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Ausgabe:

1887 Nr. 24

Spalte:

577-579

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meuss, Ed.

Titel/Untertitel:

Unsere Stellung zur Schrift im Angesicht der heutigen Wissenschaft von der Schrift 1887

Rezensent:

Herrmann, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 24.

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hals genomen wurt und allain diejenige, so sich nnder dem
schein grosser religion zutuen hinnen, und die kriegsleut gehör
haben. S. 279: was jeder cardenal von sich Schüben
kan, dass tuet er; dan st zittern, so oft si in ansprechen
müssen. Als Mafius den Wunfeh des Herzogs Wilhelm,
eine Anzahl Pfründen für eine neu zu gründende Uni-
verfität zu Duisburg zu verwenden, in einer Vorbefpre-
chung dem Cardinal Morone vortrug, meinte diefer, der
Papft (Paul IV.) werde alsbalden auf hupfen und Speichen,
dass sie |fei] eben der deutschen pursten prauch und fur-
haben, dass si under dem schein dero Scholen [Schulen|
die gaisfliehe guter under sich pringen willen (S. 241). —
Nachdem Mafius in Rom als Agent thätig gewefen war,
nahm er feinen Händigen Aufenthalt im Clevifchen als
Rath des Herzogs Wilhelm und blieb hier bis zu feinem
im J. 1573 erfolgenden Tode. Seine Briefe aus diefer
Zeit find für die inneren Verhältnifse der Herzogthümer
Jülich und Cleve und die Beziehungen dcrfelben zu den
Niederlanden lehrreich. Es ift namentlich die Perfönlich-
keit Alba's, welche hier hervortritt. Des Herzogs Wilhelm
ältefte Tochter Maria Eleonore (die fpätere Herzogin
von Preufsen) hatte in einem Briefe an Oraniens
Schwerter (Auguft 1572) fehr lebhaft für die unterdrückten
niederländifchen (reformirten) Chrirten gegen ihre
(fpanifchen) Tyrannen Partei genommen. Diefes Schrei-

dafs wir in der Hauptmaffe der Bibel das urkundliche
Denkmal der Offenbarung befitzen, deffen wir zur Stütze
unferes Glaubens bedürfen. Sodann giebt uns diefelbe
Wiffenfchaft, welche uns die Unfehlbarkeit der Bibel im
Einzelnen nimmt, einen Einblick in das herrliche Ganze
derfelben mit feiner ,höheren und tieferen Lagen' und
läfst uns, indem fie die individuelle Art der Schriftfteller
bei der Auslegung beachtet, den Heiligen Gottes ins
Herz fehen. Nun giebt es aber Leute, welche trotzdem
die Gaben der Bibelwiffenfchaft mit Mifstrauen betrachten
, weil fie nur ungern auf den fummarifchen Gebrauch
des ,es fleht gefchrieben' verzichten wollen. Diefen giebt
der Verf. Folgendes zu bedenken. Errtens genüge das
,es fleht gefchrieben' in äufserlicher Anwendung überhaupt
nicht, eine Wahrheit zu begründen. Zweitens verliere
das Schriftwort, wenn ihm die mechanifche Begründung
feiner Autorität entzogen werde, keineswegs fein
Anfehen überhaupt. Das Gewicht des einzelnen Wortes
müffe nur in jedem Falle durch Urfprung und Zufammen-
hang gerechtfertigt werden. Drittens fei es eine Unter-
fchätzung der Bibel, wenn man in ihr nur den Normalcodex
reiner Lehre fehe, flatt vor allem die lebensvolle
Urkunde der gefchichtlichen Offenbarung Gottes in Chrifto.
— Diefe Sätze illuftriren die Unbeftimmtheit in den
Aeufserungen des Verfaffers, welche zu bewerten fcheint,

ben fiel in Alba's Hände, welcher darüber fehr aufge- 1 dafs er den Kern der fchwierigen Frage nicht hat bebracht
war. Er beauftragte Mafius, dieferhalb am cle- rühren wollen. Durchaus billige ich die Abficht, einen

vifchen Hofe Vorftellungen zu machen. Die Entfchul-
digungen des letzeren an Alba zu überbringen, wurde
Mafius durch den Tod verhindert.

Gebrauch der Bibel zu befürworten, bei welchem die
Wahrhaftigkeit unverletzt bleiben kann und unleugbare
l'hatlachen der gefchichtlichen Porfchung nicht ignorirt,

Es kam uns im Vorrtchenden nur darauf an, den fondern verwerthet werden. Dagegen kann ich die Vor-
kirchengefchichtlichen Ertrag der Publication Loffen's feft- ficht, mit welcher der Verf. vermieden hat, den empfind

zuftellen. Die Publication dient aber zugleich der Ge
fchichte des Humanismus und der Philologie, fpeciell der
orientalifchen Philologie, wie denn Mafius Verfaffer einer
fyrifchen Grammatik und eines fyrifchen Wörterbuchs,

lichften Punkt zu berühren, zwar in ihren Motiven für
achtungswerth halten, aber ich mufs diefelbe für unprak-
tifch erklären. Der Verf. bemüht fich, die Thatfache als
nicht fo gefährlich hinzurteilen, dafs es nicht mehr mögferner
eines noch heute gefchätzten Commentars zum lieh irt, das Bibelwort deshalb, weil es in der Bibel fleht,
Buch Jofua (mit hebräifchgriechifcher Ausgabe desfelben) j der Gemeinde gegenüber als unfehlbare Wahrheit geltend
und Mitarbeiter an der Plantinfchen Polyglotte ift. zu machen. Gefahrlos würde das aber nur dann fein,

Zum Schlufs fei hervorgehoben, dafs die Edition wenn wir uns der in der chriftlichen Gemeinde wirklich
unfererCorrefpondenz die ganze Exactheit und umfaffende berechtigten Autorität mit vollemErnft unterworfen hätten.
Sachkenntnifs zeigt, welche wir auch an den andern Ar- Dafs wir aber in der evangelifchen Kirche bereits dahin
beiten Loffen's bewundern. gekommen feien, kann man leider nicht fagen. Wird

Marburg G. v. Below '■ doch die Forderung, dafs wir in Jefus Chriftus allein die

°' "'. * '* I Offenbarung Gottes fuchen follen, vielfach nicht einmal

: verftanden, gefchweige denn befolgt. Die Meiften wollen
Meuss, Confirt.-R. Prof. Dr. f.d., Unsere Stellung zur Schrift nicht bemerken, dafs der Synergismus des P"ürwahrhaltens
im Angefleht der heutigen Wiffenfchaft von der Schrift, dem wirklichen Glauben diefelben Hindcrnifse bereitet,
Vortrag, auf der Paftoral-Conferenz zu Liegnitz am wie irgend eine andere Form der Werkgerechtigkeit.
I.Juni 1887 gehalten. Breslau, Köhler, 1887. (47 S.J In diefer Unklarheit aber kann man nur verbleiben, weil
o Fr! ," man nocn nicht beachtet hat, wie Chriftus in denen, die

M. 8 . 60. ihn verliehen, feine Macht erweift und feine Autorität

Der Verf. geht von der Bemerkung aus, die aus den aufrichtet. Solange aber infolge deffen die Autorität
Anregungen der Reformation entrtandene Wiffenfchaft Chrifti noch nicht die ihr gebührende Geltung in der
von der Bibel habe allmählich unfere Vorftellungen von evangelifchen Theologie erlangt hat, mufs man fich der
der Bibel fo rtark geändert, dafs es fraglich erfcheinen I Aushülfe bedienen, welche durch dielnlpirationslehre darkönne
, in welcher Weife wir uns noch zu der Lehrautori- gereicht wird. Denn eine chriftliche Kirche kann ohne
tät der Bibel bekennen könnten. Er weift darauf hin, j eine Autorität, von der fie fich ficher geleitet und der
dafs durch unabweisbare Refultate jener Wiffenfchaft die fie fich ganz unterworfen weifs, nicht beliehen. Ift alfo
Möglichkeit befeitigt fei, die Infpirationslehre und die i der Menfch Jefus noch nicht als die Macht Gottes in der
Unfehlbarkeit der Bibel im Einzelnen zu behaupten. Das ! Gefchichte anerkannt und gewürdigt, fo wird der Kirche
kann nun aber nach feiner Meinung nicht wohl als ein die Möglichkeit des Beftehens immer noch am Berten
Verlufl angefehen werden, da Luther felbft, wie fich dadurch gewährleiftet, dafs wenigftens das Bibelwort als
namentlich aus feiner bekannten Aeufserung über die unfehlbares Gotteswort hingeftellt wird. In den Kreifen
Propheten ergebe, keineswegs die Stellung zur h. Schrift der kirchlichen Praxis findet man feiten einen andern
eingenommen habe, welche durch die Infpirationslehre vor- Standpunkt, als diefen. Dann ift es alfo ganz berechtigt

gefchrieben wird. Wenn uns die biblifche Wiffenfchaft
in der That Manches nimmt, fo erinnert der Verf. daran,
dafs fie uns auf der andern Seite Manches giebt und uns

wenn man hier der hiftorifchen Forfchung, durch deren
Arbeit die Unfehlbarkeit der Bibel nothwendig befeitigt
wird, mit unwilliger Ablehnung begegnet. Denn der Behochwichtige
Dinge in der Bibel erkennen läfst, welche j ftand der Kirche ift wichtiger als der Portfehritt der ge
der ftarren Bibliolatrie nicht feiten entgehen. Durch die j fchichtlichen Forfchung. Selbft die vorfichtige Anerken-
hiftorifche Porfchung wird uns zunächft die Gewifsheit j nung der Bibelwiffenfchaft, zu welcher der Verf. bereit
nicht gefchmälert, fondern nur noch ficherer erhärtet, | ift, mufs in einer Kirche, welche fich auf der Unfehlbar-