Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1888 Nr. 1

Spalte:

12-13

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Locke, Rich.

Titel/Untertitel:

Ueber den Stand der Sittlichkeit im engeren Sinne innerhalb unseres christlichen Volkslebens 1888

Rezensent:

Thoenes, Karl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

11

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 1.

12

Dogmengefchichte eine zweite Auflage mit der Zeit er-
fcheinen werde. Das Werk ift zwei Dorpater Theologen
anvertraut, dem ordentlichen Profeffor D. Bonwetfch
und dem Docenten Mag. Seeberg. Einem befferen als
Bonwetfch hätte der erfte Band vielleicht nicht übergeben
werden können. B. zeigt fich für die gefammte alte
Dogmengefchichte als denfelben gewiffenhaften, gründlichen
Forfcher, als welchen man ihn für Specialgebiete
fchon kannte. Er ftellt felbft feinen Antheil an dem
Werke, wie es nunmehr vorliegt, in der Vorrede etwas
zu befcheiden dar. Man trifft allenthalben die Spuren
feines Bemühens, das Werk auf die Höhe der Gegenwart
zu erheben. In den zwölf Jahren, die feit dem Er-
fcheinen des erften Bandes des Th.'fchen Werkes (1874)
verfloffen gewefen, war ja im Einzelnen recht viel ge-
fchafft worden (Harnack's erfter Band, die zumal für
die alterte Zeit wichtigfte Arbeit, konnte freilich nur
noch ganz zuletzt mit berückfichtigt werden), und Bonwetfch
hat es fich angelegen fein laffen, von dem, was
vorlag, zu verwerthen, was irgend nach dem feftftehenden
und mit Recht nicht angetafteten Plane fich verwerthen
liefs. B. ift in der glücklichen Lage, mit Th. ganz Einer
Meinung hinfichtlich der Gefammtauffaffung von der
Dogmengefchichte zu fein. Ich bin, wie ich bei der Anzeige
des Werkes nach feinem erftmaligen Abfchluffe
ausführlich] darlegte (Th. Lit.-Ztg. 1878, Nr. 2), der Anficht
, dafs diefelbe auf einem hiftorifchen Mifsverftändnifs
der Stellung der Reformation zu den alten ökumenifchen
Symbolen beruhe. Wie mich das damals nicht hinderte,
dem Werke des fei. Thomafius eine Ehrenftelle in der
dogmengefchichtlichen Literatur zuzuerkennen, fo bin ich
auch noch in der Lage, dasfelbe als höchft werthvoll, weil
lehrreich, zu bezeichnen und ihm einen guten Eingang
bei den Theologen aller Richtungen zu wünfchen. Am
durchgreifendften hat B. in den .Beilagen' an dem Texte
geändert; die meiften find ganz neu. Er hat m. E. faft

lieh eine Lüge fei, worin das Sündhafte der Lüge be-
ftehe, ob es erlaubt fei, in gewiffen Fällen zu lügen, ob
es eine Nothlüge gebe, an welcher der Makel der Sünde
nicht hafte u. f. w., fo geben die Darlegungen auch der
neueren Ethiker zu diefer Bemerkung ihm vollen Grund.

Das Refultat nun feiner eigenen Unterfuchung ift in
folgenden Sätzen enthalten: ,1) Alles Lügen ift Sünde;
2) die Lüge ift eine gewiffe Rede (in gefprochenem oder
gefchriebenem Worte und Pantomimen); 3) die Lüge ift
eine fubjectiv falfche Rede; 4) zur Begriffsbeftimmung
der Lüge genügt es nicht, dafs man fage: die Lüge ilt
eine fubjectiv falfche Rede; 5) die Lüge ift eine fubjectiv
falfche Rede, verbunden mit dem Willen, jemanden zu
täufchen; 6) die Lüge ift eine fubjectiv falfche Rede,
verbunden mit dem Willen, vernünftige Menfchen als
folche zu täufchen; 7) die Definition der Lüge als einer
fubjectiv falfchen Rede, verbunden mit dem Willen, vernünftige
Menfchen als folche zu täufchen, wird durch
die heil. Schrift mehr beftätigt, als widerlegt1.

Vergleichen wir die im 6. Satze gegebene volle Definition
mit derjenigen, die wir bei Rothe finden (2. A.
IV. S. 346): ,Die Lüge ift der lieblofe Gebrauch der
Sprache oder anderer univerfeller Darftellungsmittel zur
abfichtlichen Täufchung des Nächften', fo erhellt, dafs
das Refultat Locke's nur darin abweicht, dafs nach Rothe
das Sündhafte der Lüge in einer Verletzung der dem
Nächften gebührenden Liebe, nach Locke in einer Verletzung
der ihm fchuldigen Rückficht auf feine Würde
als vernünftigen Wefens befteht.

Rothe definirt die Wahrhaftigkeit als ,die treue, aber
durch die Rückficht auf die Liebe zum Nächften geleitete
Darfteilung unferes Wiffens und unferer Vor-
Itellungen für andere' und gewinnt dadurch Raum, Un-
wahrhaftigkeit als Kriegslift oder im Stande der Nothwehr
oder Kindern, Kranken, Geilteskranken, Trunkenen, lei-
denfchaftlich Aufgeregten und fittlich Schwachen gegenüberall
eine glückliche Hand bewährt. Bei einer Ver- 1 über aus dem Gebiet der Lüge auszufcheiden. Wenn
gleichung des alten und des neuen Textes (B. kenn- ! demgegenüber Locke bemerkt, der Sinn der letztbezeichnet
feine Zufätze nur zum geringften Theile durch ! zeichneten Rothe'fchen Worte könne kein anderer fein,
Klammern; doch führt denjenigen, der die Literatur feit | als dafs die Wahrhaftigkeit als ,die der Wirklichkeit
1874 verfolgt hat, der Name der citirten Arbeiten meift entfprechende und fubjectiv wahre, beim Hinzutreten
von felbft auf die Bemerkung einer Aenderung oder eines ] einer liebevollen Abficht aber nicht fubjectiv wahre Rede'
Zufatzes) haftete mein Auge — abgefehen von dispu- bezeichnet werde, fo ift dies offenbar nicht zutreffend,
tabelen Dingen — wenigftens zweimal an Irrthümern, ! Denn nicht dies ift gemeint, dafs die liebevolle Abficht
die bei der nächften Ausgabe nicht ftehen zu bleiben . in allen Fällen den Wahrhaftigen zu fubjectiv unwahrer
brauchen. S. 292 in der Anmerkung fügt B. den Wor- , Rede veranlaffe, fondern nur in folchen der bezeichneten
ten des Th. eine Notiz bei, wonach das erweiterte ' Art. Allerdings aber wird man zugeben müffen, dafs,
Apoftolicum ,um 500' von der gallifchen Kirche in die ! wenn abfichtliche Täufchung wenigftens in gewiffen Fällen

römifche herübergekommen fei. Ich weifs nicht, woher
B. die Zuverficht zu diefer durch keinen Beleg geftützten
Zeitangabe fchöpft. Eine kurze Ueberlegung hätte B.
felbft fagen können, dafs der von ihm angegebene Zeitpunkt
gar nicht in Betracht kommen kann. Das Andere,
was mir auffiel, war, dafs B. in der fonft zum Theil cor-
rigirten .Beilage zu S. 57 u. 88', die Notiz des Th., die
Herleitung des Namens der Ebioniten von einem Secten-
ftifter Ebion fei .gegenwärtig allgemein' aufgegeben,

Pflicht der Wahrhaftigkeit ift, der Schlufs nahe liegt,
dafs abfichtliches Wahrreden in den bezeichneten Fällen
der Lüge gleich zu achten fei, was offenbar zu der von
Rothe gegebenen Erklärung der Lüge als ,abfichtlichcr
Täufchung' nicht ftimmt. Diefem Uebelftande hilft Locke,
der übrigens als auf einen Vorgänger auf J. G. Brüggemann
hinweift (IV. u. S. 37), durch feine Verbefferung
ab, wenn auch fürs praktifche Leben die Liebe als inhaltvollerer
und zuverläffigerer Regulator beim Verkehr

ftehen gelaffen hat. Bekanntlich ift Hilgenfeld (die j durch die Rede fich bewähren dürfte, als das Urtheil

Ketzergefch. des Urchriftenthums, 1884, S. 436 ff.) in- ' über das Mafs von Vernunft, dem wir in andern begegnen,

zwifchen wieder für die Richtigkeit diefer Herleitung j Lennen Lic Dr. Thönes.

eingetreten und hat doch Gründe angegeben, die nicht i _

geftatten, dafs man feine — auch mir nicht glaubhafte i

— Anfchauung als nicht einmal erwähnenswerth anfehe. Locke, Pfr. Lic. Rieh., Ueber den Stand der Sittlichkeit im
Giefsen. F. Kattenbufch. engeren Sinne innerhalb unferes chriftlichen Volks-
__ lebens. Vortrag. Frankfurt a. M., Drefcher, 1886.

Locke, Pfr. Lic. Rieh., Ueber die Begriffsbestimmung der (l6 S- 8) M" ~~' 3°-

Lüge im eigentlichen Sinne. Eine ethifch-theologifche Der Verf. behandelt die Sünden gegen das 6 Gebot,

Studie. Frankfurt a. M., Drefcher, 1886. (IV, 50 S. w.efie in unterem deutRhen £'p<^

' ' ' ' namentlich auf dem Lande vielfach vorkommen, und
8.) M. —. 90. zwar in ernfter) angemeffener Weife. Die bezügl. ErWenn
der Verf. im Vorworte bemerkt, dafs noch fahrungen, die er in der ländlichen Bevölkerung Sachfens
immer fo wenig Einigkeit darüber berrfche, was eigent- I gemacht, werden fich im allgemeinen mit denjenigen