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Ausgabe:

1887 Nr. 25

Spalte:

597-598

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wiegand, Friedr.

Titel/Untertitel:

Der Erzengel Michael in der bildenden Kunst. Ikonographische Studie 1887

Rezensent:

Ficker, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 25.

598

mag. Wie (ich Funk zu der Erklärung von itezu tu | ihnen die formale Vollendung weitaus die Hauptfache
eii7t?.i]Oü>]vai in 10,1 ftellt, geht aus feiner Anmerkung ! ift. Statt deffen wäre eine ergiebigere Ausnutzung der
nicht deutlich hervor; jedenfalls bezieht er die Worte j Quellen in altchriftlicher und frühmittelalterlicher Zeit
H ttS uyiog ioxiv, toytottio' u tcg ovx tau, /uttavottTw von Intereffe gewefen. Namentlich geben die apokryphen
nicht auf das Hinzutreten zum Herrenmahl, fondern zur ! Schriften auch hier reiches Material. Ihnen liegt ja viel
Gemeinde, nähert fich alfo mehr der von Harnack, als | an finnlicher Ausmalung. Aber gerade die genau ausler
von Zahn, Weizfäckcr, Spitta u. A. vertretenen
Auffaffung. Von der Lesart ftfiüj zJaßi& nimmt er an,
dafs fie per lapsum librarii in den Text gekommen fei
Itatt dem nach Mt. 21, 9. 15 zu vermuthenden vtiii dnßlb.
Doch verhält er fich gegen die Harnack'fche Verthei-
digung der handfchriftlichtn Lesart nicht ablehnend.

Bei der fchwicrigften Stelle in 11, Ii: noa(fd(cig--

aoiiöv tlg Livoir'jQiov 7zzÄ>/o7g(c; xoanr/nr verzichtet er
darauf, die vorhandenen Erklärungen durch eine neue zu
vermehren. Nach Anficht des Referenten hat er daran
fehr Recht gethan.

Die Literaturangaben follen nicht Alles notiren, find
aber vollftändig ausreichend. Wenn Funk p. XLI1I Vorficht
bei der Auffpürung von in der Apoftellelire benutzten
Stellen aus Schriften N. T.'s einfehärft, fo hätte
auch fein eigener index loeorum S. S. bedeutend kürzer
ausfallen dürfen.

Giefsen. . Guflav Krüger.

Wiegand, Dr. Friedr., Der Erzengel Michael in der bildenden
Kunst. Ikonographifche Studie. Stuttgart, J. F. Steinkopf
, 1886. (V, 83 S. gr. 8.) M. 1.60.

Die vorliegende Arbeit, die mir leider erft fpät zu
Geficht gekommen ift, hat trotz der mannigfachen fchrift-
Itellerifchen Verfuche über denfelben Gegenftand ihre
vollkommene Berechtigung fich zu erwerben verftanden.
Gerade die Abhandlung, welche fich in ihren Abfichten
am nächften mit denen der Wiegand'fchen berührt, be-
fchränkt fich fafl vollftändig auf das Bildmaterial und liefs
eine lebensvollere Darfteilung, welche fich auch mit
dem breiten culturhiftorifchen Hintergrunde befchäftigte,
herbeiwünfehen. Wiegand hat feine Aufgabe gegenüber
Berthold Riehl in der Schrift: ,S. Michael und S. Georg
in der bildenden KunfV fich höher geftellt, feine Löfung
ift auch deshalb eine glücklichere. Man kann die Kunft
und die Wandlungen in ihrer Gefchichte im Grofsen und
Ganzen wie im Einzelnen nicht verliehen, wenn man fie
loslöft von dem allgemein culturhiftorifchen Zufammen-
hange. In der Hauptfache gewinnt man aus der neuen j Wenn ein Theologe wicKöftlin zu diefem, im Streitüber
ikonographifchen Studie eine deutliche Vorftellung von , Ritfchl's Theologie viel verhandelten Thema das Wort
den Veränderungen des Michaelsbildes und von den Be- ergreift, fo kann das in jedem Falle nur klärend wirken
dingungen diefer Wandlungen. Die byzantinifche Kunft und ift daher von allen Seiten mit Freude zu begrüfsen.
ift unfähig, die noch aus altchriftlicher Zeit Rammenden | Leider hat nur K. in der Polemik gegen gewiffe Gedanken,
Anregungen erfolgreich zu verwerthen. Diefen reifigen , die R. fälfehlich imputirt worden find, nicht immer
jugendfrifchen Rittersmann konnte nur das frifche kriegs- , deutlich gefagt, ob auch er fie R. zufchreibe. Da man
muthige Germanenthum kräftig in feine Phantafie auf- I aber darauf rechnen kann, dafs K.'s Auslaffungen trotznehmen
, zum Idealtypus ausbilden. Grofse Sorgfalt hat ; dem als Zeugnifs gegen R. Verwerthung finden werden,

geführten Schilderungen find klare Parallelen und Erläuterungen
zu den ausgeführten Bildern. Wir hören von
Erbauung von Michaelskirchen im Morgenlande. Michael
und Gabriel find wie auf dem ravennatifchen Mofaike
Chrifti Begleiter; Michael wird dem gefangenen Apoftel
Bartholomaeus zu Hülfe gefandt. Der hölzerne Stab,
das Schwert werden ausdrücklich genannt, als die Aufgaben
des ,Erzfeldherrn' Bewachung des Paradieses, Ge-
leitung der Seelen ins Paradies angegeben u. f. w. (Lipfius,
Apokryphe Apoftelgefchichten II, 2, apokryphe Apoka-
lypfen u. f. w.j. Für das Mittelalter fehlt die Angabe
über Einführung des Michaelsfeftes; und auch für diefe
Zeit, für die wir eine legenda anrea nicht belitzen, wäre
ein Streifzug in das Gebiet des Volksaberglaubens nicht
ohne Nutzen geblieben. Was giebt uns z. B. Ratherius
von Verona und feine Zeit für intereffante Auffchlüffe
gerade über Michael! (Vogel, R. v. V. Bd. I, S. 293).
Ich füge noch hinzu, dafs S. 11 Anm. 4 ftatt des fpäten
Honorius Auguftodunenfis Auguftinus (de mirabilibiis
S. Scriptnrae) dasfelbe Beweismaterial geliefert hätte. Zum
Schlufs möchte ich den Wunfeh ausfprechen, dafs wir
künftighin ikonographifche Studien nicht ganz ohne bil-
dnerifche Beigaben ausgehen laffen möchten, wenn das
Material fo weit zerftreut liegt und fo fchwer zugänglich
ift, wie viele Michaelsbilder. Wenigftens die Hauptwandlungen
follten auch im Bilde fixirt fein. Auch die hefte
Befchreibung erfetzt nicht die Anfchauung im Bilde.
Es brauchen ja nur Umrifszeichnungen zu fein, wie in
Strzygowski's .Ikonographie der Taufe Chrifti'. So lange
das aufser Acht gelaffen ift', wird für derartige Arbeiten
kein fo recht freudig intereffirtes Publicum vorhanden fein.

Rom. Johannes Ficker.

Köstlin, Jul., Religion nach dem Neuen Testament mit be-

fonderer Beziehung auf das Verhältnifs des Sittlichen
und Religiöfen und auf das Myftifche in der Religion
(Studien und Kritiken 1888 S. 7—102). Gotha, F. A.
Perthes.

der Verfaffer gerade auf das Capitel .Michael und der
Norden' verwendet. Jederman wird ihm zumal für die
Zufammcnftellung der Michaelskirchen in Deutfchland
Dank wiffen. Michael tritt an Wotan's Stelle, übernimmt

fo wird es angezeigt fein, R.'s wirkliche Anficht auch in
diefen P'ällen herauszuftellen.

In unausgefprochener Uebereinftimmung mit R. legt
K. dar, dafs bei dem Stu fenverhältnifs, das zwifchen den

aber auch von Zio ein Prädicat, das Schwert. Die Weiter- Religionen obwaltet, das Wefen der Religion nur vom
entwickelung geht im Süden nur durch nordifchen Einflufs | Chriftenthum aus, alfo auf Grund des N. T.lichen Zeug-
vor fich. Der Drachenkampf war vorher ein im Süden | nifses über das letztere, erkannt werden könne. Die
nicht verwerthetes Motiv. Auch die andern Thätigkeiten Darlegungen über das Verhältnifs von Religiöfem und
Michaels, das Seclenretter- und das Seelenrichteramt, find 1 Sittlichem im Chriftenthum können hier übergangen Werder
Zeit ihres Auftretens nach, wie in ihren Wandlungen | den; denn die von K. nachgewiefene innige Verbindung
ficher beftimmt. Dagegen hätten wir gern die fehr ins j beider im Chriftenthum fteht aufser Frage. Den Punkt
Einzelne gehende Aufzählung der Darftellungen vom vier- aber, wo eine Differenz eintreten könnte, wie nämlich
zehnten Jahrhundert ab befchränkt gefehen. Wenn das ; die nothwendige Zufammengehörigkeit des rechtfertigen-
Bcwufstfein der künftlerifchen Freiheit erwacht, ift es mit den Vertrauens auf Gott und der Liebe zum Nächften
der ikonographifchen Entwicklung fchlecht beftellt, und zu begründen fei, hat K. nicht berührt. Und K.'s
man gewinnt auch hier wieder die Ueberzeugung, dafs 1 Polemik gegen die Kantifche Anficht .Neuerer', dafs die
die Rcnaiffancekunftler im Grofsen und Ganzen wohl das Religion erft nachträglich zur Sittlichkeit als ihr Anhang
Stoffliche mit grofser Geduld übernehmen, aber dafs | hinzutrete, kann ich nicht auf R. beziehen, da ein Theologe