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Ausgabe:

1887

Spalte:

161-163

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Uhlhorn, Gerhard

Titel/Untertitel:

Katholicismus und Protestantismus gegenüber der socialen Frage 1887

Rezensent:

Ritschl, Albrecht

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Seite 1, Seite 2

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!5i Theologifche Literaturzeitung. 1887. Kr. 7. 162

_ und doch ift die Gefchichte des letzteren eng genug j Welt jede Berufsarbeit heiligt und legitimirt, welche zu-

verwoben mit der Gefchichte der Parteientwicklung in gleich im eigenen wie im gemeinnützigen Intereffe unter-
der evano-elifchen Kirche —, ebenfo wie das anfängliche nommen wird. Auf diefem Boden wurzeln die beiden
Verfao-en& der nationalliberalen Partei in der Zollgefetz- j hauptfächlichen Bedingungen der modernen Arbeitsge-
CTebuiiCT und verwandten Angelegenheiten — und doch fellfchaft, der Gebrauch der Mafchinen und der freie
find dfe kirchenpolitifchen Fragen auch mit diefer Seite j Arbeitsvertrag. An diefen beiden Factoren aber haften
unferes politifchen Parteilebens eng genug verwachfen ge- auch die Gefahren, welche fich in der focialen Frage
wefen. Der Umfchwung erfcheint hier als ein vollftändiges verknüpfen, nämlich dafs die Arbeiter an Mafchinen
Rätbiel, wie eine blofse Laune der Regierung. Steht es felbft zu Mafchinen herabgedrückt werden können, und
aber etwa fo: Es durfte in einer Gefchichte des Cultur- , dafs fie durch die wechfelnden Conjuncturen des Handels
kampfs wohl den verfchiedenen Parteien die Schuld vor- j um die Sicherheit und Stetigkeit ihrer Exiftenz gebracht
gehalten werden, mit der fie an dem tragifchen Ausgang 1 werden. Nun haben auch diejenigen Völker, welche der
desfelben betheiligt find. Ueber all das aber wird hier j römifchen Kirche treu geblieben find, fich der Verände-
faft völlig weggegangen. Der Lefer erhält wohl ein Bild j rung der Arbeit nicht entziehen können, welche durch
von dem Gang der Gefetzgebung des Culturkampfs, aber ! die Grundfätze der lutherifchen Reformation gerecht-
nirgends von der breiten Unterlage, die diefe Entwick- fertigt wird. Von befonderem Intereffe ift es daher, dafs,
lung gehabt hat. wie der Verf. nachweift, die römifchen Sprecher theils

Wenn ich trotzdem das Urtheil über die erfte Liefe- die wirthfchaftlichen Grundfätze des Thomas abfchwächen
rung diefes Buchs nicht für das Ganze wiederhole, fo j und verdunkeln, theils geradezu den lutherifchen Satz
gefchieht dies vorzugsweife um der letzten Capitel willen. | von dem chriftlichen Werth der Berufsarbeit für katho

Das Buch von Hahn reicht nur bis zum Uebertritt des
Minifters von Puttkamer ins Minifterium des Innern. Die
wichtigften Entfcheidungen im Ausgang des Kampfes
find erft nach diefem Zeitpunkt gefallen. Für die letzten
Jahre aber ift die Ueberficht über den Gang der Gefetzgebung
und der Unterhandlungen mit Rom recht brauchbar
und angenehm, weil eine folche bisher nicht exiftirte.

Giefsen. Karl Müller.

lifch ausgeben. Die directen Vorfchläge aber, welche
von diefen Sprechern zur Löfung der focialen Frage
aufgehellt werden, laufen darauf hinaus, dafs die mittel-
altrige Wirthfchaftsordnung wiederhergeftellt werden foll.
— Die Lorbeeren, welche feit 20 Jahren von den römifchen
Sprechern in diefer Sache erftrebt worden find,
haben nun auch evangelifche Theologen zur Nacheiferung
gereizt; und folche haben es für zweck-
gemäfs gehalten, dafs die normativen Anfchauungen
des N. T.'s über Socialpolitik und Volkswirthfchaft ge-
Uhlhorn. Abt Dr. Gerhard, Katholicismus und Protestantis- fammelt würden. In milden Worten fetzt der Verfaffer
mus gegenüber der socialen Frage. Göttingen, Vanden- ; d,e/en unwiffisnden und verworrenen Leuten auseinander,

1 f i> o r 1 ,00- r^c: „, in m T dafs im N. T. weder im Allgemeinen noch im Befonderen

hoeck N: Ruprecht s Verl., 1887. (60 S. gr. 8.) M. i<x- , dn Satz der Aft zu finden f^ Und dadurch jft auch

,An der focialen Frage werden fich auch die Ge- jedes Bemühen verurtheilt, eine directe Löfung der
fchicke der Kirchen entfcheiden. Diejenige Kirche wird focialen Frage im Namen oder im Auftrag der'evan-
den Sieg behalten, welche zur Löfung der focialen Frage , gelifchen Kirche zu verfuchen, welche nur den Beruf
am meiften beiträgt'. Unter diefem Gefichtspunkt er- j hat, das Evangelium zu predigen und ihre Mitglieder zu
örtert der Verf. fein zeitgemäfses Thema in der faubern 1 der fittlichen Selbftändigkeit und dem thätigen Gemein-
und umfichtigen Darfteilung, welche ihm eigen ift. Ge- j finn anzuregen und zu erziehen, welche mit der Ver-
mäfs dem Hochgefühl, dafs ihre Kirche über alle rieh- föhnung mit Gott und der geiftigen Herrfchaft über die
tigen Mittel zur technifchen Beherrfchung der Welt ver- ' Welt in dem Begriff Luther's von der Freiheit eines
füge, erklären die römifchen Sprecher in Deutfchland | Chriftenmenfchen zufammentreffen. Das ift, wie der
fchon längft, dafs ihre Kirche die fociale Frage der ! Verf. nachweift, die Linie, bis zu welcher die evan-
Löfung um fo gewiffer entgegenführen werde, als der , gelifche Kirche im Stande ift, die Löfung der focialen
Proteftantismus der Vater des Liberalismus und des : Frage ihrerfeits vorzubereiten, nicht mehr und nicht
Socialismus fei. Freilich läfst der Verf. uns auch folche weniger. Eine Gefellfchaft, welche im Sinne des luthe-
Stimmen jener Gruppe vernehmen, welche die Betheili- j rifchen Proteftantismus erzogen ift, wird auch die
gung des Staates an der Sache völlig bei Seite fetzen 1 Schwierigkeiten der befondern Frage technifch zu über-
und den revolutionären Drang der Socialdemokraten dem | winden, und die an derfelben haftenden fittlichen Ge-
N'aturrecht gemäfs finden, gegen welches das hiftorifche j fahren zu vermeiden wiffen. Ref. weifs fich nicht blofs
Recht zurückzutreten hat. Allerdings bringt es das Syftem 1 in diefen allgemeinen Grundzügen, fondern in allen be-
der technifchen Weltbeherrfchung, das in der römifchen , fonderen Ausführungen diefer Schrift in Uebereinftim-
Kirche verkörpert ift, mit fich, dafs deren Ethik auch j mung mit dem Herrn Verfaffer. Nur einen Ausdruck,
die Grundfätze der Wirthfchaftslehre in ebenfo verbind- [ welcher dreimal (S. 2. 40. 59) vorkommt, möchte ich
licher Weife in fich fchliefst, wie die Beurtheilung von , als mifsverftändlich in Anfpruch nehmen, nämlich dafs
Gut und Böfe. Und da Leo XIII. den Thomas von , die evangelifche Kirche die Aufgabe habe, ,die fittlichen
Aquino zum oberften Lehrer erhoben hat, fo ift der J Kräfte darzureichen, ohne welche keine Löfung der
Schlüffel für dasjenige, was die römifche Kirche für die j focialen Frage möglich ift'. Dies klingt nach der ,Kirche
vorliegende Frage zu leiften vermag, in feiner Theologie j als Anfta.lt', einem Begriff, welchen der Herr Verfaffer in
zu fuchen. Der Verf. weift nun nach, dafs hier als der | diefem Zufammenhang gewifs nicht als für uns giltig
normale Zuftand der menfehlichen Gefellfchaft die Güter- j annehmen wird. Seine Meinung möchte ich alfo beffer
gemeinfehaft anerkennt, dafs das Privateigenthum als | ausdrücken mit: die fittlichen Kräfte anzuregen, oder:
Folge der Sünde gedeutet, die Arbeit nur in dem Mafse j die fittlichen Motive darzureichen. — Der Verf. läfst es
gebilligt wird, als fie zum Unterhalt des Lebens nöthig • nicht bei der theoretifchen Auseinanderfetzung bewen-
ift, während der darüber hinausgehende Flrwerb nur dann j den, welche ich fkizzirt habe. Er erwägt auch zum

dem Verdacht der Sünde entgeht, wenn er zu Almofen
verwendet wird. ,Nach diefer Ethik konnte man fchon
am Ausgang des Mittelalters nicht mehr leben', fagt der
Verf. Der reichen induftriellen Thätigkeit in den deut-
fchen Städten kam nun Luther mit den Grundfätzen
entgegen, dafs das Chriftenthum in der Beftimmung eines
Jeden zur moralifchen und geiftigen Beherrfchung der

Schluffe (von S. 47 an), wie das religiöfe Leben in der
Arbeiterwelt wieder erweckt werden könne, nachdem
dasfelbe nicht ohne Schuld der kirchlichen Organe fo
gut wie verfallen ift. In jener Richtung betont er die
Notwendigkeit, in den fich immer vergröfsernden Städten
neue Kirchen zu bauen und Parochien zu gründen, die
Aufgabe, das kirchliche Gemeindeleben zu entwickeln,