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Ausgabe:

1887

Spalte:

552-554

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Salter, William Mackintire

Titel/Untertitel:

Die Religion der Moral 1887

Rezensent:

Sachsse, Eugen

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brüdern recht fleifsig ftudirt werden! Eine Kritik, wie
fie Kamphaufen nach dem Vorgange feines trefflichen,
auch dem Schreiber diefer Zeilen theuren Lehrers Bleek
übt, ift fo befonnen, dafs fich niemand daran ftofsen

follte. Aber---!

Es folgt nun auf S. 37—56 Mangold's fchöner
Vortrag aus dem Lutherjahr über ,Luther und Melanchthon
', in dem Bonner Bürgerverein zur Eintracht
gehalten und gleich vollendet nach Inhalt und Form.
,Luther und Melanchthon! Das war eine gnadenreiche
Fügung der göttlichen Vorfehung, dafs fie diefe beiden
Männer von Anbeginn in dem Werke der Erneuerung
der deutfchen Kirche neben einander geftellt hatte. Neben
den Reformator, den Mann des Glaubensheroismus mit
dem brennenden Herzen und der machtvollen That, trat
in Melanchthon, eines Waffenfchmieds Sohn aus Bretten
in der Pfalz, welcher der evangelifchen Kirche ihr gelehrtes
Rüftzeug liefern follte, der Schöpfer der evangelifchen
Theologie, einer der gröfsten Gelehrten aller
Zeiten, den feine bewundernden Glaubensgenoffen mit
Recht unter dem Ehrennamen „der Lehrer Deutfch-
lands" feiern durften. Beider Miffion war darauf angelegt
, einander zu ergänzen'. So lautet der Anfang
der Rede. Nachdem nun mit einigen kräftigen Strichen
Luther, der ,mit dem Tiefblicke des religiöfen Genius'
das Wefen des Heils erkannt hatte, gezeichnet ift, wird
Melanchthon als theologifcher Lehrer auf dem Katheder
und als theologifcher Schriftfteller der Evangelifchen im
erften Theile des Vortrags dargeftellt, im zweiten gezeigt,
wie Luther und Melanchthon ftets einträchtig zufammen
wirkten, im dritten aber der Kampf gegen Melanchthon
nach Luther's Tode gefchildert. Drei Lehrabweichungen
waren es, über die er entbrannte. Erftens darüber, dafs
nach Melanchthon's Meinung die menfchliche Willens-
tntfcheidung mitwirken follte zur Entftehung des Glaubens
; zweitens der neue Gehorfam der Gläubigen in
guten Werken als Frucht der Rechtfertigung nachdrücklich
gefordert; drittens die Abendmahlslchre in bekannter,
den fymbolifchen Charakter von Brod und Wein betonender
Weife von Melanchthon umgebildet wurde
(S. 48—52). Zu diefen von Mangold mit vollftem Rechte
als ,Verbefferungen der evangelifchen Theologie' bezeichneten
Lehrabweichungen kam dann noch das un-
glückfelige Leipziger Interim von 1549 hinzu. Die ,theo-
logifche Hetze gegen Melanchthon' fand an diefer ,Ver-
fchuldung des nicht gerade heldenhaft gearteten Mannes'
einen ,Anlafs' und zwar einen recht erwünfchten Anlafs,
denn die fchlimmften Pietzer find zu allen Zeiten bis auf
die Gegenwart fanatifche Theologen gewefen. Wir wiffen,
wie fchwer der edle, fein angelegte Mann unter den
mafslofen Angriffen der Jenenfcr und Magdeburger Heifs-
fporne gelitten hat. Endlich erlöfte ihn der Tod ,aral>ie
theologorumi — von dem ,zornerfüllten Eifer', wie Mangold
vorzüglich überfetzt — ,der Theologen'. ,Diefes
letzte Wort klingt wie eine fchwere Anklage durch die
Gefchichte der evangelifchen Kirche hindurch, bis in
unfere Tage. Um den kirchlichen Frieden zu fichern,
unter deffen Segnungen allein das täglich von uns zu
erbetende Kommen des göttlichen Reiches verwirklicht
werden kann, lerne man doch endlich zwifchen Kirche
und Schule zu fcheiden' (S. 55). Ja, lerne man's; aber
viele wollen es nicht lernen und das ift traurig genug!

Als dritte ,theologifche Arbeit' wird der Vortrag
über die ,Neu ftamen tliche Lehre vom Lohn' dargeboten
, gehalten in der Jahresverfammlung des wiffen-
fchaftlichen Predigervereins für die Rheinprovinz zu Bonn
am 27. Mai 1885 von Lic. theol. Neveling, Pfarrer in
Gerresheim. Ref. hat der angegebenen Verfammlung
beigewohnt und erinnert fich noch mit Vergnügen der
allgemeinen und freudigen Zuftimmung, welche das eben
fo fehr durch wiffenfchaftliche Gründlichkeit, als durch
rcligiöfe Wärme ausgezeichnete Referat Neveling's, der
inzwifchen einem ehrenvollen Rufe als Prediger nach

I Berlin gefolgt ift, fand. Wir können uns diefer Zuftimmung
auch jetzt wieder, nachdem wir den Vortrag auf-
merkfam gelefen und nicht blofs gehört haben, unbedingt
anfchliefsen. Die Materie, welche zur Behandlung geftellt
war, ift eine äufserft fchwierige an und für fich
fchon. Dazu kommt, dafs proteftantifchen Ohren das
Wort ,Lohn' nicht angenehm klingt. Der Verf. hat es
aber verpfänden, nach gründlicher Flrledigung der Vor-
1 fragen über das Verhältnifs von tQyärrjq und (iiod-oq,
öovXoq und yaQiöfia, fowie ferner über den Lohnbegriff
Jefu und der Apoftel fich den Weg zu der eigentlichen
Hauptfrage zu bahnen: ,Wie kann, da die Summe
alles Heils bald als (iiöfroq, bald als yäniOfia
j bezeichnet wird, ein und dasfelbe einerfeits als
unverdientes yaQiOfia erhofft und zugleich anderseits
als piad-oq verdient werden?' (S. 67). Die
Antwort darauf lautet richtig: .Nirgendwo im N. T.
wird das Heil dargeftellt (wie bei der jüdifch-rabbi-
nifchen Auffaffung) als halb auf Gnade, halb auf
Verdienft beruhend, fondern Alles ift Gnade,
upd auch, wo von menfehlicher Leiftung und
göttlichem Lohn für diefelbe die Rede ift, da
ift's doch die göttliche Gnade, nicht nur die
Lohn ertheilt, fondern auch die menfchliche
Leiftung ermöglicht und bewirkt' (S. 70). Diefcs
Heil, ,die £wij alojvioq ift nicht nur als Lohn dem
fittlichen Verhalten des Menfchen entfprechend,
fondern vvächft ihrem innerften Wefen nach als
Frucht aus demfelben hervor (S. 78), wie Rothe
fagt: ,Lohn ift die religiöfe Bezeichnung für Frucht'
(Stille Stunden S. 179 f.). Mit Grund werden Rom. 6, 22
und Gal. 6, 8 für diefe Behauptung als Belegftellen anangeführt
. So ift denn, wenn wir den Verf. richtig ver-
ftanden haben, die Qojt) almvioq einerfeits ganz Gefchenk
der göttlichen Gnade, anderfeits aber auch Frucht des
auf der Heilswirkung der göttlichen Gnade beruhenden
fitttlichen Verhaltens des Menschen, alfo: yykffUiUA und
fxiottöq zugleich. Der eine Ausdruck ift mehr fachlich.
I der andere mehr bildlich.

An die lichtvolle Darftellung der neuteft. Lehre vom
Lohn (S. 57—80) knüpfen fich noch fehr werthvolle, mehr
praktifche Bemerkungen darüber, .welche Stellung wir
zu der bisher dargelegten neuteftamentlichen Lohnver-
heifsung und Lohnerwartung einnehmen' (S. 80—90).

Auf S. 90—93 theilt dann Pfarrer Vielhaber in
Emmerich zwei intereffante Urkunden aus dem Archiv
der dortigen evangelifchen Gemeinde mit. Die erfle er-
j zählt, dafs Nachkommen von Waldenfern bei der Gründung
derfelben betheiligt gewefen feien. Sie ift in hol-
ländifcher Sprache verfafst. Die zweite, eine Cabinets-
ordre des Grofsen Kurfürften aus dem Jahre [675 bezieht
fich darauf, ,dafs die evangelifch reformirte Gemeine
zu Fimbrien vor diefsmal ohne confequentz einen
Prediger niederdeutfeher Sprache dergeftalt berufen möge,
dafs er die hochteutfehe Sprache fich fo weit bekanndt
mache, dafs wenn er auf Claffical- oder Synodal-Con-
venten etwas ad protocollum bringen oder fonften proto-
I Collum halten foll, er folches in hochdeutfeher Sprache
! verrichten könne, in's Künftige aber einen folchen
j (corrigirt von höchfteigener Hand in „folches") subjec-
tum, welches der hochteutfehen oder beider Sprachen
| kundig fey, erwählen folle.' Diefe Cabinetsordre giebt
allerdings .Zeugnifs von dem nationalen Sinne des erlauchten
Ahnherrn unferes Kaiferhaufes'.

Den Schlufs bilden die Thefen der Gcncralverfamm-
! lungen von 1869—1872 (S. 94—108). Die Mittheilung
; derfelben foll bis auf die Gegenwart fortgefetzt werden.

Crefeld. F. R. Fay.

Salter, William Mackintirc, Die Religion der Moral. Vom

Verfaffer genehmigte Ueberfetzung, hrsg. von Geo.