Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888

Spalte:

17-19

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schulze , Geo.

Titel/Untertitel:

Die einheitliche Christenlehre im evangelischen Schul- und Pfarrunterrichte. 1. Bd. Zur geschichtlichen Grundlegung und zum grundsätzlichen Aufbau 1888

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

17 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 1.

eine ideale Ziel' würde einem folchen fchon an und für
fich etwas Irrthümliches zu enthalten fcheinen. Noch
weit fchärfer tritt der confeffionelle Unterfchied S. 260
hervor, wo Linf. fagt: ,Sollten wir nicht von ganzem
Herzen zuftimmen, wenn der Prediger am Neujahrstage
ausruft: ,Sie [die Gottesmutter] ift die, der wir alle unfere
Noth klagen follen. Denn von ihr ift uns alles Heil gekommen
, durch fie find wir alle vom Tode erlöft, durch
fie find wir alle gezählt unter die Gotteskinder; mit ihrer
Hilfe follen wir alle unfere Noth überwinden, mit ihrer
Hilfe mögen wir alle kommen zum Genuffe des ewigen
Lebens u. f. w.'

Anzufetzen hat die weitere Forfchung auch wohl
befonders an der Auffaffung der Myftik und der Ge-
fammtentwickelung der Predigt im 14. Jahrhundert. In
erfterer Beziehung hat fich ja auch in der proteftanti-
fchen Wiffenfchaft das Unheil jetzt theilweife geändert.
Nach Anführung des ,interefianten' Lobes, welches
Luther den Predigten Tauler's gefpendet hat, fährt Linf.
S. 432 fort: ,Nach Luther's Vorgang ift der Proteftantis-
mus noch heute geneigt, Tauler als feinen Vorläufer
anzuerkennen; mit wie wenig Grund kann fchon aus
obiger Darftellung erfehen werden. Nur die gänzliche
Verkennung des wahrhaft katholifchen Geiftes kann Tauler
aus der Reihe der grofsen katholifchen Prediger des
Mittelalters ftreichen wollen'. Tauler's Myftik dürfte fich
doch wohl kaum ganz innerhalb der Grenzlinie des eigentlichen
Katholicismus bewegt haben. Die Entfcheidung
darüber hängt damit zufammen, wie man die Entwicke-
lung der Predigt gegen Ende des Mittelalters überhaupt

Verständigung zwifchen Pfarrern und Lehrern über päda-
gogifcheund katechetifcheFragen anzubahnen. Einefchöne
und fehr nothwendige Aufgabe hat fich der Herr Verf. ge-
ftellt; ein Friedenswerk fchafft er zwifchen Schule und
Kirche, eine Vereinigung der Kräfte, um unferem evange-
lifchen Volk die Güter evangelifchen Chriftenthums zu bewahren
und fruchtbar zu machen. Es ift ein übles Ding, wenn
der Lehrer bei feinem Religions-Unterricht nicht die Vollendung
desfelben durch den Pfarrer im Auge hat, und
der Pfarrer in feinem Katechumenen- und Confirmanden-
Unterricht nicht beftimmt weifs, was die Schule geleiftet
hat und welches die Vorausfetzungen find, auf denen er
weiter bauen kann: fo gehen beide, Pfarrer und Lehrer,
in derfelben Sache unabhängig von einander ihren Weg,
der Eine lächelt über die katechetifche Unbeholfenheit
des Anderen, der Andere erzürnt fich über den Dünkel
des Einen. Jedes Bemühen, diefem weitverbreiteten Unheil
abzuhelfen und auf dem Wege fachlicher Erörterung
den gemeinfamen Boden, auf dem beide arbeiten,
beiden vertraut und werthvoll zu machen, damit gemein-
fame Arbeit und einheitliche Lehre beide verbinde, ift zu
begrüfsen, doppelt zu begrüfsen, wenn es, wie im vorliegendem
Werke, in fo anziehender, gründlicher
und durchweg für Pfarrer und Lehrer höchft inftruc-
tiver Weife bethätigt wird. Der Herr Verf., welcher
fünfzehn Jahre Pfarrer und zehn Jahre Seminardirector
gewefen ift, hat für beide Seiten des Religions-Unterrichts
ein tiefes Verftändnifs und für Pfarrer und Lehrer
ein warmes Herz.

Allerdings geht der Herr Verf. von der Forderung

beurtheilt. In feinem fehr beachtenswerthen Ueberblicke i aus, wie fie im Gebiet der Rheinifch-Weftfälifchen Kirchen-
am Schluffe fagt Linf.: ,Ihre [der Predigt] Entwicke- Ordnung Vorfchrift ift, dafs der pfarramtliche Religions-

lung in diefem langen Zeiträume darf, weil bedingt durch
die Gefammt-Entfaltung der chriftlichen Cultur, als eine
langfam aber ftetig auffteigende bezeichnet werden'. S.68
in feiner Einleitung zur 2. Periode bemerkt er: ,Von der
folgenden Periode grenzt fich diefer Zeitabfchnitt ab, wie
überall in der Gefchichte die Zeit des Wachsthums von
der Zeit des Verfalls'. Cruel bemerkt am Schluffe feines
noch das 15. Jahrhundert umfaffenden Werkes : , Mit dem
15. Jahrhundert tritt indeffen immer mehr zu Tage, dafs

Unterricht auf zwei Jahre ausgedehnt werde. Es ift leider
bekannt, dafs an fehr vielen Orten man fich mit einem
Confirmanden-Unterricht von wenigen Monaten begnügt
und demnach fo ziemlich alles der Schule überläfst.
Vielleicht ift es ein Erfolg der erwärmenden Darfteilung
des Herrn Verf.'s, dafs feine Forderung in weiteren Kreifen
erfüllt werde. Sodann ift es eine durch die Natur der
Sache gegebene Vorausfetzung, dafs ein einheitlicher
Schulunterricht die Grundlage für den pfarramtlichen

auf diefem Boden bei wachfendem äufserem Reichthum ; Unterricht gebe. Annähernd zutreffend ift diefe Vor-
doch ihre [der deutfchen Predigt | innere Lebenskraft fich [ ausfetzung ja in der grofsen Mehrzahl der Gemeinden
erfchöpft hatte, und dafs es zu ihrer Verjüngung und befonders auf dem Lande; völlig zutreffend wurde die

Umgeftaltung auch einer Erneuerung des ganzen reli-
giöfen Lebens bedürfen werde'. Mit einem hoffnungsfreudigen
Verfe, den Hans Sachs an Luther gerichtet

felbe in diefen Gemeinden nur dann fein, wenn der Beginn
des pfarramtlichen Unterrichts nicht von der Erreichung
einer beftimmten Altersftufe, fondern von der

hat, begrüfst dann Cruel diefen auch als Begründer einer j Erreichung einer beftimmten Schulftufe abhängig
neuen Aera für die deutfehe Predigt. Linf. wird natür- ; macht würde; nicht zutreffend ift jene Vorausfetzung°in
lieh die von ihm in Ausficht geftellte Gefchichte der j gröfseren Städten, in denen die grofse Schaar der Con-
Predigt Deutfchlands im 15. Jahrhundert ganz anders Armanden fich aus den Schülern mehrerer Klaffen der
befchliefsen, und man darf überhaupt auf feine Behand- : Volksfchule, aus Quartanern, Tertianern, Secundanern
lung diefes Zeitraumes fehr gefpannt fein. Wir möchten j des Gymnafiums, des Real-Gymnafiums, der Gewerbe-
ihn dringend um diefelbe bitten und verfichern, dafs er ! fchule und der Mittelfchule zufammenfetzt. Doch wahr-
dann, ebenfo wie für das hier befprochene vortreffliche fcheinlich wird auf diefe Schwierigkeiten der zweite Band
Buch, auch unter proteftantifchen Theologen gewifs I die Rede bringen; wir werden näher darauf zurück-
nicht blofs den Unterzeichneten zu einem trotz einiger J kommen.

FTagzeichen fehr aufmerkfamen und dankbaren Lefer Der vorliegende erfte Band bezweckt, den gemeinhaben
wird. | famen pädagogifchen und katechetifchen Boden für die

Friedbere Diegel. Religionslehrer der Schule und der Kirche aufzuweifen.

______ Bevor das Werk vollendet ift, läfst fich die Oekonomie

_ , „ , , . i 1 u • ^es Ganzen nicht überfehen und die Richtigkeit der

Schulze, Sem.-Dir. Geo., Die einheitliche Christenlehre im Auswahl des Gegebenen nicht genau beurtheüen. Aber
evangelifchen Schul- und Pfarrunterrichte. (In 2 Bdn.) j was in diefem erften Bande gegeben ift, darf nicht nur
I. Bd. Zur gefchichtlichen Grundlegung und zum grund- l allen Pfarrern, fondern auch allen Religionslehrern der
fätzlichen Aufbau. Gütersloh, Bertelsmann, 1887. ■ Scl-ule zu eingehenderem Studium und zur Beherzigung

(V, 307 S. gr. 8.) M. 4. —

Die Abficht des Herrn Verf.'s in feinem auf zwei
Bände berechneten Werke ift, zur einheitlichen Geftaltung
des Religions-Unterrichtes derjugend, wie derfelbe durch
die [Volks-] Schule und durch das Pfarramt ertheilt wird,
den Pfarrern und Lehrern Handreichung zu thun und eine

auf das wärmfte empfohlen werden.

Nach einer Einleitung ,zur vorläufigen Verftändigung'
(S. 1—13) gliedert fich das Buch in zwei Hauptabfchnitte
I. Zur gefchichtlichen Grundlegung S. 14—163; II. Zum
grundfätzlichen Aufbau S. 164—307. Der erfte Haupt-
abfehnitt beginnt ,aus der Entftehungszeit der Kirche'
mit einem meifterhaft ausgeführten Bilde Jefu Chrifti als