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Ausgabe:

1887 Nr. 4

Spalte:

82-86

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Albrecht

Titel/Untertitel:

Unterricht in der christlichen Religion. 3. verb. Aufl 1887

Rezensent:

Harnack, Adolf

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8i Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 4. 82

Funde Nachricht, nachdem er fchon vorher in derfelben
Zeitfchrift (1882 p. 339 ff.) einen Auffatz über The Tale
of Abcrcius veröffentlicht hatte, in welchem er lieh darüber
ausfprach, dafs die topographifchen Notizen der
vita Abercii recht gut auf die Gegend von Hieropolis bei
Synnada paffen.

Es ift fomit möglich geworden, unter Benutzung
1) der Grabfchrift in der vita Abercii, 2) des Bruchftückes
jenes Altars und 3) des Epitaphs des Alexander den
authentifchen Wortlaut der Grabfchrift herzuftellen. Nur
an wenigen Stellen find Conjecturen nöthig.

Die Infchrift lautet'):

hzKtsetzpa 7inlbtoo b nolizrjo zovz hinirjaa
Libv, ü> tyw xaioTi aiöpiazna i'vila üeoiv.
ovvou Aßtq/.ina etiil piad-rjzi^a rcoi/ievoo ayvoi,
na ßoay.Ei nqoßctziov aythaa oqeoiv 7iEÖ/oiaz£

5 öipd-ai.uozo 00 lyei iiEyd'knva 7iävzi xairoqoivTao'
nvzoa yuq n ed/r)«ft .... yqaiinaza rziater
Tia cPt'uiqv na EntpiXpEV suir ßaaikrjav dtlqiaai
/.cd ßaaikioaav hhiv yqvadazolni' yqrao7a'öilov.
Xao* d elSov ezft XaiuToav acpqaylda tyovzcc

10 Xttl SvQirjO iteÖov tidov y.ai. uazsa nävza, ISioißiv,
EiwDcaijV dtaßüo . . . TTÜrzrj ö° iiayov ai roiilhovo'
TJavXov iyiov i-Tcnp.irlv~, niazia ndni] de 7iqorjy£,
y.ai rrautd-ry/E zqoip'nv ;rävzrj Iv&üv aixb mqyrfi
rraviuytii^, /.aitaqbr, ov sdqcdazo /zaqirevoa ayvr'p

15 xai zovznv £7itdw/.£ rpiloia i'ad-eir öia 7cavzna,
mrov ■/qijozbv tynvöa, v.iqaaua didnvaa uez uqzov.
tavza .raoEazioa eitzov 'Aßtqy.mo wde yqacpijvav
tßöuuiy.nozov t'zna v.ai davzeqnv tffov aXv&coa.
zavtr n voüjv el^cuzo iizitq unv 7cäa 6 avnpdoa.

20 ob uevzol zifißo) zia iu<i> f'zEqov ittttJ'qasf

fi d' owp, Ptouaitdv zauEiiß l}raEL öiayjf.ia yqnut,
v.ai y.qryjzij ziazqidi 'lEqmrölEi ylkta yotoä.

Vergleicht man diefe Infchrift mit dem, was die
Legende erzählt, fo verlieht man, wie deren Angaben
entstanden find. In Wirklichkeit ift ßaoihsia die Stadt
Rom, ßaaü.taaii die römifche Kirche, der ?.abg arpqayida
ttxunqav tyiov die Chriftengemeinde. Zu Vers 8 ift aufser-
dem ii' 45,10 zu vergleichen.

Die Identität des Abercius von Hieropolis und des
Avircius Marcellus beim Antimontaniften ift nun zweifellos
geworden. Enthält auch die Infchrift keinerlei Angabe
über die Zeit, in welcher Abercius feine römifche
Reife unternahm, fo wiffen wir doch, dafs fie älter ift
als das auf 216 datirte Epitaph des Alexander, und dürfen
annehmen, dafs die Perfönlichkeit des Abercius auch
der Nachwelt bekannt genug blieb, fo dafs die Legende
mit ihrer Zeitbeftimmung recht behalten wird. Die Ab-
faffung der vita fetzt Lightfoot (gewifs mit Recht) auf
ca. 380 an. Zum Ueberflufs hat Ramfay noch eine chrift-
liche Infchrift bei Prymneffos (ca. 50 Kilometer von
Hieropolis entfernt) gefunden, welche von einem Aber-

1) Dem Commentar Lightfoot's zu diefer Infchrift entnehme ich
Folgendes:

V. 3ff. Die Befchreibung des guten Hirten mit den grofsen Augen, der die
Herden auf Bergen und Gefilden weidet, läfst vermuthen, dafs
Abercius in den Katakomben zu Rom oder anderswo eine ähnliche
Darftellung gefehen hat.

V. 11. uvi'o/Ji'^ovg ift Conjectur für das avvouiiyvQOV der vita.

V. 12. gemeint find wohl die Briefe des Paulus. In diefem Verfe haben
Kafuren auf der Grabfchrift ftattgefunden. Doch ift die Lesart
Paulus unanfechtbar. Man denke an die Bekämpfung der marcioni-
tifchen Härefie, welche die Legende dem Bifchof zufchreibt.

v 13. enthält wahrfcheinlich den älteften Hinweis auf das Emblem lyttvg.
wenn nicht das Akroftichon in orac. sityll. VIII 217 ff. älter ift.
niyt'l ift die Taufe.

V. 14. nap&h.rog hyvij ift wohl die Kirche (2 cor. 11,2. eph. 5,27).

V. 21. auch das Epitaph des Alexander hat hier einen fiebenfüfsigen
Hexameter. Die Lesart in der vita ift alfo richtig.

cius erzählt, deffen Mutter Marcellina hiefs. Da unfer
Abercius den Namen Marcellus führte, fo haben wir es
hier wohl mit einem Verwandten zu thun.

Giefsen. Guftav Krüger.

Ritsehl, Albrecht, Unterricht in der christlichen Religion.

3. verb. Aufl. Bonn, Marcus, 1886. (VIII, 87 S. gr. 8.)
M. 1.20.

Diefes Buch, welches vor einigen Monaten zum
dritten Mal ausgegangen ift, wird, man mag es hochhalten
oder fchelten, einft in der Kirchengefchichte als ein
Merkftein anerkannt werden. Vor 1700 Jahren haben die
Alexandriner nach dem Vorgang der Apologeten es
unternommen, sich ein Verftändnifs der chriftlichen Religion
auf der Grundlage ihrer griechifchen Bildung zu
erwerben, ohne doch von ihrer Zugehörigkeit zur Kirche
abzufehen. Das Ergebnifs diefer Bemühungen war die
EÄnficht, dafs die chriftliche Religion einerfeits die un-
ficheren natürlichen und philofophifchen Erkenntnifse
! ficher (teile und die ihnen entfprechende Moral kräftige,
andererfeits die Menfchheit von der Todesherrfchaft befreie
und zu ewigem Leben führe. Erwiefen wurde
j diefer Inhalt der Religion in complicirten Darlegungen,
| welche Weltweisheit, Moral und Weltgefchichte in den
I weiteften Grenzen umfafsten und durch die Anlehnung
| an die zahlreichen Gottesfprüche ebenfo zuverläffig wie
unbegrenzt erfchienen. Dennoch bildete fleh allmählich
ein nach Umfang, Anlage und Methode der Begründung
wefentlich einheitlicher Stoff aus, der als ,die chriftliche
Religion' galt und als folche Gelehrten und Ungelehrten
überliefert wurde.

Diefer Stoff ift in der Folgezeit neuen Beftimmungen
in Bezug auf Ziel und Zweck der Religion unterftellt
worden, erftmalig durch Auguftin, fodann im 16. Jahr-
I hundert. Er hat dadurch nicht unbedeutende Verkürzungen
und Erweiterungen erfahren, aber in der Hauptfache
ift er unverändert geblieben. Ein Blick auf die
gebräuchlichen Katechismen und Lehrbücher der Griechen
, römifchen Katholiken, Lutheraner, Reformirten,
Irvingianer u. f. w. beweift dies. Alle diefe Confeffionen
gehen wenigftens thatfächlich von der Annahme aus,
j dafs eine vollftändige Erkenntnifs der chriftlichen Reli-
! gion nur innerhalb des Schema's zu gewinnen ift, welches
die alten griechifchen Theologen aufgeftellt haben. Die
Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat mit diefer Anficht
allerdings gebrochen. Sie hat diefelbe Kühnheit wie
die Alexandriner befeffen und fleh, foweit fie innerhalb
der chriftlichen Religion leben wollte, auf ihre Weife in
derfelben heimifch zu machen verflicht. Der Spott, den
man für diefe Verfuche hat, mufs Jedem befremdlich
fein, der an den Urfprung des Gebildes denkt, welches
man dem Rationalismus entgegenzufetzen pflegt. Allein
der Rückfchlag, der nach der Aufklärungsepoche eingetreten
ift und diefelbe allem Anfchein nach zu einer
Epifode im vollften Sinn des Wortes für die Kirchen gemacht
hat, beweift vielleicht, dafs jenen Verfuchen noch
| ein anderes Element gefehlt hat, als die Autorität der
j Ueberlieferung und Gewohnheit. Das mag hier auf fleh
! beruhen. Thatfache ift, dafs die neuen Unternehmungen
in den Kirchen nach Verlauf weniger Decennien abge-
than worden find. An ihrem Begräbnifs und der Her-
verholung des alten Schema's haben fich felbft folche
Theologen betheiligt, welche auf Grund ihrer theologi-
fchen Erkenntnifs allen Anlafs hatten, den neuen Wein
nicht wieder in die alten Schläuche zu giefsen.

Das alte Schema ift reftituirt — das ift unfere gegenwärtige
Situation —, aber was ift die Folge? Es (freitet
in oftenbarfter Weife mit unferen jetzigen Welterkcnnt-
nifsen und mit der einzigen Auslegung der heiligen Urkunden
, die ihnen ihr Recht widerfahren läfst, der
hiftorifchen. Das Erftere brauchte die Kirchen nicht

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