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Ausgabe:

1888 Nr. 1

Spalte:

257-258

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Franck, H.

Titel/Untertitel:

Gotthard Ludwig Kosegarten. Ein Lebensbild 1888

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Seite 1

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257 Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 10. zjS

tismus' S. 22 könnten geändert werden. Ebenfo die
Sätze S. 8 unten; 22, Z. 15; 49> z- 6 f-
Rumpenheim. S. Eck.

Franck, Gymn.-Oberlehr. Dr. H., Gotthard Ludwig Kose-
* garten. Ein Lebensbild. Nebft einem Bildnifs Kofe-

garten's, geftochen von A. Kraufse. Halle, Buchh. d.

Waifenhaufes, 1887. (IX, 467 S. 8.) M. 6.—
Unfere Väter können fich nicht beklagen, dafs fie
keine ,dankbare Nachwelt' gefunden; ihre Verdienfte
werden in unteren Tagen reichlich gewürdigt. Auch Namen
von keineswegs hervorragender Bedeutung werden aus
der Vergangenheit hervorgezogen und erhalten ihr Ehren-
denkmal in der biographifchen Literatur unferer Tage,
deren Fluth bedenklich anfchwillt. Auch Kofegarten
hat nun feinen Biographen gefunden. Man kann zweifeln,
ob er einen befonderen Anfpruch darauf hat. Als Dichter
hat er fich nicht über das Niveau eines Durchfchnitts-
poeten erhoben. Er war kein fchöpferifcher Geift, keine
Natur von urfprünglicher Kraft, und auch der Verbuch,
den er, wie manche andere Dichter feiner Zeit, gemacht
hat, durch Aufnahme philofophifcher Elemente in feine
Dichtung fich zu Reigern, hat dicfelbe nicht vertiefen
und bereichern können; fo zahlreich feine poetifchen
Producte find, fo hat er doch mit keiner einzigen feiner
Dichtungen einen tieferen Griff in das Herz feiner Zeit
und feines Volkes gethan und einen bleibenden Erfolg
mit ihnen nicht erringen können, wenn fie auch vorübergehend
in weiteren Kreifen Anklang gefunden. Seinen
Dichtungen fehlt durchaus die Wahrheit der Natur und

die Kraft der Geftaltung; fie leiden ftark an den Ge- perfönlichen Lefitz z,.

°/-_,.__.,._,,_L1__^ __j c__i:___| pyionucnen Belitz zu machen. Insbefondere verfolgen

Mecklenburgs und Pommerns mit der Infel Rügen mit-
getheilt, wo fich bei der gröfseren Abgefchloffenheit
diefer Länder und bei ihrer merkwürdigen politifchen
Entwicklung ihre individuelle Art länger erhalten hat,
als anderwärts, und hat ein klares, lebensvolles Bild des
Mannes gegeben, der auf diefem Boden aufgewachfen
und der in verfchiedenen Stellungen, als Schulmann, als
Pfarrer und Profeffor auf feine Landsleute einzuwirken
verfucht hat. Am intereffanteflen ift das Bild feines
Lebens und Wirkens in feiner Gemeinde Altenkirchen,
wo er auch als ein Pfarrer alten Stils nicht blofs das
kirchliche, fondern auch das ganze fociale Leben der
Gemeinde behcrrfcht hat bis hinein in die Pflege der
Juftiz, ein Patriarch und König in feiner Gemeinde. Was
feine theologifche Ueberzeugung anlangt, fo hat der
Verf. gewifs Recht, wenn er ihn nicht den flachen Ratio-
naliften beigezählt wiffen will; K. hat zwar längere Zeit
auf entfchieden rationaliftifchem Standpunkt geftanden
und feine Predigten aus feiner erften Periode tragen
nach Inhalt und Form durchaus diefen Charakter an fich,
find Natur- und Moralpredigten mit allen den Schwächen
und Gebrechen jener unfruchtbarften Periode in der Ge-
fchichte der neuern Homiletik, und von einem tieferen
Verftändnifs der Perfon und des Werkes Chrifti ift in
ihnen Nichts zu fpüren. Aber die Innigkeit und Wärme
des religiöfen Gefühls, die K. eigen war, und feine lebhafte
Empfindung für das Volksleben in feinen tieferen
Regungen führten ihn unverkennbar immer mehr auf den
Boden des bibelgläubigen Chriftenthums, wenn es ihm
auch nicht gelungen ift, den Rationalismus ganz zu überwinden
und die chriftlichen Heilswahrheiten in felbftän-
diger Weife in fich zu verarbeiten und fich zum vollen

brechen ihrer Zeit, Ueberfchwänglichkeit und Sentimen
talität. Nur feiten gelingt es K., fich darüber zu erheben
und den fchlichten Volks- und Herzenston anzufchlagen,
der den Zauber der echten Poefie ausmacht. Ein Gedicht
in diefem Tone theilt der Verf. auf S. 98 aus der

feine Predigten auch in feiner fpäteren Zeit eine zu mora-
lifirende Tendenz.

Mit Recht hebt der Verf. die Wärme und Entfchie-
denheit hervor, mit welcher K. für die alten Kirchenlieder
gegenüber der rationaliftifchen Kirchenbehörde

Zeit feiner ziemlich wechfelvollen Liebesperiode mit. j eingetreten ift, als diefelbe dem energifchen Widerfpruch
Mögen auch die vom Verf. angeführten Urtheile unferer des lutherifchen Volkes zum Trotze ihm das Erbe feiner
Claffiker über feine Poefie zu hart erfcheinen und hat Väter, an dem fein Herz hing, rauben und ein neu-

auch fpeciell Goethe fpäter freundlicher über ihn geur
theilt, fo ift es doch vergeblich, ihn zu einem hervorragenderen
Dichter zu ftempeln, wie es der Verf. verfucht.

Als Theolog hat K. weder auf wiffenfehaftlichem,
noch auf praktifchem Gebiete Bedeutendes geleiftet, wenn
er auch eine ganz refpectable theologifche Bildung fich
angeeignet und eine nicht gewöhnliche rhetorifche Begabung
befeffen hat. Ein befonderes Specimen der letzteren
ift feine famofe, vom Verf. im Anhang beigefügte

modifches Gefangbuch einführen wollte. Die im Anhang
mitgetheilte üenkfehrift über ,die Einführung der neuen
Gefangbücher', welche K. der kirchlichen Behörde übergab
, ift ein fchönes Zeugnifs feiner warmen poetifchen
Empfindung und feines Verftändnifses für das kirchliche
Volksleben.

Was die Biographie im Ganzen anlangt, fo wäre
derfelben eine gröfsere Concentration und wefentliche
Befchränkung des Stoffes zu wünfehen gewefen; der

Napoleonsrede, die, der Form nach vollendet, defto mehr Verf. hat von feinen reichen Quellen einen zu verfchwen

durch ihren Inhalt gerechten Anftofs erregt hat und einen ■ derifchen Gebrauch gemacht Namentlich einzelne Par"

höchft bedenklichen Mangel an patnotifcher Gefinnung tien leiden an grofser Breite und an Mangel virL-i;/ütn

bekundet, der auch fonft bei ihm in verfchiedenen Mo- Intereffes, fo insbefondere die Partie über Aa* U^Z

menten feines Lebens auffallend hervortritt Iheilweifc lehrerleben K.'s, eine Periode, in welcher die krankhiftc

hat diefer Mangel feinen Grund in geringem pol.t.fchem Empfindfamkeit feiner Zeit fich fehr bemerkbar macht

Verftändnifs. wie namentlich E M. Arndt urthe.lt welcher und ihm eine Verfuchung wird zreben o un 'l kl

zur Entfchuldigung der Napoleonsrede geltend macht, , Liebe, als unglücklicher, fentimentaler Poefie
dafs K. von der Vergötterung der fog. liberalen Ideen Recht dankenswerth ift die kurze Lebcnsfkiz.ze des

der Franzofen befangen gewefen fei. mit K. als fein Hauslehrer, dann als fein Schwiegerfohn

Trotzdem dafs nun K. weder als Dichter noch als : und Amtsnachfolger in Altenkirchen eng verbundenen

Theolog fo bedeutend ift, um eine befondere Biographie H. Bai er, der in der Gefchloffenheit feines Charakters

beanfpruchen zu können, fo rechtfertigt fich diefelbe in feiner fchlichten volkstümlichen Art und in dem

doch infofern, als fich der kirchliche Charakter feiner Ernft feiner tieferen chriftlichen Gefinnung eine intereffante

Zeit in feiner theologifchen Entwicklung in befonderer und wohltuende Parallele zu K. bildet cuanie
Weife abfpiegelt und als fich mit feiner Lebensgefchichte ^ ,

die Gefchichte des kirchlichen Lebens feiner Heimath esden. Meier,

im vorigen Jahrhundert unmittelbar verknüpft. Beide !
Momente hat der Verf., der über ein fehr reiches Quellenmaterial
verfügt hat, trefflich verftanden, mit einander
zu verknüpfen, hat viele fehr intereffante und charakte-
riftifche Zuge aus den eigenthümlichen fittlichen und |
religiöfen Zuftänden, dem merkwürdigen Volksleben