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Ausgabe:

1888 Nr. 8

Spalte:

208-212

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Matthias, Adolf

Titel/Untertitel:

Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie 1888

Rezensent:

Löber, Richard

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2o;

Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 8.

208

was ihren unverftandenen Formeln zu widerfprechen
fcheint und was nicht mit geräufchvoller kirchenpolitifcher
Pofaunenmufik an die Oeffentlichkeit tritt — ihnen mufs
auch Nov. als ein unpraktifcher Träumer erfcheinen.
Doch ftand feine Innenwelt mit der ihn umgebenden
Wirklichkeit in lebensvollem Zufammenhang und nichts
lag ihm ferner, als die klöfterliche Abgefchiedenheit
jener myftifchen Geifter des Mittelalters. Schon fein
leibliches Antlitz machte den Eindruck, als ob er immerdar
von einem hohen Bergesgipfel ftillbeglückt und heiter
hineinfchaute in die vor ihm ausgebreitete Welt; als ein
echter Sohn des von ihm nicht hinreichend gewürdigten
Luther fand er feine Aufgabe darin, alle Aeufserlich-
keiten und Kleinigkeiten feiner Berufsthätigkeit geiftig
zu durchdringen und für Andere zu leben. Darum wollte
ihn Schleiermacher den reichften Dichtern beigefeilen,
,die ebenfo tieffinnig als klar und lebendig find, in denen
die Kraft der Begeifterung mit der Befonnenheit eines
frommen Gemüthes fich verbindet'.

Obgleich Nov. tief hineinfchaute in der Dinge Wefen
und Zufammenhang, fo traten ihm feine Erkenntnifse
doch nie an die Stelle deffen, was er erkennen wollte;
fie find ihm nur ,Spielmarken von tranfitorifchem Werth'.
Von der Erkenntnifs wird ihm die werthvollere Erinnerung
vorbereitet, durch welche die auf ihn eingedrungnen
Wirkungen nicht nur gedächtnifsmäfsig feftgehalten,
fondern in inneres Eigenthum verwandelt werden. Er
verwirft daher die windige Vielfeitigkeit derer, welche
an allen Gegenftänden herumriechen, ohne fie fich wirk- ;
lieh anzueignen. Die heilige Aufgefchloffenheit gegen-
Über der himmlifchen Welt kann er fich nur betend
denken und zugleich ifl ihm im Gebet die aufserwelt- i
liehe Stelle gegeben, von der aus mächtiger, als cinfl
Archimedes ahnte, auf die Welt gewirkt werden kann.
Alles erfchien ihm wunderbar und grofs, weil er aus der
Welt der Erfcheinung, die in ftetem Entfliehen und Vergehen
begriffen ift, überall die wirkliche Welt hervorleuchten
fah. Alles Irdifche hält er für fähig, ,Brot und
Wein des ewigen Lebens zu werden'. Diefe Erkenntnifs
rief in ihm felbft die entfprechenden, mit der Aufsen-
welt zufammenwirkenden Kräfte wach, während fie bei
den modernen Chriften zu einem machtlofen, rhetorifchen
Gedankenfpiel entartet ifl; daher pflegt das Uebernatür-
liche, das fie dogmatifch ftark und handfeft betonen,
neben ihrer gemeinen, weltförmigen und unbedeutenden
Lebensgeflalt fleh als fehr märchenhaft auszunehmen.

Dr. Schubart hat uns anfehaulich gezeigt, dafs in 1
Nov. Leben, Dichten und Denken harmonifch fich durch- l
dringen, dafs bei ihm die literarifche Thätigkeit nicht :
wie bei manchen Romantikern einfeitig und krankhaft
fleh vordrängt. Er beachtete das treffende, zunächft im
Hinblick auf weibliche Literaten gefprochene Wort von j
Brentano: ,Die übergrofse vielgerühmte Gänfeleber fetzt
immer eine kranke Gans voraus'. Seine geiftlichen Lieder
athmen die innigfte Jefusliebe, welche die läuternde und
erwärmende Flamme feines Lebens war; fie find fo innig
empfunden und daher fo einfach und fchlicht, dafs fie
uns an die fchönften Producte der Goethe'fchen Lyrik
erinnern und von den unwahren Ueberfchwänglichkeiten
der modernen geiftlichen Poefie durchaus (ich unter-
fcheiden. Wenn man jetzt von diefen Liedern urtheilt,
dafs in ihnen nicht die grofse Gemeinde, fondern nur
ein feltfam organifirtes fehnfuchtvolles Gemüth fich aus-
fpreche, fo verwechfelt man die chriftliche Gemeinde,
in deren Namen Nov. gefungen, mit der chriftlichen '
Welt, die bekanntlich einen andern Gott und einen
andern Heiland hat und auch andere Lieder fingt. Die
von Nov. gedichteten Marienlieder gehören zwar zu dem
Tribut, welchen er an die romantifche Geifiesrichtung
zahlte; aber auch fie find ihm mehr als ein romantifches
Gedankenfpiel; mit Maria fafst er zufammen feine von J
hinnen genommene Braut, in welcher er das Ewigweib- I

liehe, die ihn wahrhaft ,hinanziehende' Iiimmelsmacht
verkörpert fah.

Denen, welche auch mit der neueren Nov.-Literatur
bereits vertraut find, werden von Dr. Schubart nicht
viele neue Data dargeboten; aber er hat Alles, was von
Nov. bekannt geworden, zu einem unvergleichlich fchönen,
bis in die feinften Züge künftleriich durchgearbeiteten
Lebensbild gefialtet, deffen frifche Farben uns nicht an
den überaus reichen und gelehrten Apparat erinnern,
aus dem es hervorgegangen. Meifferhaft ift auch die
Analyfe des Romans ,Heinrich von Ofterdingen', welche
Dr. Schubart geliefert hat. Namentlich wird uns anfehaulich
gemacht, wie die vielen Leiden und Entfagungcn
diefes kurzen Lebens auf dasfelbe läuternd und erhebend
wirkten. Wir können daher den heiteren Lebensmuth
verliehen, mit welchem Nov. fich darein ergab, dafs
feine befcheidenen Wünfche immer mehr eingefchränkt
wurden und zuletzt in einem frühen Grabe ihr Ende
erreichten.

Dresden. Lob er.

Matthias, Dr. Adf., Die Heilung des Orest in Goethes Iphigenie
, eine religiös-fittliche Löfung im Geilte des
Chriftentums. Zur Erinnerung an das erlte Erfcheinen
von Goethes Iphigenie im J. 1787. Düffeldorf, Vofs
& Co., 1887, (48 S. gr. 8.) M. 1. 20.

Ja gewifs, Goethe hat in feiner Iphigenie Gedanken
ausgefprochen, die jedes Chriftenherz tief bewegen, obgleich
die Macht der im Chriflenthum wurzelnden Gedanken
fich nicht anachroniltifch vordrängt, fondern wie
ein holdes Geheimnifs hie und da aus dem Drama nur
hervorfchimmert. Indem nun Dr. Matthias mit fieges-
gewiffer Beredtfamkeit nachzuweifen fucht, dafs die Grundgedanken
des Chriftenthums in diefem unvergleichlichen
Kunftwerk, befonders in der Heilung des Oreft ,fich klarer
und entfehiedener ausgeprägt haben, als dem Dichter
felbft bewufst war', fo hat er einerfeits die von Goethe
vergeiftigte Anfchauung des griechifchen Alterthums vielfach
entftellt und andererfeits von dem chriftlichen Gedankengehalt
des Drama's in fo ungemeffener Weife geredet
, dafs hiernach der Dichter allerdings durch feine
anachroniftifchen Verftöfse uns verletzen würde.

Es ift eine thatfächliche Entftellung wenn der Ver-
faffer die ,neue fittliche Weltanfchauung Goethe's der alten
unfittlichen Gottes- und Weltanfchauung' gegenüber-
ftellt. Der fittliche Gedankengehalt der griechifchen Tragiker
, welche die Entfühnung des Oreftes dargeftellt haben
, belehrt uns eines Anderen, namentlich wenn wir
nicht, wie der Verf. thut, einfeitig den Euripides ins Auge
faffen. Er bedient fich eines irreleitenden Wortes, indem
er von der .Heilung' des Oreft in dem Sinne redet, dafs
er von dem ,Wahn' geheilt werden mufste, von einer
rachefuchenden, nach Menfchenblut dürflenden Gottheit
verfolgt zu fein. Auch kann der Verf. fich hiebei nicht
auf Goethe berufen, da diefer das Wort: ,0 nehmt den
Wahn ihm von dem ftarren Auge!' der Iphigenie in den
Mund legt, als Oreft in ihr die Schweiler nicht erkennen
kann. Von religiöfen Wahnvorftellungen ifl da durchaus
nicht die Rede. Goethe fieht zuletzt den Orefles nicht
nur von jenem Wahn geheilt, fondern von einer fchwe-
ren Schuld befreit.

Der Verf. hätte, ftatt von dem ,Wahn' des Oreft
zu reden, zunächft den heiligen Gewiffensernft anerkennen
follen, kraft deffen die Tragiker als Interpreten des
griechifchen religiös-fittlichen Bewufstfeins den mit der
Schuld des Muttermordes beladeten Oreft uns dargeftellt
haben. Indem fie die Aufopferung der Iphigenie durch
ihren Vater Agamemnon, der hierzu weniger von Vaterlandsliebe
als von Feldherrnehrgeiz getrieben wird, als
ein fluchwürdiges Verbrechen brandmarken, indem fie
ferner den an Agamemnon verübten Gattenmord mit