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Ausgabe:

1887 Nr. 6

Spalte:

128-129

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Hermens, Karl Immanuel Nitzsch 1887

Rezensent:

Meyer, Ernst Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 6.

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der Streit hat fich doch nur während der erften Kriegsjahre
abgefpielt; fodann handelt es fich hier um eine
wiffenfchaftliche Fehde, welche ihrerzeit fo gut berechtigt
war, wie je eine; endlich haben die Tübinger Theologen
in den Tagen, da die Wogen des Kriegs auch
Tübingen erreichten, ihre Pflicht als Bekenner des Evangeliums
Jefuiten und Soldaten gegenüber mit Helden-
muth erfüllt (Römer, Kirchliche Gefchichte Württembergs
304). Der Verf. bezeichnet jene Männer ferner
als ,die gröfsten Streithähne' (165), als ,tote Orthodoxe'
(185), als ,Fanatiker' (190), wirft ihnen .Ketzerrichterei
und Streitfucht' vor (132), mifst ihnen die wefentliche
Schuld an dem fchmählichen Uebertritte des Juriften
Befold zur katholifchen Kirche bei (151) und nimmt
Ofiander, dem ,geiftlos' gewordenen ,blinden Eiferer'
(132) ganz befonders feine Schrift gegen Arnd's Wahres
Chriftenthum übel, von der er fagt, dafs fie trotz ihres
.frommen und befcheidenen Titels doch voll Gift und
Galle' fei (131) . . . Nun befindet fich der Verf. mit
diefen Urtheilen freilich nicht allein; es fleht ja fo, dafs
man die Namen jener Theologen ohne den Schmuck
ähnlicher Epitheta kaum je zu lefen bekommt. Die
Unbilligkeit ifl defswegen nicht minder grofs. Wir möchten
wahrhaftig nicht der Streittheologie an fich das Wort
reden. Aber es gilt hier das gefchichtliche Urtheil über
den perfönlichen Werth jener Männer. Wir find der
Anficht, dafs fie fo gut wie andere den Anfpruch haben,
aus ihrer Zeit verftanden und beurtheilt zu werden. Indem
fie über der Reinheit der Lehre wachten und Streit-
fchriften fchrieben, erwiefen fie fich nach Mafsgabe der
Zeitverhältnifse als gewiffenhafte Männer, welche es ernft
nahmen mit ihren amtlichen Verpflichtungen, zu denen
literarifche d. h. polemifche Leiftungen und die Ueber-
wachung der geflammten erfcheinenden theologifchen
Literatur gehörten. Wie ftreng darauf gefehen wurde,
das kann man nachlefen bei Weizfäcker, Lehrer und
Unterricht an der evangelifch - theologifchen Facultät
Tübingen 1877 S. 52 ff. bef. 62. Sie wehrten fich in
hartem Kampf um die Exiftenz ihrer Religion, deren
Rechtslage, wie dem Verf. ja wohl bekannt ifl (21), an
der Reinheit des augsburgifchen Bekenntnifses hing. Was
fpeciell das Auftreten Ofiander's gegen Arnd betrifft, fo
foll das Verdienft des .Wahren Chriftenthumes' um die
Aufweichung des ftarr gewordenen Lutherthumes nicht
in Abrede gezogen werden; auch möchten wir nicht für
alle Confequenzmacherei, die in Ofiander's .Theologifchen
Bedenken' geübt wird, eintreten. Aber der Mann war
in feinem Rechte, wenn er aufmerkfam macht, dafs Arnd's
Buch nicht aus dem Geifte der Reformation, fondern aus
dem des mittelalterlichen myflifchen Chriftenthumes ge-
floffen war; ebenfo mit der Behauptung, dafs nicht nur
einzelne Worte, fondern ganze Vorftellungsreihen in dem
W. Chr. mit Weigel's und Schwenkfeld's Lehren in un-
unterfcheidbarer Aehnlichkeit flehen. Im Uebrigen ifl
O.'s Buch zwar allerdings in dem polemifchen Stil feiner
Zeit, aber unferes Dafürhaltens keineswegs ,mit Gift und
Galle' gefchrieben; es kommt O. überdies zu gut, dafs
er als akademifcher Lehrer fich von den Vorwürfen
Arnd's gegen den ganzen damaligen Betrieb der Theologie
verletzt fühlen mufste. Wenn ferner der Verf.
O. vorwirft, dafs er ,alle Ausdrücke Arnd's unter das
Secirmeffer der lutherifchen Oogmatik' nehme, fo ifl
dem gegenüberzuftellen, dafs mehr noch als die luthe-
rifche Dogmatik die Grundlage feiner Oppofition die
heilige Schrift ifl, welche er meift mit ganz gefunder
Exegefe handhabt; auch follte man ihm nicht abfpre-
chen, dafs er (man vergleiche namentlich feinen ,Be-
fchlufs') dem praktifchen Chriftenthum fo gut dienen
will als fein Gegner. Wie wenig der Vorwurf der Geifl-
lofigkeit Ofiander trifft, das mag man insbefondere feinem
5. Capitel entnehmen, in welchem im Wefentlichen ganz
diefelben Gründe gegen die myftifche Theologie vorgebracht
find, wie fie heutzutage aufs Neue geltend gemacht
werden. Anlangend endlich die Sache des Con-
vertiten Befold, fo giebt der Verf. das Material zur Ent-
laftung der Tübinger Theologen in feiner eigenen Darfteilung
(151). Nicht diefe tragen die Schuld feines
Uebertritts, fondern B.'s Vorliebe für die vorreforma-

| torifche Myftik, diefelbe Vorliebe, welche ihn vorher zu
Arnd's W. Chr. hingetrieben hatte. — Noch möchten
wir zwei Angaben des Verf.'s richtig ftellen. S. 142 ver-
muthet er, dafs das von Andreae als Zufluchtsort während
der Calwer Schreckenszeit genannte Gersbach nicht
Gernsbach, fondern Gausbach fei. Gernsbach fei weiter
als 3 Meilen von Aichelberg (fo beftimmt A. die Entfernung
) entfernt. Das ifl nicht richtig. Die Strecke
von Aichelberg über Enzklöfterle auf den Waldwegen
nach Gernsbach kann ganz wohl in 6 Stunden zurückgelegt
werden. Es wird alfo bei Gernsbach verbleiben.
— S. 165 ferner wiederholt der Verf. die herkömmliche
Angabe, dafs der oben genannte Tübinger Thumm 1630
im Gefängnifs geftorben fei. Diefe Angabe ifl falfch.
Th. wurde allerdings 1627 aus dem vom Verf. angegebenen
Grunde (Behauptung inceftuofer Ehen im Haufe
Habsburg) auf die Feftung Hohentübingen gefetzt, war
aber im Mai 1628 fchon wieder im Senat, dem er bis in
das Jahr 1630 hinein anwohnte. Die Entftehung der

I Legende von dem Martyrium und Tod Th.'s im Ge-

| fängnifs ifl nachgewiefen und der Beweis ihrer Unrichtigkeit
geführt bei Weizfäcker /. c. 63. 64. — Die vor-
anftehenden Einwände und Richtigftellungen können uns
nicht abhalten, das angenehm gefchriebene Büchlein

I namentlich auch Solchen draufsen im Reich zu empfehlen
, welche fich über die Gefchichte und die Verhält-
nifse der Württembergifchen Landeskirche orientiren
wollen.

Ulm. A. Bilfinger.

Hermens, Divif.-Pfr. Dr., Karl Immanuel Nitzsch. Barmen,
Klein, 1886. (51 S. 8.) M. I. —

Nitzfeh hat dafür geforgt, dafs fein Name in der
evangelifchen Kirche und Theologie unvergeffen bleibe.
Dazu hat Beyfchlag in feiner vortrefflichen Biographie
die ,Lichtgeflalt' des edlen Theologen uns in hellen
Zügen vor Augen geftellt. Dennoch ifl Nitzfeh vielen
evangelifchen Theologen, namentlich in der jüngeren
Generation, eine unbekannte Gröfse. Wie Viele mö-
j gen noch fein .Syftem der chriftlichen Lehre', diefes
keineswegs veraltete, an fruchtbaren und tiefen Gedanken
reiche Lehrbuch lefen, und wie Viele auch
nur fein herrliches Meifterwerk ftudiren, das von keinem
feiner verfchiedenen Nachfolger erreicht ifl, die reiffte
Frucht feines Lebens und Studiums, feine .praktifche
Theologie', die neben Claus Harms' ,Pafloraltheologie'
in keiner evangelifchen Pfarrbibliothek fehlen follte!
Es ifl daher fehr dankenswerth, dafs der Verf. aus
Anlafs des 100jährigen Geburtstags des ehrwürdigen
Theologen, der auf den 21. September diefes Jahres
fällt, ein Lebensbild desfelben gezeichnet hat. Er hat
dies in fo lebendiger Anfchaulichkeit, mit fo warmer
Pietät, in trefflicher Hervorhebung der wichtigften, für
die Individualität Nitzfch's charakteriftifchen Züge ge-
than, dafs man der feffelnden, ebenfo kurzen und prägnanten
, als inhaltreichen Biographie mit lebhaftem In-
tereffe folgt. Nitzfch's Wirkfamkeit als Prediger und
Seelforger in feinen erften Amtsjahren während der Belagerung
Wittenbergs, in der er fich vortrefflich bewährt,
feine fpätere reichgefegnete akademifche Thätigkeit, feine
Verdienfte um die evangelifche Kirche Preufsens, fpeciell
die rheinifch - weftphälifche Kirche — dies Alles wird
in frifchen Farben vor Augen geftellt und klar entwickelt
. Dazu fehlt es auch nicht an fchönen Blicken
in das vorbildliche Leben feines Haufes. Die geweihte
Perfönlichkeit des hochbegabten, feinfinnigen und durch
und durch kernhaften Mannes, in welchem evangelifche