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Ausgabe:

1887

Spalte:

113-115

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schéele, K. H. Gez. von

Titel/Untertitel:

Die kirchliche Katechetik, in allgemeinen Grundzügen dargestellt als Leitfaden für den Religionsunterricht 1887

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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find, zu dem Vorzüglichden und Belehrendden zählen,
was die erfle Abtheilung unter dem Titel ,Gefchichte und
Kritik' bietet; die übrigen Artikel betreffen (abgefehen
von dem feiner ganzen Art nach mehr den Auffätzen
der dritten Abtheilung fich anreihenden Artikel über
Luther und dem fich anfchliefsenden über das Rofenkreuz)
Schleiermacher, Schelling und E. v. Hartmann. Auf die
fehr mafsvolle, aber dasUnrecht, welches der peffimiftifche
Modephilofoph am Chriftenthum begangen hat, kräftig
rügende Kritik des Letzteren fei gleichfalls aufmerkfam
gemacht. Von nicht minderem Gewinn wie diefe Revue
über eine Reihe von Denkern, mit welchen jeder nach
federn Zufammenfchlufs der Gedankenwelt ringende Zeit-
genoife Bekanntfchaft fuchen und erhalten mufs, id die
Leetüre der vier Auffätze der zweiten, ,Naturbetrachtung
und Philofophie' überfchriebenen, Abtheilung begleitet:
Wider den Materialismus, Die Caufalität des Willens,
Zur Ausföhnung mit dem Darwinismus, Ueber die Frage
nach der Erkennbarkeit der Dinge-an-fich. Sie fallen
freilich, zumal der letzte, aus dem Rahmen allgemein
verdändlicher Vorträge, welcher den meiden Stücken
der erden und der dritten Abtheilung eignet, heraus,
laffen aber um fo tiefer in des Verfaffers eigene Gedankenarbeit
blicken. Wir weifen infonderheit auf die
treffliche Kritik des Begriffes des Mechanismus im zweiten
und dritten Auffatze und auf die Bedimmung des Ver-
hältnifses von Sein und Denken im vierten hin. Erheblich
leichter gefchürzt und von fehr verfchiedenartigem
Werthe find die populären Vorträge, welche die dritte
Abtheilung ',Theologie') bringt über die Themata Glaube
und Unglaube (religiöfe Beurtheilung von Heyfe's Roman
,Die Kinder der Welt'), Gottes Sohn, Buddha und Chridus
(eine bekanntlich vom Verfaffer mit Vorliebe, übrigens
auf Koden weniger des Chridenthums, als einiger Elemente
der evangelifchen Gefchichte gepflegte Parallele), der
dellvertretende Sühnetod Jefu, die Zukunft der Kirche
(Erneuerung des Weifse'fchen Thema's von 1845). Wenn
die protedantenvereinliche Richtung, welche diefe Artikel
einfchlagen, Viele abdofsen wird, die fich zuvor in die
erde und zweite Abtheilung mit Gewinn und Genufs
hineingelefen, fo wird andererfeits wieder Mancher, welchem
jene behagen, den Stücken letzterer Art um fo weniger
Intereffe entgegenbringen. Der Verfaffer felbd verräth
darob in der Vorrede ein gewiffes Gefühl von Unficher-
heit, hat aber doch Grund zu glauben, dafs fämmtliche
im Laufe von 20 Jahren entdandenen Vorträge fich zu
einem Ganzen vereinigen dürften, welches ,durch feine
im Wefentlichen populäre Form, durch die Freiheit von
vielem gelehrten Apparate und durch Kürze feiner Theile
leichter feinen Weg zu Lefern und Beherzigern finden
würde, als ein in den Formen drenger philofophifcher
Wiffenfchaft einhergehendes Werk'.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Scheele, Bifchof Dr. K. H. Gez. von, Die kirchliche Kate-
chetik, in allgemeinen Grundzügen dargedellt als Leitfaden
für den Religionsunterricht. Mit Bewilligung des
Verf. nach der 4. Auflage des Originals ins Deutfche
überfetzt durch f Dr. AI. Michelfen und Päd. E.
Schumacher. Leipzig, Fr. Richter, 1886. (VIII, 227 S.
gr. 8.) M. 2. 80.

Vorliegendes Buch hat, wie der Ueberfetzer in der
Vorrede bemerkt und aus dem Erfcheinen von fchon
4 Auflagen hervorgeht, in dem Heimathlande des Verf.'s,
der eine Reihe von Jahren hindurch katechetifchen
Uebungen an der Univerfität Upfala obgelegen hat, eine
gündige Aufnahme gefunden; es war dort das erde
eigentliche Handbuch der Katechetik. Darin lag noch
kein Grund, es ins Deutfche zu übertragen; bei uns id
ja diefes Gebiet der theologifchen Literatur längd ziemlich
gut angebaut. Dagegen gab es einen Grund, diefe

Uebertragung zu untcrlaffen: die deutfche Katechetik
fcheint mir wenigdens auf allen Punkten — Dank be-
fonders den Bemühungen des jetzt verdorbenen Zezfch-
witz — weiter zu fein, als die hier gebotene fchwedifche.
Die letztere mufs uns altmodifch vorkommen, wie fic
denn auch offenbar alt id: Hirfcher, Sailer, Schwarz,
Thilo find die Autoren, welche gelegentlich einmal (denn
im Ganzen wird fad nicht citirt und keine Literatur angegeben
) beigezogen werden. Ja der alte Joh. Bapt.
Hirfcher foll nach S. 47 ,noch gegenwärtig zu Freiburg'
fein, während er doch im Jahre 1865 gedorben id! Das
hätte doch allermindtdens dem Ueberfetzer nicht entgehen
follen. Wenn daher der letztere meint, das Buch
werde namentlich unferer dudirenden Jugend nicht unwillkommen
fein, fo mag er infofern darin Recht haben, als
diefe Jugend bekanntlich nicht immer nach den neueden
und beden Lehrbüchern greift, um — fich auf's Examen
vorzubereiten. Wenn diefelbe aber aus diefem Handbuch
fich über Katechetik indruiren follte, fo würde das
ein nicht gerade erfreuliches Zeichen davon fein, dafs
Vieles, was auf katechetifchem Gebiete in neueder Zeit
gearbeitet worden id, für fie vergeblich war.

Die Eintheilung des Buches fcheint mir zweck-
entfprechend: eine kurze Gefchichte der Katechefe geht
als Einleitung voraus, der Stoff felbd gliedert fich in
einen principiellen, materialen und formalen Theil.

Die gefchichtliche Einleitung (S. 1—49) id viel
zu kurz gehalten, als dafs fie erfchöpfend fein könnte.
Auch zur Einführung von Studirenden fcheint fie mir
nicht geeignet, fofern fie nur wenige Quellencitate und
gar keine Literatur giebt, von den neueren Controverfen
(z. B. über die Katechumenatsklaffen) nichts erwähnt und
im Ganzen doch mehr allgemeine Anflehten und Ueber-
fichten ohne forgfältige Begründung, als bedimmte, fede
Kenntniffe und Einfichten, welche weitergehenden Studien
als Unterlage dienen könnten, darbietet. Auf diefem
Wege kommen wir nicht weiter. Vielmehr legen die nicht
unintereffanten, obwohl auch nur flüchtigen Angaben des
Verf.'s über die katechetifche Gefchichte in Schweden
einen andern nahe, welcher z. B. auf pädagogifchem Gebiet
durch Kehrbach's Monumenta Germaniae paedagogica
fchon mit Glück betreten zu fein fcheint, ich meine die
Territorial- bezw. Local-Gefchichtfchreibung. Da kann
der Einzelne Gründlicheres leiden, auch Neues beibringen
und fo eine fpätere umfaffendere Dardellung des Ganzen
ermöglichen, welche dann mehr als ein Auszug aus Zezfch-
witz fein wird. Auch von der Gefchichte der Predigt
gilt in gewiffem Mafse dasfelbe.

Zur Charakterifirung des principiellen Theils
(S. 50—76) fei nur Folgendes angeführt. Da die Präpo-
fition xatee in xariyjetv ,eine Ausdehnung bezeichnet', id
mit ,Katechifation' eine ,umfaffende oder allgemeine'
Unterweifung gemeint (auf ähnlicher Stufe deht S. 74,
,dafs die Homilie oder Predigt es auf die Gefammtheit
der Gemeindeglieder abgefehen hat', weil nuilta von
oftnü kommt!). Die pfychologifche Anlage zur Religion
wird auf Grund der veralteten Theorie von den drei
Seelenvermögen befprochen. Die Taufe, welche eine
auch auf das leibliche Leben fich erdreckende Wiedergeburt
wirkt, kann deswegen auf Glauben in dem Täufling
rechnen, weil ,das tkfde Wefen des Glaubens in
einer fittlichen Paffivität und einem, foweit ein folches
möglich id, reeeptiven Handeln bedeht'. Da in Folge
deffen ,die kindliche Unbewufstheit eher ein Grund für
als ein Grund gegen die Annahme einer beim Kinde
[d. h. beim Säugling] vorhandenen, für das Empfangen
der Gaben des h. Geides geeigneten Gemüthsdimmung
id' (691, fo begreift man fchliefslich auch die alle Wahrheit
doch geradezu auf den Kopf dellende Behauptung,
dafs ,die Taufe nicht eigentlich für die Erwachfenen,
fondern für die Kinder bedimmt fei' (67). So find die
Grundlagen des Gebäudes befchaffen.

Die Lehre vom Inhalt der kirchlichen Katechifa-