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Ausgabe:

1888 Nr. 17

Spalte:

428-429

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Möller, Karl

Titel/Untertitel:

Leben und Briefe Johannes Theodor Laurents 1888

Rezensent:

Reusch, Franz Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 17.

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ein ganz Wefentliches werden hierdurch untere Kennt-
nifse vermehrt.

Viel Intereffantes bringt eine ,Einleitung' über Land
und Leute im ,Elfäffifchen' Lothringen, den Volkscharakter
, die Sprache und die fonfligen Eigentümlichkeiten
des dortigen fränkifchen Stammes. Das Ge-
fchichtswerk felber zergliedert fich in drei Perioden: die
naffauifche Zeit (1557—1629) mit den geheimnifs-
vollen und kleinen Anfängen der Reformation und deren
gedeihlicher Entwicklung bis zur höchften Blüthe des
Kirchen- und Schulwefens, einfchliefslich der Befchreibung I
der durch die Flüchtlinge aus Frankreich gegründeten |
,weifchen' reformirten Dörfer; die lothringifche Zeit
(1629—1670), welche die Eroberung der Graffchaft Saarwerden
durch die Herzöge von Lothringen nach einem i
102 Jahre währenden Erbfchaftsprocefs, und die hierauf
folgende gewaltfame Unterdrückung des Proteftantismus
und das namenlofe Elend des 30 jährigen Krieges umfafst;
die franzöfifche Zeit (1670—1700), bezeichnet zuerft 1
durch die Rückkehr der Naffauer und die fich daran an- J
fchliefsende Wiedereinfetzung der proteftantifchen Pfarrer,
fodann aber durch die ,Gegenreformation', welche hier,
wie überall, hauptfächlich das Werk der Jefuiten war,
und deren Einzelheiten in den grellften Farben fich uns
darftellen. Erft der Ryswicker Friedensfchlufs, der die
Graffchaft wieder unter die Oberhoheit des Deutfchen
Reiches brachte, gab den Evangelifchen ihre Freiheiten
zurück. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts fliefst die Ge-
fchichte der Evangelifchen der Graffchaft Saarwerden
in ruhigeren Bahnen, und das Evangelium hat, trotz des
Stürmens der Feinde, die Oberhand behalten, fodafs man
heute in den ,graffchäftlichen' Dörfern nur 3439 Katholiken
neben 12447 Proteftanten zählt.

In jedem diefer drei Abfchnitte werden die einzelnen
Dörfer und Pfarreien befchrieben und draftifche Sittengemälde
, zahlreiche Epifoden, Notizen über intereffante
Perfönlichkeiten eingewoben. Wir heben hervor: das
Schöffengericht zu Bütten (S. 15), die leider auch hier
auftretenden confeffionellen Streitigkeiten zwifchen Lutheranern
und Reformirten (S. 23), die Auszüge aus der
naffauifchen Kirchenordnung von 1617 (S. 34), dieHungers-
noth und Peft in den Jahren 1635—1639 (S. 105), die
Schickfale des Pfarrers Büttner von Harskirchen und die
durch ihn auf einer Rheininfel mitten im Schnee abgehaltene
Abendmahlsfeier, (S. 117), die ,un(terblichen'
Verdienfte Holler's, welcher um die Mitte des 17. Jahrhunderts
an 30 Kirchfpiele allein paftorirte (S. 141), die
Wühlereien der Jefuiten (S. 142), die Franzofenwirth-
fchaft (S. 181), das Hoflager des ,fiebenmal meineidigen'
Ludwig's XIV. zu Bockenheim im Jahr 1683 (S. 198),
ein nächtliches Trinkgelage franzöfifcher Truppen in der
Kirche zu Wolfskirchen (S. 201).

Werthvoll find die Fufsnoten, die zahlreichen Auszüge
aus den Aufzeichnungen der Pfarrer und die beigegebenen
fünf Beilagen, namentlich das von einem
katholifchen Geiftlichen unterfchriebene Verzeichnifs der
Gelder, welche den Neubekehrten gezahlt wurden (1686),
und die Lifte von 122 lothringifchen Familien, nebft
Mittheilungen über deren Herkunft.

Dem Recensenten find nur wenige geringfügige Ver-
fehen im Buche aufgefallen. In der Schilderung der
Greuel des dreifsigjährigen Krieges hätte die geradezu
claffifche Stelle des in Roehrich's ,Mittheilungen' (Band
II, S. 154) abgedruckten Briefes von Mofcherofch nicht
fehlen dürfen. Auch hinfichtlich der Sage oder Nachricht
(S. 5), die Melanchthon im Jahre 1522 in der Graffchaft
Saarwerden auftreten und in Domfeffel predigen läfst,
wäre eine mehr kritifche Unterfuchung nicht überflüffig
gewefen.

In der Gruppirung des Stoffes ein Meifter, befitzt
der Verfaffer eine hervorragende Darftellungsgabe und
hätte, meines Erachtens, nicht nöthig gehabt, ,die Männer
vom Fach' um Entfchuldigung zu bitten ,für den Stil,

den fie bunter und rhetorifcher finden werden, als man
dem nüchternen Hiftoriker zu erlauben pflegt'. Schadet
es doch wahrlich einem Gefchichtswerk, zumal obigen
Inhalts, nicht, wenn es fich auch zur Leetüre in der
Familie eignet und das gröfsere Publicum anzuziehen
vermag. Nur durch folche Eigenfchaften kann es auch
dazu beitragen, dafs der Wunfeh, womit der Verfaffer
fchliefst, fich verwirkliche: ,Möchte das heutige Gefchlecht
die grofse Vergangenheit, die hinter ihm liegt, von
neuem feinem Gedächtnifs einprägen, und mit Stand-
haftigkeit die Heilsgüter bewahren, die feine Vorfahren
durch blutige Zeiten hindurch gerettet haben!'

Strafsburg i/E. Erichfon.

Möller, Prof. Karl, Leben und Briefe Johannes Theodor
Laurent's, Titularbifchofs von Cherfones, Apoftolifchen
Vicars von Hamburg und Luxemburg. Als Beitrag
zur Kirchengefchichte des 19. Jahrhunderts zufammen-
geftellt von feinen Freunden und mit Vorwort hrsg.
von K.M. 2. Thl.: 1840—1856. Trier, Paulinus-Druckerei
, 1888. (XXIV, 694 S. gr. 8.) M. 5. — (1. u. 2.:
M. 9. 50.)

Den erften Band habe ich in der Lit.-Ztg. 1887
Nr. 12 angezeigt. Der zweite beginnt mit der Reife, die
Laurent nach Rom unternahm, als ihm von den betheiligten
norddeutfehen Regierungen die Zulaffung als apo-
ftolifcher Vicar in Hamburg verweigert wurde. Er fah
fich in der Hoffnung, die Curie werde energifch für ihn
eintreten, getäufcht. Da Metternich jede Intervention
bei den betheiligten Regierungen ablehnte, weil man ihn
nicht vorher bei dem Plane, einen eigenen apoftolifchen
Vicar nach Hamburg zu fchicken, zu Rathe gezogen,
liefs die Curie Laurent ohne weiteres fallen und übertrug
wieder wie früher die Leitung der nordifchen Mif-
fionen einem norddeutfehen JFfchof als Nebenamt, diefes
Mal dem Weihbifchof Lüpke zu Osnabrück. Man konnte
nun aber Laurent, da er zum Bifchof geweiht war, nicht
wohl auf feine Landpfarrei in Belgien zurückfehicken
und war darum wegen feiner Verwendung in Verlegenheit
. Es war im Plane, ihn zum lateinifchen Patriarchen
in Conftantinopel, zum päpfllichen Delegaten auf den
jonifchen Infein, zum apoltolifchen Vicar in Oftindien,
zum Rector des gricchifchen Collegs in Rom zu ernennen
, lauter Aemter, zu denen Laurent ebenfowenig Luft
wie Beruf hatte. 1842 wurde er dann mit Zuftimmung
des Königs von Holland zum apoftolifchen Vikar von
Luxemburg ernannt. In wenigen Jahren hatte er fich
dort unmöglich gemacht. Nach der März-Revolution von
1848 forderte die holländifche Regierung feine Abberufung
, und Pius IX. ging fofort, ohne Laurent über die
gegen ihn vorgebrachten Anklagen auch nur zu hören,
darauf ein, ihn, allerdings zunächft nur-proviforifch, feines
Amtes zu entheben. Nach mehrjährigen Verhandlungen,
bei welchen Laurent's Wiedereinfetzung von Rom aus viel
weniger entfehieden gefordert, als von der Regierung verweigert
wurde, refignirte Laurent 1856 im Einverftänd-
nifse mit dem Papfte definitiv. Er lebte feitdem ohne
geiftliches Amt in feiner Vaterftadt Aachen. Ueber diefe
letzte Periode feines Lebens foll ein dritter Band berichten
.

Laurent refignirte 1856 unter der Bedingung, dafs
ihm von der luxemburgifchen Regierung eine Penfion
bewilligt und eine Ehrenerklärung gegeben werde. Die
Regierung erklärte denn auch ofhciell, er habe fich bei
der Revolution von 1848 ganz correct verhalten. Der
eigentliche Grund des Verlangens feiner Abberufung
war auch ein anderer: Laurent fuchte in Luxemburg, wo
man das gar nicht gewohnt war, die ftrengften römifchen
Grundfätze in der fchroffften und rückfichtslofeften Weife
durchzuführen, brachte namentlich den Freimaurern ge-