das bisher noch niemals unterfuchte pfeudotertullianifche
Gedicht adversus Maräonitas einer kritifchen Prüfung
unterzogen (Leipziger Inaugural-Differtation). Lehrer und
Schüler waren damals fehr jung; allein die Kritik nahm
die Früchte der erftmaligen Bearbeitung eines bisher
vernachläffigten Feldes nachfichtig auf. Jetzt nach 13
Jahren hat das umfangreiche Gedicht (5 Bücher, 1302
Hexameter) einen neuen Liebhaber gefunden, einen
tüchtigen jungen Philologen aus der Bonner Schule, die
fich um die Verbindung der philologifchen und kirchen-
hiftorifchen Studien fo hoch verdient gemacht hat.
Bücheler, Lübbert und Ufener ift die Arbeit gewidmet
. Oxd fpendet der Unterfuchung feines Vorgängers
freundliches Lob: ,de carmine explicando et tempore auctoris
definiendo optime nuper meritus Ernestus Hucck-
staedt, vir tlicologorum ordini adscriptus, dissertatione
diligentissima et doctissima,' ohne fich gegen die Mängel
derfelben zu verfchliefsen. Er findet, dafs II. die Zeit
des Gedichts (ann. 360—370) richtig beftimmt und auch
für die Erklärung Manches gethan habe; allein mit Recht
bemerkt er, dafs noch fehr viel zu thun übrig fei,
namentlich für die Textkritik, die freilich befonders
fchwierig ift, da wir lediglich auf die editio prineeps des
Fabricius angewiefen find.

Oxe's Arbeit bezeichnet nun einen ausgezeichneten
Fortfchritt Erftlich hat er eine Reihe von Stellen dadurch
geheilt, dafs er fie als Bibelcitate erkannt und
demgemäfs den verderbten Text corrigirt hat. Sodann
hat er an nicht wenigen Stellen den Text verbeffert, indem
er auf die Quellen des anonymen Verfaffers, Irenäus
und Tertullian, zurückgegangen ift und aus ihnen die richtigen
theologifchen termini tecJinici an die Stelle corrum-
pirter und unverftändlicher Begriffe und Worte gefetzt
hat. Der Philologe hat hier den Theologen durch
tieferes Eindringen in die Theologie des Schriftftellers be-
fchämt und fehr fchöne Obfervationen gemacht (f. auch