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Ausgabe:

1888 Nr. 18

Spalte:

445-446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paul, Ludw.

Titel/Untertitel:

Die Abfassungszeit der synoptischen Evangelien 1888

Rezensent:

Schnapp, F.

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Seite 1

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445 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 18. 446

nicht über die Sphäre des A. B. hinausrage', doch er- | welcher Tie vorliegen, erft um die Zeit des fchriftftelle-
gänzt er denfelben dahin, ,dafs mit der von Chriflus rifchen Auftretens Juftin's entftanden find. Alle 4 Evangel.

liegen nach ihrer Abfaffungszeit in diefer ihrer letzten
Redaction nicht weit von einander' (130—150). Damit
fetzt er fich in Widerfpruch mit der grofsen Mehrzahl
der neueren Forfcher, welche nicht nur die Evangel. um
einige Jahrzehnte früher abgefafst fein laffen, fondern
auch die Benutzung der Synoptiker und zumeift auch
des Johannes durch Juftin behaupten (vergl. über Johannes
die befondere Abhandlung Paul's in den Jahrbb. für
proteft. Theol. 1886). Dagegen trifft er in feinem Urtheil

ausgehenden Heiligung der Gläubigen der die neue Religion
begründende entfeheidende Schritt aus dem A.
in den N. B. gemacht ift'. — Wenn die Chriften als ayioi
angeredet werden, fo wird ihnen damit keineswegs eine
iittliche Qualität beigelegt, fondern fie werden dadurch zu-
nächft nur nach ihrem religiöfen Vcrhältnifs zu Gott
charakterifirt. Die Heiligkeit als ethifche Forderung ift
nicht fowohl nach der pofitiven, als vielmehr nach der
negativen Seite zu verftehen als Enthaltung von aller

fündlichen Befleckung. | mit Baur zufammen, und er erblickt darin eine Probe

für die Richtigkeit feiner Argumentation, dafs er ,auf
einem ganz anderen Wege und in einer ganz anderen
Unterfuchung' zu dcmfelben Refultate gelangt ift wie der
Meifter der Tübinger Schule.

Da fich bei Juftin nicht ein einziges wörtliches Citat
aus unferen kanon. Evangel. nachweifen läfst, fondern.
fich überall mehr oder weniger erhebliche Abweichungen
zeigen, fo bleibt die Möglichkeit, dafs ihm die Evangel.
in ihrer heutigen Geftalt unbekannt waren, auf jeden
Fall offen. Es fcheint mir nach der anderen Seite ent-
fchieden zu weit gegangen, wenn Weifs (Lehrb. der Einl.
in das N. T. S. 45) behauptet, ,dafs Juftin unfere 3 erften
Evangel. gekannt und benutzt hat, fteht über jeden Zweifel
feft'. Nur hätte Paul, um feine Zweifel in gehöriger
Weife zur Geltung zu bringen, weit vorfichtiger zu Werke
gehen follen. Seine Unterfuchungen bafiren zum nicht
geringen Theil auf dem verkehrten Satze, dafs Juftin im
A. T. immer genau die LXX citire. Eine Vergleichung
der umfaffenden Erörterung von Semifch (die apoftol.
Denkw. des M. J. S. 239—273) oder auch ein Blick in
Holtzmann's Einleitung (2. Aufl. S. 120), wonach Juftin

Daraus läfst fich nun die Selbftbcurtheilung der chriftl.
Gemeinde leicht ableiten: fie fieht fich als durch Chriftus
geheiligt d. h. Gott zum Eigenthum geweiht an; fie weifs
fich im Befitz des heil. Geiftes, der ihren Glauben wie
ihr Leben regelnden Gottesmacht, und betet zu Gott als
ihrem Vater im Himmel. — Der Religion Ifraels gegenüber
bewahrt die chriftl. Gemeinde wie ihr Herr auf der
einen Seite Pietät gegen ihre Inftitutionen, auf der anderen
Seite eine innerlich freie Stellung, welche das Wcfentliche
vom Unwefentlichen unterfcheidet und die wirklich werthvollen
Vorftellungen weiterbildet. Dem zeitgenöffifchen
Judenthum gegenüber fühlt fich die chriftl. Gemeinde als
Einheit, wenigftens was ihre religiöfe Stellung anlangt, wenn
auch in focialer Hinficht die Judenchriften ihren jüdifchen
Volksgcnoffcn näher ftanden als den Heidenchriften. — Die
heidnifche Religiofität und Sittlichkeit erfährt als Ausflufs
von dämonifchen Mächten eine vollftändige Verurtheilung,
aber niemals eine fpüttifche Behandlung. Die Heiden
felbft gelten als Gegenftand der Miffion und zwar ift
letztere, wie der Verf. wiederholt mit Recht hervorhebt,
nicht erft durch Paulus ins Werk gefetzt, fondern aus

dem Schofse der jüdifchen Meffiasgemeinde hervorgegangen gerade gegen LXX die Stelle Jef. 7, 14 nach Matth. I,
und im Princip auf Jefus felbft zurückzuführen. 23 anführt, hätte ihn eines befferen belehrt.

Den Anflehten des Verf.'s kann ich in allen wefent-

Zu bedauern ift, dafs der Verf. die parallelen Stellen

liehen Punkten nur beiftimmen. Die Darftellung ift klar und 1 bei Juftin und den Synopt. nicht in Columnen neben

anziehend, doch bewegt fie fich m. E. oft zuviel in allgemeinen
Erörterungen und geht nicht genug auf Ein
zelheiten ein; auch fehlt es nicht an mancherlei Wie
derholungen. I Petr. 3, 18 kann Uoo7cmt]d-ei(; nveviiazi

einander gehellt hat. Die Ueberficht wäre dadurch bedeutend
erleichtert. Bei der Vergleichung geben vielfach
ganz fubjective Gründe den Ausfchlag. Der Einheit der
Unterfuchung thut es nicht wenig Abbruch, dafs eine

nicht heifsen: lebendig gemacht durch den Geift (vgl. Reihe von Hypothefen als bewiefen hingeftellt werden,
S. 70); diefe Erklärung wird durch das parallele Varazai- j ohne dafs diefelben im Zufammenhang eine genügende
!hig oaQ/.i verboten. Dafs unter den uyioi 1 Theff. 3, 13 Begründung erfahren. Dahin rechne ich die Annahme
Engel zu verftehen feien, bezweifle ich; es ift dort gar eines Urmarkus, eines Urlukas, die Behauptung, unfer
nicht gefagt, dafs Chriftus in Begleitung derfelben vom kanon. Markus erfcheine als ausbeffernder Corrector und
Himmel herniederkommen werde, fondern nur, dafs feine verrathe neutralifirende Tendenz u. f. w. Die entgegen-

ftehenden Meinungen werden zumeift kaum geftreift. So
wird die Anficht, dafs die Freiheit Juftin's in den Citaten
aus dem N. T. fich aus feiner freien Stellung gegenüber
den neuteftl. Schriften erkläre, nur flüchtig erwähnt.

Höchft läftig find, zumal bei dem geringen Umfang
der Unterfuchung, die vielfachen Wiederholungen, welche
noch dazu durch ein ,wie gefagt — wir wiederholen es'
kenntlich gemacht werden. Die einigen griech. Citaten
beigegebene Ueberfetzung hätte zumeift ohne Schaden
fortfallen können. Das N. T. fcheint Paul nach der Rc-
cepta zu citiren, ein bei einer wiffenfchaftl. Arbeit fehr
bedenkliches Verfahren.

In dem Citat S. 16 ift ein Satz ausgelaffen. S. 22
Z. 5 ift y.aku ftatt ulhx zu lefen.

Bonn. F. Schnapp.

ir.KQOioiu ftattfinden werde ittxu nävxiov xüv uyltav avzov
d. h. unter Betneiligung aller feiner Gläubigen. Druckfehler
, welche vom Verf. nicht notirt find, finden fich
S. 91 Z. 12. S. 100 Z. 19. S. in Z. 1 v. u. S. 113 Z. 16.
S. 151 Z. 4.

Doch follen diefe kleinlichen Ausheilungen den Dank
für die gründliche und befonnene Arbeit des Verf.'s nicht
mindern. Ich möchte diefe Anzeige nicht fchliefsen,
ohne noch befonders auf die ausgezeichnete Kritik hin-
gewiefen zu haben, welche der Verf. zum Schlufs von
unterem modernen Sprachgebrauch giebt, der fich in der
Anwendung des Begriffs der Heiligkeit bedenklich von den
neuteftl. Grundlagen entfernt hat und durch asketifche
Neigungen getrübt ift.

Bonn. F. Schnapp.

Paul, Prof. Dr. Ludw., Die Abfassungszeit der synoptischen ; Chastand, Gcdeon, L'apötre Jean et le IV« evangile. Etüde
Evangelien. Ein Nachweis aus Juftinus Martyr. Leip- de critique et d'hiftoire. Paris, Fischbacher, 1888.
zig, Grunow, 1887. (50 S. gr. 8.) M. 1.60. (351 p. 8.)

Der Verf. fafst das Ergebnifs feiner Unterfuchung Neues bringt die Schrift zwar nichts, wohl aber eine

am Schluffe (S. 49) in die Worte zufammen: Juftin hat Befprechung fämmtlicher Probleme, welche fich über der
keines unferer lynopt. Evangel. gekannt, überhaupt kritifchen Erforfchung des vierten Evangeliums ergeben

keines unferer kanon. Evangel.....Es ift wahrfchein- | haben, in gefchickter Anordnung und anfprechender

lieh, dafs unfere kanon. Evangel. in der Redaction, in I Kürze. Der franzöfifche Gciftliche, welcher diefe Studie