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Ausgabe:

1887

Spalte:

34-36

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krüger, Gust.

Titel/Untertitel:

Lucifer, Bischof von Calaris, und das Schisma der Luciferianer 1887

Rezensent:

Möller, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 2.

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gewürdigt hat. Gilt von feinem Werke überhaupt, dafs
es als Ganzes fchwerlich übertroffen werden kann, mag
man auf die Meifterfchaft in der Darfteilung, auf die
Sicherheit der Methode oder auf die Vollftändigkeit der
Gefichtspunkte blicken, fo gilt diefes Urtheil in befon-
derem Mafse von den Abfchnitten über den Urfprung
der kirchlichen Verfaffung, über die Verfammlungen und
die Sitte.

Eine ausgezeichnete Bereicherung hat die Gefchichte
der Didache in der Kirche durch die Entdeckungen von
Harris und Orris erfahren. Ich konnte in meiner zweiten
Ausgabe der Schrift (p. 41) auf diefelben nur in einem
Nachtrage hinweifen. Die Sache ift wichtig genug, um
genauer erwogen zu werden. Prof. Harris hat in feiner
Abhandlung: , The Tcaching of the Ap. and the Sibylline
Books1 1885 p. 15. 16 notes auf die Parallelen zwifchen
der Didache und dem Zvvxayita didaa/.uXiag 7xgbg fiovcc- j
Lovrag y.ai ndvxag ygiaxiavovg, y.Xiqgiy.ovg xe v.ai Xaiy.ovg,
welches unter den Werken des Athanafius fteht (Migne
XXVIII col.835 sq.), aufmerkfam gemacht, und Prof. Orris
hat in dem Auffatz , The Psettdo-Athanasius and The Tea-
aching' in dem New-Yorker ,/ndependent' v. 15. April
1886 auf die enge Verwandtfchaft der ebenfalls unter j
Athanafius' Namen flehenden ,Fides Nicaena' (Migne i
XXVIII col. 1635 sq.) hingewiefen. Die Bedeutung diefer !
Entdeckungen hat Warfield (Andover Rev. 1886 Julyp.
81 ff.) erkannt, und er hat auch foeben in dem ,Jounial
of the Exegetical Society1 p. 86—91 eine Unterfuchung
über das Verhältnifs von ,Pfeudo-Athanafius' zur Didache
veröffentlicht3).

Die Nachweife find noch wichtiger, als die amerika-
nifchen Gelehrten annehmen konnten, weil, wie unter- I
defs Eichhorn (Athanasii de vita ascetica testimonia col-
lecta 1886, f. diefe Ztg. 1886 Col. 391) gezeigt hat, das
^ivxayiia äidaa/.aXi'ag von Athanafius felbft herrührt
. Da dafselbe aber in feiner erften Hälfte nichts
anderes ift als eine Bearbeitung der Didache, fo haben
wir jetzt bereits drei, faft gleichzeitige Bearbeitungen der '
alten Schrift vor uns: 1) die fog. apoftolifche Kirchenordnung
, 2) das Svvtayuct dtdaay.aXiag 7cgbg iiovaLovrag, j
3) das 7. Buch der apoftolifchen Conftitutionen. Dazu
kommt 4) die Bearbeitung in der ,Fides Nicaena', deren
Verhältnifs zum Syntagma noch zu unterfuchen ift. Sie
erfcheint in vielen Partien als eine felbftändige Recenfion
des Syntagma's.

Alfo Athanafius felbft hat die Didache be-
arbeitet Aus dem 39. Feftbrief wufsten wir, dafs er
fie den nicht-kanonifchen Büchern beigefellt hat, xexvna)-
fievoig naga xwv 7iaxigiov dvayiviooy.ealkai xoig ctgxx ngoa-
Eopnuivcng y.ai ßovXo/navoig yaxryslaOai xbv tijc Evaaßaiag !
Xoyov, Wir konnten daraus fchliefsen, dafs er felbft das
Büchlein beim Katechumenenunterricht verwendet hat. |
Jetzt erfahren wir, dafs er es durch eine Bearbeitung auch 1
für vollbürtige Chriften, zunächft für Mönche, nutzbar
gemacht hat *). Es handelt fich wie in der apoftolifchen :
Kirchenordnung wiederum zunächft um , die beiden
Wege'. Sie find aber, wie in dem 7. Buch der apoft.
Conftitutionen, ,calculatcd to another meridian', d.h. fo-
weit verändert und umgearbeitet als die neuen Zeitver-
hältnifse dies verlangten. Ueberall ift der Gefichtspunkt
feftgehalten, den Mönchen damit eine Richtfchnur zu
geben. Das Syntagma beginnt damit, dafs wir aus Gnaden
erlöft feien, dafs aber die Gnade felbft von uns verlangt
, Söhne der Weisheit und jeglichen guten Werks
zu werden; wir follen dem Glauben gemäfs leben. Damit
ift der Uebergang zu ,den beiden Wegen' gegeben.

3) Daran fchliefst (ich eine Unterfuchung über das Verhältnifs der
Didache zum Buch der Jubiläen (p. 91- 98), auf welche ich in einem
der nächflen Artikel (Das Judenthum und die Didache) eingehen werde.

4) Damit flimmt die Verwerthung in dem Tractat dt virginilate seu
dt asetsi, der feit der Benedictiner-Ausgabe für pfeudoathanafianifch gilt,
aber von Eichhorn mit beachtenswerthen Gründen (/. c. p. 27 sq.) wieder
dem Athanafius felbft zugefprochen worden ift.

Diefe find frei, aber doch fo gut reproducirt, dafs das
Syntagma auch zur Textkritik der Didache herangezogen
werden mufs. Beachtenswerth ift vor allem Folgendes:
1) die Enthaltung von Erfticktem, Götzenopfer und Blut
ift mit den Verboten grober Sünden (Jid. 2) verbunden
(f. Theol. Lit.-Ztg. 1886 Col. 344 f.), 2) der Abfchnitt
' Jid. 1,3—2,1 hat dem Athanafius nicht vorgelegen (vgl.
Barnabas, ap. KO., lat. Verfion), 3) die Ordnung cpovEv-
aeig, umy., trogt:, 71 aidoipttog. ift wie in der apoft. Kirchenordnung
, 4) die in C. 2 u. 3 der Jid. enthaltenen Warnungen
liegen den folgenden Abfchnitten des Syntagma's
zu Grunde, aber fie find mit vielen neuen Zufätzen ver-
fehen — man foll keine heidnifchen Fefte befuchen, den
Sabbath nicht halten, nicht Weibsleute bei fich haben,
u. f. w. — und z. Th. umgeftellt, 5) Athanafius hat die
ganze Didache, nicht nur die beiden Wege, auch nicht
etwa die apoft. KO. gekannt; denn auch C. 8 ift reproducirt
, allerdings mit Zufätzen, dafs man nicht mit einem
Häretiker beten, dafs man die Jahresfaften halten folle.
Auch die Euchariftie (Jid. C. 9. 10) ift nicht vergeffen.
Sonft find noch Anklänge an C. 4, 5—9 u. 6, 1. In der
,Fides Nicaena' find wefentlich diefelben Stücke der Didache
wie in dem Syntagma zu Grunde gelegt, aber bei
aller Verwandtfchaft mit fo ftarken Abweichungen, dafs
man annehmen mufs, auch diefe Schrift fei direct aus der
Didache genoffen. Act. 15, 39 ift hier ebenfalls mit den
Verboten grober Sünden verbunden. C. 6, 1 fteht in der
,Fides' dem Grundtext der Didache viel näher als in
dem Syntogma, ja die Worte: inai cragsy.xbg &eov öe
didäaxei find bisher noch bei keinem Zeugen gefunden,
die ,Fides' aber enthält fie. Warfield hat verfucht,
den Anfang des Textes der Didache, welcher dem Syntagma
' und der ,Fidcs' zu Grunde liegt, zu ermitteln
und hat folgende Faffung vorgelegt: Kvgiov xbv Üeov aov
dyani'ßEig bXog y.agöiug oov y.ai £ij oXqg xftg ylivxrjg oov
y.ai xbv nXrfiiov aov wg atavxov . ov cpovsvosig, 0' /totvei'-
asig, ov rxogvsvOEig, ov TiatöarplrogijOEig, o' aagfiay.Ei'asig,
ov /.XiipEig, ov tpEtdo/iagTigiiaEig, ov diyoaxaxrßEig' carexc
rxviyxov [y.ai EidioXoi) vinv] yai aifiacog [y.ai nkaovsg'iag.
Allein bevor das Verhältnifs beider Schriften unterfucht
ift, ift es nicht möglich, fichere Urtheile zu fällen.

Marburg. A. Harnack.

Krüger, Privatdoc. Tic. Dr. Gult., Lucifer, Bischof von
Calaris, und das Schisma der Luciferianer. Leipzig, Breitkopf
& Härtel, 1886. (VI, 130 S. gr. 8.) M. 2.40.

Der Verfaffer handelt in diefer Monographie Cap. 1
von Lucifer felbft, feinem Leben, und charakterifirt
(S. 9—23) feine Schriften; im 2. Cap. von dem Schisma
der Luciferianer, indem er die Quellen erörtert, den
Charakter des Schisma zu fixiren fucht und eine Skizze
der luciferian. Bewegung giebt, fo weit unfere Quellen
reichen. Anhänge geben 1) das literarifche Material hin-
fichtlich der Schriften Lucifer's und Richen ihre Abfaf-
fungszeit annähernd zu beftimmen, erörtern 2) den Kanon
des L., foweit feine Bibelcitate es ermöglichen, 3) die
Rolle, welche L. in der Tradition der röm. Kirche ge-
fpielt hat, und Richen 4) Caspari's Annahme, dafs Luc.
Verfaffer der Taufrede in den Quellen II, 128—182 fei,
zu widerlegen und diefelbe dem Eufebius von Vercelli
zuzuweifen.

Es ift eine geiftig nicht befonders hervorragende
Perfönlichkeit, mit welcher der Verf. es zu thun hat; fie
hat aber eine immerhin charaktcriftifche Epifode der
arianifchen Streitigkeiten hervorgerufen, in welcher der
eigenfinnige und etwas befchränkte Eiferer von Charakter
und Ueberzeugungstreue doch ein gewiffes tieferes In-
tereffe erweckt. Das Bild des Mannes ift vom Verf.
gut und mit felbftändigem Wiffen und Urtheil in den
Zufammenhang feiner Zeit hineingezeichnet; die Momente
, welche eine urfprünglich lediglich auf Gründen

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