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Ausgabe:

1887

Spalte:

105-112

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bigg, Charles

Titel/Untertitel:

The christian Platonists of Alexandria 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 5. 106

befonders aber denjenigen theologifchen Collegen, die
ein .Leben Jefu' oder Aehnliches gefchrieben haben, am
Zeuge zu flicken (vgl. z. B. S. 181. 293), gipfelt in dem
unglaublichen Schlufsbekenntnifs: ,lch bin in der glücklichen
Lage, lediglich aus dem Selbftbewufstfein diefes
Jefus heraus zu reden, und fo muffen es fleh die Herren
Collegen fchon gefallen laffen, etwas fchroff behandelt
zu werden' (S. 387).

Auf diefem Umwege, der übrigens nur des Ver-
faffcrs Art, feine Gedanken zu ordnen und vorzutragen,
entfpricht, zu dem .Selbftbewufstfein Jefu' zurückgelangt

danken wir die vorftehende Reihe von Vorträgen. Jeder
Gelehrte, dem die Ehre der Berufung zu den Bampton-
oder Hibbert-Lectures zu Theil wird, fucht fein Beftes
zu geben — ein bedeutendes Problem, durchweg eigene
Studien und eine lichtvolle, allgemein verftändliche Darfteilung
. Die Nöthigung, fleh auf eine beftimmte Anzahl
von Vorlefungen zu befchränken, macht es dem Vortragenden
zur Pflicht, fleh fo knapp wie möglich zu
faffen und das gelehrte Material zu verbannen, refp. es in
die den gedruckten Vorlefungen beigegebenen Anmerkungen
zu verweifen. So haben wir von England her

verzeichnen wir noch das Refultat der letzten drei Haupt- j in den letzten Jahren eine Reihe von Werken erhalten
abfehnitte. Nachdem er S. 178 f. eine Reife durch das die zu den Zierden der neueren theologifchen Literatur
Alte Teftament veranftaltet, um nicht etwa blofs Dan. 7 1 gehören. Angefichts derfelben können wir es nur be-
oder Pf. S, fondern faft überall, wo etwas von irgend dauern, dafs wir in Deutfchland nicht ähnliche Stiftungen
einem .Menfchenfohn' fleht, ein Moment für den Begriff ! befitzen. Ein Mittleres zwifchen dem populären Eintags-
der bekannten Selbflbezeichnung Jefu zu finden, kommt Vortrag, deffen Wirkung eine höchft befchränkte ift, und
er zu dem Schluffe, für Jefus fei Menfchenfohn .derjenige ! den akademifchen Vorlefungen wäre fehr erwünfeht
Menfch, von dem das Alte Teftament überall redet oder J und würde wirklich Aufklärung bringen und Erkenntnifs
weisfagt' (S. 197); es läge in jener Selbflbezeichnung der 1 ftiften können.

Anfpruch, die Eortfetzung und der Abfchlufs der Offen- J Das vorftehende Werk fchliefst fich feinen Vor-
barung Jehovah's als des Bundesgottes Israel zu fein, mit gängern würdig an. Es lohnt das aufmerkfamfte Studium.
Einem Worte ,fein Jehovahbewufstfein' (z. B. S. 352). Das Thema ift allerdings ein fo umfaffendes, dafs es in
,Diefem feinem Jehovahbewufstfein widerfprach die Selbft- acht Vorlefungen nicht zu erfchöpfen war. Nach rück-
bezeichnung als Menfchenfohn fo wenig,- als dem Jehovah wärts und vorwärts fehlen ihm im Grunde in diefer Dar-
des Alten Teftamentes die Selbflbezeichnung als Hirt, ftellung die Grenzen. Die 2. bis 6. Vorlefung behandeln
Arzt, Ehegatte' (S. 355). Was Jehovah feinem Volke j Clemens und Origenes. Vorangeftellt ift in der erften
als Hirt und König, als Arzt und Bräutigam ift, das ift Vorlefung: .Philo und die Gnoftiker'. Die fiebente han-
Jefus der geflammten Menfchheit; alle Jehovah-Hoheiten' delt von der heidnifchen Renaiffance, die achte von
fchreibt er fleh zu, nur auf den Vaternamen verzichtet der Gefchichte des Clemens und Origenes im Gedächter
(dazu citirt Grau S. 366 Matth. 23, 8 f.), da er Gott nifs und in der Lehre der Kirche und von dem Bleibengegenüber
der Sohn ift. ,So gewifs mit Jefu Bräutigam- den und Vergänglichen im chrifllichen Alexandrinismus.
wefen ein Jehovahverhältnifs zur Menfchheit gegeben ift, Allein was in einer Vorlefung über Philo und die Gno-
fo gewifs mufs auch mit feinem Sohnesverhältnifs ein ftiker gefagt werden konnte, reicht bei aller Eähigkeit
Verhältnifs innerhalb des Jehovah-Wefens gegeben fein' j des Vortragenden, dem Stoff das Wichtigfte abzuge-
(S. 359). Jede andere Auslegung des ,Gottesfohnes' ift winnen, nicht aus, und felbft wenn es ausreichte, genügte
unlogifch, fofern fie denfelben ,als vielmehr dem Wefen j es doch nicht, die Theologie des Clemens und Origenes
und Umfang der Braut zugehörig' behandelt. Aber j verftändlich zu machen; denn diefe bedarf zu ihrem Ver-
,flammt etwa der Bräutigam ab von der Braut? Oder , ftändnifs ebenfofehr die Kenntnifs der vor Philo flehen-
ift er etwa ihr Bruder? Die Gefchwiflerehe ift ein Greuel' j den griechifchen Philofophen, als die der chriftlich-kirch-
(S. 358). Die oben angekündigte Correctur der ortho- liehen Ueberlieferung, wie fie den Alexandrinern vorlag,
doxen Dogmatik befleht weiter darin, dafs nicht der Ferner ift die Auswahl des Stoffes in der 7. Vorlefung
Menfchenfohn der menfehlichen, der Gottesfohn der . zum Theil eine willkürliche. Der Verfaffer handelt vom
göttlichen Natur entfpricht, fondern der Gottesfohn den Mithras- und Serapisdienft, fodann von den heidnifchen
Unterfchied von Gott dem Vater, dagegen gerade der Philofophen im Zeitalter der Alexandriner, jedoch nur
Menfchenfohn die Identität mit Jehovah ausdrückt (S. 356). von den älteren, den Neu-Pythagoräern, Numenius, Philo-
Um einen folchen Fund zu thun, mufsten wir freilich ftratus und Celfus. Endlich erfcheint es als ein empfind-
abermals eine 40 Seiten lange Wanderung durch das | licher Mangel, dafs von der Nachwirkung des Clemens
ganze Gebiet der altteftamenthchen Theologie vollziehen und Origenes in der Kirche gehandelt wird, ohne dafs
(S. 282 f.), auf welcher jedoch hier und da Erquickungs- i ihre Schüler bis zu den Kappadociern hin und weiter
paufen eintraten, wie da, wo den Staunenden enthüllt [ vorgeführt werden. Der Verf. hat nun mit gröfstem
wurde, dafs im Gegenfatz zu Jehovah Elohim der Gott : Gefchick in den Details feiner Ausführungen diefe Män-
der Verfuchung ift (S. 302,, das Princip der Jehovah- gel zu befeitigen gefucht und bis zu einem gewiffen
Theologie aber lautet: .Geben ift feiiger denn Nehmen' Grade ift es ihm auch gelungen. Er nimmt in den Aus-
(S. 303V Und was ift denn das Princip der Theologie führungen auf die altchriftliche Ueberlieferung, auf die
des Verfaffers? Auf die präcife Beantwortung diefer Gnoftiker und die Apologeten, auf den Neuplatonismus
Frage könnte man einen Preis fetzen. Die Methode und auf die Schüler der grofsen Alexandriner durchfeiner
Theologie aber befteht jedenfalls nur in der zu gehends Rückficht. Namentlich den letzteren Punkt an-
Gunften eitler Luft am undiseiplinirteften Spiel des Geiftes langend, fo kommen die Hauptpunkte der fpäteren
confequent geübten Methodelofigkeit. ' origeniftifchen Streitigkeiten zur Darftellung, fo dafs man
Strafsburg i. E. H. Holtzmann. ; fchliefslich doch eine Ueberficht über das Verhältnifs
________ 1 der Kappadocier, des Hieronymus, Auguftin, ja noch

d- /-l 1 n tl u • i- m i • * , ,im,nH,:, vie' Späterer Erfcheinungen (Anfelm, Myftik. Quietismus
Bigg. Charles, D. D., The Christian Platomsts of Alexandria. zu Qrigenes gewinnt.

Eight lectures preached beforc the university of Was die Ausführung des Ganzen betrifft, fo verOxford
in the year 1886 or the foundation of the dient fie in vieler Hinficht Lob. Sie ruht auf einer be-
late Rev. John Bampton, M. A., Canon of Salisbury. wunderungswürdigen Kenntnifs der Werke der Alexan-
Oxford, at the Clarendon Press, 1886. (XXVII, 304 S. dnncr. uund auf f nem vollftändigen Studium der Literatur,
o , r, . j m welcher noch immer die Hucttana eine hervorragende

gr. o.) ciotn. Stell* einnehmen. Aber noch höher als der Fleifs ift

Vor fechs Jahren find die Vorträge von Hatch über die Kraft der Anfchauung und des Verftändnifses anzu-
die Organifation der Kirchen im Alterthum als ,Bamp- fchlagen. Die Darftellung ift geiftvoll im beften Sinne
ton-Vorlefungen' erfchienen. Derfelben Stiftung ver- ' des Wortes, ohne fich irgendwo von ihrem Gegenftande