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Ausgabe:

1888 Nr. 14

Spalte:

363-364

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brecht, Thdr.

Titel/Untertitel:

Papst Leo XIII. und der Protestantismus 1888

Rezensent:

Fay, Friedrich Rudolf

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Seite 1

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363 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 14. 3(4

Hand an fein Volksbuch zu legen. Es würden dann kleine denn mit unferem hochverehrten Verfaffer, deffen Schrift
Unebenheiten verfchwinden, manche Längen und Wieder- 1 die weitefte Verbreitung verdient, fragen und meinen auch

holungen befeitigt, kleine Irrungen berichtigt werden,
und es hätte dann das evangelifche Deutfchland ein
Lutherbuch, das dem Mann aus dem Volk verftändlich,
den theologifchen Lefer anregend, zum Verftändnifs der
Grundlagen der Reformation das Seinige beitragen würde.
Vielleicht empfiehlt fich dann, den Umfang von 3 auf 2
Bände durch Kürzung der Mittheilungen aus'den Schriften
des Reformators zu befchränken. — Gute Regifter erleichtern
die ürientirung in dem umfänglichen Werk,
das auch in feiner jetzigen Geftalt fchon zu den werth-
vollften Gaben gehört, die wir den Anregungen des
Lutherjahres verdanken.

Kiel. G. Kawerau.

wir: ,Wenn (aber) dem Zweck des Papfles die ,,Friedensliebe
" einmal dienlich erfcheint, warum follte er nicht
auch mit diefem Mittel dem Ziel der Weltherrfchaft näher
zu kommen buchen ?' (S. 107). Non oleti

Crefeld. F. R. Lay.

Brecht, Thdr., Papst Leo XIII. und der Protestantismus.

Barmen, Klein, 1888. (157 S. 12.) M. 2.— ; geb. M. 3.—

Alles, was Theodor Brecht, der wackere Herausgeber
der kirchlichen Korrefpondenz für die deutfche

Tagespreffe, fchreibt, hat, wie man zu fagen pflegt, Hand I vornehmen theologifchen Schulweisheit' über B.'s Buch

Frickhöffer, H., Die Grundfrage der Religion. Mit Bezug
auf W. Bender: Uas Wefen der Religion und die
Grundgefetze der Kirchenbildung. [Deutfche Zeit- u.
Streitfragen, N. F., 2. Jahrg. 11. Heft.] Hamburg, J.
F. Richter, 1887. (48 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Die vorliegende Schrift ift ein Rettungsverfuch von
W. Bender's Das Wefen der Religion. Sie ifl wefentlich
auf Lefer aus den Kreifen der liberalen Theologie berechnet
, denen durch den Artikel der prot. Kirchenzeitung
1885 N. 50 52 der Gefchmack an Bender's Religions-
philofophie verdorben ift. Das ,wegwerfende Urtheil der

und Fufs. So auch diefes Büchlein, das vollftändig ge- j kann der Verf. ebenfogut begreifen, wie das ,Mönchsgeeignet
ift, feinen Zweck zu erfüllen, nämlich die .Friedens- I fchrei der hochkirchlichen Partei'; aber nicht einzufehen
papftlegende', wenn möglich, .gründlich zu zerftören und j vermag er, was die ,theologifche Linke' gegen B.'s Ver-
zu zeigen, welches die Stellung des Papftes Leo XIII. zum ! fuch, die Religion darwiniftifch zu erklären, haben kann.
Proteftantismus von Anfang bis heute war und geblieben Den Anftofs auf diefer Seite zu heben, ift alfo feine Ab-
ift' (S. 9). Diefe Stellung ift grundfätzlich feindlich, I ficht. Der Nachdruck in feiner Schrift liegt defswegen
wie feine Encykliken, befonders diejenige vom 29. Juni in dem Nachweis, dafs gerade dadurch, dafs B. die Frage
1881, beweifen, in welcher bekanntlich Communismus, 1 nach dem Urfprung der Religion auf dem Boden der
Socialismus und Nihilismus auf Rechnung des Proteftan- j Entwicklungslehre zu löfen unternimmt, ,der Betismus
gefetzt werden (S. 42). Schon als Cardinalbifchof I ftand der Religion gelichert' fei (45). Jetzt ift ,die
von Perugia hat der jetzige Papft in einem Hirtenbriefe Religion in die Reihe der naturgefetzlichen Frfcheinun-
gefagt: ,Man will Flueren Sinn verderben mit dem pefti- j gen geftellt und ihr damit ein in der allgemeinen ürd-
lenzialifcheften Irrthum aller Irrthümer, mit dem Prote- nung des Dafeins geficherter Grund nachgewiefen' (15 f.).
ftantismus. Diefes dumme wetterwendifche Syftem ift Wir erheben zunächft Einfprache gegen die Ueberhervorgegangen
aus Uebermuth und Gottlofigkeit' (S. 20). fchätzung. welche hier der Unterfuchung über den
Diefer Anfchauung ift Leo XIII. trcugeblieben bis auf den Urfprung der Religion zu Theil wird. Die Religion
heutigen Tag. Trotz aller diplomatifchen Friedensver- , ifl: eine Thatfache, eine Wirklichkeit. Wie diefe gewor-
ficherungen ift der Papft ein ausgefprochener, principicller j den, das zu unterfuchen ift freilich ebenfo intereffant,
Gegner der evangelifchen Kirche, der Luther im Jahre j wie die Unterfuchungen über die Entftehung der Sprache,
1884 im Anfchlufs an die Lutherfeier ,den Härefiarchen ! des Gewiffens u. a. Aber für den Beftand diefer Wirk-
und ruchlofen Apoftaten' (S. 42) genannt hat, von Pari- ! lichkeiten ift das Refultat jener Unterfuchungen gleichtat
und Toleranz uns gegenüber nichts wiffen will, die ] gültig. Das Verdienft, den Beftand der Religion gefichert
Baumeifter proteftantifcher Kirchen in Rom, die Drucker , zu haben, follte darum für B. felbft dann nicht in An-
ketzerifcher Bücher und Gottcsdienftanzeigen, die Eltern, | fpruch genommen werden, wenn man ihm beipflichtet,
welche ihre Kinder in proteftantifche Schulen fchicken, : Es handelt fich einzig darum, ob er eine wiffenfehaft-

mit Excommunication bedroht und noch am 2. März
1885 über die Occupation Roms und über die nach Rom
eindringende Ketzerei klagt (S. 53). Die Altkatholiken
fchilt er .trügerifche Menfchen', die Mifchehen bekämpft

lieh brauchbare Theorie aufgeftellt hat, oder nicht.

Dafs B. dies gethan, fteht dem Verf. feft fchon mit
Rückficht auf deffen Methode, der er S. 14 ff. alles Lob
fpendet. Es dünkt ihm ein wiffenfchaftlicher Fortfehritt,

er, die Wiffenfchaft foll zu Thomas von Aquino zurück- j dafs eine Erfcheinung des geiftigen Lebens wie ein Naturkehren
(S. 30—92), der Kirchenftaat wieder reftaurirt, | Vorgang erklärt wird. Denn auch er hält ,die Phänomene
die gottlofe Prelle in den Dienft der heiligen Kirche ge- des geiftigen Lebens für nicht minder natürliche That-
ftellt, Freimaurerei und Revolution abgethan und alles ! fachen, wie diejenigen, welche die Naturwiffenfchaft be-
fociale Elend durch das Papftthum überwunden werden obachtet'. Erhält es für richtig, dafs auch ,das geiftige
IS. 107—123). Was die Politik Leo's angeht, fagt Bewufstfein' des Menfchen, insbefondere die Religion,
Brecht mit Recht: ,Das Ziel Leo's ift die Rekatholi- unter das .trotz feines immer noch problematifchen
firung Deutfchlands und die Papftherrfchaft über die I Charakters' doch heutzutage ,eine faft unbeftrittene' Herr-
Welt' (S. 133). Damit ftimmt überein, wenn wir fchon fchaft ausübende ,Gefetz', die Entwicklungslehre, gebeugt
auf S. 106 lefen: ,Es ift ein Zeichen grofser Ner- werde. Sein Refpect vor den Naturwiffenfchaften ift fo
venfeh wache und unfichererPrincipienlofigkeit, ] grofs, dafs ihm wif fenfehaftlich und natu rge fetz lieh
wenn man jetzt fo vielfach den Erörterungen be- j geradezu identifche Begriffe werden. U. E. ift es ein
gegnet, ob der Papft eine friedliche oder eine in- [ wiffenfehaftlicher F'ehlcr, die überdies ,noch proble-
tranfigente Richtung habe. Für uns bleibt er der matifchen' Erkenntnifse eines einzelnen Forfchungsgebietes
Papft, und wir für ihn die abgefallenen Ketzer. Sein j gleichfam zu Weltgefetzen zu erheben und dcmgemäfs
Ziel bleibt immer dasfelbe und unfer Ziel mufs immer jeden Forfchungsgegenftand unter fie zu beugen. Oberfter
dasfelbe bleiben'. Fürwahr .unferZiel mufs immer das- j wiffenfehaftlicher Grundfatz und allein richtige Methode
felbe bleiben'! Es ift das Ziel der Freiheit jedes einzel- 1 ift vielmehr, dafs wir uns der eigentümlichen Natur
nen Chriftenmenfchen, der Freiheit der Wiffenfchaft, der des Gegenftandcs beugen und unfere Gedanken durch
Freiheit der Gemeinde, der bürgerlichen Gefellfchaft, des die Wirklichkeit meiftern laffen. Die Natur unferes geif-
Staates von jeder Priefterhcrrfchaft. Laffe man fich da- tigen Lebens aber zeigt, dafs es Gefetzen folgt, welche
her von diefem angeblichen Friedenspapfte nicht täufchen, (nach einem Wort Ritfchl's) nicht in Abfolge zu den

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