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Ausgabe:

1888 Nr. 8

Spalte:

187-191

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gedeon, Manoyl I.

Titel/Untertitel:

‘O‘ Athos. Anamnéseis - engrapha - semeioseis 1888

Rezensent:

Meyer, Ph. L.

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i8; Theologifche Literaturzeitung. 1888. Nr. 8. [88

kennt, mit welchem die auf feinem Boden erwachfenden
Pflichten von den Befferdenkenden erfafst wurden. Und
doch geziemt gerade in diefem Punkte der modernen
Gefellfchaft, die in dem Verhalten gegen die arbeitenden
Claffen noch immer faft rathlos zwifchen Gleichgültigkeit
und Bevormundung fchwankt, ein vorflchtiges Ur-
theil über die antike. Kamen doch die edleren Elemente
unter den Griechen der Verwirklichung des Kant'fchen
Satzes, dafs man den Anderen jederzeit zugleich als
Zweck und niemals blofs als Mittel brauchen folle, vielleicht
näher, als wir es vermögen, und darf doch die
junge Gattin des Ischomachos, die in der Pflege der erkrankten
Sklaven ihres Haufes eine ihrer wichtigften
Aufgaben erblickt, wohl noch heute als Mufter hinge-
ftellt werden. Jedoch fchwerer als alle folche Einzelnhei-
heiten wiegt, dafs das Denken Luthardt's zu ausfchliefs-
lich durch die Frage beherrfcht wird, welche Forderungen
der einen Ethik der anderen fehlen, und er darüber
fein Augenmerk zu wenig auf die Gefammtheit der antiken
Weltanfchauung und auf diejenigen Momente richtet,
auf Grund deren eine pofitive Gegenüberftellung antiken
und chriftlichen Thuns und Empfindens möglich ift. In
erfterer Hinficht ift höchft auffallend, dafs er das Nicht-
vorkommen des Gedankens der gefchichtlichen Teleo-
logie, deffen erfter Keim fich bekanntlich bei Polybios
(1,4 u. 8,4) findet, in der älteren griechifchen Anfchau-
ung nur flüchtig in einer Anmerkung berührt (S. 16) und
fleh über deffen weittragende Confequenzen für die Auf-
falfung der Lebensaufgaben gar nicht verbreitet. In
letzterer Hinficht bedurften die von Luthardt durchaus
unterfchätzten Geftaltungen der Liebe, welche der Grieche
forderte, indem er nicht blofs die (piXavd-Qcooxia pries,
fondern auch die Eigenfchaften des epiXavroq und des

durch feine Schrift über die griechifche Schule des
Patriarchats in Conftantinopel, durch die neuen ,lfazoi-
ccoyr/.nl niva/.tg' und fonft bekannte Verfaffer legt uns
im ('Afroog1 die Refultate mühfamer und umfangreicher
Forfchungen vor. Er hat die Athosklötler mehrfach bereift
, ihm ftanden die Codices des ökumenifchen Patriarchats
zu Gebot, er hat faft die gefammte neugriechifche
Literatur, die theilweife fehr feiten ift, für feinen Zweck
benutzen können. Daher wird diefes Werk namentlich
den Abendländern, die fich für den Athos und im Allgemeinen
für die griechifche Kirche im Orient interef-
firen, eine fehr willkommene Erfcheinung fein. Der
Standpunkt des Verfaffers, von dem aus er die Klöfter,
ihre Verhältnifse und Bewohner von heute und geftern
beurtheilt, ift der eines treuen Anhängers der orthodoxen
Kirche und des griechifchen Volkes. Vielleicht überwiegt
bei ihm die Liebe zur Orthodoxie das Nationale.
Von diefem Standpunkt aus erkennt er an den Verhält-
nifsen des heiligen Berges und ihren Trägern, den Ajio-
riten, was nur möglich ift, lobend an; an dem aber, was
zu den Myfterien der heiligen Berggemeinde gehört, und
dem, was ohne Tadel nicht ausführlich erzählt werden
könnte, geht er möglichft kurz und fchonend vorüber.
Verf. ift fich deffen wohlbewufst und motivirt feine
Darftellungsweife gelegentlich fo: L/AT' ev.eI iaiw7irtaa,
07iov Eepoßoriirfv iiij ex xijq u7TOv.a).vrpEiog n'Xrpyöjv yai-
vovowv, in) ex xi}g Exd-toeiog aüXLujv avußavxwv iweeirf,
7i,äoiv i] yviiv6xvq xov naxqbg Xct/j, (sie), iv GvvEy.aX.vmov
boov 7hvväiiv]v (S. 196 f.). Daher fchweigt der Verf.
über den heutigen Betrieb der votqa nqooEV%7], die noch
heute geübt wird wie zu den Zeiten der grofsen Hefy-
chaften; denn da dem Ref. die moderne Literatur über
diefen Gegenftand bekannt ift, darf dies erft recht bei
i'.Gxoqyoq verwarf, einer zufammenhängenden Darftellung, ! dem Verf. vorausgefetzt werden. Sehr kurzen und zu-

und die von dem Referenten in feiner griechifchen Ethik
(2,294) offen gelaffene Frage, ob das griechifche Gefühl
im Stande war, gleich dem chriftlichen mit dem Haffe
gegen die Sünde die Theilnahme an dem Sünder zu verrückhaltenden
Bericht empfangen wir ferner über die gewaltige
politifche Gährung, in die das Ajion oros durch
den Kampf der Slavcn und Hellenen in den letzten Jahrzehnten
gerathen ift. Die erbitterte theologifche Streitigeinigen
, wenigftens des Verfuches einer Beantwortung. | keit um den Tag der /.wiiiioowa am Ende des vorigen
Nicht minder vermifst man eine Hervorhebung der ethi-
fchen Bedeutung des religiöfen Habitus des griechifchen
Menfchen, deffen am meiften charakteriftifche Züge in der
Anerkennung der Pflicht, die von den Göttern gebotene
günftige Gelegenheit dankbar zu benutzen, und in der
Befragung eines Orakels oder Befolgung eines fonftigen

Jahrhunderts erzählt der Verf. zwar, fchweigt aber über
eine dahin gehörende Streitfchrift, weil durch deren Bekanntwerden
,ay.wyqaqjiav irt?.oii£v e%el ziov tote ttqo-
aomcüv y.ui %aQav.xrlqa)v tojv iv "yliXot ze y.ai Kiovazavxi-
vovnoXsi iocftot'tv1 (S. 153). Die wohlwollende Schonung
und die Liebe, mit der Jedeon die ajioritifchen
Zeichens bei jeder zweifelhaften Lebensentfcheidung be- I Verhältnifse behandelt, verführt ihn aber fonft nicht
flehen. Das Orakel des Griechen, der Beichtftuhl des parteiifch zu urtheilen oder etwa die üppige Sagenwelt
Katholiken, die Entbehrung beider auf Seiten des Pro- ! der Mönche für Gefchichte anzufeilen. Er ift vielmehr

teftanten find Thatfachen, die auf die Unterfchiede des
fiittlichen Verhaltens der drei Gruppen ein helles Schlaglicht
werfen, und die vornehmlich beachten mufs, wer
die antike Ethik mit der modernen zu vergleichen un-

der erfte Grieche, der die Gefchichte des Athos nicht
mit dem Bcfuch der Panajia auf demfelben beginnen
läfst, und der es wagt, hierin allerdings Nachfolger des
um 1800 lebenden Igumenos von Esfigmenu, Theodo-

ternimmt; Ref. würde fich freuen, wenn L. den darin | ritos, verfchiedene Chryfobullen, unter andern auch die

jedem Ajioriten bekannte des Kaifers Romanos von 924,
(auch bei Müller in ,Slavifche Bibliothek etc. herausg.
v. Miklofich I, 201 f.), für unecht zu erklären (S. 86 f.

u. 333 sqj.

Das Buch zerfällt in zwei Theile. Zu einer Art von
Einleitung dienen die ^iXioiziöig ävafivv'flEig (S. I—64),
kurze Angaben über die heutigen Verhältnifse des hl.
Berges. Der zweite Theil (S. 65 bis Ende) behandelt
die Gefchichte der Klöfter unter mannigfachen Gefichts-
punkten und enthält (S. 241 — 320) zufammenhängend
wichtige gefchichtliche Urkunden. Es find deren jedoch
auch fonft in den Text manche eingefchoben.

zu Tage tretenden Gegenfätzen in der Fortfetzung feiner
Betrachtungen, die er feiner Gefchichte der chriftlichen
Moral ohne Zweifel einverleiben wird, den ihnen gebührenden
Platz in der Gegenüberftellung von Heidnifch und
Chriftlich anzuweifen fich veranlafst fähe.

Marburg. Leopold Schmidt.

IeijelÖv, Mavovijl'L, 'O^'AlYioq. Avctiivt'joeig— tyyqacpa
— OtmetOJdSiQ. '£V KiovozavxivovnöXei, [Lorentz &
Keil], 1885. (356 S. gr. 8.) Fr. 6. —
Diefes Werk von M. I. Jedeon ift zwar fchon vor Der erfte Theil giebt im Allgemeinen Bekanntes,

drei Jahren erfchienen, doch wird die bedauerliche That-
fache, unter der nicht allein die neugriechifche theologifche
Literatur von heute leidet, nämlich dafs deren
Erzeugnifse zum grofsen Theile im Abcndlande ganz
unbekannt bleiben, die verfpätete Anzeige eines dahin
gehörenden Werkes entfchuldigen. Der aus feinen zahl-

doch klingt manches aus griechifchem Munde befonders
anziehend, fo die Naturfchilderungen (S. 15), denen der
Verf. fchöne Ausfprüche früherer aber moderner Griechen
, des Ewjenios Wulgaris, des Käfarios Daponte, des
Panajiotis Sutfos (S. 19 f.) über die Naturherrlichkeit
des Athos anfchliefst. Uebrigens ift die Schrift, die den

reichen Publicationen in der ,'liy.y.Xpaiuoziv.i) äXyireia', | claffifchen Brief des Ewjenios enthält (S. 19), wie Verf.