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Ausgabe:

1887 Nr. 21

Spalte:

505-506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Andrä, W. (Rómanek)

Titel/Untertitel:

Ein Martyrium in Genf. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem 16. Jahrhundert 1887

Rezensent:

Staehelin, Rudolf

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5°5

Theologifche Literaturzeitung. 1887. Nr. 21.

506

ab, als mit Bezug auf Haemftede. S. kommt dann zuletzt
auf Janffen, deffen Art von Gefchichtsfchreibung
in Holland wohl noch nicht fo durchfchaut ift, als bei
uns. Lr kennzeichnet diefelbe auch an einzelnen Bei-
fpielen.

4) Antonius Corranus en Uoede van Ams-
weer; S. 221—237. Ein Nachtrag zu dem Auffatze über
Corranus in gcsclücdk. nasp. ///(1875), refp- in biblio-
grapliisclie mcdcdccluigcn (1883). S. ift in der Lage, eine
handfchriftliche Notiz, die er an dem zuletzt genannten
Orte mittheilte, nämlich dafs eine Schrift des Corranus
durch den Groninger Antiftes Doede v. A. 1618 neuedirt
worden fei, aufzuklären.

5) Daniel Sudermann; S. 238—277. Zuerft ein
archivalifcher Beitrag zur Vorgefchichte der Auswanderung
der Schwenkfeldianer aus Schienen nach Amerika.
Dann eine Skizze des Lebens und der Bedeutung Sudcr-
mann's, des bekannten Schwcnkfeldifchcn Liederdichters.

Ein Werk, welches durch feine Gelehrfamkcit felbft
bei Sepp überrafcht, ift das zweite, welches oben vermerkt
i(t. S. giebt eine Gefchichte der Kirchengefchichts-
fehreibung in Holland. Er hat fich das Thema fo weit
geftellt, wie nur irgend möglich. Alles, was in irgend
einer Form zur Kirchengefchichtsfchreibung gerechnet
werden kann, wird von ihm berückfichtigt. Er beachtet
alle Lcbensäufserungen] der Kirche: die Fata der Ge-
fammtkirche und der Landeskirchen, die welthiftorifchen
Perfönlichkciten, und die Kleinen, deren Namen kaum
jemand noch kennt, die Rechte und die Inftitutionen der |
Kirche, die Schriften und die Cultusformen, das chrift-
liche Dogma und die chriftliche Sittlichkeit, kurz, ich
wüfste kein Thema, welches er überfähe. Was immer j
ein Niederländer zu einem diefer Themata beigebracht,
das ift notirt, die Ausgaben der Kirchenväter und jede
Specialabhandlung, die fie betrifft, die Chroniken, die
in Niederland gefchrieben find, und die Gefammtdarftel-
lungcn der Kirchengcfchichtc, jeder Mann und jede Sache, I
die einmal ein Niederländer literarifch behandelt hat.
S. wählt als Darftellungsform die, dafs er hittorifch die
einzelnen Perioden der Kirchengefchichte verfolgt und
bei jeder nachweift, was mit Bezug darauf von Niederländern
geleiftet worden. Natürlich ift es vielfach ein
blofses Repcrtorium von Namen und Büchertiteln, was
er zu bieten vermag. Grofsentheils aber giebt er auch
eine Kritik der Gcfchichtfchreiber und zumal allenthalben
eine Reihe biographifcher und bibliothekarifcher Notizen
zu den Perfönlichkciten und Schriften der Schreiber. S.
meint: de bibliographie praat graag. Das ift wahr. Er
.plaudert' auch recht ausführlich. Aber es ift ungewöhnlich
lehrreich, ihm zuzuhören.

Giefsen. F. Kattenbufch.

Andree, W. (Römanek), Ein Martyrium in Genf. Kultur-
hiftorifches Zeitbild aus dem 16. Jahrhundert. Berlin,
Wiegandt & Grieben, 1887. (IV, 517 S. 8.) M. 4. 50.

Der Verfaffer hatte, wie er im Vorwort berichtet,
während eines längeren Aufenthaltes in Genf die Gelegenheit
, die Procefsacten der Hinrichtung Servet's genauer
kennen zu lernen und giebt nun in romanhafter
Einkleidung die daraus gewonnene Anfchauung von der
Perfönlichkeit und dem Schickfal des unglücklichen
Spaniers wieder. Die Darftellung zerfällt in drei Hauptgruppen
, deren erftc ihren Schauplatz in Paris, die zweite
in Vienne, die dritte in Genf hat, und je mehr die Gefchichte
dem letzteren Orte und dem hier fich eröffnenden
tragifchen Ausgang fich nähert, um fo mehr
fieht man fich in ihr auch auf wirklich hiftorifchen Boden
geftellt, fo dafs wenigftens in dem durch den Titel bezeichneten
Haupttheil die Erzählung in der That, abge-
fehen von den dem früheren Roman angehörenden
decorativen Zuthaten, zu einer zuverläffigen Wiedergabe

des urkundlich beglaubigten gefchichtlichen Verlaufs fich
gehaltet. Weniger treu, als diefe Darfteilung des Ausgangs
, erfcheint mir diejenige des wiffenfehaftlichen und
theologifchen Charakters Servet's felbft. Die Entftehung
feiner für ihn fo verhängnifsvollen Hauptfchrift, der
Restitutio Christianismi, wird zwar lehr anfehaulich ge-
fchildert; aber der Verf. unterläfst es, den Inhalt der-
felben in ähnlicher Weife für feine Charakteriftik Servet's
zu verwenden, wie er es mit dem der Procefsacten für die
Erzählung feiner äufseren Schickfale gethan hatte, und
doch würde die erwähnte Schrift auch aufser den der
Einleitung und dem Schlufs entnommenen Gebeten, die
Seite 386 als Zeugnifse ihres lauteren religiöfen Ur-
fprungs mitgetheilt find, Züge genug dargeboten haben,
die es geftattet hätten, der etwas blaffen Idealfigur, als
welche der fpanifche Denker im Roman uns entgegentritt
, die ihr zukommende individuelle Lebensfärbung zu
verleihen und damit auch Manches in Calvin's Verhalten
gegen ihn, wenn auch nicht zu entfchuldigen,
doch verttändlicher zu machen. Andererfeits würde wohl
auch die dogmatifche Kritik Servet's felbft bei einem
folchen näheren Eingehen auf feine eigene Darlegung
nicht die Verwerfung erfahren haben, die ihr der Verf.
trotz aller Begeiftcrung für feinen Helden in der Perfon
des Gribaldo doch fchliefslich zu Theil werden läfst. Die
Erzählung lieft fich, abgefehen von einigen unverantwortlichen
Druckfehlern und fprachlichen Unebenheiten
(wir erinnern z.B. an die Sätze: ,fprechen that niemand
unter ihnen' S. 95, ,laffen thue ich Dich nicht' S. 147)
im Ganzen angenehm und mit Spannung; auch der zeit-
gefchichtlichc Rahmen ift gefchickt gewählt und ohne
Ueberladung; unter den zu feiner Abrundung veranftal-
teten gefchichtlichen Combinationen ift wohl die kühnfte
die Verkürzung, welche mit dem Leben des Vefalius
vorgenommen ift und dem berühmten Anatomen durch
die Verfetzung feiner Verurtheilung in das Jahr 1537
Matt 1564) mehr als die Hälfte feiner Jahre hinwegnimmt
.

Bafel. R. Stähelin.

Baur, Gen.-Superint. Dr. Wilh., Lebensbilder aus der Geschichte
der Kirche und des Vaterlandes. Bremen, Müller,
1887. (VII, 447 S. 8.) M. 6. —

,Welcher deutfehe Mann möchte nicht in diefen felt-
famen Tagen, in welchen es im Lande der Reformation
für politifch gilt, der Erregung in der römifch-katholi-
fchen Kirche die weiteften Zugeftändnifse zu machen,
und für unpolitifch, auf proteftantifche Gefühle Rückficht
zu nehmen, ein Zeugnifs dafür ablegen, dafs unferes
Staates Kraft auf der proteftantifchen Lehre vom Staat
und unferes Volkes Heil auf der Erfüllung mit dem
Evangelium beruht? Dies Zeugnifs verfuche ich an
meinem Theil durch eine Reihe von Lebensbildern aus
der Kirche und dem Vaterland zu geben'. Diefe Anfangsworte
des Vorworts lehren uns, dafs, was diefe zu
verfchiedener Zeit auf verfchiedene Weife entftandenen
,Lebensbilder' zufammenbindet, nicht das Intereffe des
Gefchichtsforfchers, fondern des evangelifchen Chriften
und Theologen ift, der aus den Quellen der Vergangenheit
für das evangelifche und deutfehe Bewufstfein Stärkung
bieten möchte: obfehon, was er bringt, auch vor
dem Zeugnifse der Gefchichte befteht. — Er beginnt mit
der Kurfürftin Elifabeth von Brandenburg, ,der
erften Bekennerin aus dem Fürftenhaus der Hohenzollern',
der Pflegebefohlenen Luther's, die diefem oft den Kopf
heifs gemacht hat. —Mit feharfem Urtheil wird derUeber-
tritt Heinrich IV. von Frankreich beleuchtet. ,Es
wird noch heute kein proteftantifch überzeugtes Herz in
der Welt geben, das bei dem Gedanken, dafs es dem
König Heinrich gelungen wäre, ohne Uebcrtritt zu einem
anderen Glauben fich bei der franzöfifchen Krone zu